Disput

Haudrauf am Brett

Die Schach-Nationalspielerin Melanie Ohme über inneren Jubel und früheres Figuren werfen, über Königsindisch und blöde Sprüche

Schach ist berühmt (oder gefürchtet) für lange Spiele. Mein umfangreichstes Interview dauerte knapp acht Stunden …

Oh Gott!

… und Ihr längstes Schachspiel?

Etwas über sieben Stunden.

Oh! Hatte es sich wenigstens gelohnt?

Das war bei der Mannschafts-Weltmeisterschaft 2007, bei meinem allerersten Einsatz in der Nationalmannschaft: Gegen eine starke Chinesin war ich gleich nach der Eröffnung total verloren. Ich dachte: Okay, ich kämpfe einfach, das ist das Einzige, was ich so richtig gut kann. Und irgendwie schaffte ich am Ende, nach ungefähr 140 Zügen, noch ein Remis (Unentschieden). Ein toller Erfolg für mich.

Wie lange dauert normalerweise eine Partie?

Im Schnitt etwa vier Stunden.

Was fasziniert Sie am Schach?

Dass jede Partie vielfältig und mit ihren Stellungsbildern und Motiven einzigartig ist. Man entdeckt immer wieder etwas Neues. Ich hatte noch nie zweimal die gleiche Partie, das ist einfach nicht vorstellbar.

Außerdem gefällt mir das Drumherum: Man kommt viel rum, lernt Leute kennen …

Schach stärkt die Konzentrationsfähigkeit und das Herangehen an Probleme: Da geht es nicht um einen »Tunnelblick«, sondern darum, ein Problem aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten und anzugehen.

Und dass ich mich in einer Männerdomäne durchgeboxt habe, ist auch in anderen Bereichen von Vorteil: im Studium oder fürs Berufsleben zum Beispiel.

Sie merken sich Geburtstage, Adressen und Ähnliches bestimmt besonders gut …?

Ne, gar nicht. Das sind so Vorstellungen von Schachspielern: Mathefreaks mit gutem Gedächtnis und Vorstellungsvermögen ... Bei mir ist das nicht so überragend. Ja, Mathe läuft ganz gut, aber Merkfähigkeit – na ja.

Wenn Schachspieler von Indisch, Italienisch, Französisch, Skandinavisch … sprechen, meinen sie nicht Spezialitäten der Küche, sondern Varianten ihres Sports. Wie kam es zu diesen Bezeichnungen?

Das hat sich so entwickelt: In einer Region oder einem Land wurden bestimmte Verteidigungen erstmals oder häufig gespielt.

Sie sind gebürtige Leipzigerin. Kennt Schach auch »Sächsisch«?

Es gibt ein Leipziger Gambit, eine Variante, die aber auch noch andere Namen hat.

Manche Eröffnung wurde nach Spielern benannt, die sie entwickelt oder oft angewandt haben.

Haben Sie mal davon geträumt, eine so starke Partiefortsetzung zu »entdecken«, dass sie dann nach Ihnen benannt wird?

Ne, davon nicht. Aber ich träume häufig von Schach – meistens sind das jedoch Albträume: dass ich ans Brett komme und der Gegner einfach die Stellung umgebaut hat und niemand mir das glaubt … Oder dass ich auf einem Riesenfeld Schach spiele und viel zu lange brauche, um zu meinen Figuren zu kommen.

Früher habe ich mir mit einer Freundin Eröffnungen ausgedacht, die haben wir Ohme-Riedel-Variante genannt. Das war nichts besonders Tolles, es hat einfach nur Spaß gemacht.

Schachspieler bereiten sich meistens allein auf ein Turnier vor. Dort kämpfen sie dann viele Stunden in absoluter Ruhe, nur Brett und Gegner/in vor sich – und nach einem Sieg (oder einem Unentschieden) dürfen sie noch nicht mal volle Pulle jubeln. Ist Schach nicht eine ziemlich einsame Angelegenheit?

