Disput

… und ich bin dankbar dafür

Landesvorsitzender Ates Gürpinar über Widerständigkeit in Bayern und eine krasse Verjüngung der LINKEN, über erfüllende Schauspielerei und (k)ein Beruhigungsmittel

Das »Schlimme« zuerst: Wie wirkt das auf dich, wenn du Umfrage für Umfrage liest, Bayerns LINKE käme bei Landtagswahlen auf zwei, bestenfalls (wie im Juni) auf drei Prozent? Frustrierend, abhärtend, irgendwie dennoch motivierend?

Natürlich schaue ich immer drauf und hoffe … Und natürlich wäre es positiv, einen Prozentpunkt mehr zu haben und näher an die 5-Prozent-Hürde ranzurücken. Aber ich schaue eher auf unsere Mitgliederzahl. An ihr lässt sich abschätzen, wohin die Reise geht: Werden wir mehr, interessieren sich die Leute für uns?

Und, wie sieht’s derzeit aus?

Wir haben 2.460 Mitglieder.

Von wie viel Millionen Einwohner/innen in Bayern?

Rund 12,7 Millionen.

Ich hatte mal ausgerechnet, wie viele Wählerstimmen wir pro Mitglied bekommen, und dann damit angegeben, dass es in Bayern bundesweit, im Vergleich zu den anderen LINKEN-Landesverbänden, die meisten sind. – Das Problem ist nur die Gegenaussage: dass wir ganz wenige Mitglieder haben.

Aber wir sind auf dem aufsteigenden Ast, seit Anfang des Jahres haben wir 190 neue Mitglieder, die meisten unter 35.

Wir erleben gerade eine krasse Verjüngung.

Wie erklärst du dir das?

Es gibt, ich glaube bundesweit, eine Aktivierung von jungen Menschen, die ein Gegenbeispiel zur Politikverdrossenheit darstellen können.

Warum treten in Bayern Menschen in DIE LINKE ein, wie wollen sie Mitglied sein – mehr aktiv, mehr passiv?

Dazu haben wir keine Statistik. Momentan beobachte ich einen Wechsel: Früher wollten viele einfach passiv Mitglied werden – zum einen, weil es in Bayern teilweise immer noch nicht ganz unbedenklich ist, Mitglied der LINKEN zu sein, und Mitglieder uns bitten, das nicht parteiöffentlich und schon gar nicht öffentlich zu machen. Und zum anderen weil sie die Sache gut finden und durch ihre Mitgliedschaft unsere Arbeit stärken wollen, ihnen aber noch Anderes wichtig ist.

Mittlerweile, und das hat mit den Jüngeren zu tun, wollen viele etwas tun. Die Stiftung veranstaltet eine Politikakademie, wohin wir unsere jungen Genossinnen und Genossen werben, um Möglichkeiten des Aktivierens vor Ort mitzugeben. Das führt schon jetzt bei vielen dazu, dass sie sich in der Partei engagieren: sei es als Kreisvorsitzender, sei es im Vorstand, sei es als aktives Mitglied.

Das hat, wie gesagt, mit den jungen Menschen zu tun. Und es hat etwas mit dem Rechtsruck in der Gesellschaft zu tun. Bis vor Kurzem hieß es immer, die Jugendlichen seien politikverdrossen. Jetzt gibt es sehr viele Junge, die den Rechtsruck einfach nicht auf sich sitzen lassen wollen und ihn damit beantworten, dass sie selbst aktiv werden – nicht allein mit ihrer Mitgliedschaft, sondern indem sie aktiv sein wollen.

Wie viele Mitglieder sind seit der Gründung der LINKEN dabeigeblieben?

Seit 2010, seit wir die Analyse machen können, sind es etwa 1.300. Das heißt: Relativ viele Mitglieder blieben nur relativ kurz bei uns.

Warum ist das so, warum bleiben (zu) viele nur eine kurze Zeit in der Partei?

Zum einen: In der Gründungszeit kamen zu uns Menschen aus verschiedensten Gründen – einfach weil es eine neue Partei gab, weil man etwas für sich erreichen wollte, weil man dachte, die Welt lässt sich von jetzt auf gleich verändern … Diese Gründe gibt es nicht mehr.

Zum anderen, und das ist wohl nicht nur bei uns so: Die Leute werden nach ihrem Eintritt zu spät eingebunden. Deshalb entwickeln wir Ideen und Projekte, wie wir die »Neuen« wirklich so rasch wie möglich erreichen, wie wir ihnen mitteilen, was sie machen können, wie sie uns helfen und ergänzen können.

Wie hat man sich das vorzustellen: Jemand meldete sich, sagen wir, übers Internet in der Partei an, und danach dauerte es einfach zu lange, bevor sie oder er einen Termin zum Mitgliedertreff und den Hinweis erhielt, wenn du Lust hast, komm vorbei?

Genau.

Und dann hatte sie oder er vielleicht mal keine Zeit oder keine Lust, dann das Interesse verloren, und das war’s dann …?

Noch schlimmer. Als ich eingestiegen bin, musste ich im Internet selbst nachschauen, wohin ich zum Mitgliedertreff muss, und ich hatte Glück, dass die Terminübersicht auf der Internetseite aktuell war (was nicht immer der Fall war).

