Disput

Die Rede

Vor 60 Jahren berichtete der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow in einer geschlossenen Sitzung des 20. Parteitages erstmals über die Verbrechen Stalins

Von Ronald Friedmann

Am Vormittag des 25. Februar 1956 wurden die Delegierten des offiziell bereits beendeten 20. Parteitages der KPdSU kurzfristig zu einer weiteren Sitzung zusammengerufen, die unter vollständigem Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Diese Zusammenkunft wurde zu einem Wendepunkt in der Geschichte der Sowjetunion und der internationalen kommunistischen Bewegung. Denn Nikita Chruschtschow, der erst wenige Stunden zuvor – auf der konstituierenden Tagung des auf dem Parteitag neugewählten Zentralkomitees – in seinem Amt als Erster Sekretär des ZK bestätigt worden war, hielt hier seine wichtigste Rede: »Über den Personenkult und seine Folgen«. Er lieferte damit die erste offizielle Abrechnung eines hohen sowjetischen Funktionärs mit den Verbrechen der Stalinzeit. Die Zuhörer folgten den fünfstündigen Ausführungen Chruschtschows »in völligem Schweigen und mit lähmendem Entsetzen«, wie Teilnehmer Jahrzehnte später berichteten.

Nach einigen knappen einleitenden Bemerkungen, in denen er über Lenins politisches Testament und über Stalins bösartiges Verhalten gegenüber Nadeshda Krupskaja, der Frau Lenins, sprach, kam der Redner sehr schnell zu seinem eigentlichen Thema.

Stalin, so Chruschtschow, habe den Begriff des »Volksfeindes« eingeführt, denn dieser Begriff »erlaubte die Anwendung schrecklichster Repressionen, wider alle Normen der revolutionären Gesetzlichkeit, gegen jeden, der in irgend etwas mit Stalin nicht übereinstimmte, der nur gegnerischer Absichten verdächtigt, der einfach verleumdet wurde.« Und weiter: »Das führte zu einer krassen Vergewaltigung der revolutionären Gesetzlichkeit, dazu, daß viele total Unschuldige, die in der Vergangenheit die Parteilinie verteidigt hatten, zu Opfern wurden.«

Von den 1.966 Delegierten des 17. Parteitages der KPdSU, der im Januar 1934 stattgefunden hatte, so berichtete Chrustschow weiter, seien 1.108 zu »Volksfeinden« erklärt und 848 von ihnen ermordet worden. 98 der 139 Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees, die auf dem 17. Parteitag gewählt worden waren, wurden in den Jahren 1937 und 1938 Opfer der Stalinschen Repressionen.

Ausführlich befasste sich