Disput

Mehr Kohle für den Pop?

Popkultur versus Hochkultur

Von Gert Gampe

Der Ort hätte nicht besser gewählt werden können. Kulturschaffende, also Wissenschaftler, Veranstalter, Behördenvertreter, Theater-, Musikvertreter, Studenten, Kulturpolitiker trafen sich an einem Wochenende auf dem Gelände des mittelalterlichen Zisterzienserkloster Loccum. Wo beginnend vor 850 Jahren betende und arbeitende Mönche bereits auch musisch agierten, besteht seit vielen Jahren mit der Evangelischen Akademie ein moderner Tagungsort, der in Zusammenarbeit mit der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V., Bonn, brennende und zeitgemäße Themen auf die Tagungsordnung setzt. Und so beschäftigte sich das inzwischen 60. Loccumer Kulturpolitische Kolloquium mit »Kulturpolitik für die Popkultur«.

Popkultur als Alltagskultur, als Mainstream, ist für die Lebenswirklichkeit der Menschen im Kunst-Kitsch-Markt angekommen. Was bedeutet das für die Kulturpolitik, den Kulturbetrieb und die Förderpolitik? Ist die Popkultur überhaupt bei den Politikern angekommen? Ist Kulturpolitik im Kern nicht nur Finanzpolitik? Der Fragenkatalog ließe sich beliebig fortsetzen. Es war irgendwie klar, Politik hinkt hinter Entwicklungen hinterher. Jedoch zeichnen sich Veränderungen ab, und Schwarz-Weiß-Malerei gilt nicht.

In den Feuilletons, auf den Kulturseiten, in den Skandalblättern wird die Hochkultur gejagt. Die Staatsoper in Berlin – der Umbau natürlich zu teuer. Die Elbphilharmonie in Hamburg – so eine Art BER. Prestigebauten, neue Konzertsäle, Museen – Hochkultur kostet eben Multimillionen. 81 Hochkulturspielstätten stehen auf deutschem Boden. Damit sind wir Weltmeister. Museen haben mehr Besucher als Fußball. Oper ist die teuerste und personalintensivste Gattung. Die Volksbühne in Berlin wird mit 184 Euro pro Karte subventioniert, und die ca. 2,3 Milliarden Steuermittel für Theater bringen aber auch 30 Millionen Menschen ins Theater. Und so schielt die »Popgemeinde« immer auf die gut ausgestattete Hochkultur, obwohl eben auch an den Theatern gekürzt wird und auch Spielstätten in ihrem Bestand gefährdet sind. Und was bleibt für die Popkultur dann noch übrig? Muss von der Hochkultur Geld genommen werden? Wo liegt der Systemfehler?

Einig war man sich in Loccum darin, dass die klassische Verteilung der Mittel im Gegensatz zur Realität des Stellenwertes der Popkultur steht. »Was Millionen gefällt, muss eine Rolle spielen«, sagt Kulturwissenschaftler Prof. Kaspar Maase.

Andererseits wird schon seit vielen Jahren an den klassischen Spielstätten der Hochkultur im Zeichen der Popkultur gearbeitet – Poptheater als »Blut-und Unterhosentheater«, Videoinstallationen, Verfremdungen, elektronische Musik, veränderte Zeichenkultur –, um an junges Publikum zu kommen. Theater eben als Erlebnis und nicht, um zu verstehen. Konsumieren als Event.

Natürlich drehte es sich in den Debatten immer auch um die Frage, was genau ist Popkultur. Eine einheitliche wissenschaftliche Begriffsfassung gibt es nicht. Alltagssprachlich geläufig, verstehen viele darunter Alltagskultur, Unterhaltung und eine Kultur der Jugend, der Kurzlebigkeit und des Modernen. Und irgendwie landet man dann auch immer wieder bei Musik.

Popkultur, Freie Szene, Subkultur, Soziokultur wurden jahrzehntelang vernachlässigt. Diese Szene ist bei Politikern nicht angekommen. Verwaltung, Richtlinien der Förderung hinken der durchaus rasanten Entwicklung hinterher. Föderalistische Strukturen, mangelnde kulturelle Bildung, Streichungen in der kommunalen Kulturarbeit, kaum noch Musikunterricht, steigende Mieten auch für Probenräume … verschlechtern die Gesamtlage.

In einer pulsierenden Poplandschaft, vom Kommerz getrieben und in Nischen lebendig, gibt es auch einige wenige »Leuchttürme«, besser Veränderungen. Die Vertreter präsentierten das Musikboard Berlin (seit 2013 am Start), die Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim und kommunale Projekte aus Köln und Hamburg.

Das Mannheimer Projekt agiert seit 2003 als Hochschuleinrichtung und Kompetenzzentrum für die Musikwirtschaft. Die beiden Bachelorstudiengänge Musikbusiness und Popmusikdesign werden angeboten, und die Zahl der Bewerbungen übersteigt alle Realitäten. Bemerkenswert: Weltmusik, eine traditionelle und immer aktuelle Musiksparte, steht im Programm. Mannheim ist ein positives Beispiel der Wirtschaftsförderung und europäischen Zusammenarbeit an einem Standort, der durch Branchensterben gezeichnet war. Und so sieht sich diese Stadt als »heimliche Musikhauptstadt« mit einer sehr lebendigen Szene, Musikpark und kultureller Kinder- und Jugendarbeit.

Berlin ist Pop, und die Musik- und Kreativwirtschaft boomt, weil viele junge Menschen aus der ganzen Welt hier ihre Träume verwirklichen wollen. Die Politik hat reagiert und einen 2,4-Millionen-Etat zur Verfügung gestellt. Und so kann die Musikbeauftragte des Landes Berlin, Katja Lucker, stolz verkünden, dass im August 2015 über sieben Tage ein Megaevent – die »Pop-Kultur« im Berghain – läuft. »Subkulturen und elektronische Musik, popaffine Geister aus Film und Mode sowie Technologietrends werden als Markenzeichen Berlins so selbstverständlich vorkommen wie die großen Helden des internationalen Popgeschehens.« (Pressemitteilung) Ein Schwerpunkt wird sein, den Nachwuchs zu fördern, den Clubs zu helfen (es wurde viel über Schallschutz gesprochen) und Kulturjournalismus wieder zu entwickeln.

Kleine Etats in Hamburg, Köln und von anderen Städten gar nicht zu sprechen zeigen ein riesiges Gefälle in der Förderung von Popkultur und Jugendarbeit. Woran liegt das? Offensichtlich spielt der subjektive Faktor eine Rolle – der Bürgermeister und seine kulturellen Vorlieben. Kulturpolitik in den Parlamenten – wer hat das Sagen? Wer setzt die Schwerpunkte? Der Föderalismus, wie in der Bildungspolitik, bietet die »Freiheit« des Durchwurschtelns in jedem Bundesland. Kinder, die ihr Musik machen wollt, zieht einfach nach Mannheim! Muss ja nicht gleich Berlin sein.

Interessanterweise existiert Popkultur auch ohne Förderung. Künstler/innen und Musiker/innen ignorieren den Staat, die großen Musikkonzerne und machen ihr Ding. Und so zeigen sich zum Beispiel auf der Liederbestenliste Dota Kehr, Cynthia Nickschas, Heinz Ratz mit Strom und Wasser mit Ohrwürmern, die die Volksmassen ergreifen sollten. Sie tauchen aber im Radio eher nicht auf. Und hier würde die nächste Debatte starten: Kulturpolitik und Medien. Sie fand diesmal in Loccum nicht statt.