Disput

Von Selma nach Montgomery

Die drei Protestmärsche im März 1965 waren ein Höhepunkt der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung

Von Ronald Friedmann

Am 2. Juli 1964 unterzeichnete US-Präsident Lyndon B. Johnson in einer feierlichen Zeremonie im Weißen Haus – unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit – den »Civil Rights Act«, ein Bürgerrechtsgesetz, das unter anderem diskriminierende Wahltests für Afroamerikaner und die »Rassentrennung« in öffentlichen Einrichtungen für verfassungswidrig und damit illegal erklärte. Das Justizministerium der Vereinigten Staaten wurde bevollmächtigt, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um dem Gesetz in der täglichen Praxis Geltung zu verschaffen. Doch die Beamten in Washington zeigten zunächst kein großes Interesse, von den erteilten Vollmachten Gebrauch zu machen.

Besonders deutlich wurde das im Sommer und Herbst 1965 bei den Ereignissen in der Kleinstadt Selma, dem Verwaltungssitz des Dallas County im südlichen US-Bundesstaat Alabama. Dort war bei einer Volkszählung im Jahre 1960 festgestellt worden, dass der schwarze Bevölkerungsanteil zwar bei 57 Prozent lag, dass aber von den 15.000 schwarzen Einwohnern im wahlfähigen Alter nur 130 auch im Wählerverzeichnis eingetragen waren. Am 6. Juli 1964, nur vier Tage nach dem Inkrafttreten des »Civil Rights Act«, wollten sich deshalb etwa 50 schwarze US-Bürger als Wähler registrieren lassen. Doch der Sheriff von Selma ließ sie beim Betreten des städtischen Verwaltungsgebäudes sofort festnehmen, ein willfähriges örtliches Gericht verbot es den Bürgerrechtsorganisationen, die dagegen protestieren wollten, Versammlungen mit mehr als drei Teilnehmern durchzuführen.

Diese Willkürmaßnahmen konnten den Protest zwar verzögern, jedoch nicht wirklich aufhalten: Ende 1964 bat die Bürgerrechtsaktivistin Amelia Boynton, die mit ihrem Mann bereits seit den 30er Jahren in Alabama aktiv war, Martin Luther King, der am 10. Dezember 1964 in Oslo den Friedensnobelpreis entgegengenommen hatte, um Hilfe. Am 2. Januar 1965 sprach King vor hunderten Teilnehmern in der Brown Chapel in Selma und setzte sich dabei über das gerichtlich verfügte Versammlungsverbot hinweg.

Das Auftreten von Martin Luther King mobilisierte die Menschen nicht allein in Dallas County, sondern auch in den Nachbarbezirken. Im Januar und Februar 1965 kam es überall in Alabama zu weiteren Kundgebungen, vor allem aber zur massenhaften Registrierung von schwarzen Wählern. Doch die Behörden des ehemaligen Sklavenhalterstaates, die ihre Mentalität selbst rund hundert Jahre nach der Sklavenbefreiung nicht wirklich geändert hatten, gaben ihren Widerstand nicht auf. Am 17. Februar 1965 erschoss ein Polizist in der Stadt Marion im Perry County bei einer Bürgerrechtskundgebung einen jungen Schwarzen. Sein Tod gab den Anstoß für einen Protestmarsch, der am 7. März 1965 von Selma nach Montgomery, der etwa 85 Kilometer entfernten Hauptstadt von Alabama, führen sollte.

Doch nur wenige hundert Meter hinter Selma, auf der Edmund-Pettus-Brücke, wurden die 600 friedlichen Demonstranten von der Polizei mit Knüppeln und Tränengas auseinandergetrieben. Ein zweiter Marsch, zu dem Martin Luther King aufgerufen hatte, endete zwei Tage später ebenfalls wieder an der Edmund-Pettus-Brücke.

Erst der dritte Marsch – er begann am 21. März 1965 und dauert vier Tage und Nächte – erreichte in den späten Abendstunden des 24. März 1965 sein Ziel in Montgomery. Diesmal hatte die Regierung in Washington Einheiten der US-Armee und der Nationalgarde mobilisiert, die den Demonstrationszug auf dem U.S. Highway 80 vor Übergriffen der örtlichen Polizei und rassistischen Gruppierungen schützten.

Am 25. März 1965 sprach Martin Luther King vor dem State Capitol Building in Montgomery vor mehr als 25.000 Menschen. Am Abend fand ein großes Konzert »Stars for Freedom« statt, bei dem unter anderem Harry Belafonte und Sammy Davis Jr. auftraten.

Im Ergebnis der Proteste in Alabama, die in Selma ihren Ausgang genommen hatten, wurde im Verlaufe des Jahres 1965 der »Voting Rights Act« verabschiedet, ein Wahlrechtsgesetz, mit dem die gleiche Beteiligung von Minderheiten, insbesondere Afroamerikanern, bei Wahlen in den USA gewährleistet werden sollte. In den Jahren 1970, 1975, 1982 und 2006 wurde die Gültigkeit des Gesetzes durch den US-Kongress verlängert, zuletzt für 25 weitere Jahre.

Im Jahre 1996 wurde die Route der drei Märsche von Selma nach Montgomery durch den Kongress der Vereinigten Staaten als »Selma To Montgomery National Historic Trail« ausgewiesen und in das »National Trails System« aufgenommen. Entlang der Strecke weisen Informationstafeln der Nationalparkbehörde darauf hin, dass es sich um eine »Historische Route« handelt. Auf halbem Weg zwischen Selma und Montgomery, wo sich im März 1965 eine kleine Zeltstadt der Demonstranten befand, gibt es heute ein Besucherzentrum mit einem Museum, das Führungen und Vorträge anbietet.