Disput

Siebzigste Jahrestage

2015 – Gelegenheiten zum Erinnern und Nachdenken

Von Wolfgang Triebel

Die Würdigung historischer Ereignisse sagt etwas über das Traditionsbewusstsein derjenigen aus, die zur Erinnerung aufrufen. Politisch Linke wählen Jahrestage mit Bedeutung für die Zukunft der Menschheit. Angesichts einer durch Kriege aus den Fugen geratenen Welt erinnern wir unter anderem

  • an die Konferenz der Vereinten Nationen in San Franzisco vom 25. April bis 26. Juni 1945 mit der Verabschiedung der Charta der UNO;
  • an die Befreiung Deutschlands und Europas vom Hitlerfaschismus mit der Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst;
  • an die Potsdamer (Berliner) Konferenz der höchsten Repräsentanten der UdSSR, USA und Großbritanniens - vom 17. Juli bis 2. August 1945 mit der Unterzeichnung der Potsdamer Abkommen über die Verantwortung der drei Mächte für Nachkriegsdeutschland;
  • und nicht zuletzt an die ca. 250.000 Toten in Hiroshima und Nagasaki nach dem Abwurf amerikanischer Atombomben vor 70 Jahren am 6. und 9. August 1945, obgleich der Krieg mit Japan bereits entschieden war.

Alle diese Geschehnisse sind hundertfach untersucht. Ihr politischer Rang in der Geschichte der Welt, Europas und Deutschlands bleibt unbestreitbar. Auch vermeintlich neue Erkenntnisse aus bisher nicht zugänglichen Archiven werden daran nichts ändern. Dennoch mehren sich Umdeutungsversuche ihres politischen Inhalts. Heute über 80 Jahre alte Deutsche haben noch persönliche Erinnerungen an gesellschaftliche Turbulenzen 1945. Nach dem Zweiten Weltkrieg Geborene erfuhren über die einschneidenden Momente damals aus Büchern, von Eltern oder Großeltern mit oft ungleichen Beobachtungen und Einsichten.

Die Gründung der UNO vor siebzig Jahren erfordert Einblicke in ihre sehr lehrreiche Vorgeschichte. Obgleich schon vor 1939 Hitlers Kriegstreiberei erkannt war, verweigerten sich England und Frankreich einer Antihitlerkoalition mit der Sowjetunion. Erst im Oktober 1943 - in Paris flanierten SS und Wehrmacht über die Champs-Élysées, auf London fielen deutsche Bomben, und in Stalingrad hatte Hitlers Wehrmacht kapituliert - trafen sich in Moskau die Außenminister der UdSSR, Englands und der USA zur Koordinierung des Kampfes gegen Deutschland und der Eröffnung der zweiten Front im Westen. Stalins Rote Armee trieb die sieggewohnte Wehrmacht in Richtung Deutschland zurück. Das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 kündigte Deutschlands militärische Niederlage an. Die Gestaltung der Nachkriegsordnung stand auf der politischen Tagesordnung. Die USA, England und die UdSSR berieten im August/September 1944 in Dumberton Oaks bei Washington über die Gründung einer Organisation der Vereinten Nationen. Nachdem China und Frankreich als Mitbegründer gewonnen waren, luden die fünf alle 42 am Krieg gegen Deutschland beteiligten Staaten zum 25. April 1945 nach San Francisco ein. Hier war die Geburtsstunde der UNO. Sie sollte Kriege für immer aus dem Leben der Menschen verhindern. Noch tobte der Weltkrieg, seine Grausamkeit war alltäglich. Der Wille zum Frieden der befreiten Völker Europas und Asiens war ungebrochen. Die Charta der UNO wurde als grundlegendes demokratisches Völkerrecht begrüßt. Das deutsche Volk erfuhr davon erst nach dem Faschismus.

Im Vordergrund stand für die meisten Deutschen 1945 die Beendigung des Krieges. Viele waren besorgt, wie werden die Siegermächte das deutsche Volk die Nazi-Verbrechen an ihren Völkern vergelten. Für die von deutscher Besetzung erlösten Länder Europas und die Überlebenden der Konzentrationslager und Zuchthäuser war das Kriegsende am 8. Mai 1945 die Befreiung vom Hitlerfaschismus. Diese Wertung fiel manchen Deutschen noch Jahrzehnte später schwer, unterschiedlich in den vier Besatzungszonen bzw. in BRD und DDR.

