Disput

»Der große Diktator«

Vor 75 Jahren hatte Charlie Chaplins wohl wichtigster Film in New York Premiere

Von Ronald Friedmann

Noch nie, so schrieb die »New York Times« am 15. Oktober 1940, dem Premierentag, habe das Publikum in den USA einem neuen Streifen mit so großen Erwartungen entgegengefiebert. Die beiden New Yorker Kinos, in denen die Uraufführung von Charlie Chaplins Film »Der große Diktator« zeitgleich stattfinden sollte, das »Astor« und das »Capitol«, waren bereits seit Monaten ausverkauft, selbst unter der Hand waren keine Karten mehr zu bekommen. Denn schon Wochen und Monate vor seiner Premiere stand der Film im Mittelpunkt einer heftigen öffentlichen Debatte: War es zulässig und zu verantworten, sich mit Hitler, dem Mann, den Chaplin selbst als den »gefährlichsten und teuflischsten Menschen« auf der Welt bezeichnet hatte, mittels einer filmischen Satire auseinanderzusetzen? Konnte es Chaplin überhaupt gelingen, Hitler vor aller Welt in seiner ganzen Erbärmlichkeit zu zeigen?

Und tatsächlich: »Hätte ich von den Schrecken in den deutschen Konzentrationslagern gewusst, ich hätte ›Der große Diktator‹ nicht zustande bringen, hätte mich über den mörderischen Wahnsinn der Nazis nicht lustig machen können«, schrieb Charlie Chaplin viele Jahre später in seiner Autobiografie. Da war längst klar, dass »Der große Diktator« ein einzigartiger politischer (und kommerzieller) Erfolg geworden war und wesentlich dazu beigetragen hatte, in der US-amerikanischen Bevölkerung die Bereitschaft zum Eintritt in den Krieg gegen Hitler und seine Bande zu wecken.

Mehr als zwei Jahre hatte Charlie Chaplin unter größter Geheimhaltung an seinem ersten Tonfilm gearbeitet. Sämtliche Dreharbeiten fanden hinter verschlossenen Türen statt. Nur eine Handvoll der engsten Vertrauten kannte das gesamte Skript. Chaplin hatte zwar wiederholt erklärt, dass er sich lediglich vor Plagiatoren schützen wollte. Doch es war offensichtlich, dass diese Maßnahme sich auch und vor allem gegen die fortwährenden Angriffe der profaschistischen Kräfte in den USA richtete. Deren wichtigstes Sprachrohr waren die Blätter des Pressezaren William Randolph Hearst, der Chaplin unmittelbar nach der Premiere des Films »Kriegshetze gegen Deutschland« vorwarf.

Die Handlung des Filmes ist schnell beschrieben und im Grunde wenig originell: Ein kleiner jüdischer Friseur, der im Film namenlos blieb, weil sein Schicksal für das Schicksal aller Juden stehen sollte, muss sein Leben in einem Getto in Tomanien fristen. Er kann fliehen, wird aber auf der Flucht mit dem tomanischen Diktator Anton Hynkel verwechselt, der eben erst ein Bündnis mit dem starken Mann von Bakteria, Benzino Napaloni, geschlossen hatte, auf dessen Grundlage er das benachbarte Osterlitsch überfallen und erobern konnte. Statt des »großen Diktators« Hynkel hält nun der kleine jüdische Friseur die »Siegesrede«, die über das Radio nach Tomanien und nach Osterlitsch übertragen wird.

Charlie Chaplin führte nicht nur Regie, er übernahm auch die beiden wichtigsten Rollen – die des Diktators Hynkel und die des Friseurs, der unverkennbar dem berühmten »Tramp« nachempfunden war, den Chaplin bereits in zahlreichen früheren Filmen verkörpert hatte. Napaloni, also der italienische »Duce« Mussolini, wurde von Jack Oakie gespielt, der in dieser Rolle Chaplin in jeder Hinsicht ebenbürtig war.

Es sind vor allem zwei Szenen, die in die Filmgeschichte eingegangen sind: zunächst der einsame Tanz des »großen Diktators« mit der Erdkugel, einem Globus, der schließlich wie ein Luftballon platzt. Der wirkliche Höhepunkt des Filmes ist jedoch die Schlussszene, in der Chaplin aus seiner Rolle als kleiner jüdischer Friseur heraustritt und in einer sechsminütigen Rede dem Publikum in der ganzen Welt sein Credo des Friedens und der Menschlichkeit zu vermitteln sucht: »Lasst uns nun dafür kämpfen, die Welt zu befreien – die nationalen Schranken niederzureißen – die Gier, den Hass und die Intoleranz beiseitezuwerfen. Lasst uns kämpfen für eine Welt der Vernunft – eine Welt, in der Wissenschaft und Fortschritt zu unser aller Glück führen sollen.« Diese Rede war und ist ein ergreifendes Zeugnis der durch und durch humanistischen Gesinnung, die Chaplin zeitlebens auszeichnete. Sie war und ist aber auch Ausdruck einer gewissen politischen Naivität, denn Chaplin appellierte ausschließlich an das Edle und Gute im Menschen, ohne die wirklichen Machtinteressen sehen zu wollen oder sehen zu können, die das Tun und Lassen der Herrschenden und der Regierenden bis heute bestimmen.

Die Europapremiere des »Großen Diktator« fand wenige Wochen später, im Dezember 1940, statt: in London, das zu dieser Zeit das Ziel regelmäßiger deutscher Bombenangriffe war. Eine der drei Kopien, die für den Einsatz in Großbritannien bestimmt waren, ging im November 1940 verloren, als ein britisches Handelsschiff im Atlantik von der deutschen Kriegsmarine versenkt wurde.

Bei den Ermittlungen in Vorbereitung des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses wurde festgestellt, dass Hitler höchstpersönlich zwei Kopien des Films für seinen privaten Gebrauch beschaffen ließ. Nicht geklärt werden konnte jedoch, ob Hitler den Film auch tatsächlich gesehen hatte.

In der alten Bundesrepublik kam der Film im August 1958 in die Kinos, in der DDR wurde er im März 1980 erstmals im Fernsehen gezeigt. Doch Studenten der Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst hatten bereits im März 1958 zu einer öffentlichen Aufführung des »Großen Diktator« in das Auditorium maximum ihrer Hochschule eingeladen.