Disput

… ein Examen war's doch!

Im »Interview«: Wilhelm Liebknecht (1826 – 1900) – Lehrer und Sozialist, Parteiführer und Publizist.

Eine andere Ära, ein anderes Leben. DISPUT möchte dich zu deiner Zeit und zu deinen Kämpfen – nachträglich – befragen. Einverstanden?

»Ich danke Ihnen für den freundlichen Empfang. Wir sind ja alte Bekannte.« [Rede des Reichstagsabgeordneten Wilhelm Liebknecht über den Kölner Parteitag mit besonderer Berücksichtigung der Gewerkschaftsbewegung, gehalten zu Bielefeld am 29. Oktober 1893. Bielefeld 1893, S. 5. Zitiert nach: sammlungen.ulb.uni-muenster.de/hd/content/pageview/2443146]

Alte Bekannte? Das ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Andererseits: Dank deiner vielen Artikel – es sollen ja weit über 10.000 sein! – und dank deiner unzähligen Bücher, Reden, Briefe … ergibt sich schon eine gewisse Bekanntheit. Da könnten wir das »Sie« ruhig beiseitelassen. Schließlich steht im Programm der LINKEN sogar: »DIE LINKE knüpft an linksdemokratische Positionen und Traditionen aus der sozialistischen, sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeiterbewegung sowie aus feministischen und anderen emanzipatorischen Bewegungen an.«

Gut! [Rede von Wilhelm Liebknecht im Deutschen Reichstag, 22.11.1875. Zitiert nach: www.reichstagsprotokolle.de/en_Blatt3_k2_bsb00018380_00295.html]

Auf in die Vergangenheit!

»Mit den Erinnerungen ist's wie mit gewissen Lebewesen, die Jahrzehnte vertrocknet wie tot daliegen können und dann, sobald ein Tropfen Wasser sie berührt, ins Leben zurückkehren und lustig sich herumtummeln.« [Wilhelm Liebknecht: In der Lehre. Aus: Neue Deutsche Rundschau, IX. Jahrgang, Erstes und zweites Quartal 1898. Zitiert nach: Wilhelm Liebknecht: Erinnerungen eines Soldaten der Revolution. Berlin 1976, S. 57.]

Dein Freund August Bebel, den DISPUT im Juli-Heft 2013 »befragt« hat, beschreibt dich als »Mann von Eisen mit einem Kindergemüt« [Zitiert nach: August Bebel: Aus meinem Leben. August Bebel. Ausgewählte Reden und Schriften, Hrsg. Horst Barthel u.a., Bd. 6, Dietz Verlag, Berlin 1983, Seite 99]und als »echte Kampfnatur« mit »einem unerschütterlichen Optimismus«: »Kein noch so harter Schlag, ob er ihn persönlich oder die Partei traf, konnte ihn nur einen Augenblick mutlos machen oder aus der Fassung bringen«, wusste Bebel: »Nichts verblüffte ihn, stets wußte er einen Ausweg. Gegen die Angriffe der Gegner war seine Losung: Auf einen Schelmen anderthalbe.« [Zitiert nach: August Bebel: Aus meinem Leben. August Bebel. Ausgewählte Reden und Schriften, Hrsg. Horst Barthel und andere, Bd. 6, Berlin 1983, Seite 98.]

»Kein Mensch kann aus seiner Haut heraus.« [Wilhelm Liebknecht: Karl Marx zum Gedächtnis. Ein Lebensabriß und Erinnerungen. Nürnberg 1896. Zitiert nach: Liebknecht: Erinnerungen, S. 367.]

Du bist also der geborene Kämpfer?

»Meine Mutter starb, als ich drei Jahre alt war; und ich hatte eine etwas harte Erziehung.« [Wilhelm Liebknecht: Eine böse Viertelstunde. In: Volks-Feuilleton. I. Jahrgang (1895). Zitiert nach: Liebknecht: Erinnerungen, S. 267.]

Auch den Vater, las ich, hast du frühzeitig verloren, ihr drei Geschwister wurdet auseinandergerissen. Was konnte sich da an Berufswünschen aufbauen?

»… Lehrer zu sein, das schwebte mir mein ganzes Leben lang als das schönste Ziel vor; und ich glaube auch nach den Erfahrungen meiner Lehrtätigkeit, die ich in der Verbannung und später gut ein Vierteljahrhundert lang zu üben genötigt war: als Lehrer von Fach hätte ich meinen Beruf nicht verfehlt.« [Wilhelm Liebknecht: In der Lehre … Zitiert nach: Liebknecht: Erinnerungen, S. 41.]

»Man kann seinen Beruf verfehlen, aber nicht seine Natur ändern. Man kann sie verhunzen, man kann sie veredeln, aber Natur bleibt Natur, auch in verschiedenster Gewandung. Und von Natur bin ich Schulmeister …« [Wilhelm Liebknecht: Aus meiner Schulmeisterzeit. Aus: Illustrierter Neue Welt-Kalender für das Jahr 1901. Zitiert nach: Liebknecht: Erinnerungen, S. 217.]

Woran erinnerst du dich bei deinen Anfängen als Lehrer?

»In der ersten Stunde besah ich mir meine Gesellschaft sehr genau, wie sich ein Tierbändiger seine Tiere besieht. Es soll dieser Vergleich keine frivole Herabsetzung des Lehramts sein, ich habe aber gefunden, daß jeder, der Menschen zähmen kann, auch Tiere zähmen kann und umgekehrt …« [Wilhelm Liebknecht: Aus meiner Schulmeisterzeit, zitiert nach: Liebknecht: Erinnerungen, S. 221.]

