Disput

Das bleibt ewig in Erinnerung

Die Grausamkeiten im KZ Buchenwald

Von Sonja Thormeyer

Seit meiner Geburt im Jahre 1934 wohnte ich in Rastenberg bei Weimar, nicht weit entfernt von Buchenwald. Abends ging ich sehr oft mit meiner Mutter auf den Berg, sie zeigte mir dort einige Lichter am Wald und erklärte mir, Deutsche töten dort viele arme Menschen. Also wussten die Leute, was sich dort abspielte.

Mein Vater war schon lange im Krieg, und auch mein Bruder war mit 16 Jahren eingezogen worden, er war zehn Jahre älter als ich, aber an ihn konnte ich mich nie erinnern, nur auf dem Soldatenbild sah ich ihn.

In unserem Ort war ein großes Gefangenenlager von Polen, Russen und Franzosen. Im Nebenort Lossa war eine große Gasbombenfabrik, und viele Gefangene mussten dort arbeiten. Vor dem Eintreffen der Amerikaner wurden die Waggons mit Gasbomben von den Häftlingen in Brand gesetzt, damit haben sie die Bevölkerung vor dem Gastod gerettet. Diesen Menschen wurde ein Denkmal gesetzt, denn sie haben diese Tat mit ihrem Leben bezahlt. Leider wurde das Denkmal 1991 entfernt, auf Anraten des Bürgermeisters.

Im April 1945 war ich zehn Jahre. Wir hatten sehr oft keinen Unterricht mehr, und es war für uns Kinder ein Erlebnis, wenn Fliegeralarm war. Wir waren viel unterwegs im Wald und auf dem Berg und hörten großen Lärm. Eine große Sensation war für uns, wenn ein echter Panzer durch die Straßen fuhr. Viele Einwohner kamen mit weißen Tüchern, auch wir machten uns einen Stock mit einem weißen Taschentuch dran und gingen auf den Panzer zu. Wir durften auf dem Panzer Platz nehmen und fuhren ein Stück mit. Es waren junge Männer wie mein Bruder, nur einer war schwarz, der erste Neger, den wir gesehen haben. Sie redeten so komisch und gaben uns süßes braunes Zeug, es schmeckte wunderbar – es war die erste Schokolade in unserem Leben.

Langsam fuhr der Panzer mit uns weiter. Unterwegs kamen uns viele Menschen in gestreiften Sachen entgegen, manche lagen am Straßenrand, winkten uns zu, streckten die Arme den Panzern entgegen. Vor dem Wald mussten wir absteigen. Wir machten uns keine Gedanken, wo wir waren, wir wollten nur hinterherlaufen. Es waren auf einmal so viele Menschen, die auf der Erde krochen, sie konnten nicht mehr laufen, sie waren abgemagert, richtige Skelette.

Wir sind durch das Buchenwaldtor gelaufen und sahen viele liegend, die Arme nach uns streckend, obwohl wir ja noch Kinder waren. Es war ein Schock für uns – ein wildes Durcheinander. Wir sahen zum ersten Mal einen Berg von toten Menschen, die Augen weit auf, der Mund weit aufgerissen, als ob sie uns noch was sagen wollten. Ein grauenvoller Anblick, den ich wohl nie vergessen werde.

Auch das Geschrei und die Hilferufe von abgemagerten Menschen – viele lagen im Dreck und versuchten, uns zu greifen, waren aber zu schwach, um aufzustehen – das bleibt ewig in Erinnerung.

Was in mir und meinen Freunden vor sich ging, kann ich nicht beschreiben.

Wir wurden von den Amerikanern aufgesammelt und in einem Jeep nach Hause gebracht. Wir haben alle tagelang nichts essen können, nur geweint und außerdem noch viel Ärger zu Hause bekommen.

Wir fragten uns, warum so viele Menschen sterben mussten und nichts dagegen getan wurde.

Alle, die es miterlebt und gesehen haben, schworen sich, so lange wir leben dafür einzutreten, dass so etwas nie wieder geschieht. So lange wir leben muss die Erinnerung daran weitergegeben werden, das ist eine Verpflichtung gegenüber den Toten.

Die Engländer und Amerikaner haben die Grausamkeiten im Film festgehalten. Dieser zeigt die Wahrheit, wie sie das Lager vorfanden und wie ich es auch gesehen habe. Den Film habe ich mir nur einmal angesehen, da kommen so viele Bilder wieder, Buchenwald als Gedenkstätte konnte ich bis Mai 2010 nicht betreten ...

Die Amerikaner haben damals aus jeder Familie rund um Weimar eine Person verpflichtet, sich innerhalb einer Woche diese Unmenschlichkeit und Grausamkeit anzusehen, sonst bekam die ganze Familie keine Lebensmittelkarten ausgehändigt. Viele wollten oder konnten nicht glauben, was sie sahen, und waren so entsetzt, dass Menschen mit Menschen so umgehen konnten.

Leider sterben jetzt die Generationen, die diese Zeit miterlebten. Lasst so etwas nie mehr zu! Dass so etwas nie mehr geschieht!

Sonja Thormeyers Vater war selbst Häftling im KZ Buchenwald. Er hatte als Soldat zum 1. Mai 1944 ein Transparent gemalt und wurde verhaftet; im KZ musste er medizinische Versuche über sich ergehen lassen. Er starb 1960. Auf eine Rente als Opfer des Faschismus verzichtete er – er fand, dass die DDR das Geld für wichtige Aufbauprojekte brauche.

Sonja Thormeyer wurde Hebamme, Lehrfachschwester und Fachschwester für Blutspende- und Transfusionswesen. Sie lebt in Zwickau und ist zeitlebens politisch engagiert, unter anderem in der VVN/BdA.