Disput

Eine kraftvolle Geschichte

Interview mit dem Filmregisseur Andreas Dresen. Im Februar hat sein neuester Streifen Premiere auf der Berlinale in Berlin

Im Alltag spricht man gelegentlich, wenn es um besonders tolle Dinge geht, von »großem Kino«. Was ist für Sie als Regisseur großes Kino?

Dafür braucht es auf jeden Fall nicht Riesenkräne, Riesenbeleuchtung und opulente Ausstattung. Große Kinofilme können auch unaufwendig sein.

Zu großem Kino gehören vor allen Dingen eine anarchische Haltung und eine eigene Weltsicht. Und das kann in ganz kleinen, engen, kardierten Bildern sein, mit einer Handkamera. In einem Film wie »Breaking the Waves« von Lars von Trier gibt es große Kinobilder – aber es gibt eben auch enge, verstörende Nahaufnahmen von Menschen.

Ich glaube, zu großem Kino gehört eine Haltung, die Welt, so wie sie ist, immer wieder in Frage zu stellen, sich Menschen zu nähern in ihrer Widersprüchlichkeit und nicht den einfachen Weg zu wählen, um Geschichten zu erzählen, sondern einen, der den Zuschauer auch verstrickt.

Ihrer Produktionsfirma gaben Sie den Namen Iskremas, nach dem Helden im sowjetischen Film »Leuchte, mein Stern, leuchte«, der vor 45 Jahren herauskam und weitere knapp 50 Jahre vorher spielt: Ein junger Enthusiast für Theater und Revolution zieht durchs russische Bürgerkriegsland. Ist Ihre Namenswahl ein später Gag?

Das ist kein Gag. Das ist einer meiner liebsten Filme; ich finde ihn großartig und prägend. Und ich finde auch, dass bestimmte sowjetische Filme zu Unrecht nicht bekannt sind. Man kennt im Westen Nikita Michalkow und Andrej Tarkowskij, aber jemanden wie Alexander Mitta oder Eldar Rjasanow (»Bahnhof für zwei«) kennt man nicht.

Daran wollte ich zum einen erinnern. Zum anderen hat Iskremas eine Bedeutung: Es heißt »iskusstwo revoluzii massam«, die Kunst der Revolution den Massen, dem Volke. Das ist ein reizvoller Kontext: Kaum einer weiß das, aber wer es weiß, hat einen kleinen Spaß.

Iskremas gibt es nicht mehr. Die Kunst der Revolution den Massen – was wollen Sie den »Massen« bringen, vermitteln?

Die Massen erreicht man nur begrenzt. Ich bin schon froh, wenn es mir gelingt, mit meinen Geschichten Leute zwei Stunden im Kino zu unterhalten. Das ist, finde ich, sehr viel: dass man dasitzt und sich nicht langweilt, dass man lachen kann, dass man weinen kann, dass man ein Stückchen von der eigenen Lebenswirklichkeit wiedererkennt, sich dort aufgehoben fühlt und dann vielleicht mit ein paar Impulsen wieder zurückgeht in seinen eigenen Alltag. Und vielleicht schwingt dann das, was man gesehen hat, ein bisschen nach.

Ich glaube nicht, dass man mit Filmen die Welt verändern kann. Mit fällt dafür auch kein einziges Beispiel ein. Man kann vielleicht den Blick der Menschen schärfen auf bestimmte Dinge und damit dann doch etwas ausrichten – aber nicht im direkten Sinne. Ich glaube, wenn man die Welt verändern will, sollte man besser die Scheiben der Deutschen Bank einschmeißen oder irgendwas anderes machen. Aber das bringt wohl auch nicht so viel.

Ich fühle mich nicht als Moralist oder politischer Wortführer, das ist nicht Sache des Kinos. Manche Leute mögen das vielleicht, ich nicht. Ich finde, Kunst sollte subtil über Menschen erzählen. Damit kann sie dann durchaus politisch sein, aber nicht indem sie auf plakative Art damit durch die Gegend marschiert.

Wie erfahren Sie, ob Ihre künstlerische Absicht aufging, was die Leute bewegt, wenn sie einen Ihrer Filme gesehen haben?