Mittlerweile soll es in jedem Kreisverband eine Ansprechpartnerin, einen Ansprechpartner für Neumitglieder geben. Am Wichtigsten ist die Aktivierung vor Ort.

Oft unterschätzt werden auch solche vermeintlichen Kleinigkeiten wie der Mitgliedsausweis, damit man sagen und zeigen kann, ich bin bei der LINKEN, ich bin ein Teil von ihr.

Wo gibt’s in Bayern kleinere LINKE-Hochburgen, wo ausgedehnte weiße Flecken?

Ich tue mich da mit Bewertungen schwer …

Das verstehe ich, und viele Leserinnen und Leser empfinden sicherlich große Achtung vor den Genossinnen und Genossen, die einsam das rote Fähnchen hoch halten …

… es gibt Schwerpunkte vor allem in Franken, wobei es auch dort unterschiedliche Aktive gibt. So hat in Schweinfurt ein sehr starkes, auch hauptamtliches, Gewerkschafterlager gemeinsam DIE LINKE stark gemacht. Nebenan in Coburg gibt es einen ebenfalls mitgliederstarken Kreisverband, die gezielt vor dem Arbeitsamt geworben und viele Erwerbslose gewonnen haben. Das ist von Ort zu Ort unterschiedlich. Grundsätzlich sind natürlich Nürnberg und München die zahlenmäßig stärksten Kreisverbände.

Letztens lobte eine Mitarbeiterin in der Bundesgeschäftsstelle, die immer im Ostallgäu Urlaub macht, sie habe früher dort nie etwas von der LINKEN entdeckt, jetzt habe sie überall LINKE-Plakate (für eine Veranstaltung) gesehen.

Schwierig ist es bisher vor allem in Oberbayern und im Allgäu. Doch auch dort gibt es momentan in etlichen Kreisverbänden eine Revitalisierung dank junger Mitglieder. Im Ostallgäu hat ein 20-Jähriger den Kreisvorsitz übernommen. Übrigens einer, der auch in der Politikakademie für junge Aktive dabei ist.

Zum besseren Verständnis dafür, wie schwer es ist, irgendetwas auf die Beine zu stellen: Wie viele Mitglieder hat ein Kreisverband wie der im Ostallgäu? Wie groß ist der kleinste Kreisverband?

Ein Beispiel aus einem anderen Kreisverband, Landshut/Kelheim: In Bayern fließen bei Landtagswahlen die Erststimmen ins Gesamtergebnis ein. Man sollte also überall antreten und einen Direktkandidaten aufstellen. Um den aufzustellen, brauchst du mindestens drei Parteimitglieder, die die Kandidatin oder den Kandidaten nominieren. Im Stimmkreis Kelheim hatten wir zu den Wahlen 2013 – mittlerweile ist das anders – überhaupt nur drei Mitglieder. Eine Genossin war über 80, die zweite ist Mutter von fünf Kindern und der dritte ein Schichtarbeiter. Und da einen Termin finden (und niemand durfte krank werden) … schwierig.

Neben der geringen Mitgliederzahl ist auch die Fläche des Landes ein ziemliches Problem für unsere Arbeit. Und wenn ich dann in Berlin vor Wahlkämpfen den Hinweis höre, wir sollten doch nicht alle Plakate gleichzeitig auf<s>zu</s>hängen und stattdessen besser noch welche in einer zweiten Runde zu bringen …, mhm: Wie? Zweite Runde?! Ich bin froh, wenn überhaupt alle Dörfer endlich beklebt sind. Das haben dann die ein, zwei Aktiven in manchem Landkreis gemacht, und ich bin dankbar dafür.

Wie viele Mitglieder sind es nun im Ostallgäu? 50?

Weniger, 30. Die Kreisverbände bemessen sich nach der Anzahl der Landkreise, und da ist Kaufbeuren mit der kleinste. In Weiden haben wir 18 Mitglieder. Aber die Flächenkreisverbände haben es am schwierigsten, um sich zu treffen, müssen die Mitglieder durch etliche Dörfer reisen.

Wie viele Kommunalvertreter/innen vertreten die bayerische LINKE?

Ca. 40 plus fünf Bezirkstagsabgeordnete.

Das Problem bei kommunalen Wahlen, und das hat sich die CSU-Regierung gut überlegt: Um überhaupt antreten zu dürfen, müssen wir, so lange wir in Bayern bei der Bundestags-, der Europa- oder Landtagswahl noch nicht über fünf Prozent gekommen sind, vorher Unterschriften sammeln. Und zwar nicht irgendwie auf der Straße, die Bürgerinnen und Bürger müssen dafür extra ins Rathaus! Du kannst dir vorstellen, was das bedeutet. In kleinen Orten kennt man sich, man weiß, wer für DIE LINKE unterschrieben hat. Außerdem ist die benötigte Unterschriftenzahl unglaublich hoch. In den kleinsten Gemeinden müssen fünf Prozent der Wahlberechtigten unterschreiben. Das ist illusorisch.

