Disput

Nihon, arigato gozaimashita!

Vielen Dank, Japan! – Reiseeindrücke

Von Daniel Bartsch

Vom Abendland ins Land der aufgehenden Sonne – sprichwörtlich am anderen Ende der Welt aus dem Flugzeug steigen und sofort das überraschende Gefühl der Sicherheit und Gelassenheit, kein einziger Moment des »Fremdelns« und augenblickliche Entspannung: 14 Tage Japan lagen vor mir. Kirschblüte in Tokio, Hiroshima, Kyoto und am Fuji-San.

Inspiriert von den Romanen und Geschichten des japanischen Autors Haruki Murakami, dessen Charaktere der sie umgebenden Welt immer etwas ratlos und distanziert gegenüberstehen, suchte ich nach genau dieser Erfahrung: außenstehend, nicht verstehend und allein. Und fand unvergleichliche Schönheit, Ruhe und die wohltuende Wirkung der Mischung aus Respekt und Distanz.

Selbst der Moloch Tokio, Start- und Zielpunkt der Reise, mit seinen 37 Millionen Menschen in der Metropolenregion ist in seinen belebtesten Ecken ruhiger und entspannter als jede deutsche Einkaufspassage. Am lautesten sind Videowände, auf denen quietschbunte Autos miteinander kämpfen – sonst herrscht jenseits des Berufsverkehrs ein rücksichtsvolles Miteinander an Kreuzungen und Bahnsteigen. Wo Arbeit traditionell Mittelpunkt des Seins ist, wird alles andere darum herum so geordnet, ruhig und entspannt wie möglich gehalten. Das gilt für Bahnsteigmarkierungen zum Zugeinstieg ebenso wie für riesige, herrlich gestaltete Parks, in denen man augenblicklich »runterfährt«.

Von Tokio, im Schnellzug Shinkansen vorbei am Berg Fuji, ging es nach Hiroshima. Es ist müßig, historisches Wissen an diesen Ort mitzuschleppen – wenig macht Geschichte so lebendig wie ein Straßenbaum mit dem Schild, dass dieser am 6. August 1945 hier – 530 Meter vom Hypozentrum des ersten Atombombenabwurfs – schon stand … und nun blüht. Ebenso müßig ist es, den Kampf gegen die Tränen zu führen, einfach laufen lassen: am Hügel aus der Asche Zehntausender, im Museum des Friedensparks vor Sadakos gefalteten Kranichen, an der ewigen Flamme oder eben vor erwähntem Baum, der Symbol für die ganze Stadt sein könnte. Hiroshima, von Bergen umgeben, von Flussarmen durchzogen, ist eine so wunderschöne, großzügige, grüne und junge Stadt – mit einer entsetzlichen Geschichte.

Die notwendige Entspannung für die Seele bietet die der Stadt vorgelagerte Insel Miyajima, mit vielen zahmen Rehen und dem Itsukushima-Schrein, einem Tempeltor, das erstmals 593 im Wasser aufgestellt wurde und mit seinem kräftigen Orange vor atemberaubender Kulisse einfach nur unglaublich schön ist.

Dagegen wollte sich Schönheit in Kyoto, der Geburtsstadt von Haruki Murakami, auf den ersten Blick nicht einstellen. Zu hell, zu grell – anderthalb Wimpernschläge später fing mich aber auch diese Stadt, die wie ein Schachbrett angelegt ist. Je näher man ihren Rändern kommt, zu den Hügeln strebt, desto betörender die Wirkung: Tempelanlagen, Harmonie in Gärten und Parks, ein ganzer Wald aus Bambus, ausreichend für Stunden des Staunens und Laufens. Schlendern am Ufer des Kamogawa unter blühenden Kirschbäumen, und auch in der Stadt nie weit vom nächsten Weltkulturerbe entfernt. Kraniche stolzieren, noch in Sichtweite blinkender Reklame, in aller Ruhe an einem Tempel vorbei. Das eine haben und das andere nicht lassen müssen, ist ein angenehmer Zustand.

Einen Tagesausflug von Kyoto entfernt liegt Japans erste Hauptstadt, Nara. Dicht folgt sie Kyoto bei der Zahl an Weltkulturerbestätten. Und auch, was zauberhafte Gärten und die Menge zahmer Rehe (1.200) angeht, liegt Nara weit vorn. Beeindruckend der Todaiji-Tempel mit seiner Buddha-Statue, die 437 Tonnen schwer ist und entsprechend riesig, ein Nasenloch allein hat einen Durchmesser von 50 Zentimetern.

Nach vier Nächten – der Weltbereisende rechnet in Übernachtungen – ging es weiter zum Fuji-san, jenem mächtigen Vulkan, der den Menschen in Japan heilig ist. Ich hatte Glück: Von knapp drei Tagen habe ich die demutlehrende Erscheinung an ganzen zwei Tagen vor blauem Himmel erlebt, andere fahren fünf Mal zum Berg, und er hüllt sich stets in Wolken. Von fünf Seen umgeben, kann man hier laufen, laufen, laufen ... An einem Tag wurden es für mich rund 30 Kilometer (Verbrauch: 2,5 Liter kalter Grüntee, den es an den zahlreichen Automaten gibt). Ziel war der Aokigahara-Wald, das »Meer aus Bäumen«, welches Suizidenten für ihr Leben gern besuchen – um es dort zu beenden. Das Dickicht aus Bäumen und erstarrter Lava ist einer der Spukorte Japans, um den sich zahllose Sagen und Mythen ranken. Und auf allen Wegen taucht ab und an der weiße Gipfel des Fuji über allem auf – Hammer.

Aus der Ruhe der Berg- und Seenwelt ging es zum Abschluss nochmal für drei Nächte nach Tokio. Neben Geld ausgeben für Souvenirs wollte ich einmal eine echte Kirschblüten-Party erleben – im Ueno-Park. Und siehe da, hier lässt der japanische Mensch jegliche Hemmung fallen, rastet in geregeltem Maße aus: Jede Blüte wird fotografiert, gern auch mit Selfie-Stange. Familien, Firmen, Freundeskreise treffen sich zum Trinken (Alkohol) und Essen (alles) unter den blühenden Bäumen, Volksfeststimmung und Fröhlichkeit. Relativ entgeistert steht man daneben und freut sich ob der Enge auf das geregelte Anstehen am U-Bahnsteig.

Schnell, zu schnell waren die 14 Tage rum – aber sie reichten, um sich hemmungslos zu verlieben in die Harmonie, die Landschaft, die Menschen … in Japan.