Disput

Die tödliche Logik

Über den Islamischen Staat – Anne Alexander vom crassh-Institut der Universität Cambridge nahm an der Friedenskonferenz der LINKEN teil

Was sind die Gründe für den Aufstieg des IS?

Drei grundlegende Entwicklungen haben das Entstehen des IS begünstigt. Erstens die Auswirkungen der verheerenden US-amerikanischen Intervention im Irak 2003, zweitens die Kette von Revolutionen und Konterrevolutionen seit 2011 in der ganzen Region – besonders in Syrien –, und drittens das Entstehen eines internationalen Netzwerks dschihadistischer Aktivisten und Kämpfer seit der Internationalisierung des Afghanistankrieges in den 80er Jahren. Der IS wird durch all diese Prozesse geprägt und stellt gewissermaßen einen ihrer organisatorischen Kristallisationspunkte dar.

Wie konnte ihm das gelingen?

Im Irak baute Abu-Mussab al-Sarkawi Anfang der 2000er Jahre eine Vorgängerorganisation des IS auf. Die USA verschafften ihm durch ihr militärisches Eingreifen und die Besetzung des Landes überhaupt erst die Möglichkeit dazu, denn dies trieb viele Irakis in den bewaffneten Widerstand. Vielen erschien die Behauptung des IS glaubhaft, dass sunnitische Iraker einem von den USA unterstützten schiitischen Regime in Irak nur Widerstand entgegensetzen könnten, indem sie gegen andere Glaubensgemeinschaften Krieg führten. Denn die USA setzten vor allem auf örtliche Verbündete, die Unterstützung auf Grundlage konfessioneller Spaltung organisierten.

Was hat das mit Syrien zu tun?

Das Regime von Assad hat die Massenprotestbewegung von 2011 mit militärischer Gewalt niederzuschlagen versucht. Dabei unternahm es bewusste Anstrengungen, einen Bürgerkrieg zwischen den Religionsgemeinschaften zu entfachen, um seine Gegner zu spalten. Dieser Prozess hat sich mit den Ereignissen im Irak verbunden. Der dort agierende IS kam nach Syrien und bekämpfte im Rücken der Front in den von Assad befreiten Gebieten die dort entstandenen demokratischen Strukturen.

Die Kämpfer des IS waren militärisch erfahren und hatten im Gegensatz zu anderen syrischen Oppositionsgruppen Zugriff auf bessere Waffen. Aus dem Irak brachten sie die tödliche Logik des Religionskrieges mit, was die Spannungen zwischen den Religionsgemeinschaften in Syrien noch verschärft hat. Der spektakuläre militärische und politische Erfolg des IS im Irak und in Syrien machte ihn für Kämpfer und Sympathisanten attraktiv, die sich sonst vielleicht anderen Gruppen angeschlossen hätten.

Ist der IS faschistisch?

Ich glaube, diese Charakterisierung greift zu kurz. Der IS ist eine militärische Organisation, die aus religiös geprägten Bürgerkriegen in Syrien und im Irak hervorgegangen ist. In einigen Gegenden Syriens hat er eine konterrevolutionäre Rolle gespielt, indem er den noch vorhandenen Widerstand, der aus der Bewegung von 2011 hervorgegangen war, zerschlug oder in den Untergrund trieb. Allerdings ist er erst in einem späten Stadium zu einer Konfliktpartei in Syrien geworden, als die Konterrevolution bereits weit fortgeschritten war und die Hoffnungen von 2011 weitgehend untergegangen waren. Anders als Hitlers NSDAP hat der IS keine eigene Massenbewegung auf der Straße und auch keine Massenpartei aufgebaut. Das von ihm beherrschte Gebiet ist nicht das einer Großmacht, wie es Deutschland in den 30er und 40er Jahren war. Der IS hat keine Luftwaffe und keine Marine, ist nicht Regierung eines Industriestaates. Er existiert, weil das staatliche Gebiet und gesellschaftliche Strukturen im Irak und in Syrien nach Jahren von Krieg und Wirtschaftssanktionen zerfallen sind.

Der IS hat es geschafft, zum führenden Dschihadisten-Netzwerk aufzusteigen. Vor diesem Hintergrund haben andere Gruppen, die mit dem IS ursprünglich gar nichts zu tun hatten (wie in Afghanistan, dem Sinai oder in Libyen), sein Logo und seine Parolen für ihre eigenen Projekte übernommen.

