Disput

Aufnahme und Aufbruch

Der LINKE Philipp Bertram, jetzt stellvertretender Leiter der Notunterkunft im Alten Rathaus Berlin-Wilmersdorf, wurde zum »Berliner des Jahres 2015« gewählt

»Frau Schulz« steht auf einem alten Türschild, auf dem nächsten »Frau Hinz«, ein paar Räume weiter »Fachbereich Vermessung«. Und Philipp Bertram sitzt, wenn er sitzt, im Raum »Rechnungshof. Prüfer«.

Was dem einstigen Berliner Bezirk Wilmersdorf jahrzehntelang als Rathaus diente, bietet heute Flüchtlingen eine Notunterkunft.

Notunterkunft – was heißt das?

Notunterkünfte sollen Flüchtlinge vor Obdachlosigkeit bewahren.

Sind die Erstaufnahmestellen in Berlin vollständig belegt, eröffnet das Lageso (Landesamt für Gesundheit und Soziales) solche Notunterkünfte. Das können Turnhallen oder andere Gebäude wie eben das ehemalige Rathaus Wilmersdorf sein.

Wann wurde eure Notunterkunft eröffnet?

Am 14. August 2015, und bereits am selben Tag fuhren die Busse mit den ersten Bewohnern vor.

Seit wann bist du dabei?

Vom ersten Tag an, anfangs ehrenamtlich, seit September als stellvertretender Leiter.

Die Flure des ausgedehnten Gebäudekomplexes sind lang, sehr lang. An etlichen Aufgängen sitzen/stehen Brandwachen, insgesamt 22. Acht Sicherheitsleute versehen vor und im Haus ihren Dienst. Missverständnisse der Bewohner/innen, unterschiedliche Erfahrungen, die Monotonie des Wartens, »Lagerkoller« führen durchaus zu Konflikten, dürfen sich jedoch nicht zu Krawallen oder Schlimmerem ausweiten.

Woher kommen eure Bewohnerinnen und Bewohner?

Gut die Hälfte aus Syrien, rund 30 Prozent aus Afghanistan und dem Iran, zehn Prozent aus dem Irak, weitere kommen aus Eritrea, Kamerun, aus Nordafrika, aus Teilen der Russischen Föderation (Tschetschenien, Dagestan).

Der Großteil sind Familien, zwei Drittel Männer und Jungen.

Die Altersspanne reicht bis knapp 80 Jahre, ein Drittel ist unter 18, der Großteil zwischen 20 und 40.

Viele sind krank oder verletzt. Hilfe tut Not. Im medizinischen Bereich, mit Sprechzeiten an sechs Tagen in der Woche, lässt sich einiges machen. Aufgebaut von der Initiative »Medizin hilft Flüchtlingen«, sind Dutzende ehrenamtliche Ärztinnen und Ärzte, Pfleger/innen und Apotheker/innen aktiv, ein Arzt ist jetzt fest eingestellt, dazu weiteres Personal.

Besonders notwendig ist psychische Beratung – 330 Bewohner/innen nehmen sie in Anspruch. Für die traumatisierten Kinder jedoch reichen die Experten nicht aus.

Wie finden Flüchtlinge den Weg zu euch nach Wilmersdorf?

Unterschiedlich. Die meisten kommen nach Berlin, zur Erstaufnahme (und von dort zu uns), weil man ihnen unterwegs den Weg gewiesen hat. Oder weil sie die Flucht mit einem Smartphone begonnen haben: In jedem Land, durch das sie gehen, kaufen sie sich eine SIM-Karte, organisieren sich übers Internet und navigieren mit Karten. Es gibt vorgefertigte Karten bei Google, es gibt Webseiten, wo sie sich austauschen, wo sie sich Tipps und Tricks für ihren Weg durch Griechenland, durch Italien usw. geben. Bewohner erzählten uns, dass sie schon zu Beginn ihrer Flucht wussten, ich muss in Berlin zur Turmstraße 21, dort werde ich registriert.

Eine zweite Variante: Die Flüchtlinge werden durch die Bundespolizei aufgegriffen oder sie melden sich bei der Bundespolizei und werden in die Erstaufnahmestelle gebracht. Eine dritte Möglichkeit: Menschen ohne Status und Registrierung kommen direkt zu uns, weil sie bereits bei Fluchtbeginn unsere Adresse besaßen.

