Disput

Vertrauen in Bremen

Nach dem Wahlerfolg: Spitzenkandidatin und Fraktionsvorsitzende Kristina Vogt über konsequente Politik und berührende Momente

Neuneinhalb Prozent und künftig acht Abgeordnete in der Bürgerschaft (bisher: fünf) – Bremens LINKE hat am 10. Mai ein herausragendes Wahlergebnis erzielt. DISPUT sprach am Tag darauf mit Spitzenkandidatin Kristina Vogt.

Herzlichen Glückwunsch!

Wir sind unwahrscheinlich glücklich. Als Landesverband haben wir einen tollen Wahlkampf hingelegt. Für uns hat es sich ausgezahlt, dass wir vier Jahre lang eine pragmatische, konsequent linke Oppositionspolitik geleistet haben.

Was heißt pragmatische Oppositionspolitik?

Ein Beispiel: Wir reden nicht allgemein darüber, dass es zu wenige Lehrer/innen gibt, sondern haben Schulgesetze, Verordnungen, Richtlinien übereinandergelegt und festgestellt, da fehlen 200 Lehrer/innen in Bremen und 40 in Bremerhaven, um allein das bestehende Bildungssystem vernünftig auszustatten. Das heißt: Wir bauten nicht Traumschlösser, sondern haben sehr genau gearbeitet.

Das Andere war: Wir haben immer wieder gezeigt, dass der Senat seine finanziellen Spielräume nicht nutzt. Es ist nicht zu verstehen, warum der Senat, wenn Bremen mehr Steuereinnahmen hat und weniger für Zinsen ausgeben muss, nicht unsere Vorschläge annimmt, um zum Beispiel ein kommunales Wohnungsbauprogramm aufzusetzen. Ich glaube, bei den BremerInnen ist angekommen, dass wir sehr vernünftige Vorschläge gemacht haben.

Was wollt ihr nun mit dem Stimmenzuwachs erreichen?

Wir werden weiterhin den Fokus auf die soziale Spaltung legen, wir werden weiterhin darauf drängen, dass Armutsbekämpfung nicht nur als warme Worte vorkommt, sondern dass wirklich Taten folgen. Mit mehr Prozenten im Rücken sind wir dabei natürlich ein bisschen stärker.

Der Senat erhielt die Quittung für seine Politik. Nach dem Rücktritt von Herrn Böhrnsen müssen wir gucken, ob es zu einer Großen Koalition der SPD mit der CDU kommt oder ob die Koalition mit den Grünen fortgeführt wird. Beide Richtungen zeigen, dass die SPD nicht gewillt ist, einen Politikwechsel einzuleiten. Deshalb werden wir weiter arbeiten wie bisher: im Gespräch bleiben mit den Menschen, die von dieser Politik betroffen sind, und dies in parlamentarische Initiativen umsetzen.

Gab es im Wahlkampf einen besonderen Moment für dich?

Der Wahlkampf war insgesamt sehr berührend, zumal ich gemerkt habe, wieviel Vertrauen wir in der Stadt erworben haben. Einer von vielen schönen Momenten war am Freitag vor der Wahl, auf dem Wochenmarkt in einem armen Stadtteil: Ich hole mir ein Brötchen, und die Verkäuferin sagt zu mir: Frau Vogt, das ist schön, dass Sie jetzt hier sind. Ich wollt Sie immer schon mal was fragen … Und wir kamen sofort ins Gespräch.

Interview: Stefan Richter