Disput

Athen – Wiege Europas

Bernd Riexinger, Gabi Zimmer, Gregor Gysi und Klaus Ernst weilten am 3. und 4. Juli zur Unterstützung von Syriza in Athen. Ein politischer Reisebericht

Von Oliver Schröder

Dass wir uns in hochpolitischen Zeiten befinden, wird schon beim Abflug in Tegel deutlich: Ein aufgebrachter Herr gibt mir auf Englisch zu verstehen, dass meine LINKE-Fahnen ein No-Go seien, ich würde den Griechinnen und Griechen so eine Entscheidung aufzwingen wollen. Das verbale Scharmützel setzt sich lautstark bis zum Athener Flughafen fort und schaffte es gar ins griechische Fernsehen.

Ansonsten wird unserer kleinen Delegation von den Athenern große Herzlichkeit entgegengebracht. Es wird fotografiert, gewinkt und auch geküsst. Speziell Gregor Gysi kann sich seit der Übertragung der jüngsten Bundestagsdebatte, die live im griechischen Fernsehen zu sehen war, kaum unerkannt auf den Straßen der Metropole bewegen. Wir hören oft Worte des Dankes für unsere solidarische Haltung.

Hat man Athen öfter besucht, so ist die Entwicklung zur Verelendung ganzer Stadtbezirke offensichtlich: Obdachlosigkeit, Drogenkonsum gab es nicht in diesem Ausmaß und hinterlässt ein bedrückendes Gefühl. Auch dass man von alten Herren mit schwieligen Arbeiterhänden nach Kleingeld gefragt wird, macht sehr nachdenklich. Kommt man aber mit diesen Menschen ins Gespräch – viele Griechinnen und Griechen sprechen entweder Deutsch oder Englisch –, sind neben einer großen Verunsicherung auch Trotz und Entschlossenheit festzustellen: »Es ist genug. Fünf Jahre haben wir gespart, wir können nicht mehr!«. In der Tat sind die wirtschaftlichen Kennzahlen eindeutig: 26 Prozent Arbeitslosigkeit, 60 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, 35 Prozent der Griechinnen und Griechen leben unter der Armutsgrenze, die Wirtschaftsleistung des Landes ist seit 2010 um 25 Prozent gesunken. Kurzum: Die Sparpolitik ist auf ganzer Linie gescheitert, kein Wachstum, nirgends.

Die derzeitige EU ist jedoch geradezu versessen auf das Sparen und will ihre Maßnahmen unverändert nach Schema F umsetzen – es könnten ja noch andere auf die Idee kommen, dass der Reichtum auf dem Kontinent ungerecht verteilt ist. Darüber vergisst sie, den Menschen eine Perspektive zu geben, und das macht das fundamentale Versagen der europäischen Politik dieser Tage aus. Selbst Deutschland ist diese Perspektive auf wirtschaftliche Entwicklung in Verhandlungen (Londoner Schuldenkonferenz 1952/53) zugestanden worden – von den Nachbarstaaten, nachdem sie in zwei Weltkriegen unfassbares Leid durch Deutschland durchleiden mussten.

Mit Würde

Zurück zum Geschehen: Das Programm des nicht einmal 24-stündigen Aufenthalts ist dicht: Interviews mit dem staatlichen Fernsehen, dem Rundfunk, griechischen Zeitungen, und auch die deutsche und internationale Presse hat Wind von unserer Stippvisite bekommen. Dann der Höhepunkt: die zentrale Kundgebung von Syriza auf dem Syntagma-Platz für das »Oxi«, das Nein zu den Sparauflagen der Institutionen.

Als letzter der internationalen Gäste spricht Gregor Gysi vor 20.000 Menschen und macht ihnen Mut, indem er an die Geschichte von David und Goliath erinnert.

Danach gehen wir über den schon rappelvollen Syntagma-Platz zum Mégaro Maxímou, zum Sitz des Ministerpräsidenten. Der Plan ist, dass die internationalen Gäste, darunter von Bloco de Esquerda aus Portugal, Sinn Fein aus Irland und Podemos aus Spanien, vom gesamten Kabinett begrüßt werden, um dann gemeinsam zurück zur Kundgebung zu gehen. Nun, der Handschlag endet in einem großen Durcheinander, unsere Gruppe wird durchgeschüttelt, und jeder befindet sich an einem anderen Ort in einem einzigen Gewühl. Aber am Ende funktioniert alles: Das Kabinett spaziert geschlossen zum Syntagma-Platz, und als wir dort ankommen, trauen wir unseren Augen kaum: Die Menschenmenge ist um ein Vielfaches angewachsen: Inzwischen haben sich mehr als 100.000 Menschen eingefunden, um den Ministerpräsidenten zu hören.

Es wird eine seiner besten Reden, und er macht noch einmal deutlich, dass ein »Oxi« in keinster Weise ein Nein zu Europa bedeutet. Er sagt: »Wir werden nicht nur darüber entscheiden, in Europa zu bleiben, sondern wir entscheiden darüber, mit Würde in Europa zu bleiben.«

Auch wenn die Gründe für die Entscheidung für das Referendum komplex sind, bewundernswert bleibt: Entweder man gewinnt und verbessert somit seine Verhandlungsposition, oder man verliert und die Macht ist perdu. Ein wohl einzigartiger Vorgang in der jüngeren Geschichte Europas.

Später am Abend gehen wir erneut zur Residenz des Ministerpräsidenten, diesmal um Alexis Tsipras zum Gespräch zu treffen. Mehr als eine Stunde dauert die Unterhaltung. Tsipras scherzt, ist charmant und aufmerksam – schier unglaublich, wenn man Druck und Pensum der vorausgegangenen Wochen bedenkt. Aber er ist auch nachdenklich, schließlich ist noch nichts erreicht, und die zukünftigen Entwicklungen sind unklar.

Das Ergebnis ist bekannt, und für Zweierlei hat man an diesem Tag ein Gefühl bekommen: Dafür, dass Tsipras und Syriza ungemein populär sind – über das Lager der politischen Linken hinaus. Aber eben auch dafür, dass die Widerstände gegen eine wirkliche Veränderung Europas intakt sind. Brüssel und besonders Berlin gönnen der linken Regierung keinen Erfolg und wollen sie scheitern sehen.

Das darf nicht passieren! Der politische Neustart Europas hat in Athen seinen Anfang genommen. Wir sind alle aufgerufen, den politischen Druck hierzulande zu intensivieren.