Ein großer weiter Bereich im Erdgeschoss. Eine Art Information. Angebote und klare Regeln, mehrsprachig mitgeteilt, niemand darf sich benachteiligt fühlen (auch nicht in der An-Sprache).

Viel Platz zum Telefonieren und Reden. Oder zum Schach spielen. Am Sonnabend auch zur Party. Dann darf, wer will, seine Musik anstöpseln, und es wird getanzt.

Was hörst du über Gründe für die Flucht?

Da ist stark die Angst, in den Heimatländern nicht überleben zu können, vor allem in Syrien und in Afghanistan.

Und da ist die Angst vor Verfolgung und Diskriminierung, zum Beispiel bei Afghanen, die aus dem Iran kommen, wo sie häufig als Menschen zweiter Klasse gelten und keinen Zugang zu Bildung und Ausbildung erhalten.

In Syrien entwickelte sich in den vergangenen Jahren eine große Perspektivlosigkeit. Der Bürgerkrieg zersplitterte sich immer weiter, jeder kämpft gegen jeden, und der IS mit seiner Skrupellosigkeit und Brutalität kam hinzu: Plötzlich wurden über Nacht mitten im Dorf Menschen erhängt, darunter Familienangehörige. Niemand ist mehr sicher, die Arbeit ist sowieso weg, keiner weiß, wie er die Familie schützen und durchbringen kann. Sie sahen einfach keine Perspektive, dort überleben zu können.

Aus Afghanistan berichten viele, dass für sie durch das Wiedererstarken der Taliban kein Ausweg mehr erkennbar war. Es sind fürchterliche Schicksale. Vor allem die junge Generation, die im Moment Schutz bei uns sucht, ist eigentlich ausschließlich[B1]  mit Krieg aufgewachsen, was man ihr sehr stark anmerkt. Man merkt ihnen ebenso eine immense Sehnsucht nach Frieden, Sicherheit und Ruhe an, weil dieses Volk eigentlich ein sehr herzliches und fröhliches ist. Sie alle suchen eine Perspektive für ihre Kinder.

Wie lange bleiben die Bewohnerinnen und Bewohner in eurem Heim?

Früher blieben Flüchtlinge in Notunterkünften ein bis zwei Wochen, ehe sie in eine andere Unterkunft umziehen konnten. Im Moment ist das kaum oder gar nicht[B2]  möglich.

Bei uns leben etwa 15 Prozent aller Bewohner seit der Eröffnung des Hauses, also seit mehr als fünf Monaten. 1[B3] .800 Menschen lebten bei uns im Haus oder haben sich hier zwischenzeitlich aufgehalten.

Was machen sie hier den Tag über?

Es gibt einen allmonatlichen Rhythmus: Wer als Asylsuchender registriert ist, muss jeden Monat zum Lageso gehen, um sich die Kostenübernahme für die Unterkunft und seine monatlichen Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz zu holen. Dort müssen sie oft mehr als einen Tag anstehen, weil zu viele für einen Tag zum Lageso bestellt werden.

Wenn die Menschen bei uns angekommen sind, sind sie noch lange nicht seelisch angekommen. Es braucht Zeit, bis sie das Haus für eine bestimmte Zeit als ihren Platz annehmen und auch als sicher empfinden. Ist das passiert, gehen sie die nächsten Schritte.

Um die Zeit des Ankommens zu erleichtern, unterbreiten wir ihnen im Haus etliche Angebote. Danach drängen wir aber darauf, auch die Angebote außerhalb unseres Hauses wahrzunehmen. Denn irgendwann muss der »Sprung« nach draußen, der Aufbruch in den Alltag, in die Stadtgesellschaft erfolgen. Nur so richten sie sich nicht zu sehr in der Situation einer »Rundumbetreuung« ein, sondern agieren selbständig weiter. Dabei kann der Besuch einer Sprachschule außerhalb unseres Hauses ein erster Schritt auf dem Weg in den Alltag sein. Es gibt außerdem kulturelle Angebote, Besuche in Theatern, Opern, Ausstellungen, Spaziergänge am See. Begleitet werden sie von ehrenamtlichen Helfern.

