Disput

Onkel Erich

Aus der Familiengeschichte der Weinerts

Von Susanne Kreuzer

In der April-Ausgabe vom DISPUT stand auf Seite 21 das Gedicht »Eine deutsche Mutter« von Erich Weinert. Er hatte es 1933 in Paris im Exil geschrieben.

Das Gedicht begleitet die Mutter beim Warten auf ihren Sohn, der geholt worden ist. Von wem? Von der Polizei. Der Sohn kommt und kommt nicht wieder. Verzweifelt macht sie sich auf die Suche. »... gar nicht eingetragen.« Er ist verschwunden. Sie rennt und läuft die ganze Nacht, klopft an Polizei- und andere Gewahrsamstüren – ergebnislos: »... es sind so viele hier.« Als sie endlich wieder zum Polizeirevier zurückkommt, ist er da. Er ist tot, und er ist zerschunden. Er war ihr einziges Kind.

Wie Erich Weinert ihren Zusammenbruch, ihren Tod nach dieser Nachricht beschreibt, hat mich stark beeindruckt und sehr berührt: »Sie sank zusammen wie ein Stück Papier.« Leid. Verzweiflung. Tod. Erich Weinert wäre nicht der engagierte Dichter und Schriftsteller gegen die Nationalsozialisten gewesen, wenn er nicht auch zum Widerstand, gerade aus solch einer Situation heraus, aufgerufen hätte. Und so endet das Gedicht auch.

Erich Weinert war mein Großonkel. Meine Großmutter war seine Schwester, meine Urgroßmutter seine Mutter. Ihn selbst habe ich nicht kennengelernt.

Als die Gestapo Erich Weinert 1933 in Berlin verhaften wollte, befand er sich gerade auf einer Vortragsreise in der Schweiz. Seine Frau und seine Tochter folgten ihm später dorthin. »Wir hatten so Angst um ihn. Wir wussten doch nichts.« Die Schweiz gewährte kein bleibendes Asylrecht. Alle Asylanten wurden nach kurzer Zeit des Landes verwiesen. Sie reisten nach Paris. Wieder blieben die Verwandten in Hannover lange im Ungewissen.

Junge, engagierte Menschen suchten ihn auf, lernten seine Gedichte und seine Texte auswendig und brachten sie über die Grenze. Schon von der Schweiz aus hatte Onkel Erich seine Gedichte und Texte für den Widerstand so nach Deutschland schmuggeln können. Viele seiner Gedichte haben von Paris aus, lange und genauso, den Weg über die Grenze nach Deutschland zurückgefunden. Und so fanden auch Nachrichten an die Familie ihren Weg.

Die Nachrichten, die allerdings nach Paris kamen, brachten ihn sehr bald dazu, sich und seine Familie nach Moskau in Sicherheit zu bringen. Seine Familie lebte bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges dort, seine Tochter machte sogar an einer Moskauer Schule ihr Abitur. Mit der Roten Armee kehrten sie nach Deutschland zurück.

Mit dem Vorrücken der Roten Armee auf Breslau wurde der deutschen Bevölkerung von »oben« geraten, sich auf den Weg nach Westen zu machen und die Alten, die nicht mehr laufen konnten, zurückzulassen.

Eva (meine Mutter) war vom Schanzen zurück in Breslau, sie hatte meinen Bruder Peter zu sich genommen, besserte halbe Tage Uniformen aus und wartete erst einmal ab. Sie hätte ihre Großmutter niemals – allein auf sich gestellt – in Breslau gelassen. Eva wartete auf eine Gelegenheit, um aus Breslau heraus- und um möglichst auch in Hannover bei ihren Eltern in der Kaulbachstraße heil anzukommen. So verging der Sommer, und so verging der Herbst. Es war nun sogar darüber Winter geworden, der Schnee begann zu fallen, und die Ostfront rückte immer näher. Ab Januar 1945 zogen die Flüchtlingsströme aus dem Osten durch Breslau hindurch. Wussten die beiden Frauen, dass Omchens Sohn und seine Familie sich mit der Roten Armee auf dem Weg zurück nach Deutschland befanden? Erich Weinert, seine Frau Li und seine Tochter Marianne kehrten mit der Roten Armee aus dem Exil zurück. Und während diese sich näherte, warteten seine Nichte, meine spätere Mutter und seine Mutter, meine spätere Urgroßmutter (Omchen), auf eine Gelegenheit, um mit heiler Haut aus Breslau herauszukommen. (...)

Was ich von meiner Großmutter weiß, schreibe ich hier auf. Sie hatte voll Sorge den Aufmarsch der braunen Naziherrschaft betrachtet. Paul, mein Urgroßvater, war ein Freigeist, und in diesem humanistischen und pluralistischen Denken hatten er und meine Urgroßmutter ihre beiden Kinder Anna und Erich an das Leben herangeführt. Es wurde viel diskutiert, was war das auch für eine ungeheure Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Die politische Entwicklung war rasant und umwälzend. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges kam das Ende des Kaiserreichs. Die Versailler Verträge, die Weimarer Republik, die verrückten und kreativen 20er Jahre, die Weltwirtschaftskrise, die hohe Arbeitslosenzahl, der Hunger, die Verzweiflung der Massen hatten sie erlebt. Dem stand das fette, stetig wachsende Kapital gegenüber.