Ich jubele innerlich.

Aber es stimmt: Während der Partie konzentriert man sich voll auf das eigene Spiel. Ich finde diese Kombination gut: einerseits auf sich fokussiert zu sein und andererseits, nach der Partie, den sozialen Austausch zu haben. Denn Schachspieler sind nicht, wie viele denken, völlig in sich gekehrt und ruhig. Man trifft oft coole Leute.

Sie strahlen, auch in unserem Gespräch, viel Frohsinn und Spaß aus – und müssen doch, wie Sie eben sagten, im Wettkampf extrem konzentriert und ernst sein. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären: Sind Sie eine gespaltene Persönlichkeit?

Gar nicht. Es widerspricht sich nicht. Bei mir gibt es einfach diese beiden Seiten. Auch mein Psychologiestudium habe ich sehr ernst genommen.

Beim Turnier der besten deutschen Schachspielerinnen im November 2014 hatten Sie eine Negativserie: vier Niederlagen hintereinander. Was geht da so in Ihnen vor?

Das nimmt mich mit, klar, ich fühle mich dann total mies. Und ich muss gestehen, dass ich eine ganz schlechte Verliererin bin. Das heißt nicht, dass ich Tische umwerfe. (Ganz, ganz früher warf ich mit Figuren, als ich gegen meinen Papa gespielt und verloren hatte; das konnte ich gar nicht leiden.) Ich kann mit Niederlagen nicht so locker umgehen wie andere und nehme das manchmal mit in die nächste Partie, was auch nicht unbedingt ein Vorteil ist.

Mir hilft, dass ich viele andere Dinge habe: Erfolg im Studium, einen Job seit Kurzem, einen tollen Freund, so dass ich mich dann auch auf anderes konzentrieren kann.

Ich bin zwar Leistungssportlerin und Schach ist mir super doll wichtig, ist ein großer Teil meines Lebens – es ist aber eben nicht alles. Das muss man sich in Momenten der Niederlage einfach sagen, sonst macht das einen fertig.

Ihr Freund ist ebenfalls Schachspieler.

Wir kennen uns schon ewig: Wir sind ein Jahrgang, spielten in einer Altersklasse und waren schon frühzeitig ziemlich gut. So richtig kennengelernt haben wir uns vor vier Jahren.

Wer machte da den ersten Zug?

Irgendwie wir beide.

Jetzt spielen wir in derselben Oberliga-Mannschaft und in Mannschaften in den Niederlanden, Luxemburg, Griechenland und manchmal auf Turnieren.

Auch gegeneinander?

Im vorigen Jahr nur einmal, zum Glück. Wir versuchen, das zu vermeiden. Bei einem Turnier ging es nicht anders. Wir spielten Remis, wobei wir es nicht bis zum »Blut« ausgespielt haben.

Wovon träumen Sie momentan sportlich?

Ich möchte gern Internationale Meisterin werden.

Bei den Frauen habe ich den größten Titel erreicht: Ich bin Großmeisterin. Der nächste Titel wäre – für Männer und Frauen – der des Internationalen Meisters. Dazu muss ich meine Elo-Zahl, das ist eine Wertung der Spielstärke, wieder verbessern und bei drei Turnieren sehr gute Resultate erzielen. Einmal, bei der Europameisterschaft 2011, habe ich das bereits geschafft, bei der Schacholympiade 2014 habe ich es knapp verpasst …

Ich mache das aber nicht auf Krampf. Wenn ich meine Spielstärke, die ich schon einmal hatte, wieder erreiche, kommt der Titel von »allein«.

Bereits in sehr jungen Jahren haben Sie zahlreiche Erfolge und Titel errungen. Haben Sie Angst, das Niveau irgendwann einmal nicht mehr halten zu können?

Angst wäre das falsche Wort. Vermutlich wird es so kommen, wenn wegen der Arbeit nicht mehr so viel Zeit für Training oder für größere Turniere bleibt. Mein Ziel ist es, so lange wie möglich mein Niveau zu halten und in der Nationalmannschaft zu spielen.

