Disput

Ein gigantisches Geschäft

Nein zu einer Olympiabewerbung 2024 bzw. 2028! Berlin braucht dringend die Sanierung von Sportstätten für Kinder und Jugendliche

Von Judith Demba

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller sprach sich in seiner Neujahrsansprache dafür aus, dass sich Berlin für echte »Reformspiele« mit einem nachhaltigen Nutzen für die Stadt bewerben sollte. Bescheidenheit, Nachhaltigkeit, Beteiligung der Bürger/innen – Wie ein Mantra trägt der Senat diese Versprechen vor sich her, um damit die Sympathie der Berlinerinnen und Berliner für eine erneute Bewerbung für Olympische Sommerspiele zu erringen. Doch keines dieser Versprechen hält einem Realitätscheck stand. Bescheidenheit stände einer mit 60 Milliarden Euro verschuldeten Stadt gut an oder besser: ein sorgfältiger Umgang mit den knappen öffentlichen Mitteln.

Der Senat hat zum 31. August 2014 eine Interessenbekundung beim DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund) eingereicht. In ihr musste er sich verpflichten, dass Berlin sich auch für 2028 bewerben wird, falls eine Bewerbung für 2024 erfolglos sein sollte. Im Vertrauen auf die bisher vom Senat verlautbarten Summen für eine Bewerbung wären das schon einmal 100 bis 120 Millionen Euro, die ganz bescheiden nur für die Bewerbung verpulvert würden. 120 Millionen Euro, die als Investition in eine völlig desolate öffentliche Infrastruktur besser und wirklich zukunftsorientiert aufgehoben wären.

Auch werden der SPD-CDU-Senat und die Funktionäre des Landessportbundes nicht müde zu behaupten, Berlin verfüge bereits über viele der benötigten Sportstätten. In der Realität gibt es für die Großsporthallen, die im Zuge der Bewerbung Anfang der 90er Jahre gebaut wurden, bis heute keine kostendeckenden Betreiberkonzepte. Allein zur Deckung der Betriebsverluste für die Max-Schmeling-Halle und das Velodrom wendet Berlin jährlich mehr als vier Millionen Euro auf, und da ist von baulicher Unterhaltung oder Sanierung noch keine Rede. Die Hallen entsprechen zudem nicht den Standards der internationalen Sportverbände. Neue, zusätzliche Großsporthallen würden noch mehr Überkapazitäten schaffen, während die Schulen und Turnhallen vor sich hin gammeln. Die Sanierung und Modernisierung der Sportanlagen für alle wäre eine wirklich zukunftsorientierte Investition, die der Förderung des Kinder- und Jugendsports zugutekommen würde.

Eine Studie der Universität Oxford aus dem Jahr 2012 ermittelte für die Zeit von 1960 bis 2012 die Kostenüberschreitung Olympischer Spiele anhand der letztlich realen Kosten im Abgleich mit den in der Bewerbung ursprünglich angegebenen Kosten und kommt zu dem Schluss, dass die Kostenüberschreitung durchschnittlich 252 Prozent beträgt.

London startete mit 2,4 Milliarden britischen Pfund; 2007 waren die Kosten schon auf 9,3 Milliarden Pfund hochgeschnellt. Der nationale Rechnungshof stellte fest, dass sich die Ausgaben des staatlichen Sektors verdreifacht hatten, während die Beiträge des privaten Sektors auf weniger als zwei Prozent schrumpften. Inzwischen berechnete der Olympia-Kritiker Julian Cheyne von »Games Monitor« die Kosten auf 13 Milliarden Pfund. Eine Untersuchung von »Sky Sports«, die auch erweiterte Ausgaben beinhaltete, katapultierte die Kosten für die fünf Ringe auf 24 Milliarden Pfund.

Auch Versprechen wie Nachhaltigkeit, neue Stadtquartiere und wirtschaftlicher Aufschwung halten einem Vergleich mit der Realität für die Bewohner/innen und die öffentlichen Haushalte anderer Austragungsstädte wie Barcelona, Atlanta oder auch London nicht stand. In Barcelona, wo 1992 die Sommerspiele stattfanden, wurde das Gebiet um den Hafen durchsaniert und umgebaut. La Barceloneta am Meer war ein Viertel der »kleinen Leute«, der Fischer und Künstler/innen, heute kann sich niemand mit einem normalen Einkommen dort eine Wohnung leisten. Angrenzende Stadtteile entlang der Küste wurden aufgewertet und längst von Gutbetuchten besiedelt. In Atlanta 1996 wurden nicht nur 2.000 Sozialwohnungen abgerissen, sondern auch 6 000 Mieter/innen zwangsgeräumt und während der Wettkämpfe 9.000 Obdachlose in Gewahrsam genommen, um die Stadt »olympiatauglich« herzurichten. In allen Ausrichterstädten stiegen im Zuge des Umbaus der Stadt für den 17-tägigen Megaevent die Mieten. So verzeichnete Sydney zwischen 1993 (Entscheidung des IOC) und 2000 (Austragung der Sommerspiele) einen Anstieg der Mieten um durchschnittlich 40 Prozent. Auch der Londoner Osten wurde im Zuge der Olympischen Spiele durch die konservative Stadtregierung erfolgreich aufgewertet, um neue Anlagemöglichkeiten für das marodierende Kapital zu schaffen. Und was blieb in Athen von den Spielen 2004? Ein riesiger Schuldenberg und gigantische Ruinen, weil es auch hier keine tragfähigen Nachnutzungskonzepte gab.

