Disput

Tropfen auf den heißen Stein

Das kleine Blabla

Von Daniel Bartsch

Wetterkapriolen sind Mist. Am Vortag fast 40 Grad, nun Regen und Kühle, deshalb Frühstück hinter nassen Scheiben. Im Radio die Nachrichten, ich höre: »… sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein!« Ein bisschen mehr ist es schon, denke ich angesichts der knietiefen Pfützen vorm Haus.

Um zu sagen, dass etwas viel, viel, viel (etc. pp.) zu wenig ist, um einen Umstand zu ändern, wird gern gesagt, dass dieses Etwas (Reis, Geld) nur besagter »Tropfen auf den heißen Stein« ist – um eben Hunger oder Armut zu bekämpfen. So weit, so treffend und gerechtfertigt. Immerhin hat es dieses sprachliche Bild sogar zu literarischen Ehren gebracht: Bert Brecht (neben Brigitte Bardot und Bibi Blocksberg das berühmteste Doppel-B der Kulturgeschichte) schrieb die »Ballade vom Tropfen auf dem heißen Stein«, in der er Elend, Hunger und Obdachlosigkeit anprangert. Brecht adelte das Sprachbild zum Sprach-Gemälde. Wer bin ich, dagegen zu stänkern?

Aber: Es ist wie mit allem, die Dosis macht den Unterschied zwischen Medizin und Gift. Inflationär eingesetzte Tropfen lassen in Summe auch die Gullys überlaufen. Oder drastisch: Jeden Scheiß einen »Tropfen auf den heißen Stein« zu nennen, ist am Ende auch Kacke.

Willst du gelten, werde selten – das ist die Devise. Wie bei einem guten Gewürz entfaltet sich die Wirkung durch sparsamen Gebrauch. 120 Millionen Euro, um Flüchtlinge aus dem Mittelmeer zu retten, sind eindeutig nur ein Tropfen auf den heißen Stein, selbst wenn das Bild schief hängt, wegen Tropfen und Meer. Ein Lohnplus von 4,9 Prozent bei geforderten 5 allerdings eindeutig nicht!

Aus Wüstenregionen wird berichtet, dass man zuweilen den Regen fallen sehen kann – er aber wegen der Hitze nicht den Boden erreicht. Dieses Phänomen in ein Sprachbild gepackt – die Dramatik des Vergleichs wäre enorm. Kommt schon noch einer drauf!

DISPUT stellt sich allmonatlich den Sprechblasenfragen unserer Zeit. Dafür die kleine Sprachglosse.