Disput

Rote Sterne

Ist ein anderer Sport möglich? Selbstbestimmt, hierarchiefrei und basisdemokratisch: der Leipziger Verein Roter Stern

Von Adam Bednarsky

Unlängst feierte der links-alternative Sportverein Roter Stern Leipzig ´99 e.V. (RSL) seinen 16. »Geburtstag«. In den vergangenen Jahren konnte sich das von wenigen jungen Leuten im Leipziger Szene-Club Conne Island aus der Taufe gehobene Projekt zu dem Verein mit den meisten Fußballerinnen und Fußballern in der Stadt Leipzig mausern.

Die Motive zur Gründung des neuen Vereins am 1. Februar 1999 waren sowohl politischer als auch sportlicher Natur. So wollten die anfänglich 40 Mitglieder einen bewussten Kontrapunkt zu den Entwicklungen im Amateurfußball setzen, der damals (wie heute) von Diskriminierungsformen wie Rassismus, Sexismus und Homophobie durchsetzt war. Aber sie wollten einfach auch mit Freunden und Gleichgesinnten dem runden Leder nachjagen. Frei nach dem Motto »Wir können alles« stürzten sich die Aktiven in die chaotische Welt des Vereinswesens. Offizielle Gründungsveranstaltung, Vereinssatzung, Vorstand, notwendige Trainings- und Spielstätten, Plena, Korrespondenz mit Ämtern und der ganze andere langwierige Kram waren die Folge. Doch die Mühe lohnte sich: Im September 1999 startete der Verein mit zwei Männerteams in die Saison. A star was born!

»Wir können alles!«

Der »Rote Stern« traf den Nerv der linken Szene in Leipzig, die dem jungen Projekt den infrastrukturellen und politischen Background bot. An die 250 Zuschauerinnen und Zuschauer besuchten jedes Elftliga-Spiel der »Ersten«, die drei Jahre in Folge bis zur Stadtliga aufstieg. Im Conne Island wurde ein Fanladen eingerichtet, das RSL-Fanzine »Prasses Erben« informierte seitenstark und frech über alle Ergebnisse und Ereignisse. Mit großem Elan und Engagement schoben die Aktiven der ersten Stunde Projekt um Projekt an. Soli-Konzerte von Bands in verschiedenen Locations der Stadt gewährleisteten halbwegs die finanzielle Liquidität. Das »Bündnis aktiver Fußball-Fans« (BAFF), eine bundesweit vernetzte Pressure Group von (linken) Fußballfans, gastierte mit seinem Jahreskongress 2000 im Conne Island. Durch den ersten Spielabbruch – einige Fans feierten schon Silvester – im Oktober 1999 wurde auch die lokale Presse auf das Projekt RSL aufmerksam, so dass von nun an die breitere Öffentlichkeit das bunte Treiben der »Sterne« auf den Fußballplätzen zum Teil argwöhnisch beäugte. Auch partytechnisch tobten sich die RSL-Jugendlichen in der Leipziger Subkultur aus und bereicherten diese durch »Wetten, dass ...?«-Adaptionen und Volksmusik-Liederabende, wo Leipziger Punk- und Hardcore-Bands scheußliche Folklore-Adaptionen zum Besten gaben.

Ganz praktischer Natur waren die politischen Proteste gegen die zunehmende Videoüberwachung in den Stadien und im öffentlichen Raum. Im Rahmen der Leipziger Olympiabewerbung 2004 war der Rote Stern in die Aktivitäten der Olympiagegner involviert. Schon zuvor schwante dem Sächsischen Verfassungsschutz Böses; auf seiner Internetseite präsentierte er im Dezember 2000 den »eigentlichen« Vereinszweck mit den Worten: »In dem Verein wollen Autonome offenbar Jugendliche für antifaschistische Themen mobilisieren.«

Diese Interpretation der Vereinstätigkeit tat der aufsteigenden Entwicklung keinen Abbruch. So besuchten im Frühjahr 2002 über 1.300 Fans das Stadtpokalfinale, welches der Stern leider verlor, und im Verein etablierten sich weitere Fußballteams (Frauen, A- und B-Jugend, Alte Herren).

Die Mühen der Ebenen

Allmählich stieß der Verein an seine Grenzen. Kein eigener Sportplatz, die Organisation des Spielbetriebes, der hohe (sub-)kulturelle Anspruch, das Einfordern politischer Ansprüche und die Unterstützung von antifaschistischen und linken Kampagnen bereiteten zwar viel Freude, waren aber mit einem immensen organisatorischen Aufwand verbunden. Von Anfang an hatte der Verein auf flache Hierarchien und das aus der Punkrock-Tradition entlehnte Do-It-Yourself-Prinzip geachtet. Jeden Donnerstag fanden sich die Aktiven zum Plenum ein und besprachen alle Themen, die den Verein betrafen. Dabei muss bis heute unter den Anwesenden ein Konsens erzielt werden. Lange und hitzige Debatten waren die Folge, was auf Dauer nur die wenigsten durchhielten. Das Verwalten des Vereins verlangte eine immer höhere Sachkompetenz und lastete zunehmend – gemessen am Wachstum der Aufgaben – auf immer weniger Schultern.