Die Prioritäten verschieben sich ein bisschen: Ein Leben ohne Schach kann ich mir nicht vorstellen – aber es steht bei allem Ehrgeiz und Ernst nicht mehr an allererster Stelle.

Wann wurde bei Ihnen aus Schachspiel Schachernst?

Relativ früh. Mit vier brachten mir meine Eltern die Regeln bei, mit sieben war ich in einem Verein – und mit zehn Jahren schon im deutschen Kader. Da merkte man, dass man Talent hat und dass einem das irgendwie liegt.

Sie haben fünf Geschwister. Haben Sie mal in der Familie aus Spaß eine Meisterschaft veranstaltet?

Ne. Wir haben auch noch nie an einer Familienmeisterschaft teilgenommen. So was gibt's, da spielen 2er Teams. Wir könnten locker sogar eine 10er Mannschaft aufstellen. Denn in unserer »kleinen« Familie spielen acht, meine Tante spielte auch in einem Verein, und meine Großeltern können es ebenfalls.

Wann ist das beste Alter für Kinder, das Schach-Abc zu erlernen?

Das ist egal, sie müssen ja nicht unbedingt Leistungssportler werden. Hauptsache, die Kinder haben Spaß.

Ich möchte vor allem mehr Mädchen für Schach gewinnen. Dafür engagiere ich mich ehrenamtlich: auf Veranstaltungen, Seminaren und Turnieren speziell für Mädchen und für eine gute Ausbildung von Mädchen-Betreuerinnen, was wichtig ist, damit die Mädchen eine Ansprechpartnerin haben. Ich bin Mädchenreferentin der Deutschen Schachjugend.

Wie viele Frauen und Mädchen spielen in Deutschland Schach?

Zu wenige. Im Jugendbereich sind vielleicht 12 Prozent der Spieler Mädchen, im Erwachsenenbereich nur noch etwa sieben Prozent.

Wo sind die Schach-Frauen abgeblieben?

Sie lassen es irgendwann sein. Vielleicht ist das ein Kreislauf: Weil weniger Frauen Schach spielen, wird es für sie weniger attraktiv. Schach hat ja auch ein männliches Image, ist irgendwie ein Kriegsspiel, ein aggressiver Sport mit dem Ziel, den gegnerischen König matt zu setzen. Dabei können Frauen genauso viel Spaß daran haben wie Männer. Wenn mehr Mädchen und Frauen ermutigt und spielen würden, würden mehr beim Schach bleiben. Das wollen wir erreichen, eine schwierige Aufgabe. Denn als Frau wird man oft mit Vorurteilen konfrontiert – das schreckt viele ab.

Haben Sie selber solche Erfahrungen gemacht?

Für mich war das auch nicht immer einfach zu Anfang. In einer Schachgruppe als einziges Mädchen, das war nicht immer lustig. Erst als ich besser als die Jungs wurde, gaben sie Ruhe.

Wohl nur beim Schach treten Männer und Frauen im Wettkampf direkt gegeneinander an. Die Ergebnisse sind erschreckend eindeutig: Fast immer haben Männer sozusagen den König vorn. Warum?

Meine These ist: Weil es einfach weniger Spielerinnen gibt. Gäbe es mehr, würde sich das Niveau angleichen.

Auch die Sozialisierung spielt eine Rolle.

»Geschlechterunterschiede im Schach – Vergleich von männlichen und weiblichen Schachspielern hinsichtlich ihrer Aggressivität im Schach«, lautete das Thema Ihrer Bachelorarbeit. Die wurde, wie im Internet zu lesen ist, 2013 an der Uni Mannheim als beste des Jahrgangs ausgezeichnet. Warum haben Sie ausgerechnet dieses Thema zu Ihrem Thema gemacht?

