Disput

Das Dienstleistungszentrum

Interview mit Petra Sitte, Erste Parlamentarische Geschäftsführerin der Bundestagsfraktion

Bei einer Befragung konnten 54 Prozent nicht sagen, wer im Bundestag die Opposition ist. Sind wir denn als Opposition so schlecht?

Das Ergebnis macht den Zustand der politischen Bildung in der Bevölkerung deutlich und deckt sich in Teilen auch mit meiner Wahrnehmung, gerade bei Jugendlichen: Es gibt leider eine große allgemeine politische Unkenntnis, von Namen ganz zu schweigen.

Wer ist schuld? Die Betreffenden?

Nein. Ich finde, sowohl als auch. Zum einen ist die Politik selbst in ihrer gesamten Präsenz dafür verantwortlich. Zum anderen lässt es auch tief auf das Thema politische Bildung blicken – im schulischen Bereich, bei Jugendlichen wie Studierenden, aber auch bei Ottilie Normalbürgerin später im Alltag.

Was hat eine Erste Parlamentarische Geschäftsführerin zu tun, wofür trägst du die Verantwortung?

Bei jeder Bundestagsfraktion gilt: Die Parlamentarischen Geschäftsführer/innen haben Fragen, die mit dem Ablauf des Bundestages verbunden sind, abzustimmen und im Einzelnen dann auch vorzubereiten. Und darüber hinaus gibt es in den entsprechenden Gremien des Ältestenrates – er ist sozusagen nur der »Blubb« auf dem Spinat – noch eine ganze Reihe weiterer Kommissionen, Gremien und Ausschüsse, die sich mit der Umsetzung parlamentarischer Angelegenheiten im Bundestag beschäftigen. Zum Beispiel: Rechtsstellungskommission, Geschäftsordnungsausschuss, Wahlprüfungsausschuss, Immunitätsausschuss.

In unserer Fraktion bin ich gleichzeitig mit verantwortlich für Personal und Finanzen. Nicht im dem Sinne, an einem Punkt Einfluss zu konzentrieren, sondern um die Ressourcen der Fraktion mit ihrem politischen Wirken zusammenzubringen – damit an einer Stelle die Fäden zusammenlaufen und wir durch die Gremien (Fraktionsvorstand, Fraktionsversammlung, Finanz- und Personalvorstand) absichern, was wir uns effektiverweise leisten können. Sowohl aus der Sicht der Menschen, die hier arbeiten und ihr Knowhow einbringen, die parlamentarische Arbeit im engeren Sinne inhaltlich unterfüttern, als auch weit über den Bundestag hinaus wirken.

Du hast also sowohl die allgemeinen Abläufe im Bundestag im Blick als auch die personellen, finanziellen und anderen Möglichkeiten der Fraktion …

Ich bin Ansprechpartnerin, gemeinsam mit Volker Schneider, der das auf der Mitarbeiterebene macht, für Abgeordnete, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, für Beschäftigte des Bundestages, soweit sie mit uns zusammenarbeiten müssen.

Wir sind für die Fraktion sozusagen das Dienstleistungszentrum. Nicht nur gegenüber der Bundestagsverwaltung versuchen wir unsere Fraktion so zu vertreten, dass wir optimal arbeitsfähig sind. Aber auch in unsere eigene Fraktion hinein wollen wir unsere Arbeit im Dialog gestalten, was nicht immer gelingt. Ich glaube aber, dass im vergangenen Jahr an dem Punkt eine offenere Kultur eingetreten ist.

Kontakte halte ich zu Verbänden und Organisationen. Vor euch hatte ich »Lobbycontrol« zu Gast, weil wir eine Reihe von Anträgen gestellt haben, die die parlamentarische Arbeit gegenüber der gesellschaftlichen Öffentlichkeit transparenter machen sollen, auch die Abgeordneten in ihrem Wirken.

