Disput

Enormer Einfluss

Unesco: Das Kommunistische Manifest gehört zum Kulturgut der Menschheit

Von Wolfgang Triebel

Im Sommer 2013 wurden das »Manifest der Kommunistischen Partei« und Band 1 des »Kapital« von Karl Marx in die Unesco-Liste »Memory of the World« – Gedächtnis der Welt – »zum Erhalt des dokumentarischen Erbes der Menschheit« aufgenommen. Endlich, sagen Marxisten. Von allen je in der Geschichte der Menschheit bekannt gewordenen Gesellschaftskonzeptionen ist kein auf ein menschenwürdiges Dasein gerichtetes Dokument so massiv angefeindet worden wie das Kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels.

Seit 1848 kämpfen Völker auf allen Kontinenten trotz Verfolgungen für die politische Umsetzung der zukunftsträchtigen Ideen des Manifestes in ihre sozialen Lebensbedingungen. Es begann mit der Pariser Kommune 1871 und erreichte mit dem Sieg der Oktoberrevolution 1917 in Russland und der Gründung der Sowjetunion einen ersten Höhepunkt. Die Entstehung weiterer sozialistischer Staaten in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg waren Schritte zur Realisierung der Ziele des Manifests. Alle wesentlichen politischen Kämpfe des 20. Jahrhunderts, auch die beiden Weltkriege, hatten mit diesen weltweiten revolutionären gesellschaftlichen Umwälzungen zu tun. Sie inspirierten revolutionäre Bewegungen in Asien, Afrika und Lateinamerika bei der Beseitigung des Kolonialismus.

Auf der Berliner Konferenz zum 100. Todestag von Karl Marx 1983 fand der Vertreter der damaligen Fortschrittlichen Volksfront der Seychellen treffende Worte für die Ausstrahlungskraft der Ideen des Marxismus: »Wir haben Marx immer gekannt, wenn auch anfangs nicht durch seine Schriften. Wir haben ihn damals im Kampf unseres Volkes entdeckt, in dem Plan einer Gesellschaftsordnung, den wir in uns trugen, wenn auch noch etwas verschwommen ... Als wir dann angefangen haben, uns etwas eingehender mit den Schriften von Marx … zu beschäftigen, haben wir festgestellt, dass sie bereits alte Weggefährten, aber gleichzeitig voller neuer Gedanken waren. Das haben wir dann genutzt, um zu korrigieren, was zu korrigieren war, um Erkenntnisse zu festigen und weiter voranzukommen.«(1)

Durch den Zusammenbruch des Realsozialismus in Europa am Ende des 20. Jahrhunderts sind die Gegenkräfte zum Kapitalismus geschwächt. Mörderische Kriege wurden wieder salonfähig. Politiker der USA treten zur Durchsetzung ihrer Weltherrschaftsansprüche Völkerrecht und Menschenrechte ungestraft mit Füßen. Die NATO-Verbündeten machen mit oder schweigen, auch Politiker Deutschlands. Russland soll als europäische Großmacht beseitigt werden. China, Kuba und Nordkorea wurden in gestriger antikommunistischer Manier von denen als »Schurkenstaaten« abgestempelt, die selbst schurkenhaft gegenüber der Mehrheit der Menschheit handeln.

Die wachsenden krassen Gegensätze von Arm und Reich in der heutigen globalen Welt zwingen zur Wiederbesinnung auf Grundaussagen im Manifest. Kämpfe gegen Krieg und Neokolonialismus sind »Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl«. (Manifest, MEW 4/473) Die Aufnahme von Kommunistischem Manifest und Band 1 des »Kapital« in das Weltdokumentenerbe der Unesco ist zu Recht damit begründet, dass »zwei der wichtigsten deutschen Publikationen des 19. Jahrhunderts« gewürdigt werden, die »großen Einfluss auf die Entwicklung sozialistischer, kommunistischer und anderer revolutionärer Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts« hatten. Im ersten Band des »Kapital«, heißt es in der Begründung, »beschreibt Marx den zunehmenden Klassengegensatz von Proletariat (Arbeit) und Bourgeoisie (Kapital) im Kapitalismus.« Beide Werke »sind in nahezu alle Sprachen der Welt übersetzt worden und ihr enormer Einfluss wirkt bis heute nach.« (2)Sorgen wir für die inhaltliche Vertiefung der Schriften von Marx und Engels.

Bis heute halten bestimmte politische Kreise den Einleitungssatz des Manifests, »Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus«, variantenreich am Leben. Allerdings dürfte schwer zu erklären sein, dass »politisch Gespenstisches« Weltkulturerbe sein soll. Am Gestrigen hängende Parteihistoriker, Politiker und Politikwissenschaftler werden nicht umhin kommen, die Zeit vom Kommunistenprozess in Köln 1852 bis zu Schuldzuweisungen an Linke in Verfassungsschutzberichten neu zu bewerten. Mit der Aufnahme in diese einzigartige Sammlung verpflichten sich die Entsendestaaten, »im Dienste der internationalen Staatengemeinschaft für die Erhaltung und Verfügbarkeit des jeweiligen dokumentarischen Erbes zu sorgen.«(3)

Die Linkspartei hat seit 1990 viele Analysen erarbeitet, wann und wodurch in der DDR Denkweisen von Marx und Engels verlassen wurden. Im vereinten Deutschland sind bisherige Diskussionen – pro und contra – um Ideen von Marx und Engels nicht minder kritisch zu betrachten. Hier liegen für linke Bewegungen weltweit politische Chancen, zum 200. Geburtstag von Karl Marx am 5. Mai 2018 mit Marx gesellschaftliche Entwicklungen vorauszudenken.

Deutschland ist mit 17 Einträgen im »Memory of the World«-Register der Unesco vertreten. Sie dokumentieren die Vielfalt deutscher Beiträge zur Kulturgeschichte. Zu den 17 Einträgen gehören: die Gutenberg-Bibel, Goethes literarischer Nachlass, Beethovens Neunte Sinfonie, Fritz Langs Stummfilm »Metropolis«, Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, das Nibelungenlied, die Himmelsscheibe von Nebra, die Goldene Bulle sowie Dokumente zum Bau und Fall der Berliner Mauer und der Zwei-plus-Vier-Vertrag.

Anmerkungen

(1) Karl Marx und unsere Zeit – der Kampf um Frieden und sozialen Fortschritt. Internationale wissenschaftliche Konferenz in Berlin, 11. bis 16. April 1983. Reden und Beiträge, Dresden 1983, S. 282.

(2) Aus dem Antrag der deutschen Unesco-Kommission. www.unesco.de/kommunistisches_manifest.html. Der Antrag wurde 2012 gemeinsam gestellt von der Deutschen Unesco-Kommission e. V., der Ständigen Vertretung der BRD bei der Unesco, dem Auswärtigen Amt und von »Kulturwelt«, dem Freiwilligendienst des Auswärtigen Amtes, sowie der Unesco-Vertretung der Niederlande.

(3) Ebenda.