Disput

Jäger- oder Försterschnitzel?

Der parteilose »Wessi« Werner Rauball sitzt für DIE LINKE in Kommunalvertretungen. Früher war er (als SPD-Mitglied) Bürgermeister von Bitterfeld

Seit Jahrzehnten haben Sie mit Politik in der Kommune und für die Kommune zu tun: als Beamter, als hauptamtlicher Bürgermeister und nun als ehrenamtlicher Abgeordneter. Sie müssen es also wissen: Was macht gute Kommunalpolitik aus?

Dass man viel mit den Leuten redet und ihre Probleme a) erkennt und b) versucht zu lösen. Diese Kommunikation ist zentral.

Stehe ich mit meiner Frau auf dem Marktplatz am Schirm der LINKEN, werden wir regelmäßig angesprochen und die Bürgerinnen und Bürger erzählen mir ihre Probleme. Sie erkennen mich als ehemaligen Bürgermeister wieder. Zu Bürgermeisterzeiten war ich immer draußen. Mittags bin ich in eine bestimmte Fleischerei gegangen, die warmes Essen anbot, und war präsent. Wenn ich wieder zurückging über den Markt, wurde ich angesprochen.

Eines der Probleme, die alle Parteien haben, ist die Kommunikation mit den Wählern, mit den Bürgern. Gibt es sie, gibt es auch die Möglichkeit, durch sie gewählt zu werden.

Sie stammen aus dem Ruhrgebiet. Wann und wie sind Sie – in die damals weithin verschriene Gegend von Bitterfeld-Wolfen – in den Osten gekommen?

1990, als Verwaltungshelfer. Zwischen Witten und Wolfen war eine Städtepartnerschaft gegründet worden, ebenso wie zwischen Marl und Bitterfeld. Mein Stadtdirektor hatte mich gefragt, ob ich Lust habe, für drei Monate rüberzufahren. Und dann erlebte ich hier tolle Sachen, es hat Spaß gemacht, ich habe viele nette Leute kennengelernt, unter anderem meine jetzige Frau. Das löste den Wunsch aus, endgültig rüberzukommen: 1992 nach Bitterfeld, im Kreis leitete ich das Personalamt und das Rechtsamt.

So einfach?

Anfangs galt ich sozusagen als ein weiterer obskurer Wessi, der versucht, Fuß zu fassen. Zwei oder drei Vorgänger hatten hier viel Porzellan zerschlagen, auch menschlich. Das wurde mir natürlich sofort präsentiert, aber das hielt ich aus.

Klar, der Landkreis Bitterfeld war verrufen aufgrund seiner Vorgeschichte. Der Ruf Bitterfelds als schmutzigste Stadt Europas ist jedoch nicht durch die DDR allein gewachsen, es gab ja auch Vorgängerzeiten. Jeder Chemiker kippte hier Reste in die Erde, das potenzierte sich, und irgendwann wurde der Dreck so stark, dass das eigentlich nicht mehr aushaltbar war. Doch die Menschen in der Region konnten, bei allen Konsequenzen für sie selbst, damit gut umgehen. Erstaunlicherweise lebten sehr viele alte Menschen hier, wie ich verblüfft feststellte, als ich 1994 überraschend zum Bürgermeister gewählt worden war.

Warum kam diese Wahl für Sie überraschend?

Weil mein Hauptgegenkandidat von der CDU als stellvertretender Bürgermeister sozusagen schon im Amt war.

Zwei Wahlperioden blieb ich Bürgermeister, 14 Jahre ohne Skandale und irgendwelche negative Aufgeregtheiten.

Auf welche Leistungen in Ihrer Amtszeit sind Sie besonders stolz?

Auf den neuen Bahnhof, ein paar schön hergerichtete Straßen und die Entwicklung im Chemiepark, wo wir sehr viele Arbeitsplätze stabilisieren konnten: Ursprünglich gab es dort 40.000 Beschäftigte. Nach der Wende wurde radikal abgebaut, und wir sind unter 10.000 gelandet. Inzwischen sind wir wieder bei 11.000 im Bereich Chemie. Ich bin stolz darauf, dass wir die Firmen hier halten konnten. Das ist natürlich nicht alles meine Leistung – die Ansiedlung von Bayer organisierte zum Beispiel Bundeskanzler Kohl –, aber wir haben mit dazu beigetragen. Jetzt beträgt die Arbeitslosenquote stabil unter zehn Prozent.

