Disput

Der Schwur

Feuilleton

Von Jens Jansen

Nördlich von Weimar erhebt sich der Ettersberg. Weimar war eine Wiege der deutschen Kultur mit Luther und Bach, Goethe und Schiller, Herder und Wieland. Der Ettersberg wurde 1937 von den Nazis zum Friedhof für deutsche Barbarei gemacht durch den Bau des berüchtigten Konzentrationslagers Buchenwald. 56.545 Menschen vieler Nationen wurden dort gefoltert, ermordet und verbrannt. Bis am 11. April 1945 die Selbstbefreiung der Häftlinge gelang. Sie leisteten dann den »Schwur von Buchenwald«, alles zu tun, damit nie wieder Krieg und Faschismus ihr Leichentuch ausbreiten.

Das ist 70 Jahre her. In der Welt von heute gibt es viele Schlachtfelder von Krieg und Bürgerkrieg. In einem Dutzend Länder ist die Bundeswehr als Spießgeselle der NATO »friedensstiftend« beteiligt.

Die alten und neuen Nazis erheben frech ihr Haupt. Sie prahlen mit »national befreiten Zonen«. Da traut sich kein Ausländer mehr vor die Tür. Die Medien melden täglich Gewaltakte der Rechtsextremen. Die braunen Rattenfänger haben wieder zehntausende Anhänger. Die Meinungsforscher streiten sich nur, ob 19 oder 29 Prozent der Bürger für die »Reinhaltung der arischen Rasse« sind. Der Streit über das Verbot aller Nazi-Klüngel ist bei den Behörden eingeschlafen. Sie waren an dem Schwur von Buchenwald auch nicht beteiligt.

Aber eines müsste nach 70 Jahren doch klar sein: Wer nach dem Sieg über den Faschismus die geistige Desinfektion versäumt hat, wer stattdessen mit dem 131er Gesetz tausende Stützen des Nazireiches in den neuen Staatsapparat eingebaut hat, wer sich Tag für Tag rühmt, auf allen Gebieten die restliche Welt in den Schatten zu stellen, wer jeden Tag in den TV-Dokumentationen an Hitlers »Wunderwaffen« und ihre fähigen Konstrukteure erinnert, wer anderen Völkern einbläut, wie sie zu rechnen und zu leben haben, wer sich so auf das Podest der »Übermenschen« heben lässt, der muss wohl irgendwann hochmütig auf die »minderbemittelten Untermenschen« herabblicken oder -treten. Mit Bescheidenheit und Demut ist in der entfesselten Marktwirtschaft ohnehin kein Blumentopf zu gewinnen. Und schließlich hat schon der deutsche Kaiser trompetet: »Am deutschen Wesen muss die Welt genesen!« Sein Berliner Schloss wird bald wieder fertig sein!

Trotzdem: Der Schwur von Buchenwald war kein Meineid! Er war ein Vermächtnis und Auftrag. Für die überlebenden Opfer der Tyrannei. Für die Zeitzeugen, die die Leichenberge der Konzentrationslager und Schlachtfelder gesehen haben. Und auch für die Nachgeborenen, zu denen alle amtierenden Ministerinnen und Minister zählen, was man ihnen nicht anmerkt, weil sie außenpolitisch oftmals so ungeniert auf Konfrontation setzen, als hätten sie nicht mal gelesen, in welchem Inferno das endete. Aber der amtierende Bundesprediger sagt ja, die Lebenden hätten dafür nicht zu haften. Und der Bundesbeauftragte für politische Bildung hat seine Sonderfonds für Antikommunismus, für den Stasi-Knast und das Mauermuseum. Nur die Opfer des Faschismus müssen lange betteln.

Und wenn nun viele Mahner gestorben sind und andere nur noch mit dem Kopf schütteln können, wenn im Fernsehen die dumm-dreisten Sprüche der Weitermarschierer zu hören sind, dann sollten sie es auch mal mit einem Anruf beim Programmdirektor versuchen oder zumindest den Enkeln die unersetzliche Nachhilfe geben: Wie und warum werden Kriege gemacht und Menschen verbrannt?