Disput

Wie ein großer Haken

Eindrücke in Dakar (Senegal)

Von Katrin Voss

Wo fliegst du hin? Nach Dakar? Wo liegt das denn überhaupt? Aha, die Hauptstadt von Senegal … Ach in Westafrika liegt das, erzähl mal, wie ist es denn da so!

Bei grauem Winterwetter erscheint Dakar in den Erinnerungen noch heller, wärmer und freundlicher. Immerhin liegt es südlich des nördlichen Wendekreises und hat derzeit sommerliche Temperaturen um die 25 Grad.

Dakar ragt wie ein großer Haken in den Atlantischen Ozean und ist somit fast komplett von Wasser umgeben. Mit 2,5 Millionen Einwohnern ist Dakar eine moderne Großstadt und gilt durch die besondere geostrategische Lage als das Drehkreuz Westafrikas. Über einen großen Hafen, in dem riesige Containerschiffe ent- und beladen werden, wird ein Großteil der Handelsgüter Westafrikas ausgetauscht.

Die Stadt ist geprägt durch den Einfluss französischer Kolonialisten, inzwischen aber zu einem großen Handelszentrum angewachsen, in dem sich Vertreterinnen und Vertreter aus aller Welt angesiedelt haben. Dies hat die Infrastruktur der Stadt entscheidend beeinflusst. Es gibt eine Vielzahl an größeren und kleineren Supermärkten, in denen fast ausschließlich importierte Produkte, vorwiegend aus Frankreich, verkauft werden. An den ausgebauten Uferpromenaden findet sich eine Vielzahl idyllischer Restaurants und Bars, in den sich jedoch nur wenige Senegalesen einen Besuch leisten können.

In der Altstadt, einem Gemisch aus alten Kolonialbauten, modernen Hochhäusern und einem bunten Gedränge auf Märkten und von verschiedenen Verkaufsständen, sind die Straßen noch eng und es herrscht ein buntes Treiben. Bei der neueren Stadtplanung Dakars wurde ein größeres Verkehrsaufkommen berücksichtigt, außerhalb des alten Stadtkerns entstanden große breite Straßen. Insbesondere die Fahrt nach oder aus Dakar kann in langen Staus enden.

Wie die meisten afrikanischen Großstädte hat Dakar keinen ausgebauten öffentlichen Personennahverkehr. Wer es sich leisten kann, fährt mit dem eigenen Auto oder einem Taxi. Wer sich das nicht leisten kann, also die Mehrheit der Bevölkerung, benutzt die Ndiaga Ndiaye. Das sind abgasstarke Minibusse mit dem Charme der Peugeots der 50er Jahre. Sie sind scheinbar nie überladen und haben immer noch einen Platz frei, sodass sie ständig um eine Mitfahrt werben. Wer sonst Sachen zu transportieren hat, nutzt die einachsigen Pferdegespanne, die versuchen, sich in den Verkehr einzureihen.

Die Schere zwischen arm und reich ist auffallend groß und prägt ebenfalls das Stadtbild. Familien, die über ausreichend Geld verfügen, wohnen in eigenen Häusern oder beziehen komfortable Wohnungen in modernen Anlagen. Die wenigen noch brach liegenden Baulücken werden von denen genutzt, die sich den Luxus einer Unterkunft nicht leisten können. Ganze Familienverbände leben in notdürftig zusammengezimmerten Behausungen aus Wellblechresten und anderen Materialien. Es gibt keinen direkten Zugang zu Trinkwasser und anderen sanitären Einrichtungen. Oft wird versucht, auch innerstädtisch mit der Haltung von Hühnern, Schafen, Kühen oder auch Pferden das Überleben zu sichern. Beim Anblick der Pferde kommt einem unmittelbar Brechts »O du Falada, da du hangest« in den Sinn.

Dakars Flughafen liegt noch mitten in der Stadt. Längst ist ein neuer Flughafen außerhalb des Zentrums geplant, und die Eröffnung sollte bereits in der Vergangenheit liegen. Die Ähnlichkeiten zu anderen Flughäfen anderer Hauptstädte drängen sich förmlich auf.

Die insgesamt strategisch günstige Lage Dakars ist seit Langem bekannt und wurde entsprechend genutzt. Eine wichtige Rolle in der Geschichte der Region spielt die vorgelagerte Insel Gorée. Sie galt als eines der wichtigsten Handelszentren in der Zeit des Sklavenhandels. Noch heute können die Häuser besichtigt werden, in den die Sklavinnen und Sklaven unter unmenschlichsten Bedingungen gefangen gehalten wurden. Sie wurden auf engstem Raum zusammengepfercht, ausgehungert und demoralisiert, um Meutereien auf den längeren Überfahrten nach Amerika oder Europa zu verhindern.

Gleichzeitig diente Gorée als Quarantänestation. Reisende von und nach Dakar mussten dort für eine gewisse Zeit bleiben, um die mögliche Einschleppung von Krankheiten zu verhindern. Das ehemalige Hospital, obwohl inzwischen stark zerfallen, ist noch heute bewohnt. Mit ihrem kolonialen Charme, vor allem aber wegen der vielen Künstler, die sich auf Gorée niedergelassen haben und ihre Werke zum Verkauf anbieten, ist Gorée ein beliebtes Ausflugsziel.

Eines der neuesten Wahrzeichen Dakars ist die 2010 von Nordkoreanern gebaute Bronzestatue »Wiedergeburt Afrikas«. Dieses auf einem Hügel platzierte und weithin sichtbare Zeichen der Macht des von 2000 bis 2012 regierenden Staatspräsidenten Abdoulaye Wade wirkt wie aus der Zeit gefallen. Die Statue mit ihren insgesamt 49 Metern Höhe ist größer als die Freiheitsstatue in New York und erinnert an russische Denkmäler der 50er Jahre. Das Monument besteht aus drei Figuren: im Zentrum ein kräftiger Mann, der ein Kind auf dem linken Arm hält. Das Kind scheint auf einen fernen Punkt zu weisen, was wohl als Blick in die blühende Zukunft Senegals interpretiert werden kann. Im anderen Arm des Mannes ist eine nur spärlich bekleidete Frau, die wiederum keinen Blick für die Zukunft zu haben scheint, sondern bewundernd zum Mann aufblickt. Die dargestellten Figuren wirken so wenig afrikanisch, wie nordkoreanische Denkmäler nur wirken können, und so ahistorisch, dass man kaum glauben mag, dass dieses Monument erst vier Jahre alt sein soll.

Während des Baus gab es massive Proteste aus der Bevölkerung. Es war zu deutlich, dass Wade sich ein Denkmal setzen wollte und dies mit Mitteln aus dem Staatshaushalt finanzierte. Gleichzeitig heißt es, dass es Wade nicht versäumt hat, sich an eventuellen Gewinnen zu beteiligen. Der Hut des Mannes in der Figurengruppe dient als Aussichtsplattform, die gegen eine nicht geringe Gebühr besucht werden kann. Gewinnanteile an diesen Gebühren soll sich Wade gesichert haben. Viel kann dieses Monument allerdings nicht abwerfen: Der Zuspruch in der senegalesischen Bevölkerung ist eher gering. Aus den Statistiken geht hervor, dass weniger als sieben Prozent der jährlichen Besucher/innen Senegalesinnen und Senegalesen sind. Dakar schmückt sich nun also mit einem Riesenmonument, das im Volksmund eher »Flucht aus Afrika« genannt wird.