Disput

Kapitalismus verstehen

Eine Einführung in die Politische Ökonomie der Gegenwart. Zu einem lesenswerten Buch von Ralf Krämer

Von Harald Wolf

Ralf Krämers »Kapitalismus verstehen. Einführung in die Politische Ökonomie der Gegenwart« ist ein wichtiges Buch. Nicht etwa weil es Erkenntnisse über den heutigen Kapitalismus zu berichten hätte, die nicht schon an der einen oder anderen Stelle formuliert und niedergeschrieben wurden. Sondern weil es »eine kompakte, auf die Probleme der Gegenwart gerichtete Einführung in die politische Ökonomie des Kapitalismus« ist, die sich – so Ralf Krämer – vor allem an politisch und gewerkschaftlich Aktive richten soll. Ein Buch mit einer derartigen Zielsetzung gab es lange nicht mehr – es füllt damit eine seit geraumer Zeit klaffende Lücke auf dem politischen Büchermarkt.

Der Autor, Gründungsmitglied der WASG, Mitglied der Programmkommission der LINKEN und langjähriger Gewerkschaftssekretär, hat sich viel vorgenommen. Die ersten hundert Seiten des Buches widmet er einer Darstellung der Grundlage der marxistischen Wirtschaftstheorie: der Wert- und Mehrwerttheorie, des Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate und der Krisentheorie. Dem schließt sich ein Abschnitt über den »modernen Kapitalismus« an. Hier werden die Entwicklung des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus, die zunehmende Globalisierung und die neoliberale Konterrevolution behandelt, einschließlich aktueller politischer Themen wie die Freihandelsabkommen TTIP, TISA und Co. und neuere Trends der wissenschaftlich-technischen Revolution: Digitalisierung, Industrie 4.0, geistiges Eigentum, Informationsrente und die jüngste Entwicklung der »share economy«.

Ein Buch über die »Politische Ökonomie der Gegenwart« würde den Namen nicht verdienen, wenn es der ökologischen Krise mit der drohenden Klimakatastrophe und den wirtschaftlichen Ursachen der aktuellen Finanz- und Eurokrise und der neoliberalen »Rettungsversuche« nicht ausführlichen Raum widmen würde. Wer einen kurzen und prägnanten Überblick über die wirtschaftlichen Hintergründe der Eurokrise: Leistungsbilanzungleichgewichte, die einseitige Exportorientierung der deutschen Wirtschaft und die »beggar thy neighbor«-Politik durch Lohndrückerei in Deutschland und das Debakel der Eurokrisenpolitik sucht, wird hier fündig. Krämer diskutiert auch die immer wieder in der linken und ökologischen Bewegung umstrittene Frage, ob die linke Forderung nach einem Ende der Austerität und einer neuen Wachstumsperspektive für Europa nicht im Widerspruch zu den ökologischen Notwendigkeiten steht: »Ökologische Politik und linke Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik – die BIP-Wachstum bedeutet – gegeneinander zu stellen, ist … in der Sache und politisch falsch«, lautet seine Schlussfolgerung. Er plädiert stattdessen für einen sozial-ökologischen Umbau, der die »Produktions- und Lebensweise auf neue Grundlage« stellt, »sodass nur noch ein Bruchteil der bisherigen Stoff- und Energieflüsse erfolgt«, die wiederum überwiegend aus regenerativen Quellen gedeckt werden müssen. Dies erfordere in den kommenden Jahren und Jahrzehnten große Investitionen, Arbeitsaufwand und damit Wertschöpfung. So nimmt denn auch ein europäisches Zukunftsinvestitionsprogramm für den sozial-ökologischen Umbau eine Schlüsselstellung in der von ihm skizzierten Reformalternative für einen »Red New Deal« in Europa ein. Es geht ihm um eine »Transformation, die bereits im Kapitalismus beginnt und darüber hinausweist.« Die Perspektive ist ein demokratischer Sozialismus, dessen wesentliche Elemente Krämer im Schlusskapitel zu skizzieren versucht.

Naturgemäß können in einer solchen Einführung nicht alle Themen erschöpfend behandelt und ausdiskutiert werden. Dass es noch einiges zu diskutieren gibt, macht Krämer erfreulicherweise deutlich. An mehreren Stellen seines Buches verweist er auch auf unterschiedliche Ansätze und Positionen innerhalb der Linken. Wer also neugierig geworden ist und einzelne Fragestellungen vertiefen möchte, findet im Buch weiterführende Literaturhinweise ebenso wie eine Liste von Internet-Links mit zusätzlicher Literatur und Materialien zu den einzelnen Themen. Das Buch ist allen zu empfehlen, die sich einen Überblick über marxistische Wirtschaftstheorie und die aktuelle linke wirtschaftspolitische Diskussion verschaffen wollen. Es ist in einer verständlichen Sprache geschrieben, ohne deshalb oberflächlich zu werden. Zu wünschen ist, dass das Buch in der politischen Bildungsarbeit der LINKEN breite Verwendung findet und dass damit ein gesteigertes Interesse in der LINKEN an Fragen der Politischen Ökonomie und einer Erhöhung der wirtschaftspolitischen Kompetenz geweckt werden kann.

Ralf Krämer: Kapitalismus verstehen. Einführung in die politische Ökonomie der Gegenwart, VSA Verlag, Hamburg 2015, 253 Seiten, 16,80 Euro