Disput

Gegen das Vergessen

Der Sieg über den deutschen Faschismus und die Befreiung Europas bleibt eine historische Leistung. Gedanken eines Nachgeborenen

Von Bernd Ihme

Der April-DISPUT stand ganz im Zeichen des 70. Jahrestages der Befreiung mit vielen sehr guten Beiträgen. Kürzlich wurde ich gefragt, was mir der Tag der Befreiung heute eigentlich bedeutet, 70 Jahre nach dem denkwürdigen 8. Mai des Jahres 1945. Ich gehöre zur Generation der Nachgeborenen, habe Not und Elend des Krieges nicht erlebt. Aber seit meiner Kindheit war das Gedenken im Umfeld dieses Tages stets allgegenwärtig: Veranstaltungen mit Reden und Auftritten von Ensembles der Roten Armee, Kranzniederlegungen am sowjetischen Ehrenmal, gestaltete Wandzeitungen und Pioniernachmittage mit Erlebnisberichten von Parteiveteranen. Später kamen Erkenntnisse über Faschismus und Krieg aus dem Schulunterricht, aus Spielfilmen wie »Ein Menschenschicksal«, »Wenn die Kraniche ziehen«, »Sie nannten ihn Amigo«, »Ich war neunzehn«, »Komm und sieh«, »Befreiung« und »Jakob der Lügner«, aus Dokumentarfilmen wie »Du und mancher Kamerad« und »Der gewöhnliche Faschismus« sowie aus der Literatur »Das siebte Kreuz«, »Nackt unter Wölfen«, »Die Lebenden und die Toten«, »Die Abenteuer des Werner Holt« und »Kindheitsmuster« hinzu.

Das alles hat meine Vorstellungen und meine Haltung zu Faschismus, Krieg und Widerstand zutiefst geprägt – verstandesgemäß und emotional. Wenn Lieder wie »Der heilige Krieg«, »Meinst du, die Russen wollen Krieg«, »Sag mir, wo die Blumen sind« oder »Heimat, meine Trauer« erklingen, dann fällt es mir immer wieder schwer, meine innere Erschütterung in den Griff zu bekommen.

Sicherlich, das Befassen mit dieser Thematik war in Ost und West durch die ideologischen und politischen Auseinandersetzungen zu Zeiten des Kalten Krieges beeinflusst. Bestimmte Einseitigkeiten und die Gefahr gleichgültiger Ritualisierungen waren nicht zu übersehen. Mit den Jahren wurden so manche meiner Einschätzungen differenzierter und ausgewogener. Aber an meiner Grundeinstellung hat sich nichts geändert: Faschismus und Krieg waren und sind Verbrechen.

Zwei Fragen haben mich immer wieder bewegt: Wieso hat eine so große Mehrheit in Deutschland den Verheißungen der Nazis geglaubt und bis zum bitteren Ende mitgemacht? Wie haben sich die Menschen nach dem Kriege individuell mit ihrem Denken und Tun während der Nazizeit auseinandergesetzt?

Den Faschisten wurde 1933 die Macht übergeben, aber die NSDAP wurde auch mehrheitlich gewählt. Ich erinnere mich, dass in meiner Familie viel über Krieg, Gefangenschaft und die sogenannte Stunde Null gesprochen wurde, aber über das ganz individuelle Verhalten und die damit verbundenen Schlussfolgerungen wurde kaum geredet. Die persönlichen Erlebnisse in den April- und Maitagen des Jahres ‘45 waren erschütternd, voller Widersprüche und konfliktgeladen. Von einem Gefühl, befreit worden zu sein, konnte damals bei den Davongekommenen kaum die Rede sein. Ängste, Schuldbewusstsein, Genugtuung darüber, überlebt zu haben, herrschten vor. Und es bedurfte einer inneren Überwindung, sich mit sich und der Vergangenheit gründlicher zu befassen. Man war verunsichert, darüber zu sprechen, das Erinnern an eigenes Verhalten wurde verdrängt, und die Erkenntnis, befreit worden zu sein, stellte sich erst allmählich ein. Und dennoch gilt für alle Überlebenden des Krieges: Sie wurden »befreit von den Schrecken des Krieges«, sie wurden befreit von »der Rolle, die sie als Gefolgschaft eines mörderischen Regimes gespielt hatten«, sie wurden befreit »von der schandbaren Perspektive als Sklavenhalter Europas«.(1)