In Städten ist es einfacher, in München – dort sind wir schon 2002 mit der PDS in den Stadtrat eingezogen – und so ist das kein Problem.

Welche eurer Fraktionen sind besonders rege?

Es kommt immer darauf an, welche Leute gewählt worden sind und welche Ideen sie haben. In einigen Städten haben wir den Fraktionsstatus. In Erlangen hörte ich vor Kurzem, dass die Grünen- und die SPD-Stadträte unseren Kommunalvertretern bescheinigt haben: Ihr nervt tierisch…! Ein großes Kompliment.

Wie schwer haben es LINKE-Kommunalpolitiker/innen?

Natürlich ist es nicht einfach, weil du immer in der Minderheit bist: du hast immer zu kämpfen, insbesondere gegen die CSU, du musst immer aufs Neue klare Kante zeigen und darfst dich nicht ängstigen lassen. Auf der anderen Seite erlebe ich vermehrt, dass es Leuten auch Spaß macht. Spaß macht, den Finger in die Wund zu legen und zu zeigen, es geht anders, eine andere Politik ist selbst in Bayern möglich.

Wenn es die Verantwortlichen nervt und ärgert, stärkt das die Hoffnung, dass bei den Menschen vor Ort irgendwann die Überzeugung durchschlägt, etwas verändern zu können.

Du warst Landesgeschäftsführer, was macht so jemand?

Das hängt vom Landesvorstand ab, der die politischen Vorgaben macht, während der Landesgeschäftsführer so ein bisschen die »Kehrarbeit« leistet: Sachen vor- und nachbereiten, organisieren und kommunizieren – sowohl Richtung Bundesebene wie Richtung Kreisebene. Bei der Vorbereitung des Landesparteitages muss beispielsweise die Satzung genau beachtet werden: Wann muss ich wen einladen, was braucht es an Organisatorischem an Ort und Stelle …

Die politischen Inhalte müssen Hand und Fuß bekommen, wir müssen kampagnenfähig werden. Was mache ich damit, wen spreche ich an, wen frage ich nach Mithilfe? Da ist die Kommunikation fast das Wichtigere, weil man in Bayern nicht schnell mal von A nach B kommt. Von Aschaffenburg nach Traunstein bist du sechs Stunden unterwegs. Da muss die Kommunikation anders und gut funktionieren, um das Gefühl zu vermitteln, wir sind der Landesverband Bayern und nicht nur kleine, punktuell und einzeln arbeitende Kreisverbände.

Mal konkret: Wie viele Mails bekommst oder schreibst du an einem gewöhnlichen Wochentag?

Das ist im Arbeitsalltag abzuschätzen. Heute habe ich vierzig Mails geschrieben, davon sind die meisten 3-Minuten-Mails, für fünf Mails bedarf es größerer Vorbereitung. Neben Newsletter-Mails erhalte ich ca. ebenso viele Mails, von denen ein Teil längere Bearbeitung benötigen, bei dem Großteil aber nur eine schnelle Reaktion erfordern.

Wo gefragt wird nach Aktionen und so …?

Ja. Oder: Kannst du mir mal den Link zu einem speziellen Thema schicken? Wann müssen die Einladungen raus? … Du bist, das ist anderen Landesverbänden sicherlich ähnlich, ein bisschen auch Sorgentelefon: sei es für Parteimitglieder, sei es für Nicht-Parteimitglieder, für Leute, denen es momentan nicht so gut geht – wir haben auch schon einem Genossen akut geholfen, der Angst hatte, dass seine Mietwohnung gekündigt wird. Das ist ein breites Spektrum. Und dafür möchte ich mir  – gleich ob ein Kreisvorsitzender anfragt oder jemand, der noch nie in einer Funktion war – auch mal 20 Minuten Zeit am Telefon nehmen. Das muss einfach drin sein, um den Slogan mal aufzugreifen.

Was war dein erster Berufswunsch?

Bis zum Abitur: Schauspieler. In der Politik ist man teilweise ganz gut damit aufgehoben, habe ich gehört.

Bis du irgendwann mal aufgetreten?

Ich habe halbprofessionell am Theater gespielt. Und es gibt im Internet Bilder von mir, die ich nicht mehr loskriege. Von der Rocky Horror Picture Show und solchen Stücken.

Wann war dein letzter Auftritt in dieser Hinsicht?

Vor zwei Jahren wollte ich nochmal auftreten. Die Münchner Kammerspiele boten Nicht-Schauspielern dazu die Möglichkeit. Für die Probezeit hatte ich extra Urlaub genommen, konnte es aber dann nicht machen, weil mein Vorgänger (als Landesgeschäftsführer) verstarb und ich gesagt habe: Das geht jetzt nicht …

Ich habe immer wieder in Filmen und im Theater mitgewirkt. Besonderen Spaß macht es, in Filmen wie an der Hochschule für Fernsehen und Film München zu spielen.

In ernsten Rollen? Als feuriger Revolutionär? Als feuriger Liebhaber?

Das ist ziemlich egal. Mir macht Theater spielen weitaus mehr Spaß als zuschauen.

Was macht den Spaß aus?

