Disput

Vollblutpolitiker

Das kleine Blabla

Von Daniel Bartsch

Heute nur ein hastiges Frühstück, es soll zeitig hinaus ins Grüne gehen, auf die Trabrennbahn, Pferde scheu machen oder gucken. Egal. Im Radio die Nachrichten, und ich höre: »… war über 80 Jahre ein Vollblutpolitiker!« Nun ja, es reicht halt nicht, voll Blut zu sein, es sollte auch irgendwie noch zirkulieren. Das gruselige Jahr holt Vollblutmusiker wie Vollblutpolitiker von der Bühne, allein – so scheint es – die Vollpfosten bleiben.

Als Vollblutpolitiker wird jemand bezeichnet, der sich mit Leib und Seele, mit ganzem Herzen und »vollumfänglich« dem Beruf bzw. der Berufung, Politiker zu sein, verschrieben hat. Aus dem Gebrauchswortschatz für aktive Politikerinnen und Politiker verschwindet der »Vollblutpolitiker« langsam, jedoch zunehmend, er wird aktuell weit häufiger posthum gebraucht. Damit gehört er im wahrsten Sinne zu einem »aussterbenden« Begriff und Sprachbild.

Einem »Vollblut« mit Hufen werden folgende Eigenschaften zugeschrieben: lebhaftes Temperament, robust, schnell, gut für die lange Strecke, von hoher Leistungsfähigkeit. Gleiches beschreibt auch die aufrecht gehende Variante im Lackschuh. Und es schwingen immer Lob und Bewunderung mit, es weht ein unguter Hauch Nostalgie mit, dieses: »So was gibt es ja heute kaum noch!« Und genau da liegt der Hund begraben: Sagt doch der Titel bestenfalls etwas über die Quantität der Arbeit, nicht jedoch über deren Qualität aus. Dabei ist schon wichtig, ob es ein Bürohengst war, der nur Scheuklappen trug – oder jemand, der Ross und Reiter benannte und mit dem man Pferde stehlen konnte.

Kurz: Das beste Pferd im Stall gewesen zu sein, ist eine Medaille, die im Nachtrab keiner braucht. Es ist ein Etikett, auf eine leere Flasche geklebt. Und auch für die aktive Zeit – in jedem Beruf – sollte gelten: lieber warmherzig als vollblütig.