Gelegentlich vertrete ich die Fraktion gegenüber den Medien. Ganz wichtig ist für uns als Oppositionsfraktion, wie wir unter den Bedingungen einer übergroßen Regierungsmehrheit dafür sorgen, in der Berichterstattung vorzukommen. Wir haben keine Minister, wir haben keine Ministerien, wir müssen sozusagen alles aus uns selbst heraus initiieren und so schnell wie möglich reagieren.

Könnte man dich als Cheforganisatorin bezeichnen?

In einem Unternehmen würde man trocken Manager sagen.

Das stößt dich nicht ab?

Nein. So wie in einem Unternehmen der Geschäftsführer, die Geschäftsführerin am detailgetreuesten Auskunft geben kann über die Geschehnisse, so ist das eben auch hier.

Du hast die Aufgabe nach der Bundestagswahl 2013 übernommen. Mit welchem Ziel, was hast du dir vorgenommen, wie wolltest du das »Tagesgeschäft« leiten?

Ich hatte damals klar gesagt, dass ich sowohl als Interessenvertreterin der Fraktion nach außen als auch als Ansprechpartnerin für alle in der Fraktion zur Verfügung stehen will, möglichst frühzeitig. Das ist extrem wichtig für das Arbeitsklima in der Fraktion, und das soll produktiv und konstruktiv sein.

Es gibt in der Fraktion mehrere Arbeitskreise, mehrere Bereiche. Und den Brückenschlag, die Vernetzung so zu optimieren, dass das zu einem kleinen »Gesamtkunstwerk« wird, das sich im positiven Sinne gegenseitig vorantreibt, das ist ganz sicher Aufgabe einer klugen Geschäftsführung, um daraus neue Ideen ableiten zu können.

Wie wirkt es sich aus, dass DIE LINKE zwar im Osten mit über 20 Prozent als Volkspartei wahrgenommen wird, im Bundestag aber nur mit gut acht Prozent vertreten ist?

Es ist extrem schwer, in der Breite zu arbeiten. Demzufolge gibt es immer auch Bereiche, die von uns mit bearbeitet werden müssen, aber nie so in der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen. Und da müssen wir uns als LINKE eine neue Öffentlichkeit in den entsprechenden Fachgremien, Organisationen und Verbänden schaffen, die dann – im besten Fall – als Multiplikator gegenüber ihrer Mitgliedschaft wirken mit der Grundbotschaft: DIE LINKE weiß Bescheid, sie beschäftigt sich mit den Themen.

Und dann gibt es die klassischen großen Themen, die von uns auch öffentlich wahrnehmbar und aufgenommen von den Medien mitbearbeitet werden: prekäre Beschäftigung, Friedenspolitik, Wirtschaft … Wobei ich für mich als Formel entwickelt habe: Die soziale Frage »lauert« überall.

Wie ist der Stand zwischen deinem Anspruch an deine Tätigkeit und der Wirklichkeit?

Eine neue Kultur braucht Zeit und braucht Überzeugungstätigkeit. Das geht nicht einfach auf der Basis eines Beschlusses, indem man einen Schalter umlegt. Schließlich haben wir 64 Abgeordnete und etwa 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dazu kommen noch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Abgeordneten.

Wir wirken als eine kleine Fraktion unter den Bedingungen einer übergroßen Koalition, es ist ja die größte Große Koalition in der Geschichte der Bundesrepublik.

Wir müssen alles quasi in Eigenleistung machen. Deshalb ist weder unser Personalhaushalt beliebig aufstockbar noch können wir rein politische Arbeit finanzieren. Wir müssen da immer einen Ausgleich finden.

Positiv niedergeschlagen hat sich für DIE LINKE, dass wir Oppositionsführerin sind. Das heißt wir haben spürbar mehr Nachfragen von Seiten der Medien.