Das sich Verausgaben und das sich Hineinversetzen und sich mit irgendetwas zu identifizieren, wo man nach dem Spiel wieder »rausgehen« kann.

Ich wollte aber nie nur auf der Bühne stehen, was für Schauspieler sehr, sehr wichtig ist: Bretter, die die Welt bedeuten und so. Ich wollte mit dem Spiel immer etwas vermitteln und verbinden. Dann habe ich gemerkt, dass das im beruflichen Schauspielerleben nicht der Fall ist. Im Zweifelsfall muss man eben auch für McDonalds Werbung machen.

Das war der wirklich erste ernsthaftere Berufswunsch. Nach dem Studium wollte ich an der Universität bleiben. Während ich mich auf eine Promotion vorbereitete, bewarb ich mich auch auf zwei Stellen bei der LINKEN. So wurde ich 2012 Pressesprecher in Bayern.

Du stammst aus Hessen ...

Aus Darmstadt. Mein Vater, in der Türkei geboren, kam zum Studium nach Deutschland, wo er eine Zeitlang illegal lebte. Meine Mutter ist Deutsche, gebürtige Berlinerin. Sie haben sich zu Beginn des Studiums kennengelernt und sind zusammengeblieben.

Welche Rolle spielte das türkisch-berlinisch-darmstädtische Elternhaus politisch?

Die ersten Erfahrungen, die mir in Erinnerung sind, waren zu Hause die Diskussionen um Kohl.

Da warst du doch noch klein!

Klar. Aber – das kann ich jetzt nicht mehr nachmachen (tut es aber doch) – ich trug zur Erheiterung bei, indem ich versuchte, Kohl nachzumachen: bububbubb

Meine Mutter engagierte sich im Verband binationaler Ehen und Partnerschaften. So wurde Politik immer mit am Tisch diskutiert.

Danach haben wir in Hessen während der Schulzeit gegen das G8 (Abitur nach acht statt neun Jahren) gekämpft. Und vor allem gegen den Krieg im Irak und in Afghanistan. Wir haben Demos organisiert, und ich habe dort auch geredet.

Von konkreten Protesten und Aktionen zur Partei, was gab für dich den Ausschlag?

Nach den Bildungsprotesten 2009, die europaweit viele Studierende geprägt haben, wo es bei uns in Bayern neben der Demokratisierung der Uni um die Abschaffung der Studiengebühren ging, fiel mir auf, dass die Bewegung so schnell verging, wie sie gekommen war. Obwohl viele politisiert worden sind, ist plötzlich fast nichts mehr. Am letzten Tag im Audimax waren wir beim Plenum 100, bei der Party danach 1.000 – und am nächsten Morgen, zum Aufräumen, zehn. Allerdings: Diese Menschen sind aktiv geblieben.

Vorher war ich relativ parteifern. Nun merkte ich, dass es so etwas wie eine Plattform, ein Fundament geben muss, wo sich Menschen auch unabhängig davon, ob es gerade eine Bewegung für oder gegen etwas gibt, zusammenfinden, wo sie aktiv werden und damit so etwas wie eine Bewegung vorbereiten und als Motor für solche Bewegungen dienen können.

Was ist für dich Politik überhaupt?

Sie regelt das Zusammenleben der Menschen im Kleinen wie im Großen. Für mich ist Politik die Möglichkeit, sich mit Menschen zusammenzufinden und gemeinsam für ein besseres und schöneres Leben zu streiten insbesondere in der Demokratie.

Ansporn für mich ist, dass ich die Verhältnisse, wie sie jetzt sind, nicht gut finde, dass ich aber Möglichkeiten sehe, wie Menschen miteinander leben können unter Verhältnissen, die weitaus schöner und gerechter für alle Menschen sind als die jetzigen Verhältnisse. Deswegen sind Visionen Grundansporn meiner politischen Tätigkeit.

Zurück zum Land. Wie verschieden ist Bayern?

Na, einfach gesagt: Meine bisherigen Chefs, der verstorbene Landesgeschäftsführer Bruno Engelhardt und die Landessprecher/innen Eva Bulling-Schröter und Xaver Merk kamen aus Oberfranken, aus Oberbayern und dem Allgäu – das sind drei sehr verschiedene Dialekte.

Auch jenseits der Dialekte sind die Unterschiede in Bayern gewaltig. Nirgendwo ist die Schere zwischen Reich und Arm so deutlich wie hier. Im Leitantrag an unseren Parteitag im Juli hieß es dazu: Im Passauer Land stehen im Verhältnis zur Bevölkerung bundesweit die meisten Ärzte zur Verfügung, in Ansbach Land bundesweit die wenigsten. Die CSU-Strukturpolitik läuft völlig fehl, und die anderen Parteien haben auch nur bedingt Antworten darauf.

Extrem ist: Die durchschnittliche Lebenserwartung in Hof liegt zehn Jahre unter der in Starnberg, was mit dem Reichtum zusammenhängt und damit, dass in Starnberg die reichen Menschen zusammenkommen und in Hof eine verhältnismäßig hohe Erwerbslosigkeit herrscht. Dass dahinter eine verfehlte Politik steckt, ist den Menschen viel zu wenig bewusst.