Am 17. Juli 1945 trafen sich im Schloss Cecilienhof in Potsdam Josef Stalin, Winston Churchill und Harry Truman, um nach Kapitulation der Wehrmacht und Auflösung der deutschen Regierung für die Dauer der Besetzung Deutschlands »über das Kontrollsystem in Deutschland« zu beraten. Während im Februar 1945, ebenfalls vor 70 Jahren, Roosevelt, Churchill und Stalin auf ihrer Krimkonferenz noch über angloamerikanische Vorschläge zur Aufteilung Deutschlands diskutierten, standen sie in Potsdam nicht mehr zur Debatte. »Die höchste Regierungsgewalt in Deutschland« übten die Oberkommandierenden der Drei und Frankreichs als Mitglieder des Kontrollrates aus, »jeder in seiner Besatzungszone nach den Leitsätzen seiner entsprechenden Regierung, sowie gemeinsam in den ganz Deutschland betreffenden Fragen ...«[1] Die USA legten zuerst einen Entwurf über die Entwaffnung Deutschlands, die Auflösung aller Streitkräfte, das Verbot der Nazipartei, die Aufhebung aller Nazigesetze, die Bestrafung der Kriegsverbrecher usw. vor. Darüber war relativ schnell Einigkeit erzielt. Zur Umsetzung der politischen und wirtschaftlichen Grundsätze bedurfte es in allen vier Zonen der Mithilfe der deutschen Verwaltungsorgane. Heute staunen manche Bürgerinnen und Bürger Westdeutschlands, wie viele belastete Nazis mit zweifelhaften Entnazifizierungen in ihren Ämtern blieben und ab 1950 in Bundesministerien und Länderverwaltungen bis zur Rente überlebten - im Widerspruch zu den Potsdamer Beschlüssen. Im Osten wurden Nazibeamte durch Antifaschisten oder Emigranten ersetzt. Übernommene politische Indoktrination, Angst vor sozialistischen Reformen und Antisowjetismus beförderten unterschiedliche Auslegungen der Beschlüsse von Potsdam. Dieses Abkommen wird von den westlichen Unterzeichnern kaum noch erwähnt. Die Adenauer-Regierung hat es von Anfang an abgelehnt. Warum? Die UdSSR, ihre Rote Armee und Stalin waren weltweit als Träger der Hauptlast bei der Zerschlagung Nazideutschlands anerkannt. Churchill schrieb: »Hinter dem Donner der russischen Kampffront erhob der Kommunismus sein Haupt. Russland war der Befreier und Kommunismus das Credo …«[2] Kommunistischen Einfluss auf westliches Nachkriegseuropa zu verhindern, war nach Potsdam Ziel der Westmächte: Sowjetunion raus aus Europa, USA rein und Deutschland unter Kontrolle, lautete ein Slogan jener Zeit - nur damals?

Der 6. und 9. August 1945 sind, wie seitdem in allen Jahren, auch 2015 weltweit Tage der Mahnung an alle Völker und Regierungen, Massenmorde durch Atomwaffen wie in Hiroshima und Nagasaki zu verhindern. Robert Oppenheimer, Chefkonstrukteur der US-Atombomben, Albert Einstein und 150 weitere US-Atomwissenschaftler hatten vor dem Abwurf gewarnt. Oppenheimer schrieb an Truman: »Wir glauben, Sicherheit dieses Landes … wird es nur geben, wenn zukünftige Kriege unmöglich gemacht werden.«[3]

Wie werden sich in der Bundesrepublik Verantwortung tragende Politikerinnen und Politiker zur siebzigsten Wiederkehr dieser historischen Ereignisse äußern, besonders diejenigen, die im Jahre 2014 auf Geheiß US-amerikanischer Weltmachtträume nach mehr militärischer deutscher Präsenz riefen?

Anmerkungen

[1] Mitteilung über die Berliner Konferenz der Drei Mächte. SWA-Verlag Berlin 1948, Sammelhaft 1, S. 8, Abschn. A. Politische Grundsätze 1. Alle folgenden Zitate aus dem Potsdamer Abkommen aus SWA-Vlg. Heft 1.

[2] Winston S. Churchill: Der Zweite Weltkrieg, 4. Aufl. Fischer Frankfurt/M. 2008, S. 988.

[3] Kai Bird/Martin J. Sherwin: J. Robert Oppenheimer. Eine Biographie. Berlin 2009, S. 312/313.