Wenn der Film startet, bin viel unterwegs, fahre da meistens durch das ganze Land und spreche natürlich mit den Zuschauerinnen und Zuschauern. Ich bin total neugierig; sie stellen ja nicht nur Fragen, sondern sagen auch, was sie über den Film denken. Und das ist spannend. Gerade bei »Halt auf freier Strecke«, meinem letzten Spielfilm, hatte ich sehr, sehr emotionale Kommentare nicht nur im Kino selber, sondern auch in Form von langen und teilweise sehr persönlichen Briefen. Das ist zum Teil sehr berührend und beschäftigt mich.

So ungefähr zwei Jahre arbeitet ein Regisseur intensiv an einem Film. Wie fühlen Sie sich zwischen Ihrer letzten Tat am Film und dessen Erscheinen im Kino? Wie überstehen Sie diese Zeit des Wartens?

Ich bin ja dann meistens schon mit einer neuen Aufgabe befasst ... Neugierig bin ich natürlich.

Aber die Ungewissheit der Reaktion von Publikum und Kritik quält Sie nicht?

Nein. Selbstverständlich kann es immer schiefgehen. Wobei das Herausbringen des Filmes und die Reaktion der Öffentlichkeit nur ein ganz, ganz kleiner Teil der Arbeit ist, quasi die Spitze des Eisberges. Für mich weitaus interessanter ist der gesamte Abschnitt, der davor liegt: die Herstellung des Filmes. Der beschäftigt mich zwei Jahre, manchmal viel länger, wenn ich die Arbeit am Buch einrechne. Und das Herausbringen des Films passiert innerhalb von ein paar Tagen, manchmal ein paar Wochen, das ist eine sehr kurze Zeit im Verhältnis, und das kann so oder so ausgehen. Es kann einem auch mal ein Film misslingen. Dann ist es halt so. Dann muss man aufstehen, sich schütteln und weitermachen.

Hatten Sie von vornherein das Selbstbewusstsein, oder hat es sich mit den Erfolgen Ihrer Arbeit entwickelt?

Ich glaub, das ist eine normale Sicht auf die Dinge. Ich bin ja kein Roboter, der per se, indem er zur Kamera greift, irgendwelche großartigen Filme ausstößt. Auch ich habe schlechte Tage, genau wie meine Kollegen, und es läuft nicht immer alles gleich gut. Das ist ganz normal, bei jedem Menschen.

Insofern bin ich natürlich auf die Reaktion des Publikums gespannt – vor einer Premiere habe ich eiskalte Hände und bin total aufgeregt. Man will ja wissen, ob das, was man sich ausgedacht hat, auch funktioniert. Aber wie gesagt: Diesen Moment darf man nicht zu hoch setzen im Verhältnis zu all dem, was vorausgegangen ist.

Wenn ein Film fertig ist, beschäftige ich mich relativ schnell schon wieder mit dem nächsten.

Und dann sagen Sie auch nicht im Nachhinein, im Abstand von Monaten oder Jahren, das oder das hätte ich anders machen können oder sollen …?

Das kommt ständig vor, das ist der Dauerzustand.

Nach dem Drehen merkt man das schon beim Schnitt. Doch da kann man es auch nur begrenzt reparieren.

Jeder Film ist ein Spiegel der eigenen Unvollkommenheit zum Zeitpunkt seiner Entstehung, das ist einfach so. Es gibt nicht den perfekten Film.

Natürlich freue ich mich, wenn eine Arbeit gut ankommt. Ich freue mich auch, wenn ich Preise gewinne. Aber man muss sich nicht gleich total vergraben, wenn’s mal nicht klappt. Wir leben in einer Welt, wo wir alle immer besonders schön, reich und erfolgreich sein müssen, und das Scheitern gehört scheinbar nicht dazu. Das Scheitern ist aber ein Grundprinzip menschlichen Lebens. Danach steht man wieder auf und versucht, es besser zu machen. Es gibt von (Samuel) Beckett diesen schönen Satz »Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.« Das finde ich ein ganz gutes Motto fürs Filme machen. Und fürs Leben auch.

In einem Fernsehgespräch sagten Sie neulich, Sie könnten sich vorstellen, auch Werbefilmchen zu machen …

Na klar.

… für Bier beispielsweise. Aber nicht für »Bild« – das ist ja zu verstehen. Und auch nicht für Parteien. Warum?

