Disput

Das Leben wird immer gut

Hikmat Al-Sabty über die Härte der Politik und die Herzen der Menschen

Hikmat, schaut man sich deine Biografie an, kann man nichts anderes sagen als: Du hast schon ein ziemlich bewegtes Leben …

Meine Eltern waren Analphabeten, mein Vater Goldschmied. Bereits als Jugendlicher beschäftigte mich die Kluft zwischen Arm und Reich im Irak und ich schloss mich einer verbotenen sozialistischen Schülerorganisation an. Als 1980 der Krieg mit dem Iran begann, wollte ich nicht als Kanonenfutter für Saddam Hussein sterben. Im Ausland schlug ich mich mal als Reinigungskraft, mal als Pharmareferent, mal als Döner-Verkäufer durch. Ich studierte in Göttingen und promovierte in Bonn, über Tierernährung. Seit vier Jahren bin ich Abgeordneter der LINKEN im Landtag Mecklenburg-Vorpommern.

Ist dir der Weggang aus dem Irak sehr schwer gefallen?

Sicher. Ich bin nicht geflüchtet. Als der Krieg mit dem Iran anfing, war ich mit meinem Bruder in der Türkei zu einem Kurzurlaub und wir überlegten, wo wir bis Kriegsende bleiben könnten. Und weil ich sozialistisch bzw. kommunistisch geprägt war, flog ich nach Ostberlin und erzählte einem DDR-Grenzoffizier meine Geschichte – aber der lächelte mich nur an und meinte: Wir sind kein Asylstaat. Gehen Sie mal in den Westen, dort werden Sie Asyl bekommen! Das war für mich ein tiefer Punkt, denn die DDR war für mich ein Vorbild. Dass sie die Menschenrechte ignorierte, konnte ich nicht verstehen und machte mich sehr traurig.

So landete ich beim »ideologischen Feind« und musste das Beste daraus machen.

Wie klappte das?

Ich lebte erst in einem Asylwohnheim in Monschau (Eifel) und 1981 als Student in Göttingen. Dann wurde ich überraschend abgeschoben. Keiner wusste, warum. Ich ging für zwei Jahre nach Spanien und habe dort die Sprache erlernt, bis der Anwalt in Deutschland 1984 anrief, dass ich wieder zurückkehren und weiter studieren könne. Warum? Der Dolmetscher hatte mich nicht so gut verstanden, das Bundesamt hatte falsch entschieden und der Anwalt keinen Widerspruch eingelegt. Wie oft geschieht Ähnliches jetzt?! Viele Flüchtlinge haben diese Probleme: Missverständnisse, Fehler, Versehen ... Sowohl beim Anwalt als auch beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Was führte dich immer weiter, weiter? Bist du so ein Grundoptimist und sagst dir, es wird schon?

Das bin ich wirklich. Ich denke, das Leben besteht aus Etappen – ist ein Ziel erreicht, kann man über die nächste Etappe nachdenken.

Jetzt bin ich in Mecklenburg-Vorpommern, das ist inzwischen die längste Station meines Lebens! Das ist mein Lebensmittelpunkt, mein Zuhause. Hier habe ich meine Familie, hier kann ich arbeiten und anderen helfen.

1992 war ich nach Güstrow gezogen, 1993 nach Rostock-Lichtenhagen.

Ausgerechnet nach Lichtenhagen!

Die ausländerfeindlichen Krawalle waren im August 1992, und ein paar meiner Freunde in Osnabrück hatten mich gewarnt vor dem Umzug nach Rostock. Aber ich wollte mich davon nicht abhalten lassen. Das hat sich für mich als richtig erwiesen. Ich glaube, das Leben wird immer gut. Und es ist gut geworden.

Nach meiner Überzeugung ist Rassismus kein Ostphänomen, als das es in Medien oft dargestellt wird.

Wenn du in diesen Monaten die Fotos und Filme von den Flüchtlingen siehst, was geht dir da durch den Kopf?

Mir tut die Situation für die Menschen unendlich leid, auch für die Menschen aus dem Balkan. Sie leiden sehr. Und niemand wird behaupten können, dass Sinti oder Roma nicht diskriminiert werden – sie haben keinen Zugang zu Bildung, zum Arbeitsmarkt, sie dürfen nur außerhalb von Städten, in Slums leben usw. Das ist kein Leben. Deswegen verstehe ich die Menschen, die zu uns kommen.

Die Situation der Syrer tut mir mächtig leid. Mit meiner Situation damals lässt sich das wirklich nicht vergleichen.

Tief traurig und enttäuscht bin ich von der deutschen und der EU-Politik: dass sie sich nicht richtig einmischen, um die Situation in der Region dort positiv zu ändern. Es gibt Wege, mit Erdogan zu reden, mit Assad, mit dem Iran, mit Saudi-Arabien, um eine stabile Situation zu erreichen. Deutschland liefert an diese Staaten Waffen, Kriege werden geführt – und wir erwarten Flüchtlinge. Das ist eine Folge davon. Deswegen muss es eine europäische Lösung geben.

