Disput

Auf ein Neues: »Lucky Streik«

Kolumne

Von Nicole Gohlke

Als ich Ende der 90er Jahre in München mit meinem Studium begann, war die deutsche Hochschullandschaft noch eine andere. Es gab zwar schon viele gute Gründe für Protest – 1997 beteiligte ich mich an dem großen bundesweiten Bildungsstreik gegen die fortgesetzte Marktanpassung der Hochschulen. Aber wenn ich heue als Hochschulpolitische Sprecherin der Linksfraktion mit Studierenden diskutiere, laufe ich beinahe Gefahr, in das nervige »früher war alles besser« zu verfallen – aber in der Tat: die letzten 15 Jahre müssen als massive Verschlechterung der Zustände an den Hochschulen bewertet werden.

Auch ich habe manche Vorlesung auf dem Boden verbracht, weil es keine Sitzplätze mehr gab, aber man musste nicht mehrere Semester lang bangen, ob man überhaupt einen Seminarplatz bekommt. Ich hatte im Rahmen des bis zu 14-monatigen Magisters noch die Zeit, aktiv linke Politik an der Uni zu betreiben und war nicht gezwungen, auf jedes Engagement zu verzichten, weil man in 6 Semestern durch den Bachelor sein und dann um einen Masterplatz zittern muss. Mein Zimmer kostete 300 Mark, was zwar schon eine Hausnummer für ein schmales Studierenden-Budget war, aber nicht vergleichbar mit den heutigen Preisen, wo man in München für ein WG-Zimmer über 500 Euro hinlegen muss. Unterm Strich: der gesellschaftliche Stellenwert der Bildung war noch ein anderer.

Die mit dem neoliberalen Umbau der Hochschulen und durch die Bologna-Reform eingeleiteten Maßnahmen seit Ende der 90er Jahren veränderten die Funktionsweise wissenschaftlicher Bildung grundlegend.

Vor ein paar Tagen bekam ich eine Zuschrift von einem jungen Mann, der plant in Frankfurt zu studieren. Die Realschule schloss er mit einen Notenschnitt von 1,0, das Abitur mit einem Schnitt von 1,4 ab – und trotzdem gelingt es ihm kaum an die Hochschule zu kommen. Der Grund: er kommt aus einer Hartz-IV-Familie. Den fälligen Semesterbeitrag in Höhe von 355 Euro konnte er nur mit Verzögerung zahlen, die Bearbeitungszeit des BAföG-Antrages dauerte aber 3 Monate, und das Jobcenter verwehrte ihm die Unterstützung, weil er in einer »Bedarfsgemeinschaft« mit seiner Mutter lebe und deshalb notwendige Umzugskosten nicht gezahlt werden könnten. Er fragte mich, warum er als Kind einer Hartz-IV-Bezieherin nicht studieren darf? Warum von einem »Fachkräftemangel« gesprochen wird, wenn so viele qualifizierte Menschen von Bildungssystem und Arbeitsmarkt ausgeschlossen werden?
In keinem anderen Industrieland ist der Zugang zu Bildung so sehr von der sozialen Herkunft der Eltern abhängig, wie in Deutschland.

Der Fall des jungen Studenten ist kein Einzelfall, sondern steht bespielhaft für eine Bildungspolitik, in der nach 15 Jahren neoliberalem Umbau vor allem eins gibt: wenige Sieger und sehr viele Verlierer. Seit Jahren stagniert die Grundfinanzierung der Bildung, weshalb die Konkurrenzmechanismen auf allen Ebenen zunehmen: beim Zugang zur Hochschule, beim Übergang vom Bachelor in den Master, im wissenschaftlichen Mittelbau, und auch – durch Maßnahmen wie der hochgradig hierarchisierenden Exzellenzinitiative – beim Verteilungskampf zwischen den Hochschulen. Konkurrenz um zu wenige Mittel verbessert vielleicht die Qualität für wenige, aber verschlechtert die Bedingungen für alle.

Heute fehlt es an den Hochschulen am Nötigsten: an Studienplätzen, guten Beschäftigungsverhältnissen für die Lehrenden und sozialer Infrastruktur. In den vergangen fünfzehn Jahren wurden rund 1.500 Professuren abgewickelt, weshalb eine Professur heute im Schnitt 64 Studierende »betreut«.  Die Lehre decken zunehmend Lehrbeauftragte ab, die nicht sozialversicherungspflichtig, zumeist schlecht bezahlt und nur befristet beschäftigt werden. Geisteswissenschaftliche und kritische Seminare verschwinden und im Gegenzug gibt es nun BWL Vorlesungen im »Aldi-Süd« Hörsaal durch eine T-Mobile-Stiftungsprofessur.

Doch diese Umstrukturierung der Hochschullandschaft blieb nicht widerspruchslos. Immer wieder schafften es lokale und bundesweite studentische Kämpfe in den letzten Jahren, das Thema zu setzen und kleine Verbesserungen zu erzielen. Der »Lucky Streik« von 1997 war für meine politische Prägung bestimmend. Und ich meine: Es wird Zeit für einen neuen.

Nicole Gohlke ist hochschul- und wissenschaftspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE im Bundestag.