Disput

Beweg-Grund

Linke Sportpolitik – was kann das sein?

Von Gabi Hiller

Eine Auseinandersetzung mit dem Thema Sport aus linker Perspektive? Das mag zunächst irritieren, scheint aber notwendig angesichts aktueller Entwicklungen und lohnt sich allemal. Dieser Text soll Ansätze und Ideen zur Diskussion für und über eine linke Sportpolitik bieten.

Sport an sich ist unpolitisch. Bewegung in der Kombination von freiem Spiel, Phantasie und Körperlichkeit ist für viele Menschen mit positiven Assoziationen verbunden. So kann Sport sehr wohl zu körperlichem Wohlbefinden, zu Gesundheit, zur Steigerung des Selbstbewusstseins und Selbstwertgefühls führen. Er kann sogar unterstützend helfen, soziale Erfahrungen, Solidarität und Internationalismus zu fördern. Leibesübungen in der Gruppe oder im Verein vermitteln oft ein starkes Gemeinschaftsgefühl und Teamgeist. Sport hilft dort, soziale Barrieren zu überwinden. Er kann in der von Arbeit freien Zeit Begegnung und Auseinandersetzung mit der Natur ermöglichen, das eigene Körpergefühl unmittelbar und intensiv erlebbar machen und die Schönheit von Bewegung erkennen lassen.

Demgegenüber stehen Begriffe wie überzogenes Leistungsstreben, normierte Schönheit, Gesundheit, Wettbewerb, Disziplin, Konkurrenz oder auch Fitness/Muskelreligion, die ebenfalls stark mit Sport assoziiert werden. Das lenkt in der kapitalistischen Gesellschaft die Aufmerksamkeit vor allem auf die vielfältigen Verwertungsmöglichkeiten des Sports. Und spätestens ab da wird es mit dem Sport ganz schön politisch!

Sport ist im Kapitalismus durch Marktbedingungen geprägt. Er existiert nicht losgelöst von den gesellschaftlichen Verhältnissen. Er ist dann die »kapitalistische deformierte Form des Spiels« (Ulrike Prokop), fördert einen unappetitlichen Nationalismus, kann zu Chauvinismus führen und unter dem Motto »Sport und Spiele« als Opium des Volkes missbraucht werden. Sport ist noch immer männlich dominiert – nicht an der Basis der Sporttreibenden, aber in den meisten Gremien des Sports, in den Sportverwaltungen, bei TrainerInnen, SchiedsrichterInnen, ÜbungsleiterInnen. Sport sind traditionell konservativ orientiert, in Geschichte und Gegenwart belegbar. Wie kann man das auflösen? Leistungsstreben und -verkaufen im Sport ist oft mit der Nutzung leistungssteigernder Mittel, also der Verwendung von Doping, verbunden. Ist das unter marktkapitalistischen Bedingungen überhaupt aufzuhalten? Oder sollten wir nicht gerade deshalb eine bedingungslose Freigabe von leistungsstimulierenden Mitteln fordern?

Sport – vor allem im Hochleistungsbereich, aber auch weit darüber hinaus – ist unter kommunikationswirtschaftlichen Aspekten überaus profitabel verwertbar. Viele Millionen Menschen nehmen über die Medien an sportlichen Ereignissen regen Anteil. Sie fiebern mit »ihren« Athletinnen und Athleten, erfreuen sich an der Ästhetik der körperlichen Bewegung. Dabei wollen Zuschauerinnen und Zuschauer sich meist mit den SiegerInnen identifizieren und am Rausch des Siegers über den Unterlegenen teilhaben. Dementsprechend ist oft die Rhetorik im Sport der des Militärs und Krieges sehr ähnlich. Sportübertragungen lassen sich national wie international in der Warenform als Übertragungsrechte hervorragend vermarkten. Sie eignen sich in besonderem Maße für Werbung. Nicht umsonst will das Internationale Olympische Komitee (IOC) zukünftig einen eigenen Sender betreiben, um diese Effekte besser für die eigenen Interessen nutzen zu können.