Du bist Fraktionssprecher für Migration, und du bist in Initiativen für Integration aktiv. Was tust du konkret?

Wir empfangen die Leute, darunter viele Kinder und schwangere Frauen, die mit der Bahn nach Rostock kommen. Sie sind müde, erschöpft, sie kennen hier niemanden. Im Bahnhof werden sie mit Wasser, Lebensmitteln usw. versorgt. Ärztliche Hilfe steht zur Verfügung.

Wichtig ist, dass die Flüchtlinge in die Helfer Vertrauen fassen. Das ist der erste Punkt. Der zweite Punkt: Man muss ihnen verständlich erklären, wer wohin muss, wenn sie nach Schweden oder wenn sie hier bleiben wollen. Ich stelle mich ihnen als Helfer vor, nicht als Abgeordneter. Beispielsweise müssen viele medizinische Begriffe ins Arabische übersetzt werden. Da bin ich fast jeden Tag bis Mitternacht im Einsatz.

In dem Verein »Rostock hilft« sind sehr viele junge Menschen, Studenten, Schülerinnen und Schüler, aktiv. Von ihrem Engagement bin ich überwältigt, ich freue mich sehr darüber.

Ich kenne Genossinnen und Genossen, die fragen: Wie kann Deutschland alle Flüchtlinge aufnehmen? Und sie meinen das nicht ablehnend, sondern bewegt und besorgt. Was antwortest du ihnen?

Man sollte jetzt nicht fragen, ob man das schaffen kann. Man schafft das! Da bin ich ganz sicher. Wir haben Unterkunftsmöglichkeiten, wir haben viele Ehrenamtliche, wir haben Ärzte. Und: Fast 80 Prozent derjenigen, die nach Rostock kommen, wollen weiter nach Schweden, oft zu Verwandten. In Rostock selbst wollen bisher rund 400 bleiben.

Wichtig ist die Organisation. Unser Sozialsenator – Steffen Bockhahn von der LINKEN – setzt sich gut ein, er hat alles unter Kontrolle. Deswegen sage ich: Wir schaffen das.

Aber die Genossinnen und Genossen haben vielleicht auch Recht, die Situation kann jeder Zeit kippen. Beispielsweise sollte nicht eine Schule in eine Unterkunft umgewandelt werden, das geht nicht. Insgesamt denke ich jedoch: Das Leben geht weiter. Die Deutschen sollten sich daran erinnern, dass viele von ihnen oder ihren Vorfahren selbst auf der Flucht waren. Mecklenburg-Vorpommern war ein Flüchtlingsland. Man muss von der Flucht lernen und das Beste daraus machen.

Was hat dich 2011 bewogen, für den Landtag zu kandidieren?

Ich bin von meinen Genossinnen und Genossen dazu ermutigt worden und stand auf Platz 14 der Landesliste. Und genau 14 LINKE wurden gewählt. Ich hatte damit nicht gerechnet. Ich dachte, ich bleibe bescheiden an der Basis, mache weiterhin Friedenspolitik, Sozialpolitik, Migrationspolitik und bin dann nicht so vorn in der Presse und im Fernsehen. Die Verantwortung, die mit dem Mandat verbunden ist, ist groß. Mein Manko ist, dass ich nicht sehr bewandert bin mit Gesetzen.

Wie fällt ansonsten dein bisheriges Parlaments-Fazit aus, hast du etwas gelernt?

Gelernt habe ich, ehrlich gesagt, wie hart die Politik ist. Und das ist nicht meine Art. Ich gehe mit Herz an die Menschen und denke, das Gute liegt im Herzen der Menschen. Aber im Landtag stimmt das nicht. Bei der SPD-CDU-Regierungskoalition habe ich nicht das Gefühl, dass sie das Beste für die Menschen wollen. Wir als LINKE-Opposition haben vor drei Jahren in meinem Bereich Anträge gestellt – zum Beispiel zur Integration der Menschen, zur Sprachausbildung – und haben schon damals gesagt, wir erwarten einen Flüchtlingsstrom, deswegen müssen wir uns jetzt vorbereiten. Die Regierung hat abgewiegelt, war untätig, ihr war das Thema nicht wichtig. Jetzt erleben wir, wie aktuell das Thema ist.

Die Ignoranz der Regierung gegenüber dem Thema hat mich sehr getroffen. Die Politik ist doch ein ganz hartes Geschäft.

Trotzdem möchtest du erneut für den Landtag kandidieren. Warum tust du dir das noch mal an?

Ich habe wirklich mit mir gerungen. Schließlich habe ich mir gesagt, okay, du hast jetzt eine Arbeit angefangen, bring sie zu Ende.