Die Bewerbung und gegebenenfalls die Durchführung Olympischer Spiele wären für Berlin aber nicht bloß eine finanzielle Belastung. Die soziale, kulturelle, wirtschaftliche und städtebauliche Entwicklung der Stadt wäre auf dieses Ereignis ausgerichtet, und wichtige Verwaltungs- und Planungsressourcen würden für andere dringende Vorhaben nicht zur Verfügung stehen. Eine soziale und ökologische Stadtplanung, die sich an den Interessen der Bewohner/innen orientiert, bleibt so auf der Strecke. Statt mehr Grün werden für Sportarenen, Medien- und Olympiadorf weitere Flächen bebaut. Aber auch das, was die Anziehungskraft der Stadt heute ausmacht – Hochschulen, Kultur, Lebendigkeit –, käme weiter zu kurz. Das Berliner Studentenwerk kann derzeit gerade mal für 5,7 Prozent der Studierenden bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung stellen. Kulturprojekte und Bezirke sind dauerhaft unterfinanziert. Öffentliche Gelder müssen für den Ausbau einer öffentlichen Infrastruktur verwandt werden, von der alle Berliner/innen etwas haben – wie die Sanierung und den Ausbau von Kitas, (Hoch)Schulen und öffentlichen Einrichtungen, die Reparatur maroder Brücken und Straßen, einen funktionierenden Öffentlichen Personennahverkehr und den Bau bezahlbarer Wohnungen oder für die Förderung von Breitensport, Bildung und Kultur.

Bei den Olympischen Spielen kämpfen 10.000 Hochleistungssportler/innen in 28 Sportarten um neue Rekorde. Aber die Gewinner sind das IOC und die Sponsoren. Das IOC, ein privater Club korrupter alter Männer, nimmt die Städte mit dem Host-City-Vertrag in Haftung und vermarktet die Sportler/innen und Weltrekorde vor allem zum eigenen Vorteil.

Olympische Spiele sind spätestens seit der Ära Samaranch insbesondere eines: ein gigantisches Geschäft, für das das IOC den Rahmen festlegt. Der Host-City-Vertrag gilt in den Austragungsorten als Rechtsgrundlage für die Zeit der Spiele. Daran ändert auch das »Reformpaket Agenda 2020« des IOC nichts.

Bis zur Entscheidung des DOSB am 21. März 2015, mit welcher Stadt sich Deutschland um die Spiele bewirbt (Hamburg oder Berlin), wird es schon rein zeitlich weder in Berlin noch in Hamburg eine verbindliche Befragung der Bevölkerung, zum Beispiel einen Volksentscheid, geben können. Versprechen wie Transparenz, Bescheidenheit, Nachhaltigkeit und Beteiligung sind letztlich nichts anderes als eine bewusste Täuschung der Öffentlichkeit. Deshalb werden wir im NOlympia-Bündnis Berlin alles dafür tun, um die Stadt vor dem olympischen Wahnsinn zu bewahren, solidarisch mit den NOlympia-Aktiven in Hamburg, mit denen wir auch gemeinsame Aktivitäten planen.

Judith Demba ist eine der AktivistInnen von NOlympia. Das Bündnis wurde am 17. Juli 2014 durch Verbände, Gruppen, Initiativen und Einzelpersonen ins Leben gerufen. Sein Anliegen ist es, die Bewerbung Berlins für die Olympischen Sommerspiele 2024 bzw. 2028 zu verhindern. Judith Demba war in einem solchen Bündnis bereits vor mehr als 20 Jahren sehr erfolgreich: Das IOC ließ 1993 Berlins großspurige Olympiabewerbung für 2000 mit lediglich neun von 88 Stimmen scheitern. Den Zuschlag erhielt damals Sydney. nolympia-berlin.de