Die Zusammenarbeit mit der linken Europafraktion – die Sicherung der Informationsflüsse – ist eine weitere Aufgabe. Wir wollen das Wissen der EU-Ebene für die Arbeit im Bundestag aufnehmen und umgekehrt. Das ist umso wichtiger, als es kaum ein politisches Feld gibt, in dem nicht automatisch die EU mitgedacht werden muss.

Ein Schwerpunkt müsste die Auseinandersetzung mit TTIP sein.

Die Phase des In-Überschriften-Diskutierens ist vorbei. Jetzt muss TTIP in seiner Grundstruktur aufgelöst werden. Und wir müssen als LINKE die einzelnen Bereiche in die Diskussion bringen. Eine herausgehobene, mit unserer Europafraktion abgestimmte Debatte war die zu den Schiedsgerichten. In den anderen Bereichen insbesondere mit Blick auf soziale und ökologische Standards wird das weitergehen.

Wer kennt denn inzwischen den Vertragstext?

Eine englische Fassung ist zugänglich im Europaparlament, geheim in einem entsprechenden Lesesaal. Und es gibt mittlerweile, nachdem man sich geziert hat, diese Möglichkeit auch für Bundestagsabgeordnete.

Die Frage der Zugänglichkeit ist ein klassisches Beispiel dafür, wie gesellschaftliche und mediale Öffentlichkeit und parlamentarische Opposition zusammengehen können. Man hat über Bande gespielt: Journalisten haben Interesse an den Informationen, wir haben Interesse daran, dass es öffentlich wird, und wollen aus dieser Öffentlichkeit politischen Druck auf die Regierung aufbauen. Das ist ein Weg, um die Koalition zu bewegen, sie mit Informationen politisch unter Druck zu setzen. Das versuchen wir, sehr intensiv zu betreiben – beispielsweise über Kleine Anfragen und Anhörungen sowie Fachgespräche und Konferenzen. Bisweilen werden wir von Organisationen und Verbänden gebeten, zu einzelnen Politikfeldern Kleine Anfragen zu stellen oder wir nutzen die Fragestunde der Bundesregierung. Das funktioniert ziemlich gut.

Welche Höhepunkte des Fraktionswirkens gab es 2014?

Wir sind in Tritt gekommen. Wir haben eine Reihe von richtig guten Anträgen und Debatten im Bundestag gehabt, gerade im Sozial- und Wohnungsbereich, zu prekärer Beschäftigung, zu Hartz IV, zur Rentenproblematik, zu TTIP. Da sind wir gut in den Medien abgebildet worden.

Worum geht es in diesem Jahr (2015) vor allem?

Wir müssen diese Schwerpunkt vertiefen und zu dem Punkt kommen, uns auf die nächste Bundestagswahl 2017 auszurichten: Wer soll uns weshalb wählen? Von unten gedacht, aus der Sicht der Bürgerin oder des Bürgers, müssen wir die einzelnen Themen nochmal überprüfen.

Die Fraktionsklausur am 19. und 20. Januar ist dabei wichtig. Ein Schwerpunkt werden gute Löhne und sichere Arbeitsplätze sein, denn es gibt weiterhin prekäre Beschäftigung, auch in Bereichen, in denen man es seitens der gesellschaftlichen Öffentlichkeit überhaupt nicht wahrnimmt: massiv im Wissenschaftsbereich, im Hochschulbereich, tausende Lehrbeauftragte werden weit unter Mindestlohn bezahlt.

Wir haben auch weiter die Frage der gerechten Verteilung von Einkommen und Vermögen zu bearbeiten. In den Mittelpunkt wird sich das Thema Altersarmut schieben. Ich merke das in meinen Sprechstunden, zu denen mehr und mehr einsame Menschen kommen, die »bloß« schwatzen und ein bisschen ihr Herz ausschütten wollen. Dar Das rührt mich an, das find ich traurig. Altersarmut versteckt sich nämlich, die meisten Leute sitzen dann einfach nur zu Hause, viele von ihnen können sich auch nicht mehr so gut bewegen. Wir werden im Osten insbesondere mit Blick auf die Nachwendejahre eine massive Altersarmut haben. Das kann bis zu einem Drittel der Rentnerinnen und Rentner betreffen, weil ihre Erwerbsbiografien unterbrochen waren und sie nicht auf 45 Beitragsjahre kommen. Und dann liegt die Rente automatisch schon unter der Grundsicherung.