Und es gibt Schulprojekte, zu denen Kinder und Jugendliche eingeladen werden, und Sportvereine, wo etliche unserer Bewohner mitmachen.

Drei Jungen verschwinden im Computerraum. Der wurde großzügig von Google bestückt. Ein Bewohner, IT-Fachmann, macht Kurse und hat auch sonst hier den Hut auf. Andere helfen im Speisesaal oder ein wenig in der Wäscherei oder beim Tragen von neuen Betten. Die Bewohner/innen einzubeziehen ist gewollt, was auch aus Versicherungsgründen leichter gesagt als getan ist.

Fast ein Kleinod: der Friseurraum, eingerichtet mit Hilfe eines »richtigen« Salons in der Kantstraße. Mansour und drei andere richten hier unentgeltlich nicht allein die Haare ihrer »Kunden«, sondern damit ebenso deren Selbstwertgefühl auf. Die Öffnungszeiten variieren, andere Aufgaben können vorgehen. Mansour hat in dieser Woche Ämterdienst – Tag für Tag muss er für seine Angehörigen notwendige Dinge erledigen gehen.

Welche Erwartungen hatten die Flüchtlinge vorher an Deutschland?

Das ist interessant: Die Erwartungen waren sehr, sehr groß. Darunter waren auch viele falsche Erwartungen, vor allem dadurch geschürt, dass Medien in Syrien, aber auch in Afghanistan falsche Sachen behaupteten: finanziell und über den Ablauf des Asylverfahrens. Die Vorstellung war, dass das Asylverfahren viel schneller abläuft. All das hat sich nicht bewahrheitet. Ernüchterung trat ein.

Die Erwartungen haben sich relativiert. Die meisten wissen mittlerweile, dass es für so viele Menschen nicht gleich eine Wohnung geben kann – und dass auch nicht alle Deutschen einen 5er BMW fahren, sondern dass es auch hier, wie in der früheren syrischen Gesellschaft, ärmere und reichere Bevölkerungsteile gibt.

Aufgefangen wurden viele Flüchtlinge durch die enorme Bereitschaft in der Bevölkerung, ihnen zu helfen, sie willkommen zu heißen, ihnen bei Problemen zur Seite zu stehen.

Woher wissen die Flüchtlinge, dass sie von Ehrenamtlichen unterstützt werden?

Das mussten wir ihnen erklären. Viele verstanden anfangs diese Freiwilligkeit nicht: dass sich Helfer viele Stunden am Tag engagieren, manche neben ihrem eigentlichen Vollzeitjob. Da haben manche Bewohner gesagt, ihr seid verrückt ... Sie sind aber sehr dankbar für diesen Einsatz: dafür, dass Menschen ihnen, von früh morgens bis spät abends, helfen beim Begleiten zu Ämtern, dass sie sich die Zeit nehmen, in Ruhe Fragen zu beantworten, die häufig sehr komplex sind und bei denen wir sehr ahnungs- und hilflos sein würden, müssten wir in einem fremden Land beispielsweise plötzlich das Gesundheitsamt des Bezirkes finden, und wenn wichtige Informationen nicht auf Arabisch, Farsi oder in anderen Sprachen verfügbar sind.

Diese Hilfe haben die Bewohner inzwischen sehr, sehr schätzen gelernt. Und sie merken, dass nicht allein die Ehrenamtlichen hundert Prozent geben, sondern die hauptamtlichen Mitarbeiter, wie Sozialarbeiter/innen, nicht minder.

Wie viele Ehrenamtliche sind jetzt bei euch aktiv?

75 bis 100, jeden Tag. Anfangs waren das noch viel mehr, an einem Tag mal 400. Mit ihrer Hilfe konnten wir ganz schnell das Nötigste aufbauen.

Diese Hilfsbereitschaft ließ natürlich nach. Denn als unser Haus eröffnete, gab es knapp 65 Flüchtlingsunterkünfte in Berlin, inzwischen sind es um die 140. Manche unserer Helfer sind mit ihren Erfahrungen nun in anderen Unterkünften aktiv. Außerdem ist der Kreis der Menschen, die sich ehrenamtlich betätigen, begrenzt; nicht jeder schafft den Sprung vom Sofa in eine Unterkunft, um regelmäßig zu helfen.