Stolz bin ich ebenfalls auf die Entwicklung der Goitzsche, einem ehemaligen, bis 75 Meter gefluteten Tagebau, inzwischen ein wunderschönes Erholungsgebiet. Wenn Sie am Sonntag gekommen wären und hätten die Massen an der Goitzsche gesehen … Das war wie bei Goethes Osterspaziergang: Die Menschen wandelten da und wandelten und wandelten. Mir macht Spaß zu sehen, dass wir etwas Nachhaltiges geschaffen haben, etwas, was die Menschen gerne annehmen.

Wann war für Sie als Bürgermeister Schluss, und warum?

2008 schied ich endgültig aus. Mit Ende meiner Amtszeit gab es den (hauptamtlichen) Posten des Bürgermeisters Bitterfeld nicht mehr, denn 2007 hatten sich die Städte Bitterfeld und Wolfen vereinigt. Das war zwar keine Liebesheirat, aber sinnvoll – weil alle beteiligten Kommunen ein Stück vom Chemiepark besaßen und bei den Planungen beteiligt werden müssen. Und wegen der Entwicklung der Einwohnerzahlen. Nach der Wende hatte Wolfen etwas über 40.000 Einwohner und Bitterfeld 17.000, heute leben in Wolfen weniger als 20.000 und bei uns 15.000, wir beginnen, wieder etwas zu wachsen, auch wegen der Goitzsche.

Um nochmal auf die Leistungen zurückzukommen: Stolz bin ich auch darauf, dass wir zu meiner Bürgermeisterzeit eine positive Struktur hinbekommen haben, die die rechte Seite ein bisschen zurückgedrängt hat. Als Bürgermeister organisierte ich zwei Demonstrationen »Bunt statt braun«, die waren erfolgreich. Aber danach kehrte Ruhe ein, keiner hat sich mehr so richtig darum gekümmert. Es begann ein laissez faire, die Leute haben es laufen lassen – es wurde nicht mehr gegengehalten, wenn sich hier Rechte zeigten. Jetzt hat sich das gerächt. Das Wahlergebnis für die AfD in Bitterfeld ist, auf gut Deutsch gesagt, beschissen. Es ist ein Ausdruck dessen, dass viele Menschen hier meinen: Die gehören ja zu uns, das sind nicht die Rechtsradikalen, sondern die fast »Weichgespülten«.

Bei der Landtagswahl bekam der Bitterfelder AfD-Kandidat jede dritte Stimme, im Stadtrat sitzen seit 2014 drei AfD-Abgeordnete. Womit erklären Sie sich diese Ergebnisse?

Das ist nicht einfach zu erklären. Es hängt damit zusammen, dass diese Allgemeinheiten verbreitet werden: Die Politiker sind alle doof, wir haben die Schnauze voll von denen da oben! All das ist »gespielt« worden, um Inhalte ging es nie. Was die AfD wirklich will, wurde nicht deutlich. Sieht man sich den Entwurf des AfD-Programms an, entspricht es dem Gegenteil von dem, was die Arbeiter hier wollen. Sie wissen gar nicht, was die AfD-Forderungen für sie bedeuten.

Am Wahltag begegneten uns Menschen, die wir sonst nie bei Wahlen gesehen haben. Sie fühlten sich von der AfD richtig angesprochen.

Sie sind ein bekannter Mann in der Stadt. Haben Ihnen gegenüber Menschen ausdrücklich angekündigt, diesmal für die AfD zu stimmen?

Ja, und das schmerzte natürlich. Aber solche Leute sind dann nicht mehr zu überzeugen, sie sind festgelegt.

In unserem Freundeskreis hatten wir zwei junge Leute, die gesagt haben, wen können wir denn sonst wählen … Da erläuterte ich noch mal die Alternativen: CDU, SPD, natürlich DIE LINKE. Doch sie hatten immer was dagegen, so pauschal nach der Devise: Nie haben diese Parteien was auf die Reihe gekriegt. Das war nicht inhaltlich, das war Rumgemaule, das war Unzufriedenheit, weil irgendetwas nach ihren Vorstellungen nicht richtig gelaufen ist.

Beim Flüchtlingsthema?