Wegen der Vorurteile, Frauen würden nicht so aggressiv, nicht so riskant spielen. Ohne ins Detail zu gehen: Ich habe eine neue Methode entwickelt, Aggressivität im Schach zu messen und zu vergleichen. Meine Haupterkenntnis: Frauen waren aggressiver.

Ich kann mich mit dem Ergebnis identifizieren: Ich bin so eine extreme Spielerin. Manchmal habe ich super Turniere, manchmal richtig schlechte. Das hängt wahrscheinlich auch mit dem Spielstil zusammen.

Wie sieht denn Ihr Schachstil aus?

Früher: sehr aggressiv, immer in Angriffsstellung, Haudrauf; dagegen haben mir strategische Sachen nicht so gelegen. Jetzt habe ich immer noch den meisten Spaß an aggressiven, komplizierten Stellungen – aber nicht mehr ganz so extrem. Und inzwischen kann ich auch mal langwierige Endspiele »kneten«.

Haben Sie eine Lieblingseröffnung?

Königsindisch. Eine Eröffnung für Schwarz, wenn Weiß im ersten Zug einen Bauern auf das Feld d4 oder c4 stellt. Das Ziel ist Angriff, eine sehr scharfe Stellung.

Bekommen Frauen eigentlich die gleiche Anerkennung wie Männer bei Turnieren, zum Beispiel bei Preisen?

Bei Turnieren ist der Preisfonds für Männer deutlich höher. Auch bei Einsätzen in der Nationalmannschaft, wie bei der Schacholympiade, bekommen Männer mehr. Das kann man aber unterschiedlich sehen: Bei der gleichen Spielstärke wie Männer habe ich als Frau mehr Möglichkeiten, Nationalmannschaft zu spielen oder zu Turnieren eingeladen zu werden.

Sie sind bei Facebook und Sie haben eine eigene Homepage mit Berichten von Turnieren, mit Partieanalysen, selbst mit einer Reihe von Fotos von Ihnen. Warum sind Sie da so aktiv, was gibt Ihnen das, was wollen Sie anderen geben?

Das war zunächst die Idee meines Frauenvereins. Einerseits geht's um Sponsoren. Andererseits möchte ich – das klingt ein bisschen heroisch – Schach ein positiveres Image geben und vor allem Mädels ans Schach heranführen, Schach nicht so als Männerdomäne dastehen lassen. Das ist ein bisschen meine Mission.

Ich finde es extrem schade, dass Schach so wenig in den Medien, im Fernsehen kommuniziert wird – auch wenn ich es verstehen kann: Man braucht, um dem Spielverlauf folgen zu können, Grundkenntnisse (beim Fußball ist das nicht so!), und es ist ein recht langwieriger Sport. Ich glaube aber, dass Schach für viele Leute eine tolle Freizeitbeschäftigung sein kann.

Früher trafen sich Schachspieler in Cafés, dann vorwiegend in Vereinen. Inzwischen gibt es eigens Internetplattformen – dort kann man Schach erlernen, sich austauschen, Partien analysieren und spielen, bis hin zu Blitzschach – unter anderem gegen Sie. Gewinnt das Schach durch diesen Trend insgesamt oder nur auf Kosten der Vereine, der Ehrenamtlichen …?

Sowohl als auch, finde ich. Internetübertragungen, zum Beispiel von der Weltmeisterschaft zwischen Magnus Carlsen und Viswanathan Anand im November 2014, erreichen viele Zuschauerinnen und Zuschauer, die sonst wenig Berührung mit Schach und gar keine Turniererfahrung haben. Das hilft dem Schach.

Die andere Entwicklung ist auch denkbar, ich erlebe sie aber noch nicht so. Die Aktivitäten von Vereinen sind immer noch groß. Bei Jüngeren kann es allerdings sein, dass sie sich (erstmal) im Internet orientieren.

Sie sprachen kurz Spiele in der griechischen und holländischen Liga an –hemmt das nicht die Entwicklung der dortigen Spielerinnen?