Ein weiterer Grund für den Rückgang der Helferzahlen ist: Wer sich hier eingebracht hat, braucht irgendwann mal eine Pause. Man kann nur dann helfen, wenn man selber fit ist und wenn das eigene private Leben funktioniert. Sich aufzuopfern, bringt nichts. Wir setzen sehr darauf, dass sich Ehrenamtliche mal eine Pause gönnen.

Glücklicherweise sind wir eine große Gemeinschaft, die das hier bewerkstelligt.

Ein Mann – »Uwe« steht auf seinem Kärtchen – kommt uns entgegen, einer der Freiwilligen, kurzer Gruß. Später fragt eine Helferin, wo sich heute die »Integrationslotsen«, die Begleiter/innen auf Behördenwegen, abstimmen. Im Speisesaal wird Essen um Essen, geliefert von einer persisch-türkischen Firma, ausgegeben. Schmackhaft durchaus, aber eben Woche für Woche niemals etwas selbst Gekochtes. Dazu fehlen die Möglichkeiten.

Gegen 22 Uhr verlassen die letzten Ehrenamtlichen das Haus, dann hat auch der späte Deutschkurs »Auf Wiedersehen« gesagt. Sprachunterricht steht von Anfang an hoch im Kurs. (An der Tür zum Alphabetisierungskurs findet sich übrigens ein veraltetes Schild: »CDU-Fraktion«.)

Wie hat sich die Spendenbereitschaft seit dem Sommer/Herbst 2015 verändert?

Die private Spendenbereitschaft ist gesunken, die von Firmen beginnt gerade richtig. Unternehmen sammeln bei sich oder in Filialen bzw. kaufen Dinge, die hier benötigt werden. Mehr Unterstützung suchen wir in der Sprachausbildung und bei Integrationsmaßnahmen.

In der Wäscherei – mit je zwölf Maschinen und Trocknern, von Spendengeldern angeschafft – geht’s rund: bis 700 Wäschen in jeder Woche. Ein System des Anmeldens, Abgebens und Abholens. Hier gilt wie überall: unter ungewöhnlichen Bedingungen irgendwie eine Normalität schaffen.

An einem der langen Flure werden Duschen eingebaut, noch müssen sich die Bewohner/innen mit Containern vorm Haus begnügen. Auch dies verlangt Übersicht.

Einige Meter weiter Kleiderkammern für Männer und gegenüber für Frauen.

Keinen Zutritt für uns zum Frauenbereich, vorgesehen zum Nähen, für Gesundheitsaufklärung, für Gespräche ...

Wie lang ist dein Arbeitstag?

Ich habe eine normale Vollzeitstelle, aber die wird weit überschritten.

Wie kriegst du Arbeit und Studium unter einen Hut?

Derzeit liegt das Studium brach; beides braucht Sorgfalt und ist nicht nebeneinander zu machen.

Mein Ziel ist es, ab Herbst wieder ins Studium einzusteigen. Dann sind die Strukturen in der Notunterkunft hoffentlich so gewachsen, dass ich zumindest kürzer treten könnte.

Was war dein aufregendster Tag?

Häufig, und das können die bestätigen, die die August- oder die Septemberzeit 2015 mitgemacht haben, mussten wir vieles sehr kurzfristig organisieren. Da erhielten wir einen Anruf, in einer Stunde kommen soundso viele Menschen – und dann wurden es 50 mehr. Doch zu erleben, wie viele Menschen sich spontan auf den Weg zu uns machten und mit anpackten – ob beim Aufräumen oder bei der Aufnahme der neuen Bewohner –, das waren tolle Momente.

Zu den schönsten Stunden gehören die Geburten in unserem Haus: sieben oder acht Babys, die unser aller Herz beglückt haben.

Und es gibt viele berührende Momente mit den Bewohnern, tolle Gespräche, eine enorme Hilfsbereitschaft auch von Bewohnern selbst.

Doch es gibt auch ganz tragische Momente. Vor allem wenn junge Bewohner, 15, 16, 17 Jahre, mit ihren Eltern oder anderen Familienangehörigen in Syrien oder Afghanistan telefonieren – und wenn dann während des Telefonats Bombeneinschläge zu hören sind, Verbindungen abbrechen, Menschen sterben. Auch auf der Flucht sterben Menschen. Das ist sehr tragisch.