Das löste die ganze Welle aus. Unser Landrat hatte plötzlich absolut falsch reagiert, als er ankündigte, wo die dezentrale Verteilung der Flüchtlinge nicht klappt, machen wir Gemeinschaftsunterkünfte, unter anderem im Ortsteil Wolfen. Der Ortsteil Bitterfeld hat über die Wohnungsgesellschaft viele Flüchtlinge dezentral aufgenommen, rund 550. In Wolfen waren es nur rund 100, dabei gibt es in Wolfen-Nord viele leerstehende Wohnungen. Dort werden noch immer mit Fördermitteln Häuser abgerissen, anstatt sie mit Fördermitteln zu sanieren und dann Flüchtlingen Wohnungen dezentral zur Verfügung zu stellen. Dezentrale Unterbringung ist das Gebot der Stunde. Das passierte nicht. Stattdessen beschloss der Landrat, in Wolfen ein Hotel anzumieten und daraus eine Unterkunft für 170 bis 200 Flüchtlinge zu machen, auf einem Fleck. Diese Entscheidung wurde sehr emotional aufgenommen, viele Menschen waren dagegen. In dem Zusammenhang wurden alle möglichen Vorurteile hervorgekramt: Kinder werden mit Drogen versehen, unsere Frauen vergewaltigt, Diebstähle nehmen zu … Diese Stimmung schlug sich für die AfD nieder.

Wie gehen Sie bisher im Stadtrat mit der AfD um?

Ich habe im politischen Sinne Berührungsängste, was deren inhaltliche Vorschläge betrifft. Man kann nicht erkennen, wohin sie tendieren. Bisher haben sie sich völlig vernebelt. Das war Strategie. Und keiner wusste, was sie wollen – Hauptsache, AfD wählen.

Was muss jetzt in der Auseinandersetzung generell getan werden?

Die Perspektiven bestehen darin, dass man – das machte Wulf Gallert ja sehr gut – die AfD »entzaubert«, dass man deutlich zeigt, was die für Mist wollen und machen. Wir müssen uns aktiv mit deren Politik auseinandersetzen und dies deren Wählern verdeutlichen: Ihr habt diese Leute und deren Politik gewählt. Warum wählt ihr nicht vernünftige Leute? Das ist der eine Punkt.

Bisher war DIE LINKE die »Protestpartei«, die man hier als Protest wählen konnte. Diesen Nimbus verlor sie diesmal. Die LINKEN müssen es schaffen, dieses Protestklientel wieder an sich zu binden.

Und wir müssen ihnen klarmachen, dass wir als linke Partei – ich bin ja nicht in der Partei – ihre politische Heimat sind. Das ist eine der wichtigsten Aufgaben der LINKEN jetzt. Sie müssen dazu beitragen, wieder angenommen zu werden. Und dass die heutigen AfD-Wähler erkennen, dass sie diesmal falsch gewählt haben, und beim nächsten Mal wieder bei der LINKEN ihr Kreuz machen.

Ich gehe davon aus, die AfD wird sich entzaubern, ähnlich wie früher die DVU.

Sind Sie so optimistisch?

Ja, denn die AfD-Vertreter haben nichts, sie haben keine Grundkenntnisse von Politik und Verwaltung.

Und ich gehe davon aus, dass die Stimmung wieder kippt. Das »Problem« Flüchtlinge wird bald keines mehr sein. Deswegen bin ich optimistisch.

Eine mehrjährige Auszeit in der Kommunalpolitik beendeten Sie (und Ihre Frau) 2014 mit der Kandidatur für Stadtrat und Kreistag. Für DIE LINKE. Was hatte Sie motiviert, nochmal in die Kommunalpolitik einzusteigen, nun ehrenamtlich?

Mich ärgerte sehr die Unfähigkeit meiner Nachfolgerin, neu entstandene Probleme in den Griff zu kriegen. Geärgert hat mich auch, dass manches gefährdet ist. Ein Beispiel: Die Goitzsche wurde inzwischen privatisiert und ist damit leider ein bisschen aus den Fingern der Stadt gekommen.

Durch geringere Steuereinnahmen haben wir heute eine Dauerschuld von rund 70 Millionen Euro, auf der wir sitzenbleiben und wo die Oberbürgermeisterin keine Ideen hat, wie wir davon runterkommen. Über diese Entwicklung bin ich sackig. Das veranlasste uns, bei der Kommunalwahl anzutreten.

