Disput

Wenn Ängste wabern …

Feuilleton

Von Jens Jansen

Man weiß nicht, wer mehr Angst hat – das Volk oder die Obrigkeit? Beide wissen offenbar zu wenig voneinander, weil die tonangebenden Medien auf Ablenkung dressiert sind statt auf Hinlenkung zu den Grundproblemen. Drum sind die Regierenden in London und Washington, Brüssel und Warschau, Paris und Berlin, Budapest und Athen, Kairo und Ankara immer wieder überrascht, wie das Volk tickt. Umgekehrt ebenso, spätestens wenn es heißt: »Sicherheit geht vor Freiheit! Also mehr Polizei, mehr Soldaten, mehr Waffen, mehr Kameras und Kontrolle!« Aber der Hauptfeind schwenkt weder den Koran noch die Bibel, der zieht das Scheckbuch. In der Welt des Kapitals regiert das Kapital. Und dieses Monster ist durch Gier und Globalisierung übermächtig geworden.

In Deutschland wächst die Zahl der Superreichen schneller als die Zahl der Suppenküchen. Da muss man lange auf soziale Gerechtigkeit warten. Umso wichtiger sind Brot und Spiele, Lohn- und Rentenzugaben, Lobreden auf die Freiheit und die Menschenrechte. Doch umso stärker wachsen der Protest in Umfragen und Wahlen und der Ruf nach einem starken Führer, der mit harter Hand für Sicherheit und Ordnung bei der Revierverteidigung sorgt. Aber das hatten wir doch schon?

Wie viele Familien haben – mit den Terrornachrichten im Ohr – das Gefühl, dass diese Welt immer kleiner und wackliger wird? Die geplante Orientreise hat sich verkürzt bis zur Ostsee. Was uns quält, ist jedoch im Grunde keine nebulöse Ungewissheit, sondern die logische Gewissheit, dass diese Erde unbewohnbar wird, wenn das entfesselte Kapital so auf die Völker, Länder und Bodenschätze herumtrampelt, wie es auf allen Kontinenten geschieht. Wen wundert es noch, wenn die Getretenen nicht mehr stillhalten?

Meine Oma war weder Innen- noch Außenminister, dennoch wusste sie: »Wer Wind sät, wird Sturm ernten!« Deutschland macht viel Wind. Als Exportsieger, als Formel-1-Sieger, als Sieger mit schnellen Eingreiftruppen, als Spar-Sieger, als Abschiebesieger. Aber wem nutzen solche Siege, wenn wir bei der Lösung der Zukunftsfragen versagen? In Berlin lebt jedes zweite Kind von den Hartz-IV-Groschen. Viele Schulen sind Gruselkabinette. Viele Kliniken und Ärztehäuser arbeiten wie Autowerkstätten: rein-rauf-raus! Viele Ämter bräuchten Schlafsäcke für die Wartezimmer. Und dann gibt es Krach. Dann allerdings kommt ein Seelendoktor und sagt: »Es gibt eben überall Licht und Schatten und daher auch ein helles und ein dunkles Deutschland.«

Papperlapapp! Das Hell und Dunkel ist nur der Abglanz vom Oben und Unten!
Doch da antworten die Polit-Prediger: Das System hat sich bewährt. Wir brauchen
Bündnistreue, Systemtreue, Koalitionstreue. Die extremistischen Weltverbesserer von links und rechts müssen wir uns vom Halse halten. Also: Weiter so!

Lieber nicht! Die Agenda 2010 sorgt immer noch für die Vollbeschäftigung der Arbeitsgerichte. Die Sparpeitsche gegen Griechenland und andere EU-Verwandte zeigt jetzt erst ihre tiefen Wunden. Die Truppen in der Ukraine und im Baltikum verbuddeln neue Minen mit Zeitzünder. Die sozialökonomische Schieflage Nord-Süd, Reich-Arm wird immer abschüssiger … 800 Millionen hungern. 60 Millionen sind auf der Flucht. Und dann klopfen die Opfer der Macht- und Geldgier an unsere Türen. Was alle Menschen brauchen, ist ausreichende Nahrung, ein Dach überm Kopf, ärztlicher Beistand, zukunftsträchtige Bildung, soziale Gerechtigkeit und verlässlicher Frieden. Das hat das Kapital in vier Jahrhunderten nicht geschafft. Dabei hatten deren Panzerschränke 200 fette Jahre. Die ergiebigsten durch Kriege. Es ist hohe Zeit für eine Wende. Die kann nur von links kommen.