»Wissen« und »Macht« quasi im Kleinen. Für dich zeitlebens ein sehr wichtiges Thema – für die »große« Gesellschaft.

»Wissen ist Macht, Wissen gibt Macht, und weil es Macht gibt, haben die Wissenden und Mächtigen von jeher das Wissen als ihr Kasten-, ihr Standes-, ihr Klassenmonopol zu bewahren und den Nichtwissenden, Ohnmächtigen – von jeher die Masse des Volkes – vorzuenthalten versucht.« [Wilhelm Liebknecht: Wissen ist Macht – Macht ist Wissen. Vortrag, 5.2.1872 und 24.2.1872. Zitiert nach Wilhelm Liebknecht: Kleine politische Schriften, Leipzig 1976, S. 133]

»Nur im freien Volksstaat kann das Volk Bildung erlangen. Nur wenn das Volk sich politische Macht erkämpft, öffnen sich ihm die Pforten des Wissens. Für die Feinde ist das Wissen Macht, für uns ist die Macht Wissen! Ohne Macht kein Wissen! [Wilhelm Liebknecht: Wissen ist Macht, zitiert nach Liebknecht: Kleine politische Schriften, S. 173.]

War es diese Erkenntnis, die dich in die Politik geführt hat?

»… ein Zufall warf mich in die praktische Politik.« [Wilhelm Liebknecht: In der Lehre, zitiert nach: Liebknecht: Erinnerungen, S. 39.]

»Schon in frühester Jugend habe ich die Schiffe hinter mir verbrannt und seitdem ununterbrochen für meine Prinzipien gerungen. Meinen persönlichen Vorteil habe ich nie gesucht; wo es die Wahl gab zwischen meinen Interessen und Prinzipien, habe ich nie gezögert, meine Interessen zu opfern.« [Einleitung von Wilhelm Liebknecht zu: Der Hochverrats-Prozeß wider Liebknecht, Bebel, Hepner vor dem Schwurgericht zu Leipzig vom 11. bis 26. März 1872. Zitiert nach: Liebknecht: Erinnerungen, S. 30.]

Von welchen Prinzipien hast du dich leiten lassen, was war dein Ziel?

Ein zwiefaches Ideal hat mir von Jugend an vorgeschwebt: das freie und einige Deutschland und die Emanzipation des arbeitenden Volkes, das heißt die Abschaffung der Klassenherrschaft, was gleichbedeutend ist mit der Befreiung der Menschheit. Für dieses Doppelziel habe ich nach besten Kräften gekämpft und für dieses Doppelziel werde ich kämpfen, solange noch ein Hauch in mir ist. Das will die Pflicht!« [Einleitung von Wilhelm Liebknecht zu: Der Hochverrats-Prozeß, zitiert nach: Liebknecht: Erinnerungen, S. 31.]

Zu deiner Zeit, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, entwickelte sich in Deutschland der Kapitalismus stürmisch. Und mit ihm die Arbeiterklasse.

»Bestimmt haben die Arbeiter während der letzten paar Jahre einen großen Schritt vorwärts gemacht: Sie haben gelernt, daß es einen Antagonismus zwischen Arbeit und Kapital gibt, daß sie ihren eigenen Kampf kämpfen müssen und daß sie die politische Macht besitzen müssen, um ihre soziale Befreiung erringen zu können.« [Wilhelm Liebknecht: Bericht für die Konferenz der Internationalen Arbeiterassoziation in London, 23. September 1865. Zitiert nach: Liebknecht: Kleine politische Schriften, S. 12/13.]

»Auf dem Boden des Klassenkampfes sind wir unbesiegbar; verlassen wir ihn, so sind wir verloren, weil wir keine Sozialisten mehr sind. Die Kraft und Macht des Sozialismus besteht in der Tatsache, daß wir einen Klassenkampf führen, daß die arbeitende Klasse durch die Kapitalistenklasse ausgebeutet wird und daß in der kapitalistischen Gesellschaft wirksame Reformen, welche der Klassenherrschaft und Klassenausbeutung ein Ende machen, unmöglich sind.« [Wilhelm Liebknecht: Kein Kompromiß – kein Wahlbündnis. Berlin 1899. Zitiert nach: Liebknecht: Kleine politische Schriften, S. 303.]

Und danach? Wie soll diese neue Welt, die neue Gesellschaft aussehen?

»Eine Gesellschaft der Freiheit, der Gleichheit, der Brüderlichkeit wird dort angebahnt, deren höchstes Ziel es sein wird, die Arbeit so zu organisieren, daß jeder Mensch menschenwürdig leben kann, und Menschen zu wirklichen Menschen zu erziehen, die allesamt in vollem Maße ihrer Fähigkeiten und Neigungen an den Errungenschaften der Kunst, Wissenschaft, überhaupt der Kultur teilnehmen können.« [Weltpolitik, Chinawirren, Transvaalkrieg. Dresden 1900. Zitiert nach: Liebknecht: Kleine politische Schriften, S.358/359.]

Du warst erzwungenermaßen viele Jahre im Exil, auf der britischen Insel.

»In London lebte ich dreizehn Jahre lang, mit politisch-sozialen Studien beschäftigt, noch mehr mit dem Kampf um das Dasein. [Einleitung von Wilhelm Liebknecht zu: Der Hochverrats-Prozeß, zitiert nach: Liebknecht: Erinnerungen, S. 24.]

