Disput

Wenn Sternsinger singen …

Feuilleton

Von Jens Jansen

Wenn Sternsinger singen, dann geht mir viel durch den Kopf. Im katholischen Erzbistum Berlin waren zur Jahreswende 2.000 Kinder in Kostüm und Maske unterwegs, um Segen zu spenden und Spenden zu sammeln. Diesmal für die notleidenden Kinder auf den Philippinen. Die fetteste Beute bringt immer der Auftritt im Kanzleramt. Die protestantische »Mutti« zeigt Herz!

Nur gut, dass die Kanzlerin vorher erklärt hatte, dass sie - im Unterschied zu den Vorreitern und Mitläufern der Pegida - keine Islamisierung des Abendlandes befürchtet. Sonst hätte ihre Palastwache die »islamistisch vermummten Sänger« festnehmen müssen. Warum?

In der Bibel waren die drei Wandergesellen noch Sterndeuter, die den hellen Schein über Bethlehem und seine historische Bedeutung erkannten. Wegen ihrer hohen Trefferquote bei Voraussagen nannte man sie auch »die drei Weisen aus dem Morgenland«. Damals kam kein Argwohn auf, wenn jemand aus dem Osten, aus Syrien oder aus Mesopotamien, sprich: dem Irak, kam. Außerdem waren Astrologen als Wetterfrösche für die Landwirtschaft und Handelskarawanen genauso wichtig wie heute das Satelliten-Wetterbild. Doch im 8. Jahrhundert wurmte es den amtierenden Papst, dass ausgerechnet drei Horoskope-Heinis in dem frierenden Kind in der Krippe den kommenden Heiland und Erlöser der Welt erkannt haben sollen. Drum machte er sie per Dekret zu den »Drei Königen«, die quasi in seinem Auftrag auf Dienstreise waren. Später brach über die Gebeine der verschollenen Propheten heftiger Streit aus. Bis ein goldener Sarg über den Bosporus kam, der dann in Mailand in die Hände findiger Germanen fiel und 1164 als Beweis für den heißen Draht des Kaisers Barbarossa zum lieben Gott in den Kölner Dom getragen wurde. Was bis heute Tourismus-Rekorde sichert. Hosianna!

Schwamm drüber! Wahr bleibt, dass dieses Trio - Caspar, Melchior und Balthasar - aus der Heimat des Islam kam und fortan mit weißem Umhang und goldener Krone von vielen Gläubigen verehrt wurde. Die Sammelei für verarmte Klosterschulen und arme Leute war im 16. Jahrhundert stark verbreitet, wurde aber nach Luthers Reformation bald von geistlichen und weltlichen Obrigkeiten als »Bettelei« geächtet. Erst 1959 sammelten in der Bundesrepublik wieder einzelne Pfarrgemeinden 90.000 DM. Heute schaffen eine halbe Million Kinder bis 50 Millionen Euro heran.

Das ist eine große Leistung. Hundert Objekte in den ärmsten Gegenden der Welt können sich freuen. Denn je unsozialer die Finanzpolitik eines Staates ist, umso nötiger ist das Sammeln für wohltätige Zwecke. Die Schande dieses Systems ist es, dass auch die reichsten Länder der Welt Millionen Landeskinder darben lassen. In den USA sind 2,5 Millionen Kinder obdachlos. Und die Zahl steigt, weil die Wohnung eine Ware ist. In Deutschland rechnet der »Spiegel« 1,6 Millionen Kinder unter 15 zur Armut. Selbst das »Waldpiraten-Camp« für krebskranke Kinder lebt von barmherzigen Spenden. Unicef sieht Deutschland auf Platz 15 - nicht bei der Geldvermehrung, aber im Kampf gegen die Kinderarmut! In Skandinavien sind ein bis zwei Prozent der Kinder betroffen, in Deutschland 8,8 Prozent, in Griechenland 17 Prozent, in Bulgarien 56 Prozent, in Rumänien 72 Prozent! Die Osteuropäer waren mal stolz, dass ihre Kinder - trotz aller Mängel, die es gab - wie Majestäten behandelt wurden. Doch heute werden wichtige Menschenrechte von der Profitgier erwürgt. Da werden 30 Milliarden Steuergeld jährlich von den Behörden verschleudert. Da horten die Superreichen Schwarzgeld. Die braven Sternsinger sind von Pharisäern umzingelt. Die drei Weisen aus dem Morgenland würden heute wie der Papst Franziskus warnen, dass dieses System tötet!