Disput

24 Stunden in Jordanien

In Zaatari leben 80.000 Flüchtlinge. Die Bundesrepublik darf ihre Unterstützung für Hilfsorganisationen nicht zurückfahren

Von André Hahn

Die Anfrage, ob ein Bundestagsabgeordneter der LINKEN Wirtschaftsminister Gabriel (SPD) auf einer Kurzreise zur Flüchtlingsfrage nach Jordanien begleiten wolle, kam überraschend. Da es in meinem Wahlkreis mit Freital sowie Heidenau (Sachsen) diverse Unterkünfte für Asylbewerber gibt, die durch ausländerfeindliche Ausschreitungen bundesweit in die Schlagzeilen geraten sind, sagte ich spontan zu, denn auch dort sind wie in Jordanien viele Kriegsflüchtlinge aus Syrien untergebracht.

Der Aufenthalt in Amman mit dem Besuch des größten Flüchtlingslagers der Welt in Zaatari, wo über 80.000 Menschen leben müssen, dauerte nicht einmal 24 Stunden und hat bei mir dennoch bleibende Spuren hinterlassen.

Am Abend des ersten Tages trafen wir junge Leute aus Jordanien, die in der Friedrich-Ebert-Stiftung Kurse zum Thema »Demokratie-Entwicklung« absolvieren. Unter ihnen Verwaltungsangestellte, Ökonomie-Studenten, Richter und Polizisten. Das für eine Stunde angesetzte Gespräch dauerte mehr als doppelt so lange und brachte zum Teil erschreckende Positionen zum Vorschein. Erstens waren große Vorbehalte und zum Teil ein Hass auf Israel vernehmbar, der bei aller berechtigten Kritik an der Politik der dortigen Regierung völlig überzogen erschien. Zweitens wurde immer wieder die Erwartung ausgedrückt, die USA und Europa müssten die Probleme im Nahen Osten lösen. Kein Zweifel: Die Vereinigten Staaten haben eine erhebliche Mitverantwortung an der entstandenen Situation und den daraus resultierenden Flüchtlingsströmen. Auch Minister Gabriel sprach diese Wahrheit mehrfach in die Mikrofone diverser Medienvertreter, die uns begleiteten. Insofern ist eine solche Erwartungshaltung nachvollziehbar. Eine politische Entspannung, ein wirtschaftlicher Aufwärtstrend in der Region kann jedoch von außen bestenfalls gefördert, aber nicht herbeigeführt werden. Hier sind vor allem die jeweiligen Regierungen in der Pflicht. Am meisten überrascht hat mich drittens die offenkundige Aversion gegen die Kriegsflüchtlinge aus Syrien: Wenn diese dauerhaft in Jordanien blieben, würden sie Einheimischen die Arbeitsplätze streitig machen, sie bekämen bessere (Sozial-)Leistungen als die armen Menschen in Jordanien und könnten die einheimische Kultur gefährden. Viele Vorurteile kamen mir aus Deutschland sehr bekannt vor …

Am Morgen ging es ins 80 Kilometer von Amman entfernte Flüchtlingslager Zaatari. Was ich dort sah, hat mich schwer beeindruckt. Selbst Wirtschaftsminister Gabriel sprach nach dem Besuch des Lagers davon, dass man angesichts des Elends »demütig« werden könne. Doch welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung daraus? Wie hilft sie den Menschen in Jordanien oder im Libanon?

Dass es deutsche Entwicklungshilfe gibt, war im Lager sichtbar, denn an allen wichtigen Punkten werden die Länder benannt, die die jeweilige Einrichtung unterstützen, also die Verwaltung, den ärztlichen Versorgungstrakt, die Unesco-Schule oder den kleinen Supermarkt. Zugleich wurde kritisiert, dass die Bundesrepublik ihr Engagement für das World-Food-Programm in Jordanien deutlich zurückgefahren habe. Auch deshalb mussten die Essensrationen für die Lagerbewohner nahezu halbiert werden. Da war Minister Gabriel baff und stellte den mitreisenden Beamten kritische Fragen. Heraus kam, dass es offenbar einen Beschluss der Bundesregierung gab, die Ernährungsgelder insgesamt zwar nicht zu kürzen, sie jedoch weltweit anders zu verteilen, unter anderem zulasten von Jordanien.

Angesichts der riesigen Zahl von Flüchtlingen, die derzeit in Zaatari leben, ist es erstaunlich, dass im Lager dank des Einsatzes unzähliger Helfer alles halbwegs geordnet abläuft und sich offenbar auch die Kriminalität in Grenzen hält. Doch wie lange werden es die Menschen dort aushalten, wenn sie in Jordanien weder arbeiten noch die Lager verlassen dürfen?

Immerhin knapp 50 Prozent der Kinder erhalten Schulunterricht (vormittags die Mädchen, danach die Jungen) – aber mehr als die Hälfte eben nicht. Welche Perspektiven gibt es für diese Syrier, wenn eine Rückkehr in die Heimat auf lange Sicht unmöglich scheint? Werden sie sich in ihrer Not auf den Weg nach Europa machen?

Wenn das nicht geschehen soll, müssen wir an Ort und Stelle deutlich mehr helfen, dann kann und darf gerade die Bundesrepublik ihre Entwicklungsförderung und ihre Unterstützung für Hilfsorganisationen nicht zurückfahren.

In Zaatari trafen wir eine syrische Familie: Durch einen Bombenangriff haben der Vater einen Unterschenkel und ein Sohn beide Beine verloren. Der zweite Sohn mit einem Splitter im Kopf droht zu erblinden. Dieses Schicksal berührte uns alle, und Gabriel will nun prüfen, diese Familie nach Deutschland zu holen und medizinisch zu versorgen. Es gibt viele ähnlich Betroffene. Aber wenn es gelingen sollte, auch dieser Familie dauerhaft zu helfen, und wenn Deutschland seinen Beitrag für das World-Food-Programm und seine Entwicklungshilfe in der Region wieder aufstockt, dann hätte sich die Kurzreise gelohnt.