Zum anderen bewegte mich folgende Frage: Die Sowjetsoldaten wurden als Helden und Befreier gewürdigt, und an das Vermächtnis der vielen Tausenden Opfer faschistischer Gewaltherrschaft wurde appelliert. Aber wie ist an die vielen gefallenen deutschen Soldaten und umgekommenen Zivilisten zu erinnern? Mit der in den 60er Jahren neu gestalteten Neuen Wache Unter den Linden in Berlin zum Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus wurde meiner Meinung nach das offizielle Gedenken erweitert und ein wichtiges Zeichen gesetzt. Vor der ewigen Flamme in einem Glasprisma wurden unter zwei Bronzeplatten die sterblichen Überreste eines unbekannten Widerstandskämpfers und eines unbekannten deutschen Soldaten beigesetzt. Unter der Platte des Widerstandskämpfers lag Erde aus neun Konzentrationslagern, unter der Platte des Soldaten von neun Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges. Das Gedenken galt auch in der DDR allen Opfern der faschistischen Terrorherrschaft – den sowjetischen und alliierten Soldaten, den Widerstandskämpfern bis in die kirchlichen und bürgerlichen Kreise hinein, den Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma und den vielen Opfern unter der Zivilbevölkerung.

Nach der Wende wurde uns Ostdeutschen von westlicher Seite her versucht einzureden, dass wir es in der DDR lediglich mit einem »verordneten Antifaschismus« zu tun gehabt hätten, was immer das bedeuten sollte. Ein solcher Vorwurf war schon ziemlich dreist, wenn man sich daran erinnert, dass in den 50er und 60er Jahren in der BRD mit faschistischer Vergangenheit belastete Beamte wieder in Justiz, Verwaltung, Militär und bis in höchste politische Ämter hinauf zurückkehrten und dass die historische Bedeutung von Antifaschismus und Befreiung abgewehrt und verschwiegen wurde. Erinnert hat man lediglich an die bedingungslose Kapitulation, an Niederlage, Vergewaltigungen(2), Flucht, Vertreibung und erlittenes Unrecht. Es war ein totaler Tabubruch, als 1985 der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker in einer großes Aufsehen erregenden Rede den 8. Mai als Tag der Befreiung bezeichnete und darauf verwies, dass der 8. Mai 1945 nicht von der faschistischen Machtübernahme am 30 Januar 1933 getrennt betrachtet werden darf. Die bundesrepublikanische Rechte aller Couleur tobte vor Wut.

Mit dem Anschluss der DDR an die BRD verschwand der 8. Mai als Gedenktag aus dem Kalender. In der Welle von Straßenumbenennungen Anfang der 90er Jahre wurde auch in meinem Stadtbezirk Berlin-Lichtenberg mit den Stimmen von SPD und CDU der Name Straße der Befreiung beseitigt. Jetzt, zum 70. Jahrestag der Befreiung, liegt der Bezirksverordnetenversammlung ein Antrag auf Rückbenennung vor. Erwähnenswert ist, dass allein das Land Mecklenburg-Vorpommern seit 2006 den 8. Mai wieder als offiziellen Gedenktag begeht.

Es ist unübersehbar, dass sich seit der Jahrtausendwende im Umgang mit dem Tag der Befreiung in Deutschland eine Reihe positiver Entwicklungen vollzogen hat. Dazu haben die Aktivitäten von Antifaschisten, Demokraten und wissenschaftliche Forschungsergebnisse wesentlich beigetragen. Dennoch bleibt das dringende Erfordernis, gegen Geschichtsrevisionismus und das Vergessen zu kämpfen.

