Disput

Ein Tag der Befreiung

Von der Festveranstaltung in der Gedenkstätte Buchenwald

Von Simone Hock

Ich war am 29. September 1987 zum ersten Mal in der Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald. Damals, für uns 13-Jährige, fand dort im Glockenturm in Vorbereitung der Jugendweihe unsere Aufnahme in die FDJ statt. Der Besuch und vor allem die Erzählungen eines ehemaligen Häftlings haben mich tief bewegt. Anfang der 90er Jahre war ich erneut dort, und nun fuhr ich am 12. April mit der VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten) zur Gedenkveranstaltung anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers. Ich war neugierig auf die Veranstaltungen und auch darauf, wie sich die Gedenkstätte verändert hat.

Der Tag in Buchenwald begann mit dem Treffen der Nachkommen der ehemaligen Häftlinge. Eine bewegende Veranstaltung, bei der so mancher schlucken musste. Mit Texten »Ehemaliger«, mit der historischen Lautsprecherdurchsage vom 11. April 1945, dass das Lager nun frei sei, mit der musikalischen Untermalung durch Barbara Thalheim und mit Reden, die zum Nachdenken anregen. So verwies der stellvertretende Oberbürgermeister von Weimar darauf, dass dieser Tag bei allem Gedenken ein Tag der Befreiung und somit ein Feiertag sei. Und er forderte die Nachkommen auf, die Stadt in die Pflicht zu nehmen, um das Andenken zu bewahren und lebendig zu halten. Viel zu lange habe man sich davor gesträubt und nicht akzeptiert, dass Buchenwald nicht Fremdkörper, sondern Teil Weimars ist.

Bemerkenswert waren auch die Worte des Vertreters des Zentralrates der Sinti und Roma, Sohn einer Überlebenden des KZ: Über 500.000 Sinti und Roma wurden im Holocaust ermordet. Doch die Menschheit hat nichts daraus gelernt, sonst würde sie heute anders mit uns umgehen ... Er machte deutlich, dass die Überlebenden nicht nur an den physischen und psychischen Qualen der Vergangenheit zu tragen haben, sondern dass aktuelle Hetze – wie das NPD-Plakat »Lieber Geld für die Oma statt für Sinti und Roma« – unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit alte Wunden und Ängste wieder aufreißen.

Ich mag mir nicht vorstellen, wie dieser Rassismus auf Überlebende und ihre Angehörigen wirken muss. Trauriges Fazit ist leider, dass wir von der Erfüllung des Schwurs von Buchenwald weiter entfernt sind als je. Die Pegida-Demonstrationen überall im Lande, NPD- und AfD-Vertreter/innen in den Parlamenten und das Erstarken rechter und nationalistischer Parteien in ganz Europa sind trauriger Beweis dafür.

Emotionaler Abschluss der Veranstaltung war das gemeinsame Singen des Buchenwaldliedes, ein sehr bewegender Moment – nicht nur für mich.

Auf dem Gelände hat sich einiges getan. Gedenksteine an verschiedenen Stellen im ehemaligen KZ sind dazugekommen, und auch das Gelände des sogenannten Kleinen Lagers, in dem vorwiegend sowjetische Kriegsgefangene untergebracht waren, ist nun begehbar und nicht mehr verwildert. Das Mahnmal mit Glockenturm und Straße der Nationen indes wirkte verwaist, schade. Hier wünsche ich mir die Herstellung der Barrierefreiheit – die breiten Treppen geben das her – und natürlich die Nutzung zu solchen Festveranstaltungen.