Disput

Das Denken genießen

Über Heine und darüber, was die Generationsfrage belanglos macht. Interview mit Tino Eisbrenner

»Weise erdenken die neuen Gedanken, Narren verbreiten sie.« Wie findest du dieses Heine-Zitat?

Das kommt auf seine Deutung an. Die »Narren« waren im Mittelalter die Entertainer bei Hof, die mit großer Klugheit und diplomatischem Genie auch Gedankengut etabliert haben, dessen Verbreitung sie hätte den Kopf kosten können. Heute wie damals versucht man, diese »Narren« auch gern zu »Verrückten« zu erklären. Aber was ist denn verrückt? Anders zu sein, anders zu denken, zu fühlen und zu handeln als der große Strom? Bei den Indianern werden die Verrückten und Narren als Heilige verehrt, weil sie den anderen Blick auf sogenannte Tatsachen haben. Manch einer bei uns spielt noch heute den Verrückten, den Narren, um nicht für seine Sicht auf die Dinge gesteinigt zu werden. Nehmen wir doch nur mal den braven Soldaten Schwejk. Ich glaube, in diesem Sinn hat sich Heine selbst als Narren gesehen.

Nach Bertolt Brecht hast du dir jetzt Heinrich Heine vorgenommen. Dein neues Programm lautet: »Fragt nach bei HEINE«. Bekanntlich war dieser Mann nicht nur ein romantischer und ironischer Dichter, sondern auch unbequem und oft missverstanden. Das sind keine unsympathischen Eigenschaften. Also ist Heine kein Zufall für dich?

Natürlich kein Zufall. Deutschland steht wieder mit beiden Beinen im »Kalten Krieg«. Mit unglaublicher Arroganz tanzen wir der Welt etwas vor und spielen das Zünglein an der Waage. Unser Wohlstand und unsere Ordnung machen uns hochmütig und großmachtbesessen, dabei herrscht in unseren Köpfen noch immer die alte Kleinstaaterei. Und das entfacht natürlich eine innerdeutsche Diskussion, bei der mancher die Frage aufwirft: Wissen wir eigentlich, wer wir selber sind, wir Deutschen? Und das war auch für Heine ein großes Arbeitsfeld. Seine satirisch bissigen Spieglungen der Deutschen damals führen uns heute so einiges vor Augen, weil sie einfach noch immer des Pudels Kern treffen.

Bekannt wurde Heine in seiner Jugend mit dem Buch der Lieder, volksliedhafte Gedichte meist über unerfüllte Liebe. Robert Schumann und Franz Schubert haben viele davon vertont. Ebenfalls eine gute Vorlage für dich.

Schon, aber mich lockt und interessiert in erster Linie der politisch denkende Heine, der gesprochene Heine auch. Die passenden Lieder, die ich meinem Programm beifüge, sind moderner Art. Eigene und geborgte.

Nach der Liebe kommt die Gesellschaftskritik, der Blick auf deutsche Verhältnisse. Und so entsteht sein Meisterwerk, »Deutschland. Ein Wintermärchen« (1844), nachdem er bereits 1826 »Die Harzreise« veröffentlichte – eine Art von Reiseberichten mit zeitkritischen Kommentaren. Diese Mischung von Ironie, Zeitkritik und fast schlichten Texten entdecke ich auch in deinen Liedern. Gab es den Heine als »Kunstanspruch« schon vorher in deinen Programmen?

Natürlich entwickelt man sich als Songschreiber und Dichter mit dem, was man seit seiner Kindheit gehört und gelesen hat. Ich beobachte an mir, dass ich mit zunehmender Reife dringlicher werde, was meine eigene Kritik an der Gesellschaft betrifft. Ich gehöre ja zu den Glücklichen, die in zwei Gesellschaftsordnungen zu leben gezwungen wurden, und kann mir demnach meinen Reim auf beide machen. Und wenn ich aus meiner Jugend etwas ins Heute zu transportieren weiß, dann, dass wir alle Vorläufige sind und alles, was wir schaffen, als veränderbar verstehen sollten. Vor allem das Geschaffene in unseren Köpfen. Die Grenzen, die wir schützen, sollten ausschließlich kultureller Natur sein, und selbst da fließt alles ineinander und verändert sich. Keineswegs sollten die Grenzen zwischen Arm und Reich verlaufen und unter Missbrauch religiöser Gesetze zu Mord und Vertreibung führen. Ich bin in einem Alter angekommen, wo man als Künstler gereift und kompromissloser ist. Leute zu unterhalten ist für mich jetzt nicht mehr das WAS, sondern vor allem das WIE meiner künstlerischen Arbeit. WAS ich anbiete, ob nun als Interpret oder als Autor, wird bestimmt von meinem Blick auf die Gesellschaft und von meiner Not, eine Talfahrt stoppen zu wollen. Künstler und Publikum sollen gemeinsam genießen und denken und das Denken genießen. Dies zu erreichen, können die alten Dichter helfen. Ob sie nun Goethe, Schiller, Brecht oder Heine heißen.

