Disput

Unterm Damoklesschwert

Die psychische Seite der Prekarisierung

Von Harald Werner

Armut, geringfügige Beschäftigung, Leiharbeit und soziale Ausgrenzung sind zunächst mal eine Angelegenheit der Statistik, die eine recht dunkle Seite der äußerst erfolgreichen deutschen Wirtschaft sichtbar macht.

Dass es hier um Millionen geht, ist hinlänglich bekannt. Weniger Berücksichtigung findet jedoch, dass das Damoklesschwert, ins Prekariat abzurutschen, über mehr als der Hälfte abhängig Beschäftigter schwebt. Am wenigsten aber beschäftigt sich die Debatte mit den sozialpsychologischen Folgen einer Angst machenden Arbeitswelt auf die Gesamtgesellschaft.(1) Denn während Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten nicht nur seit über hundert Jahren sorgfältig registriert werden und bestimmten Arbeitstätigkeiten zuzuordnen sind, ist der Zusammenhang von Arbeit und psychischen Störungen wesentlich schwerer zu erfassen. Trotzdem alarmieren die offiziellen Zahlen über Krankmeldungen, ausfallende Arbeitstage und Frühverrentungen, die durch psychische Erkrankungen verursacht werden. Wobei die Dunkelziffer außerordentlich hoch sein muss, weil nicht jede psychische Störung von den Hausärzten als solche identifiziert wird und vielen organischen Erkrankungen nicht auf die Stirn geschrieben ist, dass sie psychische Ursachen haben. Immerhin wissen wir aus einer kleinen Anfrage der Bundestagsfraktion der LINKEN vom 26. April 2012, dass die durch die klassischen Erkrankungen verursachten Krankschreibungen seit 2010 generell rückläufig sind, während die Arbeitsunfähigkeit durch psychische Erkrankungen im gleichen Zeitraum um 76,9 Prozent zugenommen hat.

Dabei sticht die Zunahme der stationären Behandlung von Depressionen besonders hervor.(2) Zwischen 2000 und 2010 zeigt sich fast eine Verdopplung. Obwohl Depressionen überwiegend neurologisch bedingt sind, die durch äußere Ursachen nur ausgelöst werden, stehen berufliche Probleme als Auslöser an erster Stelle.

Doch die Statistik summiert ausschließlich Fallzahlen, ohne die Ursachen und Verlaufsformen psychischer Erkrankungen beschreiben zu können. Auch weichen die Ergebnisse aus methodischen Gründen stark voneinander ab, so dass der Zusammenhang zwischen Arbeit und psychischer Störung vor allem durch systematische Untersuchungen nachgewiesen werden konnte.(3) Dabei fällt auf, dass es einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den neuen Formen der Arbeit sowie der neoliberalen Betriebsweise der Unternehmen und der Zunahme psychischer Erkrankungen gibt. Vieles, was auf den ersten Blick als Zugewinn an Zeitflexibilität, Autonomie und Individualität erscheint, entpuppt sich als Dauerstress und Reizüberflutung. »Durch Rationalisierung und Personalabbau erhöhen sich vielfach die in einem Zeitraum zu bewältigende Aufgabenmenge … Aber auch die Aufgabenvielfalt nimmt zu. Neben beruflichen ›Kernaufgaben‹ treten verstärkt ›Sekundäraufgaben‹, wie Dokumentations- oder Netzwerkarbeit.«(4)

Auch die an sich positiv bewertete Eigenverantwortlichkeit entpuppt sich im Konkreten als Überforderung. »Oftmals wird nicht vorgegeben, welche Aufgaben genau in welchem Zeitraum zu erledigen sind, stattdessen werden Ziele vereinbart oder gesetzt und die Art und Weise der Zielerreichung dem Einzelnen überlassen. (…) Zudem beeinflussen neben den Vorgesetzten immer mehr Akteure – Kunden, Kollegen, Netzwerkpartner – den Aufgabenzuschnitt.«(5) Wobei zu erwähnen ist, dass davon nicht hauptsächlich die besonders qualifizierten und zur Stammbelegschaft zählenden Kolleginnen und Kollegen betroffen sind, sondern vor allem Leiharbeiter, befristet Eingestellte und geringfügig Beschäftigte. Also überwiegend Angehörige des Prekariats, die schon bei einfachem Versagen wieder auf der Straße stehen.

Aber nicht nur sie stehen unter besonderem Druck, sondern auch Angehörige der Stammbelegschaft, die befürchten müssen, bei der nächsten Umstrukturierung ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Dementsprechend groß ist die Konkurrenz zwischen ihnen und entsprechend gering ihre Bereitschaft zur Solidarität. Die Auswahl der Besten, so wusste schon Brecht, wird unter diesen Bedingungen zur Auswahl der Bestien.