Die Diskussion darüber gibt es auch in Deutschland, wo in der Bundesliga viele ausländische Spielerinnen und Spieler antreten. Einerseits finde ich es gut, wenn ein Verein »Eigengewächse« großzieht – ich war lange Zeit stolz darauf, dass wir in Leipzig einen solchen Verein hatten. Andererseits wirkt sich der Einsatz ausländischer Spitzenspielerinnen positiv auf die Qualität aus. Deswegen sollte man eine Mischung, eine Begrenzung des Einsatzes ausländischer Spielerinnen und Spieler finden.

Erhalten Sie für Ihre Einsätze bei Wettkämpfen Geld?

In Griechenland nicht (außer Reisekosten) – das ist mehr ein kleiner Urlaub, weil mein Freund mit dabei ist. In den Niederlanden gibt's ein bisschen – da spiele ich, weil ich dort während des Studiums gewohnt habe und die Mannschaft cool ist. In der deutschen Frauenbundesliga ist es mehr, ein ganz nettes Taschengeld.

Es soll Leute geben, die bezweifeln, dass Schach Sport ist …

Für mich ist Schach ganz klar Sport! Ein Denksport. Es ist super anstrengend, auch wenn es eine andere Art von Anstrengung ist als beim Schwimmen oder Rudern. Nach einem Wettkampf fühle ich mich total ausgelaugt, wie nach langem Joggen.

Der Deutsche Schachbund ist als Mitglied im Deutschen Olympischen Sportbund offiziell anerkannt. Als Voraussetzungen dafür gilt folgende Definition: das Erlernen von Grundregeln, die Einhaltung von Wettbewerbsbedingungen, der Fairplay-Gedanke, dazu Training, körperliche Fitness, Koordination von Auge, Geist und Hand. Schach ist kein Glücksspiel.

Gerade bei wichtigen Wettkämpfen wie der Schacholympiade 2014 steht man unter extremer Anspannung. Bei Turnieren habe ich früher bis zu drei Kilo abgenommen.

Das Bundesinnenministerium wollte 2014 dem Schachbund sämtliche Fördermittel streichen.

Erst hieß es, die Gelder werden komplett gekürzt. Das wurde dann teilweise zurückgenommen.

Auch DIE LINKE stellte im Bundestag zu diesem Thema eine Anfrage.

Eine komplette Streichung der Mittel hätte ich auch als einen ziemlichen Skandal empfunden.

Zu wie viel Prozent besteht im Schach Erfolg aus Kenntnis und Erfahrung, aus Fitness und aus Psychologie?

Eine schwierige Frage. Vielleicht zu 70 Prozent aus dem Wissen um Eröffnungen und Endspiele, auch aus Intuition, zu 15 Prozent aus Psychologie: gerade in Zeitnot, wenn es auf Nervenstärke ankommt, und der Fähigkeit, Niederlagen wegzustecken, und zu 15 Prozent aus körperlicher Fitness, zum Beispiel bei einem Spiel über sechs Stunden.

Ich bin mehr ein Turnier- als ein Trainingstyp. 2014 spielte ich 80, 90 Partien. Das ist ziemlich viel, bedenkt man, wie lange Partien dauern. Dazu kommen Vor- und Nachbereitung.

Gibt es sowas wie »Knigge am Brett«? Was ist verboten?

Für den Wettkampf gibt es generell eine Klausel, dass bei störendem Verhalten oder Ähnlichem der Schiedsrichter eingreifen kann. Da sind aber, glaube ich, nicht einzelne Dinge aufgelistet. Wenn zum Beispiel der Gegner die ganze Zeit mit dem Kuli klackert, kann man sich beim Schiedsrichter beschweren und der sagt dann was.

Haben Sie das schon einmal gemacht?

Ne, zumindest nicht bewusst.