Und nicht zuletzt hat der Sport für viele Leute eine Ventilfunktion. Darüber können sie ihren berechtigten oder unberechtigten Unmut, ihre Unzufriedenheit, ihren Frust über bestehende Zustände versuchen zu kanalisieren – und öffentlichkeitswirksam in Szene setzen. Die Vorgänge um die Fußballhooligans in Köln (»Hooligans gegen Salafisten«) vor wenigen Wochen sind uns dazu noch in bester Erinnerung.

Wenn wir uns also über linke Sportpolitik austauschen, steht letztlich immer die Frage über allem: Was will und was kann linke Sportpolitik leisten? Was unterscheidet linke Sportpolitik von der etablierten Sportpolitik? Wo setzt sie an und wo greift sie konkret ein? Für mich gibt es da eine Prämisse: »Linke Sportpolitik« muss immer Kapitalismuskritik beinhalten, also an die Wurzeln des Übels gehen! Sonst ist sie nicht links und verharrt nur noch auf einer leider stumpfen, moralischen Ebene.

Linke Politik und NOlympia

Aktuell gibt es eine sportpolitische Auseinandersetzung in diesem Land. Es geht um die mögliche Bewerbung einer Stadt Deutschlands für die Austragung der Olympischen Spiele 2024, wie sie der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) beschlossen hat. DIE LINKE im Bundestag hat sich dazu überraschend positiv und unkritisch positioniert. Sie begrüßt dieses Anliegen. Die Landtagsfraktionen beider möglicher Bewerberstädte, Hamburg und Berlin, lehnen die Bewerbung jedoch ab, und das aus sehr pragmatischen und nachvollziehbaren Gründen: Die Haushaltssituation beider Metropolen ist überaus prekär. Es gibt eine andere Prioritätensetzung in der sozialen Stadtentwicklung, es wird Kritik an intransparenten, teuren Verträgen mit dem IOC geäußert und anderes mehr. Für den Breiten- und Schulsport beider Städte würden Olympische Spiele kaum Verbesserungen nach sich ziehen. Beide Landtagsfraktionen arbeiten sehr eng mit dem jeweiligen NOlympia-Bündnis ihrer Städte zusammen. Sie fordern eine klare Bürgerbefragung und -beteiligung. Das ist ein Beitrag zur linken Sportpolitik!

Daseinsfürsorge auch im Sport

Als linke Sportpolitikerin im Abgeordnetenhaus von Berlin habe ich eine sehr kritische Sicht auch auf andere sportpolitische Entscheidungen der Stadt. Was in Berlin aktuell passiert, trifft sicher auf viele Kommunen in Deutschland zu. Ist zum Beispiel der Zugang zu den öffentlichen Sportstätten noch für alle möglich, oder werden Hemmnisse aufgebaut, die Sporttreiben im öffentlichen Raum erschweren? Gibt es genügend Schulsporthallen und -anlagen, und wie ist deren Zustand? Wie viel kostet der Zugang in öffentlich subventionierte Bäder, und wer kann sich das überhaupt noch leisten? Gerade in Berlin gibt es seit dem Amtsantritt des SPD-CDU-Senats eine starke Verteuerung. Zwei, in manchen Bädern drei Preissteigerungen in anderthalb Jahren, dazu Intransparenz, was die weitere Entwicklung der Berliner Bäderlandschaft betrifft, prägen die Bäderpolitik. Dagegen gehen wir als LINKE auch parlamentarisch an. Unser Agieren findet Zustimmung und Anerkennung bei den Bürgerinnen und Bürgern.

Linke Positionen sind auch im Kinder- und Jugendsport und im Schulsport gefordert. Gibt es genügend Angebote für Kinder und Jugendliche in den Bezirken? Wie werden Sportlehrer/innen und Übungsleiter/innen ausgebildet? Können sie den Erwartungen einer sich ändernden Gesellschaft noch gerecht werden? Wie sind sie zum Beispiel auf das Sporttreiben unter inklusiven Bedingungen vorbereitet? Wie werden Kinder unterschiedlicher kultureller Herkunft an sportliche Betätigung herangeführt, wie gefordert und gefördert? Gibt es die Chance, talentierte Kinder unabhängig von der sozialen Herkunft zu fördern? Die Aufgaben sind vielfältig und sehr differenziert.