»Und daß ich in dem harten Kampfe um das Dasein, um das nackte physische Leben, oder sagen wir lieber um das Nichtverhungern – denn gehungert wurde in London jahrelang –, daß ich in diesem verzweifelten Ringen um ein Stück Brot oder ein paar Kartoffeln nicht zugrunde gegangen bin, das verdanke ich Marx und seiner Familie.« [Wilhelm Liebknecht: Karl Marx zum Gedächtnis, zitiert nach: Mohr und General. Erinnerungen an Karl Marx und Friedrich Engels. Berlin 1970, S. 70/71.]

Friedrich Engels hattest du bereits im August 1849 in der Schweiz kennengelernt. Mit Marx verlief die Sache etwas anders, wie in einer Prüfung, heißt es.

»… ich auf der einen Seite des Tisches, Marx und Engels mir gegenüber. (…) Aber ein Examen war's doch!« [Wilhelm Liebknecht: Karl Marx zum Gedächtnis, zitiert nach: Liebknecht: Erinnerungen, S. 243.]

Mit welchem Ergebnis?

»Hier war zum ersten Mal einer, zu dem ich aufblicken mußte. He was a man! [Er war ein Mann!] Und ich wußte nun, wohin ich gehörte. Mein persönliches Verhältnis zu Marx wurde eingeleitet.« [Wilhelm Liebknecht in: Süd-Deutscher Postillon, München 1895, XIV. Jahrgang, Nr. 19. Zitiert nach: Liebknecht: Erinnerungen, S. 201.]

»… und nie kann ich mein Glück hoch genug preisen, das mich jungen, unerfahrenen, bildungsdurstigen Burschen zu Marx geführt, mich unter seinen Einfluß und seine Schulung gebracht hat.« [Wilhelm Liebknecht: Karl Marx zum Gedächtnis ???]

»Marx hat die Sozialdemokratie aus einer Sekte, aus einer Schule zu einer Partei gemacht …« [Wilhelm Liebknecht bei der Trauerfeier für Karl Marx, 17.3.1883. Zitiert nach: Wolfgang Schröder: Wilhelm Liebknecht. Soldat der Revolution, Parteiführer, Parlamentarier. Berlin; 2013, S. 300.]

Ein Spitzel schieb im Mai 1865: »Der Chef der Londoner Kommunisten Karl Marx hat einen seiner schlauesten, frechsten und gewissenlosesten Helfershelfer W. Liebknecht nach Berlin geschickt«, um »eine Bewegung in die apathischen Massen zu bringen.« [(Spitzelbericht, Mai 1865, zitiert nach Wolfgang Schröder: Vom ungewöhnlichen Leben der ersten Frau Wilhelm Liebknechts. Leipzig 1987, S. 137.]Was hattest du dir damals wirklich vorgenommen?

»… aus der Niederlage den Sieg lernen. Organisation! Organisation! Lautet jetzt die Losung. Es gilt, überall Arbeiter- und Volksvereine zu gründen …« [Wilhelm Liebknecht an Gottschald, 19.2.1867. Zitiert nach Schröder: Vom ungewöhnlichen Leben, S. 195.]

Organisieren wir uns! Gründen wir Arbeitervereine, Volksvereine, Lesevereine, Konsumvereine, Produktiv-Assoziationen! Jeder Verein, jede Assoziation strahlt das Licht der Demokratie in einem bestimmten Umkreis aus.« [Wilhelm Liebknecht: An meine Wähler im 19. Wahlbezirk, 1867. Zitiert nach Schröder: Wilhelm Liebknecht, S. 163.]

Wir sprechen von den Anfängen der organisierten Arbeiterbewegung, vom Suchen nach geeigneten Kampfformen, nach der erfolgreichen Taktik.

»Diese Taktik besteht darin, den Klassencharakter der sozialistischen Partei als einer proletarischen Partei rein zu erhalten, sie durch Agitation, Erziehung und Organisation zur siegreichen Durchführung des Emanzipationskampfes zu befähigen, den Klassenstaat, in dessen Händen die politische und ökonomische Macht des Kapitalismus konzentriert ist, methodisch zu bekämpfen und in diesem Kampf aus allen Streitigkeiten und Konflikten der verschiedenen bürgerlichen Parteien unter sich nach Möglichkeit Vorteil zu ziehen.« [Wilhelm Liebknecht: Kein Kompromiß, zitiert nach: Liebknecht: Kleine politische Schriften, S. 272.]

»Revolutionen werden nicht mit hoher obrigkeitlicher Erlaubnis gemacht; die sozialistische Idee kann nicht innerhalb des heutigen Staates verwirklicht werden; sie muß ihn stürzen, um ins Leben treten zu können. Kein Friede mit dem heutigen Staat!« [Wilhelm Liebknecht: Über die politische Stellung, zitiert nach: Liebknecht: Kleine Politische Schriften, S. 24.]

»Nicht um Herrschaft ringen wir, nicht um Privilegien. Die Herrschaft als solche wollen wir beseitigen. Wo Herrschaft ist, ist Knechtschaft, und wo Knechtschaft, Ausbeutung. Wir bekämpfen die Herrschaft in jeder Form, die politische und die soziale.« [Wilhelm Liebknecht: Wissen ist Macht, zitiert nach: Liebknecht: Kleine Politische Schriften, S. 172.]

Wie siehst du das Verhältnis von Sozialismus und Demokratie? Die Frage …

»… beantwortet sich leicht und sicher, wenn wir uns über die Untrennbarkeit von Sozialismus und Demokratie klargeworden sind. Sozialismus und Demokratie sind nicht dasselbe, aber sie sind nur ein verschiedener Ausdruck desselben Grundgedankens; sie gehören zueinander, ergänzen einander, können nie miteinander in Widerspruch stehen. Der Sozialismus ohne Demokratie ist Aftersozialismus, wie die Demokratie ohne Sozialismus Afterdemokratie. Der demokratische Staat ist die einzig mögliche Form der sozialistisch organisierten Gesellschaft.« [Wilhelm Liebknecht: Über die politische Stellung, zitiert nach: Liebknecht: Kleine Politische Schriften, 14.]

