Disput

Der Aussteiger

Vor fünfzig Jahren schwebte Alexej Leonow als erster Mensch frei im All. Es war kein Spaziergang

Von Ronald Friedmann

Am 18. März 1965 um 9.00 Uhr Mitteleuropäischer Zeit hob das Raumschiff Woschod-2 mit den Kosmonauten Alexej Leonow und Pawel Beljajew vom sowjetischen Kosmodrom Baikonur in Richtung Orbit ab. Gegenüber seinem Vorgänger Woschod-1, das im Oktober 1964 drei Kosmonauten in eine Erdumlaufbahn gebracht hatte, war es deutlich modifiziert worden: Dort, wo sich bei der Vorgängerversion der Sitz eines dritten Kosmonauten befunden hatte, war eine aufblasbare Luftschleuse untergebracht worden, die in verpacktem Zustand einen Durchmesser von 70 Zentimeter und eine Länge von 77 Zentimeter hatte. Sie wog nicht weniger als 250 Kilogramm.

Sofort nach Erreichen der Erdumlaufbahn wurde die Luftschleuse in das All entfaltet. Sie war nun 2,5 Meter lang und hatte einen Innendurchmesser von einem Meter und einen Außendurchmesser von 1,2 Metern. Bereits 35 Minuten nach dem Start zwängte sich Leonow durch die enge Röhre und erreichte nach wenigen Augenblicken den freien Raum. Nur durch eine Sicherungsleine mit seinem Raumschiff verbunden, schwebte er rund zwanzig Minuten in mehr als 200 Kilometer Höhe über der Erde. Dann kam von der Bodenstation der Befehl zur Rückkehr in die Kapsel. Doch der Raumanzug von Leonow hatte sich durch den fehlenden Außendruck so weit aufgeblasen, dass er nicht mehr durch die Luftschleuse passte. Eine Katastrophe bahnte sich an. Erst als Leonow Luft aus seinem Raumanzug abließ, gelang es ihm mit letzter Kraft und – wie er später selbst berichtete – kurz vor einer Panik, in das Raumschiff zurückzukehren.

Allerdings hatte damit die Serie der Pannen erst begonnen. Bereits bei der folgenden Erdumkreisung zeigte sich, dass die Landekapsel von Woschod-2 nach dem Abtrennen der Luftschleuse undicht geworden war. Zwar konnte das Lebenserhaltungssystem den Kabinendruck stabilisieren, doch die Sauerstoffreserven wurden dabei so schnell verbraucht, dass eine vorzeitige Landung unvermeidlich war. Bei der Einleitung des Landevorganges stellte sich heraus, dass das automatische Landesystem nicht funktionierte. Erstmals in der Geschichte der bemannten Raumfahrt musste eine Besatzung ihr Raumschiff nun per Hand Richtung Erde steuern. Doch auch dabei gab es Probleme: Gerätesektion und Landekapsel trennten sich viel zu spät voneinander, so dass die Landekapsel die geplante Abstiegsbahn verfehlte: Statt in der Steppe von Kasachstan landete Woschod-2 zweitausend Kilometer entfernt in einem unwegsamen Teil des Ural-Gebirges. Es dauerte mehr als zwei Tage, bis die Kosmonauten geborgen werden konnten. Doch all diese Pannen, von denen die Öffentlichkeit erst Jahrzehnte später erfuhr, konnten den Triumph des ersten Ausstiegs eines Menschen in das freie All nicht wirklich schmälern.

Die USA folgten drei Monate später. Im Juni 1965 verließ Edward White sein zweisitziges Raumschiff Gemini-4 und schwebte als erster US-Amerikaner frei im Weltraum. Anders als die sowjetischen Raumfahrtspezialisten hatten die Ingenieure der NASA von vornherein auf eine Luftschleuse verzichtet, die komplette Landekapsel war dekomprimiert. Im Falle der Fälle hätte also James McDivitt, der zweite Mann an Bord, seinem Kollegen zu Hilfe eilen können.

Auch in der Sowjetunion zog man die notwendigen Schlussfolgerungen aus dem Flug von Woschod-2: Bei der Kopplung von Sojus-4 und Sojus-5 und dem Umstieg zweier Kosmonauten im Januar 1969 gab es keine Luftschleuse mehr.

Inzwischen gehören komplexe Außeneinsätze zum kosmischen Alltag. Fast 400 solcher Missionen sind bisher in den einschlägigen Statistiken verzeichnet. Eine Dauer von sieben oder acht Stunden ist längst eher die Regel als die Ausnahme. Trotzdem sind diese Außeneinsätze keine Routine und erst recht keine »Spaziergänge«. Deutlich wurde das zuletzt im Juli 2013, als der Italiener Luca Parmitano während eines Aufenthaltes außerhalb der Internationalen Raumstation ISS beinahe in seinem Raumanzug ertrunken wäre. Eine Leitung des komplizierten Kühlsystems, mit dem ein Überhitzen der Raumfahrer während ihrer Außenbordarbeit verhindert werden soll, war undicht geworden und so gelangte das Kühlwasser in den Raumanzug. Durch die fehlende Schwerkraft konnte es nicht abfließen und sammelte sich im Helm. Schlimmer noch, das Wasser drang in Augen, Ohren und Nase ein, so dass Parmitano weder sehen noch hören konnte. Er überlebte nur dank seiner starken Nerven und einer gehörigen Portion Glück.

Für Pawel Beljajew gab es keinen zweiten Einsatz als Kosmonaut. Er starb im Januar 1970, erst 34 Jahre alt, an den Folgen einer Operation. Alexej Leonow bereitete sich in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre auf einen Mondflug vor, der jedoch nie stattfand. Erst im Juli 1975 kam er zu seinem zweiten – und letzten – Raumflug: Als Kommandant von Sojus-19 nahm er im Juli 1975 am Apollo-Sojus-Test-Projekt teil, am ersten internationalen Unternehmen der bemannten Raumfahrt.