Angst, Verzweiflung als Nährboden, vergaß ein ganzes Volk das Wohl des Nächsten. Der soziale Gedanke wurde vom nationalsozialistischen Gedankengut überschwemmt. (...) Tante Marianne hat in späteren Jahren über ihre Kindheit und Jugend ein Buch geschrieben. In »Mädchenjahre« beschreibt sie ihr Leben in München im »Haus mit den Butzenscheiben« als bildungsbürgerliche Bourgeoisie ohne politischen Tiefgang.

Darüber erregten sich meine Mutter und meine Oma sehr, und sie waren tief gekränkt. Auch dass Tante Marianne die familiäre Atmosphäre einem Stimmungsbild in ihrem Buch opferte, weil es besser in das Gesellschaftsbild im östlichen Teil Deutschlands passte, war unbegreiflich für sie. In ihren Beschreibungen des familiären Lebens im Haus mit den Butzenscheiben verliert sie kein Wort darüber, dass von Omas Gage immerhin drei Kinder und drei Erwachsene lebten. Selbst in einer Großstadt wie München war es ungewöhnlich in der Zeit, als meine Mutter Kind war, dass eine Frau ihren eigenen Haushalt führte und gleichzeitig voll berufstätig war. Aber meine Oma hat das fertiggebracht.

Jedenfalls lernte ich damals gerade lesen, und »Mädchenjahre« von Marianne Lange-Weinert gehörte zu meinen ersten Büchern.(1)

Es kam nie zu einem Bruch zwischen den Familien in Ost und West, aber ein Riss war schon da, verursacht durch die Tatsache, dass Omas erster Mann Nationalsozialist in Uniform geworden war. Omas zweiter Ehemann, Intendant vom Schauspiel Hannover, trat irgendwann, aus taktischen Gründen, ebenfalls der NSDAP bei. Er stand in der Öffentlichkeit, hatte einen kommunistischen Schwager, dessen Tochter zeitweise zum Haushalt meiner Oma gehörte. Also trat er in die NSDAP ein, um die Familie zu schützen – und weder meine Oma noch meine Mutter haben ihm das je vergeben. Tante Marianne vergab und vergaß es ebenfalls nie. Wir, die westlichen Verwandten, kamen alle in Sippenhaft. Obwohl die Frauen ihr Leben lang Kontakt zueinander hielten, verspürten wir jüngeren Familienmitglieder auf eine immer jammernde Tante wenig Lust. Meine Mutter wiederum gestand uns die ganzen Zusammenhänge erst im hohen Alter ein, nach der Beerdigung von Tante Marianne. Vor ihrer Einäscherung habe ich meine Tante in ihrem Sarg gesehen. Es war mein Wunsch, stellvertretend sozusagen für die Familie. Rosig, rundlich, Kringellöckchen, und ihr Kinn war fest entschlossen geschlossen. Schon auf Kinderbildern ist diese feste Entschlossenheit zu sehen. Statt eines behüteten, ruhigen Lebens, wie es ihrem Naturell entsprochen hätte, wurde sie durch halb Europa geschleppt. Flucht und Verstecke. Asyl und Exil. Abitur in einer fremden Sprache und Schrift.

Onkel Erich hat sich in Gesprächen gegenüber dem Bruder meiner Mutter, meinem Onkel Helmut, sehr kritisch über die Entwicklung der DDR geäußert. Er vertrat schon Anfang der fünfziger Jahre die Ansicht, dass sie sich nicht den Gründungsideen folgend entwickeln würde. Die Chance wäre vertan. Er sollte recht behalten.

Omchen, meine Urgroßmutter, begrub ihren Sohn Erich, begleitet von ihrer Tochter, meiner Oma, in einem feierlichen Staatsakt in Berlin, das war 1953. Ich war sechs Jahre alt und kann mich an die Aufregung in der Familie sehr gut erinnern. Meine Oma und ihr Bruder Erich hingen in inniger Verbundenheit ihr Leben lang aneinander und schätzten sich sehr. Als Onkel Erich starb, war zu seinem Begräbnis meine Oma nur als Begleitung ihrer Mutter erwünscht. Tante Li, Erichs zweite Ehefrau, wachte eifersüchtig über ihre Vorrangstellung beim feierlichen Staatsakt. Selbst zu seiner Tochter, Tante Marianne (...) ging sie in Konkurrenz.(2)

In meiner Familie wurde viel von und über ihn gesprochen. Von seinem geraden Charakter, seiner Zivilcourage, seiner Intelligenz, seiner pazifistischen Grundhaltung und seinem Humor. Allerdings dürften auch seine Sturheit und seine Unbeugsamkeit, die so viel gerader Charakter mit sich bringt, für seine Umgebung nicht immer einfach gewesen sein. In dieser Atmosphäre bin ich groß geworden. Von meiner Großmutter habe ich seine Bücher geerbt, einige mit Widmung. Ich bin auf ihren Besitz sehr stolz. Sie sind mir kostbar. Wie gesagt, zu Lebzeiten bin ich ihm nie begegnet.

Ein Gesamtwerk ist nach seinem Tode erschienen. Es ist aktuell wie nie zuvor.

Susanne Kreuzer, Jahrgang 1947, lebt als freie Autorin in der Nähe von Göttingen und ist Mitglied der LINKEN.

Anmerkungen

(1) Aus: Susanne Kreuzer: Familiengründe. Roman, erschienen 2015 bei neobooks.com, ISBN-13978-3-7380-1929-2

(2) Ebenda.