Die CSU hat rund um München einen Speckgürtel geschaffen, wohinter alles andere zurückbleibt und weswegen die Peripherie ausdünnt. Klar, Strukturpolitik – das klingt nicht sonderlich sexy, damit lockst du nicht so viele Leute hervor. Doch die Auswirkungen sind gravierend. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass in einem zivilisierten Land so drastische Unterschiede existieren.

Bis zur roten Fahne über dem bayerischen Landtag ist es noch ein bisschen hin. Deswegen: Ist die Beschreibung all der Missstände in Bayern und die Kritik an ihnen euch Veranlassung, realisierbaren Alternativen zu entwickeln? Oder wäre das derzeit nur vergebliche Liebesmüh?

Nein. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung gab eine Arbeit zur Strukturpolitik in Auftrag. Da geht es vor allem darum, wie der »Bayern-Plan« der CSU umgesetzt wird. Wir erhoffen wir uns davon konkrete Ansatzpunkte für unsere Politik, dafür, wie richtige Strategieplanung aussehen kann, um Bayern insgesamt zu einem lebenswerten Land zu machen. Seehofer hatte in einem Wahlkampf-Spot Bayern als Vorstufe zum Paradies gepriesen. Davon sind wir sehr, sehr weit entfernt.  Das betrifft eben nicht nur seine Rechtsaußenpolitik, sondern auch seine Strukturpolitik.

Das Gute ist: Trotz allem gibt es noch ein anderes Bayern. Es gibt ja auch immer das widerständige Bayern, das sich beispielsweise gegen die schlimmsten Entwicklungen, was die Zentralisierung und die Strukturpolitik angeht, erfolgreich zur Wehr setzt: Die dritte Startbahn des Flughafens München ist immer noch nicht gebaut, und wir haben Olympia abgelehnt, weil noch mehr in Oberbayern konzentriert worden wäre. Diesen widerständigen Menschen ein Angebot zu machen, das müssen wir besser hinkriegen.

Wie könnt ihr denn mehr Menschen mit euren Vorstellungen bekanntmachen? Ihr habt für den Landesverband ganze vier hauptamtliche Stellen (unter anderem für die Mitgliederverwaltung) ihr habt nicht das Geld, um flächendeckend zu informieren und zu werben usw.

Ich sehe eine Chance und eine Aufgabe. Die Chance ist, dass junge Menschen zu uns kommen, die uns nicht nur wählen wollen, sondern auch in der Partei aktiv werden wollen. Diese jungen Menschen geben uns eine andere Ausstrahlung. Dass wir da eine gewisse Aufbruchsstimmung vermitteln können, ist eine Chance, die wir nutzen müssen, um zu vermitteln, wir sind die Partei, die den Flüchtlingen, den Erwerbslosen, den Wohnungslosen hilft. Wir machen das mit Lust, weil wir wollen, dass es Menschen gut geht, und wir machen das gemeinsam. So haben wir eine Chance.

Und die Aufgabe?

Die Aufgabe ist, bei den Erwerbslosen selbst, bei den prekär Beschäftigten selbst anzukommen. Und das ist noch eine Riesenaufgabe, weil wir zwar meinen, diese Menschen schon zu erreichen, wir sie aber nicht wirklich erreichen. Die entsprechenden Medien können wir nicht nutzen. Die Alternative ist, mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen. Wir müssen in die Viertel in München gehen, wo es auch Armut gibt und wo wir die Menschen direkt erreichen. Wir dürfen nicht an den »reichen« Plätzen stehen, wo eh keiner vorbeikommt.

Linke Arbeit besteht nicht zuerst darin, im Fernsehen vorzukommen, sondern als Partei größer und aktiver zu werden.

Ein Problem dabei ist die Fragmentierung der Gesellschaft. Das heißt: Ich kenne über Facebook zwar einen Kumpel im fernen Neuseeland, aber dass mein Nachbar bei der LINKEN ist, habe ich erst vor Kurzem erfahren. Man kennt sich also von Treffen, weiß jedoch nichts von der unmittelbaren Nachbarschaft. Das heißt auch, dass das Durchfließen der Gesellschaft extrem schwierig ist.

Für die Politik: Wenn ich meinen Facebook-Eintrag mache und mich über meine 20 oder 30 Likes freue, bringt das mir eigentlich überhaupt nichts, denn es sind sowieso meinesgleichen, es sind Leute, die eh schon in der LINKEN sind oder DIE LINKE toll finden.

Eigentlich hat die Partei die Möglichkeit, Menschen wieder zusammenzubringen. In der Uni kannte ich nur die Leute meines Fachgebietes. Durch die Partei habe ich wieder die unterschiedlichen realen Leben kennengelernt: von jemanden, der schon in Rente ist, bis zu Leuten, die ihren Ausbildungsabschluss machen. Das ist ein Gewinn.

Und hört sich irgendwie nach Verpflichtung an.

