Disput

Goldrausch und Nazikacke

Feuilleton

Von Jens Jansen

Der letzte Zug, der durch das Sommerloch 2015 geisterte, war der Panzerzug, der in Hitlers Hauptquartier in Schlesien stehen soll. Wie viel schwarz-brauner Qualm wabert auch nach 70 Jahren noch durch unser Land und seine Medien? Keiner weiß, was der Panzerzug im Tunnel unter dem Fürstenschloss im polnischen Walbrzych geladen hat: Kunstschätze oder Goldbarren? Wunderwaffen oder Suppendosen? Trotzdem streiten bereits Personen und Institutionen um das Erbrecht. Und so kocht die braune Brühe wieder richtig hoch.

Das wäre halb so schlimm, wenn nicht ringsum auch die Hakenkreuze wären, die Pegida-Aufmärsche, die NPD und die AfD-Parteitage, die rassistischen Schmähungen und brennenden Flüchtlingsheime. Der Nazigeist ist scheinbar schwer zu entsorgen. Das haben Geister so an sich. Vielerorts wurde zu wenig für die »Entgeisterung« getan. Hier und da mussten Hitlers Wähler die Leichenberge in den KZ-Lagern besichtigen. Aber Adenauer brauchte den Schreibtischtäter Globke als Chef im Kanzleramt. Und Bonn brauchte viele braune Minister, Juristen, Wehrwirtschaftsführer, Generalstäbler und Professoren als Fachleute. Die wurden nach dem Krieg schneller integriert als die Flüchtlingsströme. Dann lief die 68er Revolte Sturm gegen den alten Mief. Aber da übernahmen die Meisterschüler der Altvorderen das Kommando. Die geistige Nahrung der westelbischen Nachkriegsgenerationen war gespickt mit vielen bräunlichen und braunen Vorträgen, Bildbänden, Filmen, Gedenkfeiern, Vertriebenentreffen und Umtrieben der Alt- und Neonazis. Dieses »Traditionsbewusstsein« wirft noch heute seine giftigen Blasen vor den Flüchtlingsheimen unserer Tage. Das Bundeskriminalamt zählte 298 rechts motivierte Ausschreitungen! Eine Zeitung fragte, ob 40 brennende Flüchtlingsheime nicht ähnlich wirken wie der Reichstagsbrand?

Aber da ging nun ein Ruck durch Deutschland, um zu beweisen, dass es mehr solidarische Helfer als braune Brandstifter gibt. Die Regierenden machten einen Wettlauf, um »Zeichen zu setzen«. Die Bürger jedoch waren längst da, um den Flüchtlingen mit Beistand, Bekleidung und Brot zu helfen. Der Innenminister riet, zu unterscheiden zwischen den Randalierern und denen, die »klammheimlich« gaffen und nicken. Es gibt also Hellbraune- und Dunkelbraune, die da im alten Geist mitmarschieren. Es sind ja auch ganz kleine Schritte vom Nationalstolz mit Flagge am Auto zum Nationalismus mit »Deutschland den Deutschen!« – bis zum Chauvinismus, der um die »Reinhaltung der Rasse« ringt.

Ungarn lässt keine Moslems rein. Die Balten haben mit sich zu tun. Brüssel zuckt die Schultern. NATO-Draht soll die EU schützen. Es scheint, als wäre die ganze Welt aus den Fugen. Umso lauter muss man fragen: Wer oder was hat sie aus den Angeln gehoben? Die geldgierigen Schlepper oder die kaltherzigen Großmächte, die ihre Entwicklungshilfe nicht zahlen? Die Banden der Bürgerkriege oder deren Waffenlieferanten? Das Unvermögen der verarmten Völker oder die unfairen Handelsverträge der vermögenden Weltkonzerne? Welchen Anteil haben die deutschen Obrigkeiten? Wie alt ist der Appell zum »Aufstand der Anständigen«? Wie steht es mit dem »Anstand der Zuständigen«? Wer nennt es »Fremdenhass«, wenn es nur um jene Fremden geht, die anders aussehen, riechen, beten, leben? Das ist Rassenhass! Braunes Erbgut.

Dieses Jahr werden 800.000 Opfer von Krieg, Verfolgung und Elend an unsere Türen klopfen. Was wird aus den Herkunftsländern? Wer die Welle stoppen will, muss sich um die Quelle kümmern! Mit der Neuauflage von Hitlers »Mein Kampf« oder Sarrazins Flüchtlings-Betrachtungen kann man sie nicht versiegeln.