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Anders

Die LINKE-Kampagne zur Bürgerschaftswahl in Hamburg

Von Volker Ludwig

Was müssen politische Plakate leisten? Sie sollen verständlich in der Botschaft sein. Ihr Absender muss eindeutig zuzuordnen und sie müssen von den Plakaten der anderen Parteien klar zu unterscheiden sein. Für DIE LINKE kommt noch eine weitere Herausforderung hinzu. Im Vergleich zur Konkurrenz stehen ihr für die meisten Kampagnen geringere finanzielle Mittel und somit weniger Plakate und Großflächen zur Verfügung. Zum Vergleich: Bei der vergangenen Bundestagswahl hatte die SPD mehr als 23 Millionen Euro zur Verfügung. Die CDU hat 20 Millionen Euro ausgegeben, die Grünen immerhin 5,5 Millionen Euro. Bei der LINKEN war das Budget schmaler - 4,5 Millionen Euro konnten in Plakate, Handzettel und Co. investiert werden.

Die Werbemittel der LINKEN müssen deshalb um jeden Preis auffallen. Das eine Wahlplakat der LINKEN muss unter zwanzig anderen und dem sonstigen Werbeumfeld hervorstechen. Wir Werber sagen: »Sie müssen knallen!«, denn mit Masse kann DIE LINKE mit den anderen Parteien nicht mithalten. Mit Klasse aber schon - wenn das Erscheinungsbild ordentlich umgesetzt ist.

Seit der Gründung der Partei setzten die Kreativen in unserer Agenturgemeinschaft DiG|Trialon deshalb auf starke Typoplakate in kontrastreichen Farben. Das ließe sich bis in alle Ewigkeit so fortführen, würde auf Dauer aber langweilig werden. Wählerinnen und Wähler bekämen den Eindruck, dass DIE LINKE die Plakate vom vorigen Wahlkampf wieder aufstellen würde. Für die Medien wäre das ein dankbarer Anlass für Scherze auf Kosten der Partei.

Darum gilt es, die Gratwanderung zwischen Erneuerung und Wiedererkennbarkeit zu meistern und die Marke, die wir seit 2005 geschaffen haben, behutsam und beständig weiterzuentwickeln. Deshalb lautet unsere selbst gestellte Anforderung an jede Kampagne: Wir müssen anders sein als alle Anderen und anders, als alle Anderen erwarten.

Zur Bürgerschaftswahl am 15. Februar in Hamburg haben wir genau das getan und für DIE LINKE eine Gestaltungslinie entwickelt, die in einer Hinsicht überrascht: Plötzlich kommt DIE LINKE mit vollflächigen Fotos daher. Doch statt einer Flut bunter Bildchen, Witzchen und Fisimatenten gibt es Klarheit in Form und Botschaft, die sich wohltuend unterscheidet. Die kontrastreichen Motive spiegeln Hamburg in seiner ganzen Widersprüchlichkeit. Sie zeigen das Öffentliche und das Offensichtliche, Schwarzweiß und ohne Schnörkel - ob Schützenpanzerwagen, die im Hamburger Hafen verladen werden, privatisierte Kliniken oder Stadtteile, deren soziale Durchmischung durch Mietspekulation bedroht ist. Die Kampagne zeigt aber auch, wie vielfältig Menschen ihren Protest gegen soziale Missstände artikulieren. An der Spitze eine Kandidatin, die einfach »Mehr Menschlichkeit« fordert: Dora Heyenn.

Bei den Plakaten muss sich niemand etwas hinzudenken. Sie sind, was sie sein sollen: plakativ, emotional, fordernd, rebellisch. In ihrer Tonalität entsprechen sie den politischen Erwartungen von Wählerinnen und Wählern an DIE LINKE: dranzubleiben und den Finger immer wieder in die Wunde zu legen, Druck zu machen, gute Ideen zu haben, hin und wieder auch radikaler, kompromissloser als die anderen Parteien zu sein. Vor allem, wenn es um Themen der sozialen Gerechtigkeit und des Friedens geht. Denn das ist der Kern linker Politik. DIE LINKE sagt laut und deutlich was sie für richtig und wichtig hält. Aber sie macht kein Geschrei. Sie artikuliert unnachgiebig die Interessen derer, die kein Gehör finden würden. Denn das ist ihre Funktion.

Volker Ludwig ist Geschäftsführer der DiG/Plus GmbH.