Disput

Und abends brennt der Nubbel

DIE LINKE und der Karneval, der in Kölle Fastelovend heißt

Von Matthias W. Birkwald, MdB

»Nun begann das tolle Treiben auf allen Gassen, in allen Häusern, drei Tage hindurch. Jede Art Privatgeschäfte waren eingestellt, nur der tollen Lust war die Zeit gewidmet«, berichtet eine Quelle aus dem 16. Jahrhundert über den Kölner Karneval.

Als Kölner Bundestagsabgeordneter der LINKEN kann ich versichern, dass wir nicht zum Lachen in den Keller gehen, noch alle abseits stehen, wenn das Volk auf den Straßen meiner Heimatstadt ausgelassen-anarchisch feiert und sich über Obrigkeiten und Klerus lustig macht. Wie könnte es auch anders sein bei einer Partei, die mit einem kommunalen Wahlergebnis von sieben Prozent auch im tiefen Westen der Republik in einer Stadtgesellschaft angekommen ist, in deren Selbstbild auch der Karneval nicht wegzudenken ist?

Aus den drei tollen Tagen des 16. Jahrhunderts sind inzwischen fünf geworden, also könnte mein persönlicher Karnevalsfahrplan in diesem Jahr wieder so aussehen – wäre da nicht die Verabredung mit meiner aus dem Eichsfeld stammenden und deshalb weniger karnevalsbegeisterten Partnerin, dass wir nur jedes zweite Jahr gemeinsam Fastelovend fiere:

  • Weiberfastnacht mit Nachbarinnen und Nachbarn und netten Genossinnen und Genossen zum traditionellen Karnevalsauftakt in meinem »Veedel« (Stadtteil) um 11.11 Uhr auf den Chlodwigplatz gehen, selbstverständlich kostümiert;
  • freitags um die Ecke in die »Wagenhalle« zum Kneipenkarneval mit Tanzen, Singen und joot drup (gut drauf) sin;
  • samstags am frühen Abend beim »Geisterzug« mitlaufen, um mit zehntausenden Kölnerinnen und Kölnern selbstorganisierten und sozialkritischen Straßenkarneval ohne Prunkwagen und Vereinstümelei zu feiern;
  • sonntags oder montags sehe ich mir (zum Beispiel im Robin-Hood-Kostüm) ganz repräsentativ auf der Ehrentribüne des Oberbürgermeisters vor dem Rathaus in der Altstadt die Schull- und Veedelszüch oder den Rosenmontagszug an, der in der Nähe meiner Wohnung startet;
  • veilchendienstags mittags wieder ganz bescheiden und dafür umso herzlicher den kleinen, aber feinen Südstadtzoch luuren (schauen). Spät abends wird dann der »Nubbel«, eine Strohpuppe, die mit den kleinen Sünden des Karnevals beladen ist, vor dem »FILOS« (Kneipe, die ich seit 33 Jahren besuche) verbrannt. Ein Highlight! Dass der evangelische Pfarrer Mörtter hierbei den Zeremonienmeister gibt, ist in Köln die absolute Ausnahme.
  • Aschermittwoch, wenn das offizielle Festkomitee das Motto für die Karnevalssession des kommenden Jahres verkündet, offizielles Katerfrühstück eines Verbandes, und abends geht es zum privaten Fischessen mit meinem ehemaligen Kollegen Paul Schäfer und Freundinnen.

Aber ganz ohne Karneval geht es für den Kölner Bundestagsabgeordneten selbst in einem »abstinenten Jahr« nicht. Denn als echte fünfte Jahreszeit beginnt er im Rheinland schon am 11.11. um 11.11 Uhr mit der »Sessionseröffnung« auf dem Alten Markt, und bis zu den tollen Tagen läuft derweil der Sitzungskarneval.

Geleitet werden die Karnevalssitzungen von einem »Elferrat«, der heute seinen oppositionellen Ursprung als humorvoll-parlamentarische Herausforderung der preußischen Monarchie vor 1848 meist längst vergessen hat. Und zwischen Weinzwang[1], Pflichttermin für die Größen des sprichwörtlichen kölschen Klüngels und abgestandenem Herrenwitz mag manche der Prunksitzungen kaum vergnüglicher sein als die ein oder andere politische Sitzung.

Ich feiere da lieber mit Genossinnen und Genossen wie unserer Kölner Kreissprecherin Angelika Link-Wilden und mit gut tausend Kolleginnen und Kollegen meiner Gewerkschaft, der Kölner IG Metall, auf der IGM-Sitzung am Tanzbrunnen. Übrigens: in diesem Jahr an Gregor Gysis Geburtstag (16.1.) und ganz in den Partei-, IGM- und Stadtfarben rot-weiß. Und weil ich dort auch öffentlich und offiziell – in manchem Jahr sogar als einzig anwesender der zehn Kölner Bundestagsabgeordneten – begrüßt werde, fallen hier alljährliche repräsentative Pflicht wie närrisches Vergnügen schön zusammen.

Womit wir bei den Traditionen wären. Mit dem 11.11. und dem Elferrat sind wir da zunächst bei meiner kölschen Lieblingszahl 11, an die ich mich gerne bei meinen Spenden an Initiativen und Vereine halte. Alles, was sich durch 11 teilen lässt, ist gut, 11 Kölsch im Karneval auch, und das 12. Kölsch[2] könnte durchaus das erste schlechte sein.

Was es leider nicht gibt, ist eine Karnevalstradition der Kölner Partei DIE LINKE. Nicht nur, weil sich ein Schunkelzwang von selbst verbietet und noch schwieriger durchzusetzen wäre als das manchmal auch in einer pluralistischen LINKEN notwendige Minimum an Disziplin, sondern vor allem, weil Parteipolitik einfach nicht in den Karneval passt.

Doch die gesellschaftliche Linke hat sich ihre Plätze im Karneval erobert. Längst ist die 1984 als kritisch-freche Alternative zu den traditionellen Prunksitzungen entstandene »Stunksitzung« mit viel politischem Kabarett Tradition. Dass alle 48 Termine der laufenden Session spätestens eine Stunde nach Beginn des offiziellen Vorverkaufs ausgebucht sind, gehört dazu. Warum? Siehe www.stunksitzung.de.

Seit 1991 gibt es den »Geisterzug«. Wegen des zweiten Golfkriegs war der offizielle Rosenmontagszug abgesagt worden und stattdessen zog eine spontane karnevalistische Friedensdemonstration durch Köln – der »Jeisterzoch« war geboren. Und seit 2007 ziehen die »Pappnasen rot-schwarz e.V.« vor dem Rosenmontagszug durch die Straßen und bieten ein freches, karnevalistisch-politisches Spektakel; in diesem Jahr mit deutlicher Kritik an TTIP.

Wie auch immer: Am Aschermittwoch ist alles vorbei …

Anmerkungen

[1] Bezeichnet keine Verpflichtung zur ehrlichen Reaktion auf schlechte Witze, sondern die bei solchen Sitzungen zum Wohle der Gastronomie geltende Regel, dass im Saal nur Flaschenwein mit indiskutablem Preis-Leistungs-Verhältnis verkauft wird, während es das vielbesungene Kölsch zu zivileren Preisen nur im Foyer gibt.

[2] Getrunken wird es traditionell aus schlanken 0,2-Liter-Stangen, was ich hier auch deshalb anführe, um Genossinnen und Genossen aus Regionen, wo das Bier wie in Bayern eher aus Eimern getrunken wird, quantitativ nicht in die Irre zu führen.