Disput

Ziemlich große Schuhe

Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch folgen Gregor Gysi im Fraktionsvorsitz. Ein Blick in die Medien

Der nüchterne Fakt: In der Bundestagsfraktion vollzog sich am 13. Oktober die Staffelübergabe – Gregor Gysi, der langjährige Fraktionsvorsitzende, übergab den Stab an Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch; sie wurden mit sehr guten Ergebnissen in ihre neue Verantwortung gewählt.

Was dieser Wechsel bedeutet, bedeuten könnte, bedeuten sollte, bedeuten müsste … DISPUT schaute und hörte sich in Medien um.

War Gysi im Osten nach der Wende vielfach Trost gewesen, vor allem für Mitglieder der aus der SED hervorgegangenen PDS, wurde er mit Lafontaine Mitte der 2000er Jahre vor allem zur Hoffnung. Auf mehr. Es ging nun nicht mehr nur um Verteidigung gegen den Untergang. In Ost wie West erschien plötzlich die Aussicht, etwas zu verändern. (…) 25 Jahre nach der Wende ist ein symbolischer Punkt erreicht. Wie geschaffen für einen Abschied nach Gysis Facon. Aber bis zuletzt erscheint er irgendwie unwirklich. Schon deshalb, weil Gysi im Bundestag bleibt und niemand sich vorstellen kann, dass er künftig den Mund hält.

neues deutschland, Uwe Kalbe, 13. Oktober

Doch, es dürfte auch jenseits der Linkspartei Leute geben im Bundestag, die es bedauern, wenn auch heimlich, dass Gregor Gysi sich in die zweite Reihe zurückzieht. Am Dienstag wird die schnellste Kodderschnauze des Parlaments sein Amt Jüngeren überlassen, wie er das gern ausdrückt. (…) Auf Gysi war politisch Verlass, auch weil er immer ein Gefangener geblieben ist, wenn man so will: ein begabter und privilegierter Sohn der DDR-Aristokratie, der sich nie aus dem großen Schatten seiner kommunistischen Eltern hat lösen können oder wollen und die verlorenen Ehre des Sozialismus über die neue Zeit zu retten suchte.

Süddeutsche Zeitung, Constanze von Bullion, 13. Oktober 2015

Über die Anfangsjahre erzählt Gregor Gysi gern die Geschichte von seiner ersten Kundgebung in Westdeutschland. Der örtliche Polizeichef kam damals zu Gysi und wollte, dass er eine Sicherheitsweste anlegt. »Da habe ich gesagt, nee, die ziehe ich nicht an.« Darauf der Ordnungshüter: »Gut, das nehmen wir zu Protokoll. Schusssichere Weste angeboten. Wurde abgelehnt.« Gysi sprach also ungeschützt zu einem überschaubaren Publikum. Nur ein Mann schimpfte auf die SED. Trotzdem bekam Gysi eine Eskorte. Im Auto drehte sich der Polizeichef um und meinte: »Herr Gysi, nur damit wir uns nicht missverstehen. Meinetwegen können Sie erschossen werden. Aber nicht in meiner Stadt.« So war die Stimmung nach der friedlichen Revolution, die dem damals 45-jährigen Gysi zu einer der erstaunlichsten politischen Karrieren des vereinigten Deutschland verholfen hat. Und die heute mit der Übergabe des Fraktionsvorsitzes endet.

Südwest Presse, 13. Oktober 2015

Die Witze, die ironischen Beobachtungen, die pointierten Erzählungen aus seinem inzwischen 67 Jahre währenden Leben erzeugen eine Wärme um ihn herum, die nur wenige Politiker herstellen können. Als vor vielen Jahren Lafontaine und Gysi gemeinsam zu Hintergrundgesprächen in Berliner Hinterzimmern einluden, dozierte Lafontaine über trockene deutsche Spitzenrieslinge, während Gysi sagte, er wolle auch eine Karaffe Wein, aber bitte »nicht so ein saures Zeug«.

Frankfurter Allgemeine, Mechthild Küpper, 13. Oktober 2015

… endet für die Partei eine Ära. Gysi war zweifellos die entscheidende Figur der letzten 25 Jahre. Gysi war es, der die SED erst in die PDS und diese später in »Die Linke« überführte – immer mit dem einen Ziel vor Augen, eine neue gesamtdeutsche Linkspartei aufzubauen. Gysi, dem von Beginn an alles Kaderhafte abging, war der Einzige, der mit seiner virtuosen Eloquenz über unmittelbare Anschlussfähigkeit auch im Westen verfügte. Gleichzeitig war Gysi – spätestens seit dem Tode des früheren Parteichefs Lothar Bisky – derjenige, der die hoch zerstrittene Partei bis zuletzt zusammenhielt.

Zeit online, Albrecht von Lucke, 13. Oktober 2015

Keine Frage: Mit dem Rückzug Gysis geht eine Ära zu Ende. Einer der schillerndsten Politiker und begabtesten Debattenredner der vergangenen 25 Jahre tritt ab von der großen Bühne. Und er hinterlässt eine große Lücke.