Kinderarmut ist ebenfalls ein drängendes Problem. Ein Beispiel: Das Kind einer meiner Mitstreiterinnen geht in eine Klasse, in der über 70 Prozent der Eltern Sozialgeldempfänger sind und die Kinder dann auch. In meinem Wahlkreis haben wir gutbürgerliche Stadtteile, da liegt der Anteil von Sozialgeldbeziehenden bei drei Prozent. Und wir haben Stadtteile, da geht es hoch bis 70 Prozent. Da sind Kinder wirklich in Armut geboren.

Bezahlbare Energie, bezahlbarer Wohnraum wird zu einer existenziellen Frage. Wir hatten 2014 rund 345.000 Stromabschaltungen – sogar an die 700.000 waren angedroht! Im Durchschnitt liegt die offene Rechnung bei 105 Euro. Ganz schlimm: Es betrifft vor allem Alleinerziehende.

Ein klassischer Schwerpunkt der Fraktion: die Macht von Banken und Finanzmärkten. Und selbstverständlich die Rolle Deutschlands in der Welt, unsere Verantwortung für eine friedlichere Außenpolitik. Das bleiben unsere Schwerpunkte. Und da wir die »Weltformel« noch nicht erfunden haben, werden wir natürlich in jedem Bereich versuchen, keine populistischen, aber schlüssige, nachvollziehbare Argumentationen zu entwickeln – und Überschriften, von denen die Leute sagen: Ach, das ist von der LINKEN.

Ihr seid ziemlich verschieden zusammengesetzt: regional, altersmäßig, mit unterschiedlichen politischen Erfahrungen und Interessen. Wie schwer ist es, den gemeinsamen Nenner zu finden und zu bewahren?

Diese Aufgabe steht permanent. Es gibt politische Bereiche, da funktioniert das super, da gibt es kaum Konflikte, eher mal in der Frage, wie weit man mit seinen Vorstellungen geht.

Ich bin immer eine Vertreterin derer gewesen, die gesagt haben, wir können nicht nur in Überschriften denken, wir müssen glaubwürdig vermitteln können, dass unsere Forderungen und Vorschläge auch umsetzbar sind. Wir wollen nicht bei den klassischen Oppositionsaufgaben Kontrolle und Kritik der Regierung stehenbleiben, sondern wir wollen uns auch auf eigene Vorschläge konzentrieren. Das ergibt einen Dreiklang.

Da ist es im sozialen Bereich weniger anstrengend, schwieriger ist es im Bereich Außenpolitik. Und was die Forderungstiefe anbetrifft, ist noch viel nachzuarbeiten. Mich hat immer geärgert: Der Bundeswehreinsatz in Afghanistan hat dreizehn Jahre gedauert, und wir haben es dreizehn Jahre nicht geschafft, aus einer linken Perspektive ein Konzept zu einem friedlichen Konfliktmanagement vorzulegen. Ich finde, so etwas ist notwendig. Wir können nicht nur die Forderung stellen, sondern müssen auch konkret vorschlagen, wie wir uns die Umsetzung vorstellen.

Oder: Wenn wir ein Verbot der Rüstungsexporte fordern, bedeutet das eine Riesen-Konversionsaufgabe. Ich muss ja mit den Beschäftigten in diesem Bereich – im engeren Sinne etwa 80.000 – über eine Beschäftigungsperspektive reden. Deshalb ist es für uns notwendig, gemeinsam mit dem Unternehmensvertretern und den Gewerkschaften Konzepte zu entwickeln, wie zivile Bereiche in den Unternehmen gestärkt werden können.