Kontrollverlust und Angst

Die Unsicherheit des Arbeitsplatzes und die Unabwägbarkeit der eigenen Zukunft verursachen bei den betroffenen Subjekten eine Persönlichkeitsstörung, die von vielen Psychologen als Kontrollverlust bezeichnet wird. »Es ist, als wären die Wegmarken der eigenen wie der gesellschaftlichen Entwicklung verschwunden, als würde man sich im Nebel bewegen, aus dem in jedem Moment eine unerwartete Gefahr auftauchen kann, Ungewöhnliches geschieht und unsere Lebensplanung über den Haufen geworfen wird.«(6) Kontrollverlust aber verursacht nicht nur Stress, er verändert das gesamte Verhalten. Das Denken richtet sich nur auf das Naheliegende, die Bedürfnisse suchen nach schneller und reizstarker Befriedigung und münden nicht selten in Alkohol- und Drogenmissbrauch. Die Frustrationstoleranz ist außerordentlich niedrig, und wenn sie überschritten wird, reagieren die Betroffenen mit Aggressionen, die sich auch gegen das eigene Ich richten können und eine häufige Ursache psychischer Störungen sind. Da dies aber eine gesellschaftlich relevante Erscheinung ist, spiegelt sie sich zwangsläufig auch in der Kultur, vor allem in den unterschiedlichsten Medien wider. Das individuelle Erleben erscheint dann nicht mehr als nur persönliches Schicksal, sondern als allgemeine Wirklichkeit, was das eigene Schicksal einerseits erträglicher macht, andererseits aber auch perspektivloser.

Dennoch bleibt die Angst vor dem Unberechenbaren. Diese aber spielt im psychischen Leben eine ganz besondere Rolle. Einerseits ist sie eine unverzichtbare Regung, die sowohl Vorsicht als Neugierde hervorrufen kann und sich in Abhängigkeit vom rationalen Denken in die eine oder andere Richtung entwickelt. Andererseits aber, wenn das rationale Denken unfähig ist, die aktuelle Situation zu interpretieren, bleibt eine diffuse Angst zurück, die entweder das Aggressionszentrum des Gehirns aktiviert oder schlichtweg krank macht. »Es handelt sich um einen untergründigen Groll, der aus der Angst vor der eigenen Aggression resultiert. Ohnmächtig zur Rache, unfähig zur Vergeltung und verhindert zur Abrechnung verbreitet sich eine psychische Einstellung«(7), die sich nicht gegen die bestehenden Herrschaftsverhältnisse richtet, sondern häufig gegen noch Schwächere oder imaginäre Mächte wie den Islamismus und andere gesellschaftlich verbreitete Feindbilder.

Ausgrenzung verursacht Schmerz

Die neuere Hirnforschung hat gezeigt, dass soziale Ausgrenzung und Nichtbeachtung vom Subjekt wie körperlicher Schmerz empfunden werden.(8) Wobei der amerikanische Psychologe William James bereits vor über 100 Jahren schrieb: »Wenn sich niemand zu uns umdreht, wenn wir den Raum betreten; wenn niemand antwortet, wenn wir sprechen; wenn niemand wahrnähme, was wir tun; wenn wir von allen geschnitten und als nicht existierend behandelt würden, dann würde eine derartige Wut und ohnmächtige Verzweiflung in uns aufsteigen, dass im Vergleich dazu die grausamste körperliche Qual eine Erlösung wäre.« Ausgrenzung wirkt also auf die gleiche Weise wie Kontrollverlust oder Angst und kann ebenso Aggressionen wie Ohnmachtsgefühle hervorrufen.

Zusammengenommen lässt sich schlussfolgern, dass prekäre Lebenslagen nicht nur die aktuell Betroffenen belasten, sondern auch diejenigen, die sich davon bedroht fühlen. Zuweilen wahrscheinlich noch stärker, weil die diffuse Furcht vor einem möglichen Unglück lähmender wirkt als das eintretende Unglück selbst. Deshalb kommen politische Botschaften immer dann schlecht an, wenn sie hauptsächlich auf bedrückende Tatsachen hinweisen, die von den Angesprochenen gern verdrängt werden.

Anmerkungen

(1) Vergl. dazu Heinz Bude, Gesellschaft der Angst, Hamburg 2014.

(2) www.gbe-bund.de Die Online-Datenbank der Gesundheitsberichterstattung des Bundes.

(3) Vergl. Gisa Junghanns und Martina Morschhäuser, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin »Immer schneller, immer mehr«, Wiesbaden 2013.

(4) Ebenda S. 10.

(5) Ebenda.

(6) Harald Werner, Politische Psychologie des Sozialismus – Die emotionale Seite rationalen Handelns, Hamburg 2015, S. 114.

(7) Bude a.a.O. S.55 f.

(8) Harald Werner a.o.O. S. 106 f.