Neulich habe ich was von »Handy-Doping« gelesen …

Das ist leider sehr aktuell, in den vergangenen Jahren gab es bei wichtigen Turnieren Fälle von Betrug – durch die Technik wurden die Möglichkeiten dafür immer ausgefeilter. Für unseren Sport ist so etwas natürlich eine Katastrophe. Es ist schlimm, sich gleich Gedanken machen zu müssen, wenn jemand während des Spiels lange oder häufiger auf Toilette geht … Und wenn man selber häufiger raus muss oder besonders gut spielt, denkt man auch, der Gegner vermutet jetzt vielleicht, ich würde bescheißen. Ganz schlimm.

Sie haben in Mannheim und Groningen Psychologie studiert. Sehr praktisch auch für Ihren Sport. Können Sie völlig ausblenden, wer Ihnen gegenübersitzt?

Ne, vor allem nicht, wenn man gegen Leute spielt, die man gut kennt. Bei dem Turnier in Dresden, das Sie vorhin angesprochen haben, kannten sich beispielsweise alle zehn Teilnehmerinnen untereinander ziemlich gut. Mit einigen habe ich sogar schon gemeinsam trainiert und Ideen ausgetauscht. Und wenn der Gegner mich und meine Schwächen gut kennt, kann er natürlich versuchen, genau das auszunutzen.

Macht es für Sie einen Unterschied, ob Ihnen, ich sage mal, ein junger attraktiver Mann gegenübersitzt …?

Nö, davon lass ich mich nicht ablenken.

Aber vielleicht verspüren Sie »Grummeln« bei einem 13- oder 14-Jährigen, weil Sie gegen den auf keinen Fall verlieren möchten?

Das eher. Aber nicht, weil ich gegen Jüngere nicht verlieren möchte, sondern weil junge Spieler motivierter und häufig unterbewertet sind.

Bei der Europameisterschaft der Frauen spielte ich gegen mehrere junge Aserbaidschanerinnen – sie waren alle viel besser, als ihre Wertungszahlen es aussagten.

Sie sitzen in einer Partie vier, fünf Stunden. Geht Ihnen wirklich die gesamte Zeit ausschließlich Schach durch den Kopf? Oder sagen Sie sich mal, möglicherweise ganz zielgerichtet, ich lass jetzt zwei, drei Minuten ganz andere Gedanken an mich ran, um danach umso konzentrierter fortsetzen können?

Ich habe mehr als andere den Ruf, fast die gesamte Spielzeit sitzen zu bleiben und konzentriert die Situation anzuschauen. Trotzdem bin ich nicht die gesamte Zeit total fokussiert. Das wäre auch nicht gut. Wenn der Gegner länger überlegt, ist es mal ganz gut, Abstand zu bekommen, kurz an etwas Anderes oder an gar nichts zu denken – und dann wieder frisch aufs Brett zu gucken.

Wenn ich in der Mannschaft spiele, schaue ich immer mal, wie nebenan die Mitspielerinnen stehen, wie sich der Kampf entwickelt.

Sie wurden für den Schachverband das Gesicht in einer großen bundesweiten Kampagne von Sportlerinnen und Sportlern gegen Rassismus. Wie kam es dazu?

Über meinen Gast-Schachverein. Der Vorsitzende machte den Vorschlag, und ich fand diese Idee sehr gut. Ich bin sehr dankbar und stolz, dass ich da mitmachen kann. Es darf einfach keinen Rassismus geben. Die Losung »Zug um Zug gegen Rassismus«, die wir für unsere Sportart gewählt haben, trifft es.

Sie sind oft auf Reisen. Erleben Sie im Alltag, in der Bahn oder beim Einkaufen, Formen von Rassismus?

Körperliche Angriffe nicht. Aber blöde Sprüche, Ausdrücke hört man häufiger. Wenn jemand Neger oder Japse sagt, ist das für mich rassistisch. Oder man bekommt gelegentlich im Alltag bestimmte Vorurteile mit, dass bestimmte Kulturen angeblich weniger gebildet sein sollen.

Würden Sie direkt dagegen vorgehen?

Bekannten würde ich klar meine Meinung sagen. Neulich erzählte mit jemand, die Freundin einer Freundin habe jetzt einen farbigen Freund, und dass sie das schrecklich findet. Da habe ich was gesagt.

