Disput

Mit Bambus gegen Bomber?

Feuilleton

Von Jens Jansen

Vor 40 Jahren jagten die Reisbauern in Vietnam die stärkste Militärmacht der westlichen Welt nach Hause. Die USA waren 1955 bis 1975 mit 543.400 Mann in das kleine Land eingefallen. Davor hatten die Franzosen acht Jahre lang vergeblich versucht, Vietnam an die Kette zu legen. Fast 30 Jahre lang wurde das Land in die Steinzeit zurückgebombt. Dabei waren 58.220 US-Interventen gefallen, 1,1 Millionen vietnamesische Soldaten getötet und drei Millionen Zivilisten hingerichtet.

Und warum? Weil der selbsternannte »Weltgendarm« im heiligen Krieg gegen den Kommunismus erzwingen wollten, dass Indochina den »American Way of Life« einhält und nicht den Losungen von Ho Chi Minh oder Mao folgt.

Viele Politiker haben bis heute nicht begriffen, was die Lehre dieses Gemetzels war: Das geopolitische Kräfteverhältnis ist keine statische Größe, sondern ein dynamischer Prozess. Da zählen nicht nur die Truppenstärken und ökonomischen Potenzen der verfeindeten Seiten. Da kann auch die Motivation, die nationale oder religiöse Mentalität oder die ideologische Denk- und Handlungsweise eine große Rolle spielen. Da besteht also oft eine »asymmetrische Herausforderung«. Wer dafür aus machtpolitischer Verblendung und Selbstüberschätzung keinen Nerv hat, darf keine Politik machen oder rennt ins Verderben!

In Vietnam siegten die angespitzten Bambuspfähle in den Fallgruben beiderseits des Ho-Chi-Minh-Pfades letztendlich über die US-Luftwaffe mit Napalm, Gift- und Sprengstoffen.

Hitlers Panzergenerale konnten das an der Ostfront auch nicht begreifen. Sie warteten wochenlang vergeblich auf Nachschub, weil kleine Partisaneneinheiten über Nacht die Brücken und Schienen gesprengt hatten. Mit Dynamit für 100 Rubel konnten Waffen für 100 Millionen Reichsmark gestoppt werden. Die überlebenden Männer, Frauen und Greise aus den von der Nazi-Wehrmacht verbrannten Dörfern waren zum gerechten Befreiungskampf aufgestanden, »asymmetrisch«, aber siegreich.

Was in den USA am 11. September 2001 geschah, als die zwei Hochhäuser des Welthandels und das Pentagon von drei gekaperten Zivilflugzeugen im Auftrag der al-Quaida gerammt wurden, das hat mit fünf beteiligten Terroristen und etwa fünf Millionen Dollar Vorbereitungskosten in den USA eine Schockstarre und Schäden von 16 Milliarden Dollar ausgelöst. Das ist wirklich »asymmetrisch«. Daraufhin nahmen die USA Afghanistan und den Irak ins Visier. Sie schickten alle Elefanten des modernen Krieges dorthin, versprachen, die Schlupfwinkel des Terrors, den Drogenhandel und die Korruption zu besiegen und die Demokratie einzuführen. Aber nichts von alledem gelang.

Der Krieg nimmt kein Ende. Die Drogen-Barone haben ihren Umsatz verdoppelt. Mit dem Gewinn kaufen sie Waffen und Kämpfer für private Streitkräfte. Nun wird um ein islamisches Großreich gerungen.

Dieselbe »Asymmetrie« begegnet uns aber auch, wenn drei amerikanische Großbanken, die sich an faulen Krediten überfressen haben, die ganze Welt in eine sehr teure Währungskrise stürzen. Und was machen die Regierenden? Sie sanieren die Verbrechersyndikate mit dem Steuergeld der kleinen Leute. Und wenn dann systemkritische »Partisanen« vor der Börse hocken, wo das Blut zu Gold gemacht wird, dann schicken sie Wasserwerfer vor.

Wer oder was kann sich heute noch einreden: »Ich bin die Weltmacht Nr.1« und »Alles hört auf mein Kommando!«? Diese Weltordnung hat keine Antworten auf die Zukunftsfragen der Menschheit. Da hilft auch nicht die Tünche der Talkshows. Da ist Vernunft und Besonnenheit und kein gewalttätiger Größenwahn gefragt!