Was bekommen eure Bewohner von den Debatten in Deutschland, von Feindseligkeit und Rassismus, aber auch von »Köln« mit?

Die politischen Entscheidungen in Deutschland bekommen sie mit – weniger, was in Medien diskutiert wird oder was in Köln geschah. Dazu fehlen einfach ausreichende Deutschkenntnisse. Um zu erfahren, was hier passiert, ist die Deutsche Welle auf Arabisch ein wichtiges Medium.

Die Bewohner merken, dass die Situation nicht leicht ist, dass darüber heftig gestritten wird. Sie bekommen die angespannte Situation mit aufgrund der Art ihrer Unterbringung. Sie kennen die Situation durch Berichte von Freunden. Sie wissen, wie es in anderen Bundesländern aussieht. Und sie erfahren, dass ihnen nicht nur freundlich, sondern auch feindselig begegnet wird. Zugleich erleben sie, wie viele Menschen sich vor sie stellen und sie schützen.

Vor »Wilmersdorf« war Philipp Bertram ehrenamtlich auch in seiner Heimatstadt Dresden und andernorts für Flüchtlinge aktiv. Sein Wunsch: alles dafür zu tun, dass sie so schnell wie möglich das Haus wieder verlassen können – in einen Alltag der Chancen und der Integration.

Seine Art, Verantwortung für 1.150 Menschen zu tragen, beeindruckt: klug, umsichtig, besonnen, freundlich, Ehren- wie Hauptamtliche achtend, die Bewohnerinnen und Bewohner sowieso. – Eine Jury der »Berliner Morgenpost« und des Senders 104.6 RTL wählte ihn aus 50 teils sehr prominenten KünstlerInnen, Sportler/innen und PolitikerInnen zum »Berliner des Jahres 2015«!

Wie ist das »Wir schaffen das« zu schaffen?

Auf den Staat oder seine Behörden kann man schimpfen und schimpfen. Aber 2015 Jahr kamen rund eine Million Menschen, in Berlin wurden über 60.000 Menschen registriert, 45.000 Menschen sind untergebracht worden. Das ist auch für Behörden eine immense Herausforderung. Das schaffen die nicht allein. Das schaffen auch die Hilfsorganisationen und Träger mit ihren hauptamtlichen Kräften nicht allein. Deshalb müssen die Aufnahme und die Integration der Flüchtlinge eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft sein.

Was erwartest du von Politik bei der Bewältigung dieser Aufgabe?

Bei der gesamten Energie all der »Bedenkenträger« könnten wir viel, viel mehr erreichen, wenn sie jetzt nicht über Obergrenzen, Grenzen schließen usw. reden würden. Das bringt nichts. Die Menschen sind längst hier, und es gibt das Recht auf Asyl.

Also ist die Frage, wie wir diese Situation bestmöglich bewältigen können. Und zwar im Interesse aller – im Interesse der Gesamtgesellschaft und im Interesse derjenigen, die zu uns gekommen sind. Da reicht es nicht, lang und breit darüber zu diskutieren, wer bleiben darf und wer nicht. So geht viel zu viel Zeit verloren, dadurch potenzieren sich noch mehr Probleme. Der geringste Teil derjenigen, die gekommen sind, stammt aus sicheren Ländern. 95 Prozent der Asylsuchenden kommen, meiner Meinung nach, aus Kriegs- und Krisengebieten.

Ich erwarte von Politik die Idee, wohin wir gehen, welches Ziel wir haben, wie die neuen Mitmenschen eine Chance erhalten, sich ein neues Leben aufzubauen. Und wie wir es schaffen, das positiv in unsere Gesamtgesellschaft einfließen zu lassen, so dass alle sagen: Ja, das haben wir richtig gemacht.

Wie erklären wir den Menschen, wie Integration stattfinden kann? Und wann die Integration beginnt – von Anfang an, oder warten wir, bis das Asylverfahren beschieden ist? Unserer Meinung nach beginnt sie von Anfang an. Dafür arbeiten wir, Ehren- und Hauptamtliche, in unserem Haus.

Vielen Dank, nicht nur für das Interview!

Interview: Stefan Richter