Ihr, du und Bebel, wurdet damals schärfstens angegriffen und verfolgt: ihr als Personen und die junge Partei, zum Beispiel während des Deutsch-Französischen Krieges (1870/71) und der Pariser Kommune (1871). Und dann – ein besonderes Kapitel – während des Sozialistengesetzes von 1878 bis 1890 …

»Millionen sahen damals in jedem Sozialdemokraten einen Mörder und gemeinen Verbrecher …« [Der Leipziger Hochverratsprozeß (S. 389), zitiert nach: Wadim Tschubinski: Wilhelm Liebknecht. Berlin 1973, S. 201.]

»Die Gegner schonten uns nicht; und wir, zu stolz und zu stark, um uns feig zu fügen, gaben Schlag auf Schlag zurück, und so haben wir dieses Gesetz überwunden.« [Wilhelm Liebknecht auf dem Parteitag Halle, 12.10.1890. Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei. Abgehalten zu Halle. Berlin 1890. S. 11/12]

Das Sozialistengesetz wurde 1890 nicht mehr verlängert, Verleumdungen und Anklagen fanden jedoch ihre Fortsetzungen.

»Was die Verleumdungen betrifft, mit denen wir überschüttet werden, so stehen wir zu hoch, als daß Kotwürfe an uns hinanreichen könnten.« [Wilhelm Liebknecht auf dem Parteitag Breslau, 6.10.1895. Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Berlin 1895, S. 68.]

»Man werfe uns ins Gefängnis, man töte uns – unsere Sache wird darunter nicht leiden.« [Wilhelm Liebknecht: Zu Trutz und Schutz. Festrede zum Stiftungsfest des Crimmitschauer Volksvereins, 22.10.1871. Zitiert nach: Liebknecht: Kleine Politische Schriften, S. 94.]

»Kurz – wir waren moralische Ungeheuer, ein Auswurf der Menschheit, fähig jedes Verbrechens, ein Gegenstand des Abscheus und der Ekels.« [Einleitung von Wilhelm Liebknecht zu: Der Hochverrats-Prozeß, zitiert nach: Liebknecht: Erinnerungen, S. 351.]

Du selbst musstest summa summarum fünf Jahre in Gefängnisse, das letzte Mal als Siebzigjähriger!

»Doch das Wohl der Partei ist dem Parteimann oberstes Gebot.« [Wilhelm Liebknecht: Aus der Jugendzeit, zitiert nach: Liebknecht: Erinnerungen, S. 88.]

Vieles in den Reden und Appellen damals klingt nach reichlich Pathos, unerschütterlicher Siegesgewissheit und manchmal so, als wäre der Sturz des Kapitalismus ein »Selbstläufer«.

»Wir sind keine Wolkenwandler – wir knüpfen an die realen Tatsachen und setzen den Hebel nicht in der Luft an, sondern auf der Erde.« [Rede des Reichstagsabgeordneten Wilhelm Liebknecht, S. 35.]

»Es ist aus dem Munde Bernstein's das Wort gefallen: ›Die Bewegung ist mir Alles, das Endziel Nichts‹. Das ist eine große Torheit. Denn was ist eine Bewegung ohne Ziel? Ein planloses Umherirren. Die Genossin Luxemburg hat umgekehrt gesagt: ›Das Endziel ist mir Alles, die Bewegung Nichts‹. Das ist ebenfalls falsch. Wie ist das Endziel ohne Bewegung zu erreichen. Nein: Bewegung und Endziel – Bewegung zum Endziel, das ist die richtige Lösung, und das Endziel ist die Niederwerfung der kapitalistischen Gesellschaft.« [Wilhelm Liebknecht auf dem Parteitag Stuttgart, 4.10.1898. Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei. Abgehalten zu Stuttgart. Berlin 1898. S. 135.]

Als Reaktion darauf beschreibt das Parteitagsprotokoll (1898): »Stürmischer Beifall und Händeklatschen.« Das waren noch Zeiten!

»Wir hören auf die Sozialdemokratie zu sein, wenn wir aufhören, eine proletarische Partei, die Partei des proletarischen Klassenkampfes zu sein.« [Wilhelm Liebknecht auf dem Parteitag Stuttgart, 4.10.1898. Protokoll Stuttgart, S. 135.]

Wie siehst du das Verhältnis von Utopie und Wirklichkeit?

»Das Ideal hat nie ›Erfolg‹, weil es über das Reale hinausgeht, aber indem es nicht bloß darüber hinausgeht, sondern es sich hinter sich herzieht, hat es dennoch stets ›Erfolg‹ – auch augenblicklich, wenn schon nicht immer ersichtlich.« [Von der Bastille zum Zuchthaus, in: Das Jahrhundert, Berlin, Dezember 1899. Zitiert nach: Schröder: Liebknecht, S. 200.]

Das liest sich toll. Allein: Der Alltag ist zuweilen schlichter, zuweilen komplizierter. Wonach soll sich eine Partei, eine revolutionäre, richten?

»Programme sind aber nicht dazu da, mit dem Mund bekannt und mit der Tat verleugnet zu werden; sie sollen die Richtschnur unseres Handelns sein.« [Wilhelm Liebknecht: Über die politische Stellung, zitiert nach: Liebknecht: Kleine politische Schriften, S. 14.]