Sie beschrieben sich vorhin eher als Turnier- denn als Trainingstyp. Aber ganz ohne Übung klappt's wohl auch mit »Königsindisch« nicht so toll. Wie oft steht Training an?

Als Schülerin waren das dreimal in der Woche zwei bis drei Stunden, hinzu kamen Punktspiele an den Wochenenden. Inzwischen ist das weniger. Und durch meine Arbeit werde ich künftig nicht mehr so viele Turniere, die ja ein, zwei Wochen dauern, spielen können. Das heißt nun: weniger Spiele, mehr Training.

Mein Ziel ist, mindestens tausend Minuten im Monat zu trainieren, was nicht so viel ist. Wichtiger ist die Kontinuität.

Wie sieht Training bei Schachspielern aus?

Unterschiedlich. Da gibt es Taktikaufgaben: Zu einer bestimmten Stellung auf dem Brett muss man die beste, einzig erfolgversprechende Fortsetzung finden. Für Anfänger kann die Aufgabe lauten: Finde Matt in einem Zug! Fortgeschrittene müssen vielleicht eine vorteilhafte Stellung in vier oder fünf Zügen finden. Das macht mir am meisten Spaß: das Knobeln (und Angreifen!), und danach kann ich kontrollieren, ob ich richtig oder falsch lag.

Neben dem körperlichen Ausgleich – zum Beispiel joggen – bereite ich mich vor wichtigen Turnieren speziell auf die Gegner vor. Das geschieht am Computer, wo man in Datenbanken findet, wie der Gegner gern und erfolgreich spielt. Ansonsten bin ich im Training eher der Brettmensch.

Was ist für Sie eine schöne Partie?

Nicht unbedingt eine Partie, die perfekt ist, wo man keine Fehler macht – das soll's ja geben, auch wenn ich eine solche noch nicht gespielt habe –, sondern eine Partie, die sehr spannend verläuft, wo viele schöne taktische Momente auftauchen.

Es gibt die alte Frage, wie viele Züge jemand im Voraus kennt oder abschätzen kann … Das wird vermutlich sehr verschieden sein, ob in der Eröffnung oder später. Aber lässt sich das Pi mal Daumen sagen?

Bei der Eröffnung hängt es von der Theoriekenntnis ab. Manchmal, wenn die Gegner sich genau auskennen, werden die ersten 20, 30 Züge sehr schnell gespielt.

Was heißt sehr schnell: in einer halben Stunde?

Manchmal noch schneller, weil einfach Zug, Zug, Zug gesetzt wird. Aber das heißt ja nicht: vorausdenken. Vorausdenken heißt eher, wenn man in einer Stellung überlegt: Okay, wenn ich den Zug mache, macht er den, ich wieder den und er vielleicht den … In manchen Stellungen gibt es zehn mögliche Antwortzüge, in anderen deutlich weniger.

Man rechnet voraus in Stellungen, die sehr konkret sind und wo wirklich wichtig ist, welche Züge man zuerst macht – dabei können die richtig guten Spieler auch mal zehn, fünfzehn Züge vorausdenken.

Im Endspiel kann es auch so lange sein. In anderen Stellungen geht es eher darum, einen Plan zu finden.

Was war Ihre schönste Partie?

Meine momentane Lieblingspartie ist eine gegen die russische Mannschaft bei der Schacholympiade 2014. Meine Gegnerin war gut, wir beide machten meistens die stärksten Züge, es gab schöne Motive auf dem Brett. Und gewonnen habe ich auch.

Interview: Stefan Richter

Melanie Ohme. Die gebürtige Leipzigerin, ist 24 und Psychologin, sie spielt Geige und noch viel erfolgreicher Schach: Die Großmeisterin ist Nationalspielerin und das Gesicht ihres Sports in der Kampagne »Vereint gegen Rechtsextremismus«. Ehrenamtlich engagiert sie sich für junge Schachspielerinnen.