Die ein bisschen gebildetere jüngere Schicht und die Arbeiterinnen und Arbeiter müssen zusammenarbeiten. Sonst haben sie überhaupt keine Chance. Beide Gruppen müssen zusammengedacht werden. Deswegen müssen wir die Chance, die sich jetzt bietet, nutzen. Es gibt eben nicht nur einen Rechtsruck, es gibt auch linke Gruppen und Menschen, die sagen, es hilft nichts, zu Hause vor sich hin zu meckern, sondern wir müssen das jetzt auch nach draußen bringen. Und nach draußen bringen heißt eben nicht, auf Facebook zu setzen, weil es die meisten nicht interessiert. Nach draußen bringen heißt, bei den Stadtfesten zu sein, bei den prekären Vierteln zu sein, um den Menschen in irgendeiner Form ein Angebot zu geben.

Wir dürfen nicht dazu beitragen, dass die Abgehängten noch abgehängter werden. Das ist überlebenswichtig für unsere Grundeinstellung.

Bayern hat durchaus linke Traditionen: zum Beispiel die Räterepublik 1919, Kurt Eisner.

Nach ihm ist der bayrische Ableger der Rosa-Luxemburg-Stiftung benannt. Der Kurt-Eisner-Verein beruft sich ein bisschen auf die sozialistischen Wurzeln Bayerns Anfang des 20. Jahrhunderts, eine kurze, aber relativ präsente Zeit.

Spannend ist auch, dass die bayrische Verfassung durchaus in Teilen »links« ist, weil von Linken mitgeschrieben. Sie enthält die Möglichkeit zu Volksbegehren und den Grundsatz, wonach Eigentum verpflichtet. Das wurde wiederholt genutzt, zum Beispiel bei der Abschaffung der Studiengebühren. Wir haben da Möglichkeiten.

Allerdings versteht sich auch die CSU als widerständig – im Bundesrahmen, als rechts widerständig.

Wirst du jetzt als (ehrenamtlicher) Landesvorsitzender weniger zu tun haben als im »Amt« des Geschäftsführers?

Ich glaube nicht. Ich möchte mit Anderen eine Strategie entwickeln, wie wir die nächsten Wahlkampfjahre angehen können. Wir wollen was verändern. Und ja: Wir wollen außerhalb Bayerns auch nicht immer nur nachsichtig-lächelnd betrachtet werden.

Deswegen wollen wir Menschen überzeugen, sich mit uns zu engagieren. Denn die politischen Möglichkeiten sind in Bayern relativ groß. Die Möglichkeiten, etwas komplett Neues anzugehen. Ich sehe Hoffnung, dass sich da in den nächsten Jahren was entwickelt. Vor allem auch in der Verbindung von den älteren, erfahrenen Genossinnen und Genossen mit den jüngeren Leuten. Wie in Nürnberg mit Harald Weinberg als einem erfahrenen Bundestagsabgeordneten und mit einem jungen Kreisvorsitzenden, gerade 30 geworden: Stadtrat Titus Schüller. Die beiden ergänzen sich gut.

Angesichts deines vorsichtigen Optimismus‘ – würdest du dich auf ein Zwischenziel der bayrischen LINKEN festlegen lassen wollen: bei der Bundestagswahl fünf Prozent und zehn Prozent mehr Mitglieder?

Tatsächlich möchte ich, dass wir zu Wahlkampfzeiten 3.000 Mitglieder zählen. Wenn wir derzeit schon so viele Mitglieder gewinnen wie sonst in Wahlkämpfen, sehe ich dafür durchaus Chancen.

Das Andere: Wollen wir 2020 zu den Kommunalwahlen nicht wieder Unterschriften sammeln, müssen wir bei der Bundestagswahl 2017 über die fünf Prozent kommen. Es wäre blödsinnig, dies nicht als Ziel anzustreben.

Wieviel Prozent hattet ihr bei der vorigen Bundestagwahl?

3,8 Prozent.

Wir sind eben einfach noch zu wenige Mitglieder. Aus den Mitgliedern muss die Lust erwachsen, nach draußen zu gehen und Menschen davon zu überzeugen, uns ihre Stimme zu geben. Stimmen sind letztlich die Ernte unseres Wirkens.

Aber: Bei der jüngsten Umfrage für die Bundestagswahl waren wir hier bei sechs Prozent.

Wir müssen kämpfen, keine Frage. Wir werden besser abschneiden als 2013!

Jahrelang galt der bayerische Landesverband als zerstritten, und die Streits wurden wohl ziemlich deftig veranstaltet. In jüngerer Vergangenheit war davon nichts mehr zu hören. Habt ihr ein Beruhigungsmittel genommen?

Wir haben gelernt, miteinander zu reden, und wir haben gelernt, dass die wirklichen politischen Unterschiede in vieler Hinsicht a) nicht so sehr groß sind und b) auch aufgehalten werden können. Es sind politische Unterschiede, mit denen man in der LINKEN sehr gut leben kann, weil sie nicht bewirken müssen, dass man nicht an einem Strang ziehen kann/sollte.

