Disput

Wieder Hoffnung

Nach der Wahl: Den Albtraum beenden und die große Seuche der Gesellschaft, das »Pelatiako kratos«, beseitigen. Eindrücke in Griechenland

Der Fotograf Aris Papadopoulos verfolgte Wahlkampf und Wahlerfolg von Syriza in seiner Heimatstadt Thessaloniki. DISPUT befragte ihn zu seinen Eindrücken.

Wie haben Sie den Wahlkampf erlebt, was fiel Ihnen auf?

Vornweg, wenn man nicht gewusst hätte, dass am 25. Januar Wahlen stattfinden, hätte man es auf den Straßen auch nicht erfahren! Keine Plakate, keine Info-Stände, im ganzen Zentrum von Thessaloniki ein einziger Info-Kiosk (Syriza) und ein winziges Wahlkampfbüro (Syriza)! Bei zwei anderen Parteien war es ähnlich, der Rest unsichtbar.

Die Syriza-Kandidaten für das Parlament besuchten verschiedene Institutionen und sprachen mit Verantwortlichen. Der Wahlkampf fand eigentlich in den Medien statt (TV und Internet). Vor allem Syriza war im Internet sehr präsent. Kaum ein Video-Clip bei Youtube ohne Syriza-Wahlkampfwerbung am Anfang!

Alexis Tsipras habe ich während seines Besuchs in der Stadt Drama im Nordosten des Landes fotografisch begleitet. Eigentlich eine Stadt, die immer rechts (Nea Dimokratia, ND) gewählt hat. Eine Stunde lang lief er durch das Zentrum und sprach mit sehr vielen Leuten. Auffällig war, wie positiv er von allen begrüßt wurde, auch von Älteren. Eine alte Frau erzählte ihm: Mein Leben lang habe ich rechts gewählt, jetzt werde ich für dich stimmen.

Später erläuterte Tsipras, dass die Leute die Wahllisten von Syriza nicht aus ideologischen Gründen unterstützen, sondern weil sie es als notwendig erachten.

Übrigens, die Bürger der Stadt wählten zwar mehrheitlich wieder die ND (32,3%), aber diesmal immerhin 28,6 Prozent Syriza.

Allgemein waren die Griechen, auch auf der großen Syriza-Kundgebung in Thessaloniki, nicht so euphorisch wie sonst.

Welche Erwartungen und Hoffnungen sind Ihnen auf Straßen und Plätzen am häufigsten begegnet?

In den Jahren der Krise hat sich eine Depression im Land breitgemacht. Das habe ich am meisten in den Gesichtern der Menschen, in den Gesichtern meiner Bekannten gesehen. Deswegen waren ihre Erwartungen und Hoffnungen jetzt eher gedämpft, zurückhaltend. Die letzten Erfolgsmeldungen der Samaras-Regierung hatte hier keiner gemerkt, außer den EU-Institutionen und Wolfgang Schäuble, natürlich mit ihrer Mahnung, dass es noch nicht reicht und dass Griechenland sich weiter anstrengen muss.

Man hatte nur den Wunsch, dass der Albtraum, den man seit fünf Jahren erlebt, endlich aufhört, dass die meisten wieder eine Perspektive haben. Und vor allem war der Wunsch da, dass die bisher regierenden Parteien endlich weg sind. Man weiß zwar nicht, was mit Syriza kommen wird – aber die Hauptsache ist, die Anderen sind weg. Lieber das »Unbekannte« als das »Bekannte«, das bis zum Wahltag geherrscht hatte. Hauptsache, die große Seuche der Gesellschaft, das »Pelatiako kratos«, ist weg. Mit »Pelatiako kratos« meint man den Staat (kratos), der nicht für seine Bürger da ist, sondern die Bürger als Kunden (pelates) sieht: Ich gebe dir den Posten, du gibst mir deine Stimme!

Alexis Tsipras hat es geschafft, den Menschen wieder Hoffnung zu geben, dadurch, dass er sich ganz konkret festgelegt hat, was er nach einem Wahlsieg sofort für die Ärmsten in der Bevölkerung, aber nicht nur für sie, machen wird. Vor allem hat er versprochen, dass er gegen die Oligarchie vorgeht und die Korruption und insbesondere das »Pelatiako kratos« bekämpft.

Wie reagieren die Griechinnen und Griechen auf ihre neue (ungewöhnliche) Regierung?

Der halbe Montag nach der Wahl ist darauf gegangen zu verdauen, dass Syriza mit der national-konservativen ANEL eine Regierung bilden wird: Man hat nicht links gewählt, um von rechts mitregiert zu werden. Ziemlich schnell wurde aber den meisten klar, dass es nicht anders ging. Die bisherigen Regierungsparteien kamen nicht infrage: Die Partei »To Potami«, vor elf Monaten gegründet, ist laut der griechischen Presse ein undefinierbares Sammelsurium von links-liberal bis rechts; die Kommunisten wollten wie immer nicht, und mit Faschisten wollte natürlich keiner! Die Alternative wären Neuwahlen gewesen.

Außerdem ist ANEL auch gegen die bisherige Austeritätspolitik, und es gibt eine Übereinstimmung mit Thesen von Syriza, unter anderem für soziale Gerechtigkeit. Die Griechen haben diese Koalition sehr pragmatisch gesehen und überhaupt nicht ideologisch, wie das in Deutschland der Fall war. Die Zeit drängte, und sie drängt immer noch!

Was ist zu tun, um all die Wünsche nicht zu enttäuschen?

Tsipras hat es auf den Punkt gebracht, als er seinen Regierungsmitgliedern sagte: Meine Vorgänger haben immer anders nach den Wahlen als vor den Wahlen gesprochen. Ich habe mir überlegt, originell zu sein und meine Versprechungen umzusetzen!

Genau das erwarten jetzt die Menschen von der neuen Regierung: dass die Versprechungen umgesetzt werden. Dass auch Kompromisse gemacht werden und dass nicht alles klappen wird, ist vielen klar. Sie dürfen nur nicht das Gefühl bekommen, dass sie wieder belogen werden wie in den vergangenen 40 Jahren. Denn in einem solchen Fall und nach der schlechten Erfahrung mit der sozialdemokratischen PASOK, die von linken Wählern gewählt wurde, würde es die Linke in der Zukunft und für lange Zeit sehr schwer haben, wieder glaubwürdig zu sein.

Vielen Dank fürs Interview – und für die Fotos!

Interview: Stefan Richter