Mit dem politischen Gedicht »Die schlesischen Weber« (1844) stellt sich Heine klar auf die Seite des entstehenden Industrieproletariats. Er verflucht Gott, König und das »falsche Vaterland«, »Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch« – ein Aufruf, die Verhältnisse zu ändern. Fluchen ist nicht deine Art, aber Kritik an »Altdeutschland« hast du schon?

Was wäre das für ein Künstler, der sich verböte, in seinem Werk auch auf die bestehenden Verhältnisse einzugehen? Nicht mehr als ein Gebrauchtwarenhändler wäre er.

Ich komme jetzt mehr zu einer pragmatischen Frage nach deiner Produktionsweise. Neben dem Anspruch, Heine zu präsentieren in seiner Aktualität, steht auch deine eigene Interpretation (was durchaus zulässig ist bei diesem oft missverstandenen Dichter). Wie bist du an die Vorbereitung und Umsetzung deines Programms gegangen?

Das Erste ist, dass ich Heine-Material wie »Deutschland. Ein Wintermärchen« so zum Vortrag bringe, dass es den Leuten unbändig Spaß bereitet, mich anzuhören und mir dabei ins Gesicht zu sehen. Es gab schon großartige Interpretationen vom »Wintermärchen«, aber ich stelle mich da nicht an. Bei mir muss es klingen, als hätte ich das selbst eben erst aufgeschrieben und erzähle nun den Leuten davon. Und ich weiß, dass durch meine Art, Heine zu sprechen, die Leute auf Passagen aufmerksam werden, die selbst Kennern sonst immer entgangen sind. Die Geschichte erzählt sich neu und hat darum für den Zuhörer eine Relevanz, was das Wichtigste überhaupt ist.

Gibt es bereits Erfahrungen, ob man mit Heine auch ein jüngeres Publikum begeistern kann? Was sind deine choreografischen Tricks dabei?

Keine »Tricks«. Es sind meiner Meinung nach die Dringlichkeit der Botschaft und die Authentizität des Botschafters, die die Generationsfrage belanglos machen. Wir hatten gleich in der Premiere einen Zehnjährigen, der seine Mutter anschließend bat, Heines »Wintermärchen« bald mal zu kaufen, damit er es nochmal selbst lesen könne. Und ein Achtzigjähriger sagte mir, dass er sich schon lange nicht mehr so intelligent unterhalten gefühlt habe und sich nun zum Geburtstag von seinem Enkel eine Eisbrenner-CD gewünscht hätte.

Kommt nach Heine vielleicht ein Wyssozki, das wäre die Frage nach dem Fünfjahresplan bis 2020 bzw. was sind die Höhepunkte 2015?

Es fallen mir viele Dichter und Barden ein, die der Schauspieler Eisbrenner noch auf seine Agenda schreiben möchte, abgesehen von eigenen Liedern, die er schreiben will. Auf meinem aktuellen Album »Barfuß in Kakteen« finden sich schon ein paar Nachdichtungen von Liedern Victor Jaras oder Isabel Parras. Im Februar kommt dann noch »Deutschland. Ein Wintermärchen« als CD mit einer Interpretation eines Gundermann/Gueco-Songs als Bonus.

Ansonsten werde ich 2015 anfangen mit einer Veranstaltungsreihe »Denk ich an Deutschland in der Nacht« (Premiere im Mai in der Jüdischen Synagoge Berlin), bei der sich Heine und Brecht auf Eisbrenners Bühne begegnen werden. Und natürlich darf ich auf das 3-Tage-Festival »Musik statt Krieg« hinweisen, welches jedes Jahr Mitte August auf meinem »Vier Winde Hof« (www.vier-winde-hof.de) stattfindet. Das einzige Weltmusikfestival in der Region und ein Treffpunkt für Menschen, die sich für die Kulturen der Welt begeistern, Vorträge, Diskussionen, Theater und Musik erleben, exotisch essen, entspannen, Frieden leben. Der Hof wird in diesen Tagen immer zu einer Insel und zum energetischen Jungbrunnen für kosmopolitisch Denkende. In diesem Jahr wollen wir den »Musik statt Krieg e.V.« gründen … Alles spannende Arbeit.

Interview: Gert Gampe