Und schließlich rufen wir auch Themen wie Förderung des Sports für Frauen und Mädchen auf die Tagesordnung. Wir versuchen, benachteiligten Gruppen, wie Flüchtlingen oder Menschen mit Behinderung, Chancen zum Sporttreiben zu erleichtern.

Wir unterstützen die Durchführung von internationalen Meisterschaften oder Wettkämpfen in Berlin: ob »Jugend trainiert« oder regionale, nationale oder internationale Wettbewerbe. Wir meinen, dass auch dieser Teil des Sports Menschen zusammenbringen und deren Leben bereichern kann. Allerdings muss das auf einer umweltverträglichen, überschaubaren, nachhaltigen, transparenten und finanziell vertretbaren Art und Weise geschehen. Das müssen wir mit unserer Zustimmung immer verbinden, sonst verliert linke Sportpolitik ihre Glaubwürdigkeit!

Sportwissenschaft und -publizistik

Es ist gegenwärtig nicht leicht, linke sportwissenschaftliche Politikansätze auszumachen. Während in der Vergangenheit noch die Frage der Bedeutung von Sport und Olympischer Bewegung für die Erhaltung des Friedens auch wissenschaftlich eine Rolle spielte, finden solche Themen gegenwärtig selten den Weg in die Öffentlichkeit. Selbst eine kritische Betrachtung der Rolle des IOC sowie anderer Sportverbände (FIFA, UEFA) erfolgt aus sportwissenschaftlicher Sicht kaum bzw. sie wird nicht öffentlich.

Demgegenüber steht ein in Teilen kritischer Sportjournalismus, der Fehlentwicklungen wie beim Doping, Gigantismus Olympischer Spiele, Professionalisierung und Kommerzialisierung des Sports aufdeckt und anprangert. Diese Journalisten haben viel dazu beigetragen, die über dem Sport liegenden Mythen und Legenden der »heilen, unpolitischen Welt« zu entlarven. Veröffentlichungen von ehemals geheim gebliebenen Papieren über das Internet und in sozialen Plattformen haben zu einer großen Öffentlichkeit im Umgang mit Fehlentwicklungen des Sports geführt. So wurde die kritische Sensibilität der sportinteressierten Öffentlichkeit gesteigert. Whistleblowers haben auch im Sport entscheidend dazu beigetragen, dass eine größere Einsicht in bis dato streng geheime Entscheidungsprozesse im organisierten Verbandssport möglich ist. Linke Sportpolitiker/innen sollten diese JournalistInnen und Netzakteure unterstützen. Sie sind oft »Einzelkämpfer/innen«. Ihnen fehlt der große, absichernde Apparat der Verlage und TV-Anstalten im Hintergrund.

Zusammenfassend möchte ich auf die enge Bindung von sportlichen Ereignissen an emotionale Prozesse verweisen. Das erschwert sehr oft eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema einer linken Sportpolitik. Es ist daher auch in unserer öffentlichen Sportpolitik notwendig, für vermeintlich unpopuläre Entscheidungen um Verständnis zu werben, diese zu erklären und zu begründen. Wo Sport zum Luxus für wenige wird, wo Sport allein auf Show, Kommerz, mediale Verwertbarkeit und leistungsorientiertes Handeln reduziert wird, wo er Menschenrechte mit Füßen tritt und Natur nachhaltig zerstört, da müssen sich linke Sportpolitiker/innen einmischen und Widerstand leisten und organisieren.

Dr. Gabriele Hiller, 1959 in Kamenz (Sachsen) geboren, ist Diplom-Sportlehrerin und Sportwissenschaftlerin, sie ist Sportpolitikerin der LINKEN im Abgeordnetenhaus Berlin. Ihre Sport»favoriten«: Ski und Rad fahren, joggen, Fußball spielen. Sie dankt Torsten Haselbauer für seine Unterstützung beim Erstellen dieses Textes.