Ich möchte mit dem Medium, mit dem ich vertraut bin, nicht die eine oder andere Richtung in Wahlkämpfen beeinflussen und der Öffentlichkeit eine bestimmte Partei empfehlen. Das müssen die Bürger schon selbst entscheiden. Wahlpropaganda sehe ich höchst ungern, Zeit von Wahlkampf ist häufig Zeit undifferenzierter Propaganda. Ich würde auch kein Mitglied in einer Partei werden, weil ich in meiner Arbeit genug Möglichkeiten habe, mich politisch zu äußern, und glücklicherweise damit auch gehört werde.

Was erwarten Sie von einer Partei, die sich links nennt?

Sinn für Gerechtigkeit. Auf jeden Fall nicht, dass sie sich dauernd in innerparteilichen Kontroversen zerfleischt. Das wäre sehr hilfreich und würde der gesamten Linken gut zu Gesicht stehen.

Wir müssen ja vielleicht mal darüber nachdenken, warum wir in Deutschland schon so lange keine linke Regierung mehr haben, sondern erst eine konservative und jetzt eine Große Koalition. Wenn die Parteien, die auf der linken Seite des politischen Spektrums stehen, in der Lage wären, miteinander zu kooperieren, könnte die Regierung vielleicht anders aussehen. Dass das nicht stattfindet, ist ein Trauerspiel. Wessen Schuld das ist, steht auf einem anderen Blatt.

Zu verschiedenen Anlässen, sehr bewegend auch auf der Gedenkveranstaltung für ihn, würdigten Sie Lothar Bisky als Glasnost-Perestroika-Rektor der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg und bedauerten, dass er in der Politik geblieben war.

Ich habe ihm immer geraten, er soll aus der Politik aussteigen.

Wen wollen Sie denn in der Politik sehen, wenn nicht solche integren Persönlichkeiten wie beispielsweise Bisky?

Es gibt Leute, die sind integer und vertragen das politische Geschäft besser.

Lothar hat der Politik sehr lange sehr viel gegeben. Dass er – in einer sehr schwierigen Situation der Partei – 2003 nochmal angetreten ist, hat ihm persönlich nicht gutgetan: in diesen elenden Grabenkämpfen sich zerreiben zu lassen. Ich habe miterlebt, wie er darunter gelitten hat. Irgendwann muss der Punkt sein, wo man sich fragt: Ist der politische Nutzen, den ich erzielen kann, noch angemessen im Verhältnis zu dem persönlichen Schaden, den ich nehme? Lothar tat mir ab einem bestimmten Punkt einfach leid. Ich habe mir gewünscht, dass er die Kraft gehabt hätte, vielleicht noch einmal etwas ganz anderes zu probieren. Oder dass er noch ein paar gute Jahre in dem wissenschaftlichen Bereich hätte verbringen können, in dem er sich so wohlfühlte. Es wäre schön gewesen.

Sie haben 2013 – im Rahmen eines größeren ARD-Vorhabens – eine Kohle-Baggerfrau in der Lausitz porträtiert. Eine junge, tatkräftige Frau, eine tolle Arbeiterin, die ihren Beruf liebt … Solcher Art Filme sind rar.

Arbeiter kommen in den Medien nicht mehr sehr häufig vor. Das finde ich sehr schade. Deswegen will ich, wenn ich eine Chance dazu habe, sie nutzen.

In meinen Filmen versuche ich, die Leute in Berufen arbeiten zu lassen, die sonst nicht so häufig auftauchen: In »Halt auf freier Strecke« arbeitet unser Protagonist im Paketverteilungszentrum, die Hauptdarstellerin ist Straßenbahnfahrerin. Das sind Berufe aus der Mitte der Gesellschaft, Milieus nicht ganz oben, nicht ganz unten, aber eigentlich die treibende Kraft. Deswegen erzähle ich gern von solchen Menschen.

Wer sind die Helden Ihres jüngsten Films?

Der Film entstand nach dem Roman von Clemens Meyer »Als wir träumten«. Das ist eine wilde Wende-/Nach-Wende-Geschichte, sie spielt in Leipzig und erzählt über diese Zeit unglaublich kraftvoll, mit einem ganz anderen Blickwinkel – nämlich endlich mal ohne Ideologie, ohne Stasi, ohne irgendwelche Verstrickungen. Es geht um eine Gruppe von Jungen, die die Zeit, in der die alten Regeln nicht mehr und die neuen noch nicht gelten, als Reich der Freiheit begreifen und die allen möglichen, im bürgerlicher Sinne, Unfug anstellen. Eine Zeit, wo Träume möglich sind. Eine sehr kraftvolle Zeit.

