Disput

Je suis …

Kolumne

Von Matthias Höhn

»Die Welt dreht sich weiter!« – diese Bemerkung fällt oft, wenn man nach Ereignissen zur Tagesordnung übergehen will. Das furchtbare Attentat auf die französische Satirezeitschrift »Charlie Hebdo« und die blutige Geiselnahme in dem jüdischen Supermarkt sind bereits ein paar Wochen her – der Schock sitzt immer noch tief. Über Tiefsitzendem wächst jedoch, so scheint es, bereits wieder Gras.

Was bleibt, ist das Gefühl, dass die Welt irre geworden ist, dass sie die uns festgefügt scheinenden Bahnen des Berechenbaren verlassen hat.

Das Furchtbare ist unberechenbar, überall, zu viel für den Verstand: Syrien, Nigeria, Donezk, Irak, Paris … Die Opfer sind Journalisten, Polizisten, Juden, Muslime, Yesiden, Alte, Frauen, Kinder … die Opfer sind Menschen. Unschuldige Menschen. Menschen, die zufällig gern Witze zeichnen, Menschen, die zufällig einkaufen gehen, Menschen, die an dieses glauben oder an jenes.

Die Frage nach dem »Warum?« können wir uns täglich stellen. Es bleibt in der Regel aber ein verzweifeltes »Warum?«. Dass Glauben und Ideologien anfällig sind für pervertierte Auswüchse, für menschenverachtende Deformationen oder den Anspruch, allein und einzig Gültigkeit zu haben – das zieht sich durch die Jahrhunderte, ist so elend wie wahr. Aber dies fortgesetzt als gegeben anzuerkennen, hieße sich einzugestehen, dass die Menschheit nicht in der Lage ist dazuzulernen!

Islamistischer Terror ist real, das gilt es anzuerkennen. Die größte Opfergruppe islamistischer Anschläge sind Muslime selbst – auch das gehört zur Wahrheit. Diese Terrorgefahr und deren Wirklichkeitswerdung auf Marktplätzen oder in Zeitungsredaktionen jedoch zu der Gefahr zu stilisieren, ist absurd und falsch. Auch, weil die dies benutzen, Angst im Namen anderer autoritärer Geisteshaltungen verbreiten. Das macht es zum Beispiel Pegida leicht, Belege für ihre krude Angst vor dem Untergang des Abendlandes zu finden.

Gefährlicher noch ist eine emotionale Relativierung, schlimmstenfalls die Verdrängung. Anders Breivik, der NSU – nur als Beispiele – sind ebenfalls Gewalt gewordene Ergebnisse einer Gesinnung, die Hass und Ausgrenzung predigt. Mir passen diese Vergleiche nicht so recht, das Aufrechnen von Opfern bringt nichts – die Nennung aber zeigt, dass der Irrsinn nicht nur eine Adresse hat.

Es scheint mir daraus keinen Ausweg zu geben, keine Antwort, die nicht gleich wieder Gefahr läuft, sich für allgemeingültig zu halten. Das in Zusammenhang mit Paris gehörte Argument, wer in Armut lebend immer den glänzenden Spiegel »des Westens« vorgehalten bekommt, der wird eben irgendwann wütend, darf doch bitte nicht erklären, warum geschossen und gemordet wird.

Wir sollten nicht versuchen zu verstehen. Der Wahnsinn hier und dort und überall hat eben den Wahn als Leitwort und nicht den Sinn. Mohammed-Karikaturen verletzen die Gefühle des einen, verschleierte Frauen die Gefühle der anderen – verletzte Gefühle sind jedoch in jedem Fall keine Kategorie, die Anschläge rechtfertigt.

Dennoch stehen wir in der Pflicht, wollen wir nicht immer wieder mit Schildern ehrlicher Betroffenheit und Solidarität auf den Straßen und Plätzen stehen müssen. Was also tun? Den Rufen nach der Verschärfung von Sicherheitsgesetzen inklusive Vorratsdatenspeicherung dürfen wir nicht folgen. Freiheit einzuschränken, um vermeintliche Sicherheit zu gewinnen, wird die Probleme nicht lösen. Den Dialog suchen endet dort, wo der mögliche Partner stumm vor Hass ist. Auf Vernunft setzen scheitert, wenn Unvernunft regiert ... Ein einfaches Rezept gibt es nicht, wenn Menschenleben vor Religionen und Ideen so wenig zählen.

Die Opfer betrauern, ihnen allen Ehre erweisen; die Taten als das geißeln, was sie sind: widerliche Anschläge; immer und überall aufstehen, wenn Freiheit und Minderheitenrechte, wenn der Respekt vor der Gleichheit aller Menschen in Gefahr ist. Und das solange, wie es nötig ist. Solange, bis sich vielleicht doch durchsetzt, dass es am Ende etwas gibt, das uns alle eint: Je suis … Mensch!