Es fehlt eine Gesamtkonzeption.

Ab wann werden wir daran arbeiten?

Wir sind dabei, kann ich jetzt glücklicherweise sagen. Katrin Kunert hat damit angefangen; da ist unlängst ein Antrag im Bundestag gestellt worden. Im Bereich Außenpolitik hängt es mit den gesamten Debatten zur Rolle der UNO zusammen; sie sind noch im Fluss. Erste Abgeordnete haben die von Oskar Lafontaine stammende Forderung des Parteiprogramms zum Willy-Brandt-Korps, eines zivilen Hilfskorps für internationale Katastrophenhilfe, aufgegriffen. Da gibt es erste Überlegungen, dort anzusetzen und den Vorschlag zu profilieren.

Was verstehst du unter lebendiger Demokratie? Kann in einer kapitalistischen Gesellschaft überhaupt Demokratie herrschen?

Gute Frage. Ich finde, Demokratie ist auch in kapitalistischen Verhältnissen möglich. Manchmal ist ja die Grenze fließend: Es gibt Bereiche im Kapitalismus, ob im Bildungsbereich oder im Sozialbereich, die in freien Trägerschaften sind oder in Rechtsformen im genossenschaftlichen Bereich – das sind durchaus Eigentumsformen, die bei einer geänderten Gesellschaftsordnung ebenso existieren würden. Darüber hinaus gibt es öffentliche Güter, um deren Ressourcen immer konkurriert wird – sowohl in Zeiten des Kapitalismus als auch zu Zeiten des Sozialismus. Das Grundproblem beim Kapitalismus ist, dass es sich dort verschärft, weil Ressourcen bzw. die Gesamtverteilung ungerecht sind plus unanständiges und ungerechtes Steuersystem.

Vor dem Hintergrund hast du demokratische Möglichkeiten im Kapitalismus, aber du brauchst sie in jedem Fall im Sozialismus.

Für uns ist ja der Bundestag nicht das Ziel unserer Bemühungen, sondern er ist die Plattform, von der aus wir versuchen, in die Gesellschaft hinein zu wirken.

Und lebendig heißt: permanenter Austausch, transparente Debatten im Bundestag, in den Ausschüssen, in der Gesellschaft frühzeitig aufklären über Vorhaben und Ziele, heißt, den Bundestag von außen zugänglich machen, sodass Bürgerinnen und Bürger unkompliziert hierherkommen, an den Debatten teilnehmen, dass es eine Liveübertragung nicht nur bei Phoenix gibt, man kann ja auch streamen, dass es Aufzeichnungen von den Debatten gibt.

Wir wollen Öffentlichkeit der Ausschüsse. Wir wollen Transparenzregeln für Abgeordnete prüfen, ob die 2013 geänderten Regeln geeignet sind. Und wir wollen – das ist die neueste Initiative, die wir gemeinsam mit den Grünen gemacht haben – die Befragung der Bundesregierung etwas lebendiger gestalten.

Insgesamt müssen die Verhältnisse zwischen Parlament, Regierung und Wirtschaft aufgelöst, muss das gesamte Lobbyistensystem aufgelöst werden im Sinne von Transparentmachen. Interessen und ihre Vertretung müssen öffentlich und inhaltlich nachvollziehbar werden.

Du forderst sehr deutlich ein Lobbyregister.

Das gibt es schon in mehreren Ländern, in unterschiedlicher Qualität: in Kanada, den USA, auf EU-Ebene.