Die Euphorie der Anfangszeit wich einem Gefühl des »Weiter so! Augen zu und durch!«. Zwischen 2004 und 2009 verharrte die Mitgliederzahl zwischen 200 und 250.

Auf zu neuen Galaxien

In der Saison 2007/08 legten die Kleinsten der Sterne (E- und F-Jugend) los. Die Jugendarbeit sollte fortan zu einem entscheidenden Schwerpunkt des RSL werden. Das Sportplatzproblem wurde immer gravierender und durch medienwirksame Aktionen publiziert. Eine – letztlich nur angemeldete, nicht durchgeführte – Demonstration zur Leipziger Messe, in der parallel die Gruppenauslosung für die Fußball-WM der Männer 2006 stattfand, ließ die Verantwortlichen in der Stadt aufhorchen. Während in Leipzig ein WM-Stadion gebaut werden konnte, mussten die Sterne den Spielbetrieb notdürftig auf verschiedenen Sportplätzen organisieren. Das hielt Trainerfuchs Knopf, der – unkündbar – seit 2001 die Geschicke im heimischen Sportpark Dölitz lenkt, nicht davon ab, die »Erste« zu neuen sportlichen Höhenflügen zu motivieren. Die Stadtpokalsiege 2008 und 2009 sowie der Aufstieg in die Bezirksklasse bedeuteten neue sportliche Glanzpunkte in der noch jungen Vereinshistorie. Auch das Frauenteam wusste 2009 im Stadtpokalfinale zu glänzen.

Projekte wie die anti-diskriminierende Aufklärungskampagne »Initiative für mehr gesellschaftliche Verantwortung im Breitensport-Fußball« (IVF), die mit kommunalen Fördergeldern unterstützt wurde, fanden überregionale Beachtung. Zahlreiche Preise wie der Sächsische Demokratiepreis 2009 und der Julius-Hirsch-Preis 2010 waren das Ergebnis. Der sportliche Aufstieg der »Ersten« bescherte den Sternen erstmals Reisen ins Leipziger Umland. Am 24. Oktober 2009 kam es in Brandis zu einem Übergriff von rund 50 Nazis auf den RSL, der Schwerverletzte und ein jahrelanges juristisches Nachspiel zur Folge hatte. Mehrere Angreifer wurden zu Haftstrafen verurteilt. Es zeigte sich, dass ein antifaschistischer Sportverein in einigen Landstrichen auch weiterhin mit massiver Neonazi-Gewalt konfrontiert werden konnte.

Sportlich war das Ende der Fahnenstange in der Bezirksliga (7. Liga) erreicht, aus der man sich nach einem Jahr allerdings wieder in Richtung der neu gegründeten Stadtliga verabschieden musste. Trotz einer Bezirksligasaison der Pleiten, Pech und Pannen (2011/12) strömten im Schnitt 430 Zuschauer/innen in den Sportpark Dölitz. Parallel konnten weitere Infrastrukturprojekte wie der Neubau eines Rasenplatzes auf der zweiten RSL-Spielstätte »Am Goethesteig« realisiert werden. Die Platzsituation entkrampfte sich, das kam auch der Jugend des Sterns zugute.

Und jetzt?

Mittlerweile ist der RSL mit knapp 500 Fußballerinnen und Fußballern, die Hälfte im Jugendalter, der größte Fußballverein der Stadt Leipzig. Umfangreiche Bauprojekte wie der Neubau des RSL-Sozialtraktes sollen dafür sorgen, dass die Aktiven auch künftig mit dem Stern auf der Brust dem Ball nachjagen können. Die Finanzen sind solide und die Strukturen wie immer verbesserungs-, aber dennoch tragfähig. Unter den knapp 700 Vereinsmitgliedern sind nicht nur Fußballer/innen, sondern auch Volleyballer/innen, Radsportler/innen, Handballer/innen und Basketballer/innen. Die zahlreichen kleinen »Sterne« machten die Gründung einer Kleinkindersportabteilung unumgänglich. Allgemein ist der Zulauf an jungen »Sternen«, auch begünstigt durch die Bevölkerungsentwicklung in Leipzig, immens und motiviert die organisatorisch Aktiven zum Weitermachen.

Außer in Leipzig existieren in Halle, Altenburg, Berlin, Lübeck und Flensburg Roter-Stern-Vereine. Diese sind zwar weit davon entfernt, den politischen Anspruch des 1933 verbotenen deutschen Arbeitersports zu erheben, dennoch eint sie das Engagement gegen Rassismus und Diskriminierung. Der Erfolg vom Roten Stern Leipzig beweist, dass es zumindest ein grundsätzliches Bedürfnis nach einem alternativen Fußball gibt, der auch künftig gegen den weithin als »unpolitisch« interpretierten Breitensport Front macht.

Adam Bednarsky (34) ist Gründungsmitglied des RSL und gewählter ehrenamtlicher Geschäftsführer. Aktuell beendet er seine Dissertation über »(Anti-)Diskriminierung im sächsischen Amateurfußball«. Der Politikwissenschaftler und Historiker ist Mitglied im Leipziger Stadtrat, Sprecher der sächsischen LAG Sport und stellvertretender Vorsitzender der Leipziger LINKEN.