Es ist mehr als bedrückend, wenn heute erneut schlimme Signale von antikommunistischer Verketzerung, Fremdenfeindlichkeit und ideologischer Kriegsvorbereitung zu vernehmen sind. Offizielle Kreise einer Partei, die das Wort christlich in ihrem Namen hat, sprechen davon, dass nach 1945 nur der Westen Deutschlands wirklich befreit wurde, während im Osten eine Diktatur nahtlos von einer anderen abgelöst wurde. Wer so argumentiert, der hat nicht nur nichts aus der Geschichte gelernt, sondern versucht, mit der Gleichsetzung von Faschismus und Sozialismus das unmenschliche und verbrecherische Wesen und die Schuld des deutschen Faschismus zu verharmlosen und zu verschleiern.

Befreien wir uns endlich von all den Feindbildern des Kalten Krieges!

Was ist davon zu halten, wenn der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion verkünden kann, dass jetzt »in Europa wieder Deutsch gesprochen wird«?(3) Wenn in Deutschland nach wie vor faschistische und rechtsextremistische Kreise unter dem Vorwand von Meinungsfreiheit und unter dem Schutz der Polizei ihr Unwesen treiben und von der »Tapferkeit des deutschen Soldaten«, »der Charakterstärke der deutschen Frau« und der »Leidenskraft der Vertriebenen« schwärmen können. Wenn sich die sogenannten kleinen Leute einer ansonsten »schweigenden Mehrheit« zur massenhaften Teilnahme an fremdenfeindlichen Hetzveranstaltungen mobilisieren lassen. Wenn die Massenmedien tagein, tagaus eine antirussische Stimmungsmache verbreiten. Hellhörig wird man, wenn gefordert wird, dass Deutschland wieder weltweit »Verantwortung« zu übernehmen habe. Wenn militärische Konflikte aus globalen Machtinteressen heraus angeheizt werden und zu einem neuen Weltkrieg zu eskalieren drohen, dann ist unbedingt daran zu erinnern, warum und wie einst Kriege vorbereitet und durchgeführt wurden. Was damals geschah, darf niemals in Vergessenheit geraten.

Es ist übrigens bezeichnend, dass in den vielen Artikeln, Gedenkreden und Zeitzeugenberichten, die sich gegenwärtig um das Datum 8. Mai ranken, die Hauptverantwortlichen für Faschismus und Krieg in Deutschland kaum bis gar nicht mehr erwähnt werden: die deutschen Großkonzerne und Banken, die die Faschisten zur Machtübernahme brachten und die am Krieg und der Unterwerfung und Ausbeutung von Millionen Menschen in Deutschland und Europa profitierten. Das gehört dazu, wenn aufgerufen wird, jetzt und in Zukunft gegen das Vergessen aufzustehen.

Gewalt und Kriege lösen keine gesellschaftlichen Probleme, sondern sie sind selbst die Probleme. Der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung für alle friedliebenden Menschen. Er sicherte vielen Menschen das Überleben und schuf die Voraussetzungen für gesellschaftliche Veränderungen. Eine Niederlage ist er nur für all jene verbrecherischen Kräfte, die den Krieg entfesselten und Millionen Menschen damit umbrachten! Der Sieg über den deutschen Faschismus und die Befreiung Europas bleibt eine historische Leistung und das große Verdienst aller Verbündeten in der Anti-Hitler-Koalition! Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!

Anmerkungen

(1) Den 8. Mai 1945 als Befreiung begreifen. Erklärung des Sprecherrates der Historischen Kommission beim Parteivorstand der LINKEN zum 65. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus. 23. April 2010

(2) Vergewaltigungen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges gab es von Soldaten aller Besetzungsmächte. Siehe dazu: Miriam Gebhardt, Als die Soldaten kamen. Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs. DVA, München 2015.

(3) Vgl.: Spiegel online, 15. November 2011.