Was hat Sie an der Verfilmung ausgerechnet dieses Buches gereizt?

Ich mochte dessen Perspektive, und ich mochte, wie darüber erzählt wird, was passiert, wenn junge Leute quasi aus dem Nest kippen. Die DDR hatte durch die Jugendorganisation, durch die Ideologie auch einen gewissen Schutzraum geboten, der plötzlich mit einem Schlag wegbrach. Was dann passiert, davon erzählt diese Geschichte auf eine sehr anarchische Art.

Clemens (Meyer) ist ja ein sehr wilder junger Autor, Wolfgang Kohlhaase (83) hat das Drehbuch geschrieben. Auf eine schöne Art begegnen sich in diesem Film – mit mir – drei Generationen mit unterschiedlichen Perspektiven auf diese Zeit.

Wann können wir den Film sehen?

Im Februar wird im Wettbewerb der Berlinale die Weltpremiere stattfinden, am 26. Februar kommt der Film dann ins Kino.

Weil Sie die Wendezeit ansprachen: In dem Buch »Glücks Spiel. Gespräche« (von Hans-Dieter Schütt, erschienen 2013 im be.bra Verlag, Berlin) bezeichnen Sie die Wende als Bruch in Ihrer Biografie. Können Sie mit dem Unrechtsstaat-Begriff etwas anfangen?

Es hängt davon ab, wie man ihn anwendet. Meist ist es mir zu pauschal und zu einfach. Was heißt denn das konkret? Gibt es jetzt kein Unrecht mehr?

Sicherlich ist in der DDR viel Unrecht passiert, und dazu muss man sich verhalten. Da müssen viele Dinge aufgearbeitet werden. Aber nicht im Sinne von Urteilen oder Verurteilen, sondern im Sinne von Kommunikation, dass man anfängt, sich Geschichten zu erzählen und möglichst daraus lernt. Das einfache Aburteilen, wie oft das politisch gehandhabt wird, ist mir häufig zu schlicht. Ich finde wichtig, dass man sich differenziert mit Biografien von Menschen auseinandersetzt.

Und wenn man jemanden wie Lothar Bisky nimmt, um den Kreis zu schließen, könnte man der Einfachheit halber sagen, der war in der SED, also war er eine rote Socke und war beteiligt in der DDR an all dem Unrecht … Das ist natürlich hanebüchener Unsinn. Ich kenne sehr viele Leute, die in die SED gegangen sind, gerade weil sie die DDR reformieren wollten, weil sie dachten, von innen heraus, aus der Partei heraus wäre das einfacher. Dass sie dann häufig auf Parteidisziplin eingeschworen wurden, steht auf einem anderen Blatt. Aber so kompliziert sind die Dinge eben. Und darüber muss man reden.

Wie weit reicht Ihr Terminkalender voraus?

Für 2015 ist er gut gefüllt. Im Frühsommer habe ich eine Operninszenierung – »Arabella» von Richard Strauss an der Bayerischen Staatsoper – und im Herbst ein großes Filmprojekt, das ich schon seit vielen Jahren machen möchte und dessen Finanzierung momentan ganz gut aussieht: »Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen« nach James Krüss, ein Kinder-Familien-Film. Das ist kein ganz billiges Unternehmen, deswegen ist es auch nicht einfach, das zu finanzieren.

In welchen finanziellen Höhen schwebt ein solches Filmprojekt?

»Timm Thaler«: über sieben Millionen Euro.

Oh!

Ja, für meine Verhältnisse ist das extrem viel. Das muss man erst mal finanziert kriegen. Das sind nicht nur Fördermittel, da steckt eine Produktionsfirma auch eigenes Geld rein. Und dann muss man sich auch einigermaßen sicher fühlen, dass man das nicht verliert.

»Als wir träumten« war auch nicht ganz billig: viereinhalb Millionen Euro.

Was ist da so teuer, zumal das recht unbekannte junge Darsteller sind?

Ja, aber der Film ist komplett historisch – er spielt in den 80er, 90er Jahren. Ausstattung, Kostüme, jeder Komparse wird frisiert und angezogen. An einzelnen Drehtagen hatten wir 16 Maskenbildner und dazu Garderobe usw., hinzu kommt die Logistik, wir hatten 92 Rollen in dem Film, zig Drehorte … Und wenn ein Team in Halle/Leipzig dreht, muss es untergebracht werden. Man hat da schon einen beträchtlichen Aufwand.