Dass sich Politik immer mit unterschiedlichen Interessen auseinandersetzen muss und diese Interessen auch durch Vertreter artikuliert werden, ist völlig normal. In dem Sinne ist eine Gewerkschaft – im positiven Sinne – auch eine Lobbyistin. Die Frage ist, wer sich hier wann im Gestaltungsprozess begegnet. Die Lobbyisten aus Wirtschaftskreisen sitzen manchmal direkt an der Quelle, wo das Gesetz geschrieben wird, während die anderen erst mit dem fertigen Gesetz konfrontiert werden. Bisweilen bekommen wir als Opposition ein Gesetz überhaupt erst zu Gesicht, wenn es durchs Kabinett ist.

Die Abgeordneten unserer Fraktion fallen häufig durch Fehlen bei Abstimmungen auf, das besagt zumindest eine Statistik unlängst. Nimmst du ein solches Resultat persönlich?

Jein. Zum einen leiten die Leute daraus ab – das müssen wir berücksichtigen –, dass die von ihnen Gewählten nicht bei den Kernaufgaben ihrer Arbeit, bei den Abstimmungen oder bei den Diskussionen sind. Dieser Anspruch ist berechtigt. Andererseits: Wenn du keine Minister hast und nicht in Ministerien vertreten bist, wenn du nur 64 Abgeordnete hast mit ihren Wahlkreisen – sie werden dort aufgestellt, nicht in Berlin, nicht von der Fraktion – muss ich versuchen, dort auch körperlich präsent zu sein.

Auch in einer Sitzungswoche?

Ganz genau. Kein Mensch nimmt in deinem Wahlkreis auf den Terminkalender des Bundestages Rücksicht. Wenn Beschäftigte mitten in der Sitzungswoche streiken, dann wollen sie dich dort sehen. Ich habe in meinem Wahlkreis den längsten Streik in der Bundesrepublik – in einem Call-Center – begleitet: 127 Tage. Die haben keine Rücksicht darauf genommen, ob Frau Sitte gerade mal im Bundestag Sitzung hat. Und mir war es extrem wichtig, dass wir als LINKE sie auch immer wieder unterstützen. Denn so ein langer Streik braucht Unterstützung, Motivation.

Oder bei der Vergabe von Gesellenbriefen oder Ähnlichem – das sind immer Höhepunkte von Familien, und da gehörst du als Abgeordnete einfach hin.

Ärgert dich dennoch die Statistik?

Na klar. Wir haben auch im Vorstand und in der Fraktion darüber geredet.

Zu dieser Übersicht muss man wissen: Wir hatten eine Langzeiterkrankte, und wir hatten zwei Abgeordnete über Monate im Mutterschutz. Wir haben auch Abgeordnete, die in kommunalen Vertretungen arbeiten und zu wichtigen Entscheidungen unbedingt dorthin müssen.

Und das ist die Entscheidung einer jeden bzw. eines jeden Abgeordneten?

Wir haben das freie Mandat, ich darf niemanden nötigen – damit würde ich mich strafbar machen. Insofern muss man manchmal gemeinsam abwägen, was geht.

Bei den Grünen sieht die Bilanz besser aus …

Sie haben eine andere Wähler/innenklientel. DIE LINKE muss sehr hart daran arbeiten, Wählerinnen und Wähler zu halten. Der Bereich der Nichtwähler/innen speist sich eben aus einem Bereich von Menschen, die sozial schlechter gestellt sind, die mit der Demokratie abgeschlossen haben – da kannst du keinen Brief schreiben, da kannst du keine Internetplattform aufbauen, da musst du persönlich erscheinen. Die Wähler/innenschaft der Grünen ist meistens besserverdienend, ist gesellschaftlich ganz wach und geht auf jeden Fall wählen. Deshalb müssen die Grünen sie nicht so intensiv pflegen.

Du bist seit 1990 auf unterschiedlichsten Ebenen parlamentarisch aktiv, viele Jahre lang auch in besonderer Verantwortung: im Stadtrat Halle, im Landtag Sachsen-Anhalt, im Bundestag. Du erlebst an vielen Tagen den normalen Wahnsinn …

Das ist in der LINKEN nicht untypisch.

