Disput

Mitgliederpartei? Mitgliederpartei!

Thüringens LINKE wollte es genau wissen. Zu Ergebnissen einer Befragung

Von Michael Bicker und Paul Wellsow

Wie vielen unserer Genossinnen und Genossen macht Wahlkampf eigentlich Spaß? Und wer kann von sich sagen, durch sein Engagement schon etwas bewegt zu haben? Antworten auf solche Fragen hat Thüringens LINKE mit einer Telefonaktion gesucht und gefunden.

Das Potenzial der eigenen Organisation zu kennen, stärkt die Kraft für gesellschaftliche Veränderungen. Gerade für eine Mitgliederpartei ist eine starke Beteiligung der GenossInnen an Diskussionen, Entscheidungen und der politischen Arbeit, als Multiplikatoren der Partei, in Gremien oder Parlamenten und in Wahlkämpfen wichtig. Der hohe Altersdurchschnitt vor allem in ostdeutschen Landesverbänden und die zu erwartende weitere Zuspitzung dieser Situation verlangt Antworten, um auch künftig Politik erfolgreich gestalten zu können. Mitglieder zu gewinnen, zu halten und zu motivieren, wird immer wichtiger. Ein besonderes Augenmerk sollte auf unerschlossenen Potenzialen der Mitglieder liegen.

Um mehr über die eigenen Mitglieder zu erfahren, beschloss der Thüringer Landesverband, im Vorfeld der Bundes- und Landtagswahlen 2013 und 2014 eine Mitgliederbefragung durchzuführen. So viele GenossInnen wie möglich sollten zu ihren Aktivitäten und ihrem Wohlbefinden in der Partei sowie zu ihrer Verankerung in Vereinen und Verbänden befragt werden. Ausdrücklich nicht nur Funktionsträger und Aktive, sondern gerade auch die »stillen« Mitglieder, um möglichst den ganzen Landesverband widerzuspiegeln. Zugleich wurden mit der Aktion Mitglieder für konkrete Aufgaben in den anstehenden Wahlkämpfen aktiviert.

Vom 8. April bis 30. Juni 2013 wurden durch einen Zufallsgenerator ausgewählte GenossInnen angerufen, selbstverständlich unter Einhaltung aller Datenschutzrichtlinien. Von den damals 5.564 Mitgliedern des Landesverbandes wurden 1.173 Personen angewählt, 603 erklärten sich zu einem etwa zehn- bis 45-minütigen Interview anhand eines Leitfadens bereit – etwas mehr als zehn Prozent aller Mitglieder. Eine erste Auswertung der Daten erfolgte Ende 2013 im Landesvorstand. Im Rahmen einer Bachelor-Arbeit wurden die erhobenen Daten noch einmal detaillierter analysiert.

Die Interviews bestätigten bekannte Probleme der Partei: das hohe Durchschnittsalter (67,9 Jahre) und fehlende Mitglieder in den jüngeren und berufstätigen Jahrgängen. Nur 2,8 Prozent der GenossInnen waren unter 29 Jahren, fünf Prozent zwischen 30 und 45 Jahren, 18,6 Prozent zwischen 45 und 60 Jahren und 73,6 Prozent 60 Jahre und älter. Entsprechend sieht die berufliche Situation aus: 66,3 Prozent sind Rentner/innen, 16,6 Prozent Angestellte, Beamte oder Arbeiter/innen, 4,8 Prozent Selbstständige, ein Prozent StudentInnen, 0,5 Prozent Schüler/innen und fünf Prozent ohne feste berufliche Beschäftigung.

Auffällig ist das starke Engagement der Mitglieder in der Breite. 22,3 Prozent der Befragten gaben an, eine Parteifunktion oder ein Mandat inne zu haben. 12,6 Prozent nahmen ein kommunales Mandat wahr. Davon waren eine Minderheit (34,3%) weiblich und ein starker Anteil (43%) über 65 Jahre alt. Gerade Mandatsträger/innen gaben deutlich häufiger an, auch Veranstaltungen der Partei zu besuchen und mehr Zeit für die Partei aufzuwenden. In Wahlkämpfen ist ihre starke Mehrfachbelastung erkennbar.

Der größte Teil der Mitglieder wendet weniger als vier Stunden pro Woche für die Partei auf (73,5%). Allerdings sind etwa 20,3 Prozent zwischen vier und acht Stunden aktiv, 4,5 Prozent schon acht bis 20 Stunden und 1,7 Prozent der Mitglieder mehr als 20 Stunden in der Woche. Ältere wenden durchschnittlich etwas weniger Zeit auf. Die Effekte des Alters, zum Beispiel isolierte Wohnsituationen oder schlechte Gesundheit, wirken offenbar partizipationshemmend. Die am häufigsten genannte Aktivität war die Teilnahme an Versammlungen (65,1%), das Verteilen von Infomaterial (49,8%) und das zusätzliche Spenden (47,3%). Das Schreiben von Beiträgen für Parteizeitungen (13,8%) oder die Präsenz in »Social Networks« (7,1%) rangierten dahinter. Die Mehrheit der GenossInnen (73,3%) sind in mindestens einer weiteren Organisation Mitglied, am häufigsten in Freizeitvereinen (Sport, Kleingarten, ... / 18,4%), in Gewerkschaften (16,8%) und Sozialverbänden (14,8%).

Die »Gefühlsebene« war bei den GenossInnen mit Blick auf die Partei gut. 51,4 Prozent waren mit der Arbeit in der Partei zufrieden, nur 18,3 Prozent unzufrieden. Der Großteil der Befragten sieht sein Engagement zudem genügend gewürdigt (67,5%). Knapp die Hälfte der GenossInnen (48,6%) sieht die Erfolge der eigenen Parteiarbeit, 21,4 Prozent meinen, nichts oder gar nichts erreicht zu haben. Aktive und ältere Mitglieder sowie Funktionsträger/innen benennen häufiger Erfolgserlebnisse und sind zufriedener. Auffällig hoch war die Bereitschaft, sich in den anstrengenden Wahlkämpfen zu engagieren. 65,9 Prozent meinten, dass Wahlkampf Spaß mache. Nur 7,1 Prozent hatten beim Werben um Stimmen keine Freude.

74,7 Prozent der Mitglieder gaben an, einen guten Kontakt zur Partei zu haben. Die große Mehrheit (88,7%) gab zudem an, regelmäßig über die Arbeit der LINKEN informiert zu werden. Nach der erfolgreichen Wahl im September 2009 hatten der Thüringer Landesverband und die Landtagsfraktion viel Arbeit und Geld in den Ausbau der Kommunikationswege investiert. Auffällig ist, dass guter und persönlicher Kontakt und umfassende Informationen mit erhöhtem Einsatz für die Partei korreliert. Der Faktor »Geselligkeit« scheint im Parteileben neben der politischen Überzeugung eine wichtige Rolle zu spielen.

Die Verteilung von Aufgaben auf mehr Schultern scheint laut der Untersuchung notwendig zu sein. Frauen und Menschen unter 60 Jahren sollten gezielter für Mandate angesprochen werden. Ältere GenossInnen sind oft bis in hohe Alter bereit, die Partei bei konkreten, altersgerechten Aufgaben zu unterstützen. Aufgrund der geringen Zahl von Mitgliedern im berufstätigen Alter und in den Gewerkschaften braucht es eine Stärkung der gewerkschaftlichen Basis in der Partei. Dagegen ist die Verankerung in gesellschaftlichen und sozialen Vereinen momentan gut. Hier muss aber aufgrund der sinkenden Zahl von Mitgliedern und dem hohen Durchschnittsalter auf eine Weitergabe der Staffelstäbe geachtet werden.

Wahlkämpfe animieren die GenossInnen zu höherer Aktivität. Die Ansprache dafür muss möglichst persönlich erfolgen, damit es nicht bei Absichtsbekundungen bleibt. Der Zusammenhang von steigender Beteiligung bei besserem Kontakt und mehr Informationen macht die Notwendigkeit intensiver Kommunikation mit den Mitgliedern deutlich. Auch wenn die Mehrheit ihre Arbeit ausreichend gewürdigt sieht und Spaß an Wahlkämpfen hat, ist im »Gefühlsbereich« der Partei noch Luft nach oben. Ein würdigender Umgang miteinander, Feiern und Spaß an der Diskussion, attraktivere Veranstaltungen und ausgesprochene Anerkennung können hier helfen.

Für eine Partei sind ausreichend viele und kompetente Aktive wichtig, um dauerhaft handlungsfähig zu sein und genügend Personal für die Aufgaben auf allen Ebenen zu haben. Dabei geht es gerade auch um jene GenossInnen, die gut informiert und kompetent im Alltag für DIE LINKE und ihre Politik werben oder in Wahlkämpfen für gute Ergebnisse streiten. Dafür braucht es Strukturen, die es den Mitgliedern – stärker noch als momentan – ermöglichen, sich aktiv in Diskussionen, Entscheidungen und die alltägliche Arbeit in der Partei einzumischen.