Disput

Der Wind dreht sich!

Feuilleton

Von Jens Jansen

Natürlich war es tollkühn, dass ein Finanzminister mit Sturzhelm und Motorrad, ohne Krawatte (!), den Göttern des Kapitalmarktes entgegentrat und andere Spielregeln verlangte! Der Helm von Varoufakis bewies zwar, dass der Mathe-Professor die Gesetze beachtet und kein Selbstmörder ist. Aber das reicht eben nicht, wenn man die Großmächte Weltbank, EU-Bank, Deutschland und die Medien gegen sich hat. Auch der SPD-Chef singt ja im Chor der neoliberalen Troika, die am besten weiß, was die Reichen reich macht.

Nein, die Griechen sind eine Infektionsgefahr im Großreich des Euro! Die sollen erst mal ihre »Hausaufgaben machen«. Deutschland ist nun mal die Aufgabe zugewachsen, vom Zahlmeister zum Zuchtmeister aufzusteigen. Und mit der Wahl des linken Tsipras hat das Mutterland der bürgerlichen Demokratie seine Unschuld verloren! Aber die Fußketten der NATO sind geopolitisch unverzichtbar, auch wenn die Handfesseln der Euro-Schulden für Griechenland gelockert werden.

Wie lange würden die Deutschen brav vor der Bank warten, ob aufgemacht wird und ob 100 oder nur 60 Euro ausgezahlt werden? Muss man hierzulande auch nicht, weil die hiesige Staatskasse viele Jahrzehnte von den Sondervorteilen auf dem Buckel der schwächeren Handelspartner gelebt hat. Sie verdient auch an den Schulden der Griechen etwa 160 Milliarden zum Beispiel durch Exportvorteile.

Natürlich ist es Wahnsinn, wenn die armen Griechen den (pro Kopf) dritthöchsten Rüstungsetat in der NATO durchschleppen. Aber wer verlangt denn, die NATO-Südspitze aufzurüsten? Und wer verdient daran, wenn das Gebirgsland genötigt wird, nutzlose Panzer und ungeeignete U-Boote bei deutschen Waffenschmieden zu kaufen?

Doch vor fünf Monaten sagten die Griechen: Lasst mal die Linken ran! Vielleicht hört dann der Schlendrian der Staatsbürokratie, die Bereicherung der Reichen und das Totsparen des Volkes auf! Das war logisch, zugleich ungeheuer ideologisch: Linke an der Spitze eines NATO-Staates? Wehe, wenn andere Staaten das auch zulassen! Viele wollen mehr Demokratie in der EU. Himmel, hilf! Und da der Himmel zurzeit einen halblinken Papst als Stellvertreter in Rom hat, ist solche Hilfe kaum zu erwarten. Also setzten die Bankiers der EU ihre Daumenschrauben in Athen an. Der Minister mit dem Sturzhelm nannte die immer neuen Sparforderungen »Terror«. Das war eine üble Entgleisung. Vielleicht fühlte sich Varoufakis bei seinen Verhandlungen an das „water-boarding“ der Amis auf Guantanamo erinnert, wo man die Häftlinge immer wieder mit dem Kopf unter Wasser steckte, bis sie zu allem erpressbar waren. Doch in Brüssel standen überhaupt keine Wannen auf dem Konferenztisch. Nur Kataloge zur Privatisierung aller heiligen Güter der Daseinsvorsorge.

Da beschlossen die Griechen, eine Volksbefragung zu machen. Es ging um eine solidarische Umschuldung mit dem Volk als Verbündetem und nicht nur mit den Bankiers. Alle Sender und Zeitungen orakelten über ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Dann kam die Auszählung: 61,3 Prozent für einen nachhaltigen solidarischen Weg und 38,7 Prozent für die Crashtour im Brüsseler Mercedes! Eine Ohrfeige für alle Zuchtmeister. So klagte die deutsche Kampfpresse: »Diese Regierung zieht ja nicht mal den Reichen die Hosen herunter!« Na bravo! Die Bundesrepublik gelobt das seit einem halben Jahrhundert, hat aber auch nur immer neue Hosenträger für die Reichen erfunden! Unsere Christdemokraten sind ganz schöne Pharisäer. Sie einigt nur der Auftrag: Diese linken Fremdkörper mit ihren linken Ideen müssen an die Wand gedrückt werden. Nicht wegen des Geldes – wegen des Beispiels! Aber das wird international immer schwieriger, denn der Wind dreht sich!