Ist es die Religion, die den Islamischen Staat antreibt? Der Irak unter der Herrschaft von Saddams Ba’ath-Partei war ja eigentlich ein säkularer Staat …

Tatsächlich war der Irak unter Saddam Hussein niemals ein besonders säkulares Land, jedenfalls nicht mehr seit den 90er Jahren. Saddam nutzte religiöse Kampagnen, um seine eigene Herrschaft zu rechtfertigen. Auf dem Höhepunkt der von den UN verhängten Sanktionen, die die Wirtschaft ausgeblutet haben, ließ er mehrere gigantische Moscheen in Bagdad bauen. Die Regierung orchestrierte eine Kampagne unter dem Motto »Zurück zum Glauben«. In dieser Zeit nahm die Religiosität in der Bevölkerung zu. Die Bedeutung von Moscheen und anderen religiösen Institutionen wuchs, da sie zu den wenigen Orten gehörten, wo es möglich war, sich zu versammeln und kollektiv ins Gespräch zu kommen – auch über politische Themen. Ihre karitative Arbeit fing einen Teil der Grundversorgung im medizinischen und schulischen Bereich auf.

Um zu verstehen, warum der Islamismus zur einzigen relevanten Opposition werden konnte, müssen wir uns die Geschichte der Linken im Irak angucken, insbesondere jene der Kommunistischen Partei Iraks. In den 50er Jahren spielte sie eine Schlüsselrolle in der Politik und verfügte über einen Massenanhang. Ungeachtet der fürchterlichen Repression organisierte sie nach dem Putsch der Ba‘ath-Partei 1963 weiter die Opposition. Doch ein Jahrzehnt später machte sie ihren Frieden mit dem Regime und wurde ihr Juniorpartner innerhalb der von der Ba’ath geführten Einheitsliste, der Nationalen Front. Nachdem sie zwischenzeitlichen verboten wurde, kehrten Mitglieder 2003 aus dem Exil zurück und ließen sich in die von den US-Besatzern installierte Marionettenregierung einbinden. Dies war ein Grund, warum sowohl die Opposition gegen die Herrschaft der Ba’ath als auch gegen die US-Besatzung islamisch dominiert wurde.

Der IS trägt den Staat im Namen. Kann er wirklich einen solchen bilden?

Um sich kurzfristig als Staat zu etablieren, muss der IS einem solchen nur mehr ähneln als seine unmittelbare Konkurrenz. Sehr viele Menschen in Syrien haben jahrelang in »staatslosen« Verhältnissen leben müssen, unter der Herrschaft rivalisierender kleiner Warlords, dem Zusammenbruch von Wirtschaft und Infrastruktur. Andere sind vor den Bomben des Regimes und drohender Belagerung geflohen. Wenn es dem IS also als größte und erfolgreichste Kraft in der Region gelingt, so etwas wie Ordnung zu schaffen und eine Grundversorgung herzustellen, wird er zumindest stillschweigend von vielen akzeptiert werden, die sich in seinem Herrschaftsbereich befinden. Dieser Zustand ist langfristig nicht stabil. Denn die IS-Führer stellen sich als apokalyptische Alternative zum gegenwärtigen Status quo dar. Wenn der Tag des letzten Gerichts allerdings nicht eintritt, werden manche von ihnen womöglich einen pragmatischeren Ansatz für den Umgang mit ihren Nachbarn suchen. Das könnte zu einer Krise in den Führungskreisen des IS führen.

Zudem wird es schwierig werden, genügende und verlässliche Einnahmen zu generieren, um während des Krieges zerstörte staatliche Einrichtungen wiederaufzubauen. Der IS ist zum Teil deshalb erfolgreich gewesen, weil er oft der größte Warlord vor Ort ist und seine Klientel am wirkungsvollsten beschützt. Einer verarmten und verzweifelten Bevölkerung jedoch einfach nur Steuern abzupressen, wird kaum ausreichen, um jene Mittel zu bekommen, die zur langfristigen Stabilisierung eines Staates gebraucht werden. Für all das ist die Beendigung des Krieges nötig, nicht seine Ausweitung.

Interview: Christine Buchholz