Die Auseinandersetzungen zu Beginn der Partei – in Bayern vielleicht noch stärker als in anderen Landesverbänden – waren fast »natürlich«: Zu Beginn hatte man Erfolg, der zunächst zusammenschweißte. Dann kamen unterschiedliche politische Sozialisierungen zum Vorschein, mit denen man sich auseinandersetzen muss, wenn es an die alltägliche Arbeit geht. Das hatte uns eingeholt. In den letzten drei, vier Jahren besserte sich das aber sehr, so dass wir jetzt zwar rein zahlenmäßig kein starker Landesverband sind, doch relativ viele Aktive haben, die den Landesverband gemeinsam weiter aufbauen, selbst wenn man sich nicht in jedem Punkt einig ist.

Themenwechsel: Du strahlst viel Freundlichkeit aus. Bist du von Haus aus eine Frohnatur?

Mein Vorgänger Bruno beschrieb viele linke Menschen mit dem Begriff: das Gesicht zur Faust geballt. So würden sie mitunter am Infostand stehen. Ich will LINKE-Politik anders vertreten. Ich glaube, dass wir nur überzeugen können, indem wir nicht allein sagen, wie schlimm jetzt alles ist, und das in jedem Blick zum Ausdruck bringen – sondern indem wir beschreiben, wie schön etwas sein kann. Und das müssen wir, soweit das in dieser Gesellschaft möglich ist, jetzt schon versuchen zu leben und das zum Ausdruck bringen. So kann man andere frohen Mutes werden lassen, dass sich etwas verändern lässt. Wenn man die gesamte Zeit verkrampft sauer ist auf die böse Welt, hätte es ja keinen Sinn.

Ich bin mit viel Lachen und Freude erzogen worden, vielleicht fällt es mir deswegen umso leichter.

Auf Facebook gibst du unter deinen Sport-Favoriten einen Triathleten an – aus schlichter Bewunderung oder aus Seelenverwandtschaft?

Oh Gott. Ich habe Triathlon gemacht. Damit klappt’s einfach zeitlich nicht mehr, aber das Laufen habe ich (noch) nicht aufgegeben. Dreimal die Woche sollte es sein. Das hängt davon ab, wie viele Abendtermine ich habe. Das Laufen ist für mich ein toller Ausgleich. Im Juni lief ich einen Halbmarathon in Hessen, als Ergebnis einer alten Wette mit Freunden.

Was baut dich in der politischen Arbeit auf?

Wenn Genossinnen und Genossen in ihrer Arbeit Erfolg haben. Zum Beispiel war die Abschaffung der Studiengebühren ein solches Erfolgserlebnis, weil wir uns da sagen konnten, selbst in Bayern geht so etwas.

Großartig ist jedes Jahr unsere politische Aschermittwochsveranstaltung in Passau – eine Großveranstaltung, die so nur durch Ehrenamtliche zustandekommen kann. Sie kommen zum Aufbau, sie kommen zum Abbau …, und die einzige »Belohnung« ist, dass Promis kommen und reden.

Ein anderes Beispiel: Der neue Kreisvorsitzende in Nürnberg macht alle ein, zwei Monate Neumitgliedertreffen auf eine andere Weise – er holt sich Sympathisantinnen und Sympathisanten, die er kennengelernt hat, und neue Mitglieder und schafft damit eine tolle Atmosphäre zwischen welchen, die noch nicht Mitglied sind, und welchen, die es geworden sind und von ihren Motiven und ersten Erfahrungen erzählen. Und das in der Kneipe, locker beim Bier. Es ist sonst selten, dass 20 Leute zusammenkommen. Es macht richtig Spaß.

In manchen Kreisen haben wir nur drei, vier Aktive und müssen mit ihnen darauf hinarbeiten, dass wir eben auch bei den 40.000 Menschen auf der Demo gegen TTIP in München sind, und das zu organisieren, dass DIE LINKE möglichst weithin sichtbar ist.

Und abends schaust du in den Nachrichten danach, inwieweit die LINKEN-Fahnen zu sehen sind?

Na klar. Wir müssen halt mit unseren wenigen Mitteln wirksam werden. Ich sage oft Mitgliedern, dass wir bei solchen Aktionen dabei sein sollten, nicht nur damit wir mehr sind, sondern auch, damit die Mitglieder das Gefühl bekommen bzw. stärken, nicht völlig allein zu sein. Es ist nicht bloß irgendein Termin am Samstag, sondern es ist das Gefühl, wir sind mit einer LINKEN-Flagge nicht bloß auf einer 15-Personen-Demo in einer kleinen Stadt, sondern wir sind mit 100 LINKE-Fahnen in München und abends in der »Tagesschau«. Diese Erfolgserlebnisse müssen wir uns auch ein bisschen organisieren.

Du hast vorhin von dem traurigen Ereignis gesprochen, das dich davon abgehalten hat, an den Kammerspielen aufzutreten: der Tod eures Landesgeschäftsführers.

Bruno Engelhardt machte sein ganzes Leben lang in Bayern linke Politik. Er stammte aus einer kommunistischen Familie, und es war immer sein Traum, die Nachfolge seines Vaters anzutreten, der in seinem Dorf der letzte kommunistische Stadtrat war. Er hat es nicht geschafft. Mir zeigt das, dass es in Zeiten, wo die »Revolution« nicht unmittelbar bevorsteht, trotz der schwierigen Bedingungen wichtig ist zu sagen: Jetzt erst recht, jetzt müssen wir erst recht aktiv sein. Da ist Bruno tatsächlich ein Vorbild für mich, weil er es auch mit einer stoischen Ruhe gemacht hat. Er war immer da, war immer aktiv, obwohl es in Bayern für Linke nichts zu holen gab. Davor habe ich allergrößten Respekt. Daran erinnere ich mich, wenn es für mich schwierig wird.

