Disput

Fünf vor 12

Das kleine Blabla

Von Daniel Bartsch

Lecker Frühstück mit Huhn-Produkt – eines viereinhalb und eines sechs Minuten lang gekocht. Im Radio die Nachrichten zur halben Stunde, ich höre: »… ist es fünf vor 12.« Kurz erwäge ich einen Uhrenvergleich, drehe mich dann aber entgegen dem Uhrzeigersinn um und setze mich.

Die Formulierung »Es ist fünf vor 12« soll mit Nachdruck auf die Dringlichkeit eines Anliegens hinweisen. »Zur Rettung des Planeten bleibt uns nicht mehr viel Zeit, es ist fünf vor 12 für Mutter Erde!«, so etwa tönt es im Halbjahresrhythmus. Mag ja was dran sein, problematisch ist hier aber die inflationäre Häufung und stete Wiederholung der Phrase, was dazu führt, dass man zum Beispiel in London sagt »No… hier ist es erst 5 vor elf!« Oder, was uns kurz bevorsteht, hat Australien schon hinter sich – wegen der Zeitverschiebung. Will sagen: Was dem einen ein dringliches Anliegen, ist für den anderen kein Grund zur Hektik oder bereits Vergangenheit.

Die Dringlichkeit, auf die man verweisen möchte, schrumpft, je inflationärer man auf sie hinweist. Die Erfahrung lehrt jeden Uhr-Einwohner: Wo es fünf vor 12 ist, ist es sechs Minuten später 12:01 Uhr. Und immer, immer wieder geht die Sonne auf ... Apropos – in unserer schnelllebigen Zeit wirkt das Bild auch immer wie aus einer anderen Zeit, als die Sonnenuhren den Tag nur grob zerschnitten. Dringlichkeit bemisst sich heute in Sekunden. Der Dringlichkeitswettlauf ist eröffnet: »Ach, was sag ich … es ist eine Minute vor 12!« Also – wenn dann immer noch nichts passiert, schlägt es bald 13.

Egal, wie sehr mir dieses Sprachbild auf den Zeiger geht – es ist in der Welt. Nichts wird es dort wieder rausbekommen. Somit kann als Rat nur gegeben werden: Lediglich in dringenden, menschheitsrelevanten Fällen und sehr sparsam benutzen. Oder, wenn die Uhr 11:55 zeigt.