(…) Und sein Rückzug bietet ohne Zweifel auch Chancen, kann Kräfte in Fraktion und Partei freisetzen. Denn allzu gern haben sich die Genossen in der Vergangenheit hinter dem starken Mann an der Spitze versteckt. Gregor wird's schon richten, hieß die Devise, um sich aus der Verantwortung zu stehlen. Das wird künftig nicht mehr funktionieren.

Aber immerhin: Der erste Schritt auf dem Weg in die Post-Gysi-Zeit ist geglückt. Die Fraktion hat dem neuen Duo an der Fraktionsspitze, Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch, einen großen Vertrauensvorschuss gewährt, wobei der für Bartsch deutlich größer ausgefallen ist, was für Wagenknecht schmerzlich sein mag, aber keine Katastrophe ist. Die Wahlergebnisse zeigen vielmehr: Die Fraktion sehnt sich nach Harmonie und Geschlossenheit. Nicht die schlechteste Voraussetzung für einen Neustart.

Zumal mit Wagenknecht und Bartsch jetzt die beiden profiliertesten Köpfe hinter Gysi das Ruder übernehmen. Sie kennen Partei und Fraktion aus dem Eff Eff und könnten sich gut ergänzen. Bartsch gilt als geschickter Strippenzieher und Politmanager, der die Fraktion schon durch schwierige Zeiten gesteuert hat. Wagenknecht ist eine brillante Rednerin, die den Vergleich mit Gysi nicht scheuen muss. Eigentlich eine erfolgversprechende Mischung. Wenn da nicht die Erinnerung an die alten Grabenkämpfe wäre.

Deutschlandfunk, Gerhard Schröder, 13. Oktober 2015

Die beiden so unterschiedlichen Charaktere könnten sich durchaus ergänzen. Auch für die Außendarstellung der Fraktion kann der neue Dualismus von Vorteil sein: hier der eloquente Bartsch, der mit seiner ruhigen Art vielen den Wind aus den Segeln nimmt. Dort die entschlossen wirkende Kapitalismuskritikerin, die jene anspricht, die von der Partei mehr erwarten als geräuschloses Regieren in ostdeutschen Bundesländern.

Ob das so unterschiedliche Duo in der Fraktion funktioniert, wird sich zeigen. Auch wenn viele Medien oft den gegenteiligen Eindruck verbreiten: Die vermeintliche Blockbildung bei den LINKEN mit pragmatischen, regierungsaffinen Reformern auf der einen und antikapitalistischen Fundamentalisten auf der anderen Seite entspricht nicht der Fraktionsrealität.

neues deutschland, Fabian Lambeck, 13. Oktober 2015

Interessant ist etwas anderes: Schafft es die Linkspartei, mehr zu werden als eine kleine Oppositionspartei oder ein Mehrheitsbeschaffer der Sozialdemokratie?

tageszeitung, Pascal Beucker, 14. Oktober 2015

Nun folgt auf Gysi das Duo Wagenknecht-Bartsch. Allerdings handelt es sich bei diesem Polit-Tandem aus Realo und Ultralinks um eine brüchige Konstruktion. Der Kurs, wohin die Linke mit deutschlandweit recht stabil zehn Prozent der Wählerstimmen künftig steuern wird, bleibt unklar. (…) Wahrscheinlich wird diese Kluft zwischen Bartsch und Wagenknecht durch Formelkompromisse zugekleistert. Nach der Bundestagswahl jedoch muss die Linke Farbe bekennen.

Mittelbayerische, Reinhard Zweigler, 14. Oktober 2015

Es gab eine Zeit, da galten linke Politiker als hölzerne, humorlose, ideologisch-eindimensionale Apparatschiks. Honecker und Mielke dominierten das Bild. Und dann erschien dieser quirlige, 1,63-Meter-Dampfplauderer auf der Bildfläche. Das Infotainment war geboren. Und Gregor Gysi wurde neben Joschka Fischer zu einem seiner prominentesten Vertreter – zur Bereicherung für jede Talkshow.

Ohne Gysi wäre die Metamorphose der stalinistischen SED via PDS zur modernen Linken mit Regierungsanspruch nie gelungen. Gysi, der 20 Jahre ihre Fraktion im Bundestag anführte, ließ die Regionalpartei Ost auch im Westen Fuß fassen. Der Preis dafür war die Integration spleeniger Stamokap-Fundis (West) ebenso wie von DDR-Nostalgikern. (…)

Gysi war die entscheidende politische Figur der letzten 25 Jahre.

Dass das bis dato unmögliche Duett aus Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht erfolgreich arbeiten kann, müssen sie jedenfalls nicht zuletzt bei den eigenen Leuten noch unter Beweis stellen. Schließlich hinterlässt Gregor Gysi trotz seines bescheidenen Körpermaßes ziemlich große Schuhe. Wenn sie ihnen irgendwann passen sollen, können beide nicht bleiben, wie sie sind.

Berliner Zeitung, Markus Decker, 14. Oktober 2015

Zusammenstellung: Florian Müller