»Das Anpassen an die Verhältnisse darf nicht ausarten in feige, prinzipienlose Rechnungsträgerei; des Prinzips und Endziels muß sich die Partei bei allen ihren Handlungen bewußt sein und ihren revolutionären Charakter niemals vergessen, ihn stets zum Ausdruck bringen.« [Wilhelm Liebknecht auf dem Parteitag Erfurt, 17.10.1891. Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei. Abgehalten zu Erfurt. Berlin 1891. S. 209.]

Das hast du auf einem in der Tat programmatischen Parteitag – 1891 in Erfurt – gesagt. Und es so oder so ähnlich wiederholt …

»Wir können nicht mit unseren Prinzipien schachern, wir können keinen Kompromiß, keinen Vertrag mit dem herrschenden System schließen. Wir müssen mit dem herrschenden System brechen, es auf Leben und Tod bekämpfen. Es muß fallen, damit der Sozialismus siegen kann; und von der herrschenden Klasse können wir doch wahrhaftig nicht erwarten, daß sie selber sich und ihrer Herrschaft den Gnadenstoß gibt.« [Wilhelm Liebknecht: Kein Kompromiß, zitiert nach: Liebknecht: Kleine politische Schriften, S. 303.]

Wie sollen für den »Gnadenstoß« die Massen gewonnen und aktiv werden?

»… unsere Partei muß vor allem wahr sein. Wir dürfen die Massen nicht durch falsche Vorspiegelungen zu ködern suchen.« [Wilhelm Liebknecht: Über den Normalarbeitstag, Nachwort, 10.11.1885. Zitiert nach: Liebknecht: Kleine politische Schriften, S. 204.]

»Die rückhaltlose Offenheit ist unsere Stärke … Denn die erste Pflicht der Parteigenossen ist die Wahrheit. Sie sind sich gegenseitig die Wahrheit schuldig, die volle, ganze, ungeschminkte Wahrheit, und wenn dabei auch die Geister einmal aufeinanderplatzen. Die ganze Wahrheit schadet nie, ist immer heilsam. Gefährlich ist nur die halbe Wahrheit. (…) Das Vertuschen ist immer die schlechteste und verkehrteste Taktik. Ist etwas faul und falsch, dann heraus damit!« [Rede von Wilhelm Liebknecht, Bielefeld, 29. Oktober 1893, S 11/12.]

Wie oft hast du dich den Fragen in der Öffentlichkeit gestellt?

»… von Anfang November bis Mitte März hatte ich allein 27 Reisen (Berlin, Hamburg, etc. etc.) zu machen, unzählige Reden zu reden, Konferenzen zu halten, Volksstaat redigieren etc.« [Wilhelm Liebknecht an Friedrich Engels, 21.4.1875. Zitiert nach Schröder: Liebknecht, S. 240.]

Wieder und wieder hast du dir das militaristische System vorgeknöpft …!

»Wir protestierten und agitierten mit Aufgebot aller Kräfte gegen den Angriffs- und Eroberungskrieg, der sich nach den ersten militärischen Erfolgen deutscherseits sehr bald andeutete.« [Einleitung von Wilhelm Liebknecht zu: Der Hochverrats-Prozeß, zitiert nach: Liebknecht: Erinnerungen, S. 337.]

Das war 1870/71 und brachte dir Prozess und Haft ein, wegen angeblichen Hochverrats.

»Mit dem Militarismus, welcher ein notwendiger Auswuchs des herrschenden Staats- und Gesellschaftssystems ist, gibt es für die Sozialdemokratie ebensowenig eine Aussöhnung, wie mit diesem System selbst. Der Militarismus ist unverträglich mit der Freiheit und dem Wohlstand der Völker … Mit der Beseitigung des Militarismus ist der Weltfriede gesichert. (…) Die kolossalen Kriegsrüstungen der Gegenwart (haben) einen unerträglichen Zustand geschaffen … bei dem jeder Funke einen Weltbrand verursachen kann ...« [Wilhelm Liebknecht und Paul Singer: Aufruf zur Reichstagswahl, 1887. Zitiert nach: 150 Jahre Wilhelm Liebknecht. Frankfurt am Main 1976, S. 40.]

So hast du es (mit Paul Singer) vor einer Wahl geschrieben. 27 Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges!

»Der Militarismus ist der Kultus der rohen Gewalt – doppelt roh durch den Kontrast, wenn im Mantel der Wissenschaft und heuchlerisch obendrein, wenn mit Humanitätslappen behängt.« [Wilhelm Liebknecht: Wissen ist Macht, zitiert nach: Liebknecht: Kleine politische Schriften, S. 140.]

»Die dicken Militärbudgets und die dünnen Unterrichtsbudgets sind untrügliche Gradmesser unserer Kultur …« [Ebenda, S. 141.]

Was bedeutet dir die parlamentarische Tätigkeit, das Reden inmitten und gegen all diese Junker und Großbürgerlichen?

»Unter den obwaltenden Verhältnissen hat die parlamentarische Tätigkeit so erhebliche Vorteile für unsere Politik, daß ich blind sein müßte, wollte ich dieselben nicht anerkennen.« [Wilhelm Liebknecht: Über die politische Stellung, Vorwort zur Neuauflage 1888. Zitiert nach: 150 Jahre Wilhelm Liebknecht, S. 52.]

