Disput

Eine Umarmung für Nareens Mut

Nareen Shammo sucht und kümmert sich um vom »IS« entführte Frauen und Mädchen. Dafür wurde sie mit dem Frauenpreis 2015 der LINKEN geehrt

Von Antje Kind

Es war der Höhepunkt bei der Verleihung des Clara-Zetkin-Frauenpreises am 6. März. Sieben tolle Projekte waren im Vorfeld nominiert worden – der Frauenpreis der LINKEN 2015 ging dann an Nareen Shammo von der »Initiative for Ezidies around the world and Yazda Centre« (Initiative für Yesiden der Welt und Zentral-Yazda) und machte alle Anwesenden sprachlos. Die Tränen standen uns in den Augen.

Denn unter Einsatz von Leib und Leben, nur mit einem Handy »bewaffnet«, spürt die junge Frau, selbst Jesidin, entführte Frauen und Mädchen auf, die in der nordirakischen Region Shingal (Sindschar) von Kriegern des »Islamischen Staat« entführt wurden und werden. Die Jesiden sind eine meist nordkurdisch sprechende religiöse Minderheit. Offizielle Zahlen gibt es nicht, Schätzungen gehen von zwischen 200.000 und 800.000 Jesiden weltweit aus – die meisten leben im Nordirak, in Nordsyrien und der südöstlichen Türkei. Vom »IS« werden sie als Häretiker verfolgt.

Sie erleiden Unvorstellbares. Geflüchtete oder freigekaufte Frauen erzählen, dass ihre Angehörigen – Ehemänner, Söhne, Brüder – vor ihren Augen erschossen wurden. Kinder werden von ihren Müttern getrennt, damit sie von Beginn an im Sinne des »IS« erzogen werden. Die Mädchen werden gezwungen, zum Islam zu konvertieren; weigern sie sich, werden sie misshandelt. Die meisten von ihnen werden verkauft oder verschenkt – je jünger, desto mehr Geld bekommen die Entführer für sie: fünf bis fünfzig Dollar. Zwangsverheiratungen und Vergewaltigungen erleiden fast alle. Wenn die Frauen »Glück« haben, dann »nur« durch einen: durch ihren neuen Ehemann. Wir erfahren vom Leidensweg einer Zehnjährigen, die schwanger aus der Gefangenschaft zurückkam.

Nareen Shammo hält Kontakt zu den Frauen, die noch im Besitz ihres Mobiltelefons sind und manchmal die Erlaubnis zum Telefonieren bekommen oder heimlich telefonieren. Die Angst, eine Frau für immer zu verlieren, wenn Nareen sie ein paar Tage nicht erreichen kann, ist immer da. Oft muss Nareen erst schier endlos mit den Entführern verhandeln, sie bitten, mit den Frauen sprechen zu können. Sie sammelt Geld, sie versucht, Hilfe zu vermitteln, und nicht zuletzt gibt sie den Familien der Opfer Hoffnung.

Die anderen sechs Nominierten für den Frauenpreis der LINKEN erhielten bei der bewegenden Veranstaltung im »Südblock« in Berlin Anerkennungsurkunden.