Die Auslöserin war eigentlich meine Frau. Dagmar Zoschke (LINKE-Kommunalpolitikerin und -Landtagsabgeordnete) hatte Gudrun angesprochen, ob sie sich nicht eine Kandidatur auf der Liste der LINKEN vorstellen könne – und ich habe dann so ein bisschen empört getan, warum denn die Dagmar nicht auch mich gefragt hat … Mit dem Ergebnis: Ich stand plötzlich ganz vorn auf der Kandidatenliste. Das war nicht meine Absicht, denn ich wollte ja nicht bei der LINKEN eintreten. Ihr Kommunalpolitisches Programm gefiel mir. (Aus der SPD ausgetreten war ich 2008, weil die mich, nachdem ich nicht mehr Bürgermeister war, schlecht behandelt hatten.)

Das Wahlergebnis hat mich dann überrascht: Ich erhielt die meisten Stimmen für den Stadtrat, entsprechend konnte die LINKE-Fraktion zulegen. Da waren natürlich alle begeistert, das ist klar.

Haben Sie Ihre Entscheidung schon mal bereut?

Nein, keinesfalls. Ich bin stolz darauf, nach kommunalpolitischer Abstinenz in den Stadtrat gewählt worden zu sein. Dort bin ich Vorsitzender des Hauptausschusses und mache das gern. Außerdem bin ich im Stadtrat und im Kreistag stellvertretender Fraktionsvorsitzender.

Was erwarten Sie als Parteiloser von einer modernen linken Partei?

Mehr Kommunikation, mehr mit Aktionen die Leute ansprechen, mehr auf die Leute zugehen! Viele Mitglieder stehen unterm Schirm, vor sich einen Tisch, warten ab – und wundern sich, dass sie keinen Kontakt kriegen.

Und ich wünsche mir weniger althergebrachte Arroganz. Manche sind noch dermaßen SED-geprägt und den Denkweisen der damaligen Zeit verbunden, nicht in der neuen Bundesrepublik Deutschland angekommen. Mit der Konsequenz, dass der Partei die Jugend fehlt. Eine Jugend, die sich was traut und auch mal ein bisschen aufmüpfig ist.

Groß geworden, gelernt, studiert, gearbeitet im Westen, inzwischen seit fast einem Vierteljahrhundert im Osten … – Wie steht’s um Unterschiede und Gemeinsamkeiten?

Es gibt mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Wir waren neulich (aus familiären Gründen) mehrfach drüben …

… drüben?

Ja. (lacht) Es ist vielleicht wirklich eine andere Welt. Aber vielleicht ist es auch eine andere Welt zwischen Dortmund/Bochum und einer anderen Stadt dort in deren Umgebung. Bitterfeld ist eine Kleinstadt, selbst nach der Fusion mit Wolfen. Hier fühle ich mich, zusammen mit meiner Familie, wohl. Hier kennt man mich, hier werde ich auch geachtet. In Dortmund und Bochum wäre das nicht der Fall, okay, dort würde ich vielleicht als der kleine Bruder meines Bruders Reinhard (Präsident von Borussia Dortmund und 1. Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes) erkannt werden. Aber insgesamt ist das so ein großer Bereich, der ist für mich nicht mehr greifbar.

Entscheidend ist, ob man Freunde hat. Und die haben wir hier. Hier ist unser Zuhause.

West-Ost, Ost-West, was gab’s anfangs an Merkwürdigkeiten?

Eine war die Zeitansage: Im Westen sprechen wir von Viertel nach sieben und hier viertel acht.

Und: Was sagen Sie jetzt?

Beides, ich bin darauf geeicht, schließlich bin ich bei Verabredungen zweimal reingefallen.

Reingefallen bin ich auch – und das sogar dreimal! – beim Bestellen eines Jägerschnitzels. Im Osten ist das eine panierte Jagdwurstscheibe, im Westen ein großes Schnitzel mit Champignons. Mittlerweile wird in Gaststätten bei uns unterschieden: Jägerschnitzel oder Försterschnitzel?

Interview: Stefan Richter

Werner Rauball

67 Jahre, Dr., Verwaltungsjurist, lebt seit 1992 in Bitterfeld, war dort für die SPD 14 Jahre lang Bürgermeister und ist stolz darauf, dass er 2014 (auf der Liste der LINKEN, als Parteiloser) in den Stadtrat und in den Kreistag gewählt wurde.