Im Landtag sitzt du nur wenige Meter entfernt von Neonazis. Weithin berühmt wurdest du, als du einmal den pöbelnden NPD-Chef in die Schranken gewiesen hast mit der Aufforderung »Ruhig, Brauner!«

War dieser Spruch ein plötzlicher Einfall?

Den Spruch kenne ich von meiner Schwiegermutter in Osnabrück. War ihr Sohn laut, sagte sie »Ruhig, Brauner!«. Das sei ein bäuerlicher Spruch, wenn ein Pferd unruhig wird, erklärte sie mir. Als mich die Braunen im Landtag bei einer Rede böse attackierten, fiel mir dieser Spruch ein: Ruhig, Brauner! Und alle Abgeordneten, auch sie selbst, haben gelacht.

Erlebst du im Alltag Rassismus?

Nein. Da und dort gibt es Sprüche, die oft nicht so gemeint sind, sie haben nach meiner Überzeugung nichts mit tatsächlichem Rassismus zu tun.

Man muss differenzieren. Als ich meine Schwiegermutter kennenlernte, sprach sie von Negern – und meinte auch mich damit. Ich habe dann in aller Ruhe mit ihr in der Küche darüber gesprochen und festgestellt, sie hatte das Wort so gehört und ohne größeres Nachdenken nachgeredet. Nach unserem Gespräch hat sie es nie wieder verwandt.

Rassismus ist für mich, wenn ein schwarzer Mensch auf der Straße geschlagen wird, wenn jemand wegen seines Aufenthaltsantrages auf dem Amt schlecht behandelt wird …. Das sind Formen von Rassismus. Dagegen muss man kämpfen.

Kultur ist dir wichtig. Du spielst die Laute in einem Ensemble. Was bedeutet sein Name »Ourud Elmahabbe«?

Blumen der Liebe. Wir vier Musiker aus Syrien, dem Irak und Deutschland wollen ein musikalisches Band zwischen Orient und Okzident knüpfen. Wir musizieren bei Kulturveranstaltungen hauptsächlich in Rostock; seit ich im Landtag bin, leider seltener.

Einmal trat ich mit Prof. Hartmut Möller im Rahmen einer Andacht, die es vor jeder Plenarsitzung des Landtages gibt, auf. Obwohl ich nicht sehr religiös bin, wollte ich die Abgeordneten über meine Religion – Mandäer – informieren. Wir haben über Passagen von dem mandäeren Buch »Der Schatz« gesprochen und dabei Musik gespielt.

Dein Vater war Goldschmied, was hat er dir mitgegeben?

Bis zum 18. Lebensjahr habe ich das Handwerk gelernt und im Laden geholfen. Ich hatte einen tollen Vater, er war sehr ruhig und sehr beliebt. Seine Goldschmiede wurde ein Treffpunkt für Musiker, Sänger und Politiker. Es gab immer Gespräche. All das hat mein Leben geprägt.

Bist du noch mal in den Irak gefahren?

1994, 1996, 2002.

Die Entwicklung im Land ist eine Katastrophe. Fast 13 Jahre Embargo und die Kriege haben die Menschen tief in ihrer Seele geschlagen. Das Bildungssystem ist zerschlagen, das Gesundheitssystem ist total am Boden. Eine Generation ist herangewachsen, die vor allem Fluchen, Klauen und Diskriminierung kennt. Das macht mich sehr traurig.

Wenn du drei Wünsche frei hättest …

Drei sind zu wenig. Am allerwichtigsten ist Frieden, besonders im arabischen, afrikanischen Raum. Es müssen solche Strukturen geschaffen werden, dass die radikale Welle – Islamischer Staat, al-Nusra-Front, al-Qai­da, die al-Shabaab-Milizen in Somalia, Boko Haram – eingedämmt wird.

Zur Stabilisierung der Situation wünsche ich mir irgendwie eine Kooperation mit der Türkei, dem Iran, Hisbollah im Libanon, auch mit Israel, mit Assad, egal wie sehr man ihn verteufelt. Das liegt sehr weit in der Ferne.

Ich wünsche mir, dass wir nicht mehr Waffen an diese Staaten liefern. Denn die Waffen, die an Saudi-Arabien geschickt werden, werden heute zum Beispiel im Krieg im Jemen eingesetzt. Das darf nicht sein.

Und ich denke auch an Frieden für die Menschen in Deutschland – dass wir den Frieden, den wir hinsichtlich der Flüchtlinge haben, weiter stabilisieren, dass er sich verfestigt, dass die Welle der Akzeptanz in der Bevölkerung so bleibt – das ist so schön. Ich freue mich jeden Tag darüber, wenn die Leute kommen und fragen, wie sie helfen können.

Interview: Stefan Richter

Hikmat Al-Sabty: geboren 1954 in Nassiriah (Irak), lebt in Rostock, verheiratet, zwei Kinder, Agrarwissenschaftler, Dr., Übersetzer und Dolmetscher, seit 2007 Mitglied der LINKEN und seit 2011 Abgeordneter im Landtag Mecklenburg-Vorpommern