Disput

Nieder mit dem Krieg!

Berlin am 1. Mai vor 100 Jahren

»Wer gegen den Krieg ist, erscheint am 1. Mai. Abends acht Uhr Potsdamer Platz (Berlin)«, steht auf dem kleinen Zettel. Dazu drei Forderungen: »Brot! Freiheit! Frieden!« Mit diesen knappen Worten ruft Karl Liebknecht, Kopf der Spartakusgruppe, zu Protest und Widerstand auf. Vor genau 100 Jahren. Mitten in Berlin. Mitten im Ersten Weltkrieg. Die 1.-Mai-Zettel gehen von Hand zu Hand, Kriegsgegner kleben sie aufs Straßenpflaster und legen sie heimlich in Werkstätten aus.

1. Mai. Abends acht Uhr Potsdamer Platz (Berlin): Viele, sehr viele Arbeiter, auch Soldaten, Frauen, Jugendliche sind gekommen – fast 10.000. Die Atmosphäre ist äußerst angespannt, überall berittene und bald drein prügelnde Polizei.

Wie in seinen Schriften und Reichstagsreden: Karl Liebknecht sucht und nutzt jede Möglichkeit, seine Haltung zum Krieg klar und unerschrocken kundzutun. Nun auch auf dem Potsdamer Platz, inmitten Tausender. Laut ruft er ihnen zu: »Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!« Sofort packen ihn Polizisten und führen ihn ab. Wütende Demonstranten werden auseinandergetrieben und verfolgt. Nach Flüchtenden durchsucht werden selbst die Cafés und das Luxushotel »Fürstenhof« am Potsdamer Platz. In Nebenstraßen formieren sich Protestzüge neu, bis zehn Uhr dauern die Auseinandersetzungen, und in den Arbeitervierteln rufen Demonstranten bis in die Nacht immer wieder »Hoch Karl Liebknecht! Nieder mit dem Krieg!«

Wegen »versuchten Kriegsverrats« wird Karl Liebknecht zu vier Jahren und einem Monat Zuchthaus verurteilt. In der Vernehmung am 2. Mai 1916 sagt er laut Protokoll: »Ich gebe zu, am Abend des 1. Mai in der Menge mehrmals ›Nieder mit dem Krieg, nieder mit der Regierung gerufen‹ zu haben. Ich wollte damit meine Überzeugung öffentlich bekunden, daß es Pflicht der Regierung wäre, den Krieg zu beenden, und daß es Aufgabe des Volkes ist, einen entsprechenden Druck auf die Regierung auszuüben.« S. R.