Erst kommt einem das Geld sehr viel vor, wenn man jedoch dann am Drehort ist, merkt man häufig, es fehlt an jeder Ecke, weil man irgendwie sparen muss. Filme sind meist knapp kalkuliert, insbesondere in dem Bereich, wo ich arbeite. Da wird kein Geld zum Fenster rausgeworfen.

Ich verstehe aber, dass es für jeden Normalsterblichen – für mich persönlich auch – unvorstellbare Summen sind, mit denen man hantiert, und es sind ja Steuergelder dabei. Darüber darf ich nicht so viel nachdenken, das muss man beim Drehen ausblenden, sonst wird man wahnsinnig. Wenn man immer diese Last auf den Schultern spürt, kann man gar nicht arbeiten.

Und die »einfachsten« Arbeiter bekommen wenigstens Mindestlohn …?

Das ist ja Gesetz. In der Filmbranche wird es nicht so einfach werden, es umzusetzen. Seit diesem Jahr bedeutet es beispielsweise, dass die Kleindarsteller sehr viel besser bezahlt werden müssen, etwa ein Drittel mehr als bisher. Für »Timm Thaler« mit vielen Kleindarstellern machen wir gerade eine neue Kalkulation. Es kann sein, dass uns das die ganze Budgetplanung über den Haufen wirft. Das geht aber natürlich in Ordnung, Menschen sollen für ihre Arbeit gerecht bezahlt werden.

Ich arbeite mit Produktionsfirmen, die keine Halsabschneider sind. Bei uns haben selbst die Praktikanten Geld verdient und wurden nicht ausgebeutet.

Für knapp kalkulierte Filmprojekte ist die Mindestlohnregelung jedenfalls nicht einfach.

Sind Sie ein glücklicher Mensch?

Im Grund genommen ja. Ich habe keine Existenznot, ich lebe in einem Land, wo zumindest momentan und hoffentlich noch lange Frieden ist. Ich muss mir keine Sorgen um meine soziale Zukunft machen, und ich habe eine tolle Freundin. Meine Eltern sind in meiner Nähe.

Es gibt viele Dinge, die dafür sprechen, dass ich ein glücklicher Mensch bin. Das heißt nicht, dass ich jeden Morgen mit heiterstem Gemüt aus dem Bett springe.

Im Rahmen dieses Glücksgefühls gibt es immer auch Schwankungen, das ist ganz klar. Glück ohne Unglück existiert nicht. Die Empfindungen hat man ja nur im Kontrast. Deswegen kann ich auch ganz kleine Momente von Glück sehr wohl genießen, und wenn’s mir mal nicht so gut geht, kann man sich darauf freuen, dass es vielleicht demnächst wieder besser wird.

Haben Sie selbst mal geschauspielert?

Aus Spaß. Mein Kollege Dietrich Brüggemann besetzt mich immer mal wieder, auch in seinem neuen Film. Aber ich halte mich in dieser Hinsicht für extrem unbegabt. In meinen eigenen Filmen spiele ich ganz selten mit. Bei »Willenbrock« hatte ich zuletzt einen kleinen Auftritt, aber ohne Text. Meistens rennt man mehr so durchs Bild. Das ist eigentlich ein Jux, und ich besetze, falls irgendwie möglich, gern das ganze Team, die Kostümbildnerin, die Maskenbildnerin … Die sollen auch mal vor die Kamera. Das ist ganz schön, das hebt die Stimmung.

Interview: Stefan Richter, Antje Kind

Andreas Dresen, 51, Sohn der Schauspielerin Barbara Bachmann und des Theaterregisseurs Adolf Dresen. Regiestudium an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg (1986/91). Freier Autor und Regisseur. 2002 als juristischer Laie zum Verfassungsrichter im Land Brandenburg gewählt (auf Vorschlag der LINKEN).

Filme unter anderem: Nachtgestalten (1999), Die Polizistin (2000), Halbe Treppe (2002), Willenbrock (2005), Sommer vorm Balkon (2005), Wolke 9 (2008), Whisky mit Wodka (2009), Halt auf freier Strecke (2011).

Zahlreiche nationale und internationale Filmpreise.

Mitglied der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg, der Deutschen und der Europäischen Filmakademie.