Wie steht es um das normale Leben? Wer bewegt dich da?

Meine Familie, Freunde, insbesondere die Freunde in Halle, die zum Teil nahe bei der LINKEN sind.

Und dann gibt's meine Mutter, die schon mal sagt: Spinnst du, was soll denn das?!

Ich ruhe nicht in mir. Wenn ich Kritik bekomme, mache ich mir echt ‘ne Bommel. Es verunsichert mich, ich denke darüber nach, mal schlafe ich auch schlecht. Aber ich versuche, die Kritik immer für mich nutzbar zu machen. Das ist für Mitarbeiter/innen nicht ganz leicht, wir haben es aber bisher immer ganz gut hinkriegt.

In Halle sind wir ein sehr angenehmer Stadtverband. Uns verbindet mehr als nur Politik und Parteiarbeit, zu vielen Mitgliedern gibt es über die Jahre eine persönliche Beziehung. Dadurch gibt es auch eine Grundvertrautheit, wenn die eine oder andere Kritik gesagt wird. Wir alle haben nach der Wende Widerständigkeit gelernt. Insofern gehört das Denken in flachen Hierarchien zum Alltag bei uns.

Wenn ich mal merke, dass mir jemand kommt mit »Du bist ja Parlamentarische Geschäftsführerin …«, werde ich extrem kniestig und kantig, weil das Käsekuchen ist. Denn wir stehen an verschiedenen Stellen in der politischen Arbeit, arbeiten aber an der gleichen Sache. Da sollte es keine Hierarchien geben.

Du wirst beschrieben als extrem fleißig, akkurat …

In meiner Funktion muss ich jetzt jede Vorlage lesen – auch um sie wegen möglicher Nachfragen von Journalistinnen und Journalisten, Abgeordneten usw. einordnen und erläutern zu können. Das hat den kleinen Vorteil, bei bestimmten Veranstaltungen in meinem Wahlkreis muss ich die Vorbereitung nicht beim Nullpunkt beginnen. Ich habe ein Grundwissen, aus dem ich schöpfen kann.

Bist du eine Perfektionistin?

Ich neige dazu. Ich nerve ein wenig – mich selbst und andere.

Wo kannst völlig abschalten von Bundestag usw.?

Beim Radfahren.

Hast du in Halle und in Berlin ein Rad?

Wenn's nur zwei wären … Mein Rennrad »wohnt« da, wo mein Freund wohnt: in Münster. Ich habe noch ein paar ältere Rennräder: Eins steht in Halle vorm Fenster, eins in Berlin – und ich stehe morgens ein Stündchen früher auf und fahre eine Stunde auf meinem Rennrad (auf Rollen), bevor ich in den Tag einsteige. Das brauche ich (abends funktioniert es nicht mit Sport). Im Urlaub fahren wir auch gern Rad.

Ansonsten gilt: lesen, lesen, lesen. Was ich auch gern mache: Ich bin ein Bilderfreak – gedreht, geknipst, gemalt, gedacht. Bilder führen meine Seele spazieren. In Halle haben wir sehr viele kleine Galerien, ein paar von ihnen unterstütze ich durch ein paar Krötchen, Spenden. Besonders gern die Willi-Sitte-Galerie, die allerdings nicht in meinem Wahlkreis liegt, sondern in Merseburg.

Um es klarzustellen: Petra und Willi Sitte, da ist verwandtschaftlich nichts...?

Ne, wir sind nicht biologisch verwandt, aber politisch waren wir's. Willi war bis zu seinem Tod ein links denkender Mensch.

Interview: Stefan Richter, Antje Kind

Petra Sitte, 54, Ökonomiestudium, Dr. oec., Landtagsabgeordnete in Sachsen-Anhalt (1990/2005), Bundestagsabgeordnete (seit 2005) - www.petra-sitte.de