»… die Stimme der Arbeiter soll durch den Mund der Arbeitervertreter den Vertretern der herrschenden Klassen ins Ohr dröhnen – Worte der Warnung den Unterdrückern, Worte der Anfeuerung und Aufklärung den Unterdrückten.« [Wilhelm Liebknecht: Trutz-Eisenstirn. Erzieherisches aus Puttkamerun. London 1890. S. 55. Zitiert nach: Tschubinski: Liebknecht, S. 246.]

Die allerersten Reden hast du im Oktober 1867 gehalten, lang ist's her. Was genau hast du denen gesagt?

»Meine Herren! Sie täten besser, wenn Sie etwas ruhiger wären. Es ist nicht schön, daß Sie einen Mann, bloß weil er Ihnen mißfällige Prinzipien vertritt, niederzuschreien suchen. Mir schadet es nicht; ich spreche (…) nicht zu Ihnen: ich sage es Ihnen offen, ich spreche zum Volke da draußen.« [(2.) Rede Wilhelm Liebknecht am 17.10.1867 im Reichstag des Norddeutschen Bundes. Zitiert nach: Stenographische Berichte der Verhandlungen des Reichstages des Norddeutschen Bundes, Bd. 3, Berlin 1867, S. 451.]

Das Protokoll vermerkt: »wurde zur Ordnung gerufen, Unruhe, Rufe: Herunter von der Tribüne!« – Nicht das einzige Mal.

»Die Stenographen haben mir selbst erklärt, man habe von mir, der ich sehr laut sprach, wegen des Lärms sehr viel gar nicht hören können.« [Rede Wilhelm Liebknecht am 28.11.1870 im Reichstag des Norddeutschen Bundes. Zitiert nach: Stenographische Berichte der Verhandlungen des Reichstages des Norddeutschen Bundes, Bd. 15, Berlin 1870, S. 30.]

»… wenn wir im Reichstag das Wort ergriffen – welche Szenen der Wut! Mehr als einmal ertönte in den heiligen Hallen der Berliner Straßenrowdyruf: ›Haut ihm! Haut ihm!‹ Und wie oft wurden wir von drohenden ›Kollegen‹ umringt; wie oft ballten sich die Fäuste. Ein Wunder, daß es nicht zur Schlägerei kam. [Einleitung von Wilhelm Liebknecht zu: Der Hochverrats-Prozeß, zitiert nach: Liebknecht: Erinnerungen, S. 352.]

Hat alles geklappt mit den ersten Auftritten im Parlament? Was hast du denen gesagt?

»Ich weiß, meine Herren, daß ich einen hier neuen Standpunkt vertrete, aber Sie wissen, das Neue dringt manchmal durch. (…) Ich wollte eigentlich mit einigen meiner Freunde einen Antrag in diesem Sinne einbringen … Ich verwickelte mich aber leider in einer der vielfachen Schlingen der Geschäftsordnung und hatte zuletzt nicht mehr die Zeit, die nötigen Unterschriften zur Stellung eines selbständigen Antrages zusammenzubringen.« [(2.) Rede Wilhelm Liebknecht am 17.10.1867, zitiert nach: Stenographische Berichte, S. 450.]

Wie haben wir uns das Parlament damals vorzustellen?

»Der unglückliche Berliner ›Reichstag‹ schwebt fortwährend zwischen Beschlußunfähigkeit und der Furcht davor. Leere Bänke, auf denen sich gelangweilte Märtyrer der Pflicht herumräkeln, verzweifelte Redner, die durch den Gedanken gelähmt werden, daß niemand sie anhört, vor den Abstimmungen Heranstürmen einiger Dutzend Abgeordneter, die sich in der Restauration restauriert haben, telegraphische Steckbriefe nach allen Weltgegenden hin, den desertierten Mitgliedern nachgeschickt, tolle Anträge, um volle Häuser zu erzwingen …« [Demokratisches Wochenblatt, 13.6.1868. Zitiert nach: Karl-Heinz Leidigkeit: Wilhelm Liebknecht und August Bebel in der deutschen Arbeiterbewegung 1862-1869, Berlin 1957, S. 153.]

»Die Anstrengung, gegen die ganze Reichstagsbande zu reden, die mich auf jede weise wirr zu machen suchte, und dabei sich nicht zu einem unparlamentarischen Ausdruck hinreißen zu lassen, der mir sofort die Schlinge der Geschäftsordnung um den Hals gebracht hätte, war so groß, daß ich stundenlang ganz erschöpft war. Nur 1870 hat mich eine Reichstagspauke so angegriffen.« [Wilhelm Liebknecht an Friedrich Engels, 25.2.1878. Zitiert nach: Schröder: Liebknecht, S. 353/354.]

Die Pariser Kommune 1871 war ein prägendes Ereignis. Dass ihr euch solidarisch zu ihr verhalten habt, haben die Herrschenden dir und Bebel nie verziehen, und sie machten euch den Prozess wegen »Hochverrats«.

» … daß er stattfand im ersten Jahr nach dem Fall der Kommune, genau ein Jahr nach ihrer Aufrichtung, dreiviertel Jahre nach ihrem tragischen Ende, noch unter dem Volleindruck dieses ungeheueren Ereignisses, das von den Feinden des Sozialismus so methodisch benutzt ward, um den Sozialismus als ein pestbringendes, blutdürstiges Monstrum hinzustellen, ihn niederzuknüppeln wie einen tollen Hund und unter einem Berg von Verleumdungen und Schmutz zu begraben – daß inmitten dieser tollen Orgie des Chauvinismus und der sozialistentöterischen Raserei der Sozialismus seine Stimme erhob, der Welt zurief: Ich bin nicht tot! Ich lebe! Ich kämpfe; ich werde siegen! – daß er vierzehn Tage lang der schauenden und horchenden Welt seine Grundsätze entwickelte, seine Ziele entschleierte, seine Lebensberechtigung und seine Notwendigkeit nachwies, das gab diesem Prozeß seine Bedeutung. (…) Dieser Prozeß war die erste Gelegenheit zur gründlichen Aussprache vor einem aufmerksamen Publikum. Und ganz Deutschland war unser Publikum.« [Einleitung von Wilhelm Liebknecht zu: Der Hochverrats-Prozeß, zitiert nach: Liebknecht: Erinnerungen, S. 334/335.]

»… dieser Prozeß war ein Tendenzprozeß in des Wortes verwegenster Bedeutung, ein Prozeß gegen eine Partei, ein Prozeß gegen eine Weltanschauung, die in ihren angeklagten Vertretern getroffen werden sollte. Und die ganze Weltanschauung des Sozialismus saß auf der Anklagebank. (…) Dessen waren wir uns von vornherein bewusst. Es galt: der Sache keine Schande zu machen – ihr Freunde zu erobern, die Gegner zu entwaffnen. Alles kam darauf an, die öffentliche Meinung zu gewinnen.« [Ebenda, S. 336.]

Und, hat sich‘s gelohnt?

»Mit der politischen Bilanz konnten wir zufrieden sein. Unsere kühnsten Erwartungen waren übertroffen. Der Leipziger Hochverratsprozeß, der unsere Partei vernichten sollte, gab ihr einen mächtigen Aufschwung.« [Ebenda, S. 359.]

Hast du schon mal einen Blick in den »DISPUT« geworfen?

»Die Masse des Stoffes überwältigt uns …« [Wilhelm Liebknecht im: Morgenblatt für gebildete Leser, Nr. 117, 16.5.1851. Zitiert nach: Schröder: Liebknecht, S. 129.]

Na, na! Bitte ehrlich …

»Das Blatt ist noch sehr klein, und in jeder Beziehung mangelhaft…« [Wilhelm Liebknecht an Friedrich Engels, 20.1.1868. Zitiert nach: Schröder: Liebknecht, 168.]

»Was nicht belehrt, gehört nicht in unser Blatt.« [Wilhelm Liebknecht an Wilhelm Bracke, 1869. Zitiert nach: Tschubinski: Liebknecht, S. 108.]

»… das Zentralorgan wird einfach als eine Domäne betrachtet, die man ohne weiteres schlecht machen kann, ohne das Gute hervorzuheben.« [Wilhelm Liebknecht auf dem Parteitag Gotha, 13.10.1896. Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei. Abgehalten zu Gotha 1896. Berlin 1896, S. 99.]

Ein Zentralorgan wollen wir nun wahrlich nicht sein. Aber wie kann die Zahl der DISPUT-Abonnentinnen und -Abonnenten erhöht werden? Viele haben es finanziell nicht so dicke.

»Wo der Einzelne das Opfer, welches ihm das Halten des Blattes auferlegt, nicht bringen kann, mögen Zwei, Drei oder Vier zusammentreten…« [Demokratisches Wochenblatt, 4.1.1868. Zitiert nach: Schröder: Liebknecht, S. 168.]

Du warst lange Zeit Chefredakteur. Welche Aufgabe haben die Medien, zu deiner Zeit die Zeitungen, einer linken Partei?

»Die Zeitungen sind nicht in erster Linie Geldquellen, sondern wir müssen damit unsere Ideen verfechten und verbreiten. Unser gefährlichster Feind ist nicht das stehende Heer der Soldaten, sondern das stehende Heer der feindlichen Presse. Unsere beste und einzige Waffe gegen die feindliche Presse, gegen die Reptilien-Organe, ist unsere Presse; solange wir sie haben, wird sie die Fahne sein, um die wir uns scharen können, selbst wenn die Organisation aufgelöst würde.« [Wilhelm Liebknecht auf dem Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei 1874, Coburg. Zitiert nach: Tschubinski: Liebknecht, S. 179.]

Du kennst die herrschenden Medien, den, wie wir heute sagen, Mainstream. Was bewirken, was wollen sie?

»Reine Geldspekulationen, verfolgen sie nur den Zweck: Geld zu machen. Und das meiste Geld ist zu machen, wenn sie mit dem Strom schwimmen, den modischen Vorurteilen schmeicheln, an die Schwächen, niederen Leidenschaften und gemeinen Instinkte appellieren. So haben sie die Kundschaft des großen Haufens, des ›gebildeten‹ und ungebildeten Pöbels und – die Protektion der Großen, die ein Interesse daran haben, daß der große Haufe, das Volk, nicht die Bildung erlange, welche ›frei macht‹, nicht das Wissen, welches ›Macht ist‹.« [Wilhelm Liebknecht: Wissen ist Macht, zitiert nach: Liebknecht: Kleine politische Schriften, S. 149.]

»… die geistige Nahrung des Volkes ist die Tagespresse: Zeitungen und billige Unterhaltungsblätter. Zum Unglück verhält es sich mit dieser geistigen Nahrung wie mit der körperlichen Nahrung, auf welche das Volk angewiesen ist; gleich ihr ist sie verfälscht und ungesund und dem Geist ebenso schädlich wie jene dem Körper.« [Ebenda, S. 148/9.]

Zu den Schicksalsschlägen, die dich getroffen haben, zählt der Tod deiner ersten Frau: Ernestine starb, zweieinhalb Monate vor ihrem 35. Geburtstag, an Tuberkulose.

»Sie starb vorigen Mittwoch; an ihrem Totenbett schwor ich denen Rache, die sie gemordet. Es war ein herrliches Weib, ganz Liebe und Hingebung. Ihr einziger Fehler war zu große Bescheidenheit, ihr Unglück: Mangel an Widerstandskraft gegen äußere Schläge. Sie war nicht dazu geschaffen, das Geschick eines Flüchtlings, eines Soldaten der Demokratie zu teilen. Hätte sie ihr Los nicht an das meine gekettet, sie würde noch leben. Freilich sie liebte mich.« [Wilhelm Liebknecht an Friedrich Adolf Sorge, 6.6.1867. Zitiert nach: Tschubinski: Liebknecht, S. 70.]

»Das arme Weib! Die Londoner Misere untergrub ihre Gesundheit; meine Ausweisung aus Berlin gab ihr den ersten Stoß bis ins Lebensmark, meine Verhaftung im vorigen Herbst tat den Rest … So geht sie an den Schlägen zugrunde, die mich treffen sollten! Es ist furchtbar für mich, sie so langsam hinsterben zu sehn; manchmal ist mir, als müßte ich den Verstand verlieren oder hätte ihn schon verloren.« [Wilhelm Liebknecht an Karl Marx, 25.4.1867. Zitiert nach: Schröder: Liebknecht, S. 146.]

Wie war Ernestine, beschreib sie uns bitte?!

»Augen: hellbraun, bald so groß wie meine, strahlen von Herzensgüte und Offenheit; man kann durch sie bis ins Herz lesen. Ein Blick kann mich auf eine ganze Woche heiter stimmen. (…) Mund: zum Totküssen (…) Ganze Gestalt: ein leibhaftiger Engel.« [Wilhelm Liebknecht an Ernestine Landolt, ca. 23.8.185. Zitiert nach: Schröder: Vom ungewöhnlichen Leben, S. 27.]

»Kein härterer Schlag hat mich aber je getroffen als der Tod meines treuen Weibes …« [Wilhelm Liebknecht an Natalie Reh, 30.4.1868. Zitiert nach: Schröder: Liebknecht, S. 147.]

Du wurdest, wie man heutzutage sagen würde, ein alleinerziehender Vater von zwei Kindern.

»… ich muß ihnen Mutter sein, mich um die kleinsten Kleinigkeiten bekümmern. Und dabei mit Arbeiten überhäuft, immer neue Anforderungen zu schreiben, Vorträge zu halten usw. Sonntag soll ich nach Berlin zum Zollparlament! Ich zittre bei dem Gedanken. Die Kinder von mir geben – ich kanns nicht. Sie bei mir behalten – ich ruiniere mich, bin in allen Bewegungen gehemmt.« [Ebenda, S. 171/172.]

Lehrer, Politiker, Autor … welcher Beruf hätte sich ansonsten gereizt?

»Anwalt des Rechts. Ein edler, erhabener Beruf …« [Wilhelm Liebknecht: In der Lehre. Zitiert nach: Liebknecht: Erinnerungen, S. 42.]

… den deine Söhne gewählt haben.

»Carl ist mir in mancher Beziehung sehr ähnlich.« [Wilhelm Liebknecht an Dr. med. Max Baruch, ohne Datum. Zitiert nach: Annelies Laschitza: Die Liebknechts: Karl und Sophie - Politik und Familie. Berlin 2007. S. 53.]

Wir kennen ihn als Karl, Karl Liebknecht.

»Der Kleine gedeiht sehr gut und wird hoffentlich seinen Paten Marx und Engels Ehre machen …« [Wilhelm Liebknecht an Friedrich Adolph Sorge, 27.8.1871. Zitiert nach: Laschitza: Die Liebknechts, S. 14.]

Das hat er.

Das Schwert hängt über dem Kopf, aber wir stehen, wo wir stehen. [Wilhelm Liebknecht an Friedrich Adolf Sorge, 16.12.1870. Zitiert nach: Schröder: Liebknecht, S. 180.]

Gegen den Strom schwimmen ist nie leicht, und wenn der Strom mit der reißenden Schnelle und Wucht eines Niagara dahinschnellt, dann ist's erst recht keine Kleinigkeit. [Einleitung von Wilhelm Liebknecht zu: Der Hochverrats-Prozeß, zitiert nach: Liebknecht: Erinnerungen, S. 341.]

Hat sich's gelohnt, das Gegen-den-Strom-Schwimmen?

»Wenn ich nach unerhörten Verfolgungen arm bin, so ist das keine Schande – nein, ich bin stolz darauf, denn es ist das beredteste Zeugnis für meine politische Ehre. Noch einmal: Ich bin nicht ein Verschwörer von Profession, nicht ein fahrender Landsknecht der Konspiration. Nennen Sie mich meinethalben einen Soldaten der Revolution, dagegen habe ich nichts.« [Ebenda, S. 30/31.]

Was hat dich immer wieder motiviert?

Der Feigling verzagt nach der Niederlage, der Mutige schöpft aus ihr frische Kraft. Machen wir uns die Erfahrungen der letzten Wochen zunutze, lernen wir aus der Niederlage den Sieg! [Wilhelm Liebknecht: An meine Wähler im 19. Wahlbezirk, 1867. Zitiert nach: Schröder: Liebknecht, S. 163.]

Nun hat unser »Gespräch« doch ein wenig länger gedauert.

Ich bin müde! müde! [Wilhelm Liebknecht an Friedrich August Sorge, 16.12.1870. Zitiert nach: Schröder: Liebknecht, S. 175.]

Die Fragen er- und die Antworten fand Stefan Richter.