Wie kompliziert ist es im Alltag für bayrische LINKE? Indirekt habe ich das für DISPUT erlebt, indem zwei Genossinnen aus Bayern für sich ablehnen mussten, namentlich im Heft erwähnt zu werden.

Ein aktuelles Beispiel in Regensburg: Ein Genosse, der für DIE LINKE für den Stadtrat angetreten war, wurde namentlich in die Presse gezogen mit dem Hinweis auf die Uni, wo er arbeitet, und mit der Frage, inwieweit er linksextremistisch sei. Das war unterste Schublade. Er ist zwar als Sieger aus der Auseinandersetzung hervorgegangen, aber die Angst vor beruflichen Konsequenzen ist ja da.

Alle zwei Wochen erlebe ich, dass jemand anruft und sagt, er wolle eigentlich Mitglied werden oder er sei schon Mitglied, aber er müsse im Öffentlichen Dienst einen Fragebogen ausfüllen … Er hat Angst.

Was ist da auszufüllen?

Man muss versichern, auf dem Boden der Verfassung zu stehen und nicht Mitglied einer extremistischen oder extremismusnahen Organisation (gewesen) zu sein bzw. Sympathisant einer solchen Organisation zu sein. Auf einer entsprechenden Liste ist DIE LINKE aufgeführt – die Republikaner übrigens nicht, mit dem Hinweis, dass die Liste nicht vollständig sei. Egal ob du Hochschulpräsident werden willst oder Studentische Hilfskraft oder ob du eine Therapieausbildung machst im öffentlichen Krankenhaus, überall musst du das ausfüllen.

Das Problem: Das ist kein direktes Berufsverbot, ich kenne keinen Fall, dass jemand wegen der LINKEN nicht eingestellt worden ist. Aber der Arbeitgeber weiß dann halt, wo du organisiert ist. Und die Angst ist da, wenn du beispielsweise einen befristeten Vertrag hast, ob du ihn das nächste Mal wieder bekommst.

Wegen dieser Sorge sind viele Sympathisanten nicht Mitglied geworden oder ausgetreten. Und es gibt nicht wenige Mitglieder, die Angst haben, sich dazu öffentlich zu bekennen. Da gibt es auch Tränen. Tränen, weil sie wegen dieses blöden Bogens nicht wissen, wie sie ihre Grundauffassungen glaubhaft, ohne Verbiegungen, anderen Leuten mitteilen können.

Das ist tatsächlich nur noch in Bayern so. Ich habe jedoch die Hoffnung, dass wir in Kürze runterkommen von dieser Liste.

Woraus schlussfolgerst du das?

Im Verfassungsschutzbericht tauchen wir nicht mehr auf. Und bei einem ähnlichen Fragenbogen bei Einbürgerungen werden wir auch nicht mehr aufgeführt.

Was sind die wichtigsten Aufgaben der bayrischen LINKEN bis Jahresende?

Es geht in die Vorbereitung auf den Wahlkampf. Dafür müssen wir Leute für 45 Wahlkreise schulen.

Es läuft derzeit ein Volksbegehren in Bayern gegen CETA, und es gibt den Kampf gegen das CSU-Integrationsgesetz. Wir sind Teil des Bündnisses gegen TTIP, im September gibt’s auch in München eine große Demonstration. Das sind Mobilisierungsaufgaben mit einigem Aufwand.

Du läufst mit der auffälligen roten LINKE-Tasche durch Bayern. Wie sind die Reaktionen?

Es gab mal eine heftige Auseinandersetzung: in der Bahn nach Nürnberg mit vier alkoholisierten Eishockeyfans. Die waren krass, haben sogar von töten geredet. Nach einer Stunde hatten wir uns soweit »geeinigt«, dass sie es nicht tun werden. Wir haben uns per Handschlag verabschiedet, sie äußerten Respekt, dass ich mich nicht weggeduckt habe. Ich konnte da nicht einfach still bleiben. In einer solchen Situation kriege ich nicht die Ruhe hin. Es gibt da für mich einen Unterschied zwischen Demonstrationen, wo ich auch blockiere, und Situationen, wenn ich direkt jemandem gegenüberstehe – mit ihm zu reden, koste es (fast), was es wolle. Das war die krasseste Auseinandersetzung, vor einem halben Jahr.

Dumme Sprüche gibt es häufig. Aber das ist, wie ich von denen höre, die schon seit 20 Jahren in Bayern linke Politik machen, zurückgegangen.

Gespräch: Stefan Richter

Ates Gürpinar, 31, Medienwissenschaftler, seit Juli 2016 Landesvorsitzender der LINKEN in Bayern, davor Landesgeschäftsführer und Pressesprecher. Hobby-Läufer und halbprofessioneller Schauspieler.