Disput

Was sich haben soll, das kriegt sich auch!

Kolumne

Von Peter Porsch

»Alles fließt«, wussten schon die alten Griechen und Römer, »es gibt nichts auf der Welt, das für immer so bleibt, wie es gerade ist«, führten sie deshalb weiter aus! Warum sollte das eigentlich ausgerechnet für die Ehe nicht gelten? Konservative Politiker und Politikerinnen wollen uns in der aktuellen Debatte um die Zulassung der Ehe für gleichgeschlechtliche Partner/innen genau das aber weismachen. Ihr Argument knallhart auf den Punkt gebracht: Ehe ist eine Fortpflanzungsgemeinschaft, und die kann es natürlicherweise nur zwischen Mann und Frau geben. Klingt wie Einsicht in die Notwendigkeit, ist aber gewollt oder ungewollt ein grobes Missverständnis über das Wesen der Ehe.

Ja, der Ehe entsprangen über die Jahrtausende und entspringen heute meist auch Kinder. So entstehen Familien. Sie waren und sind etwas anderes als Ehen. Wer das nicht glaubt, suche im Internet einmal nach Aphorismen, Sprichwörtern und Zitaten. Zu kaum einer menschlichen Institution gibt es so viele überlieferte Weisheiten wie zur Ehe. Aber man wird kaum etwas finden, was der Ehe das Kinderkriegen als ihren wesentlichen Zweck zuordnet. Natürlich stimmt es, dass hinter allen Weisheiten – sozusagen unausgesprochen – Ehe als die traditionelle Verbindung von Mann und Frau verstanden wird. Viel wichtiger ist aber, dass eben diese Verbindung immer als eine Verbindung dargestellt wird, in der sich zwei erwachsene Menschen zueinander bekennen und miteinander auskommen müssen, im günstigen Fall auch miteinander und aneinander wachsen. »Denke daran, dass eine gute Ehe von zwei Dingen abhängt: 1. den richtigen Menschen zu finden und 2. der richtige Mensch zu sein«, ist eine solche alte Einsicht. Friedrich Nietzsche, kein Freund der Ehe und deshalb mit einem umso verlässlicheren Blick auf Ehen, meint: »Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf. Dazu helfe dir der Garten der Ehe«.

Ehe ist etwas sehr Intimes zwischen Menschen. Das ist anthropologischer Natur, berührt etwas allgemein Menschliches, tendenziell Unveränderliches. Dass es immer nur zwei Menschen sind und dass diese verschiedenen Geschlechts sein sollen, ist ein kultureller Tatbestand, hat also Geschichte und ist veränderlich. »Ehe ist (nur) das öffentliche Bekenntnis einer streng privaten Absicht.« Auch so wird Ehe aphoristisch umschrieben. Es ist noch nicht lange her, da war die Dominanz des Mannes auch und nicht zuletzt im europäischen Verständnis vom Institut der Ehe festgeschrieben. Der Mann war »Haushaltsvorstand«. Er hatte Macht über die Frau, bestimmte den Wohnsitz, unterschrieb ihren Antrag für einen Reisepass und entschied über ihre Berufstätigkeit. Später war es immerhin schon die Person, die mehr zum gemeinsamen Einkommen beitrug. Heute wird auf solchen Quatsch gepfiffen. Selbst die »eheliche Pflicht« gibt es nicht mehr, wohl aber den Tatbestand der Vergewaltigung in der Ehe – alles fließt!

Es änderte sich nicht nur das Verhältnis von Mann und Frau in der Ehe. Es änderte sich jetzt auch die kulturelle Festlegung auf Partner unterschiedlichen Geschlechts. Konservative im schlechten Wortsinn wehren sich dagegen, können Veränderung nicht denken und noch weniger aushalten. Wirklich Konservative schätzen die Veränderung, weil nur sie menschlichen Bedürfnissen auf Dauer Rechnung trägt. Die Zulassung von Ehen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern ohne irgendeine Einschränkung steht also auf der Agenda unserer Entwicklung. Familien entstehen dann anders als nur durch Geschlechtsverkehr. Wenn Frau Kramp-Karrenbauer, die saarländische Ministerpräsidentin, befürchtet, es könnten irgendwann auch drei oder mehr heiraten wollen oder Verwandte – mag sein. Wir sind wieder bei Nietzsche und seiner Forderung an die Ehe, sich in ihr »hinauf zu pflanzen« – wer auch immer mit wem. Und um Frau Kramp-Karrenbauer einen richtigen Schreck einzujagen, überlege ich, mich selbst zu heiraten – und wenn ich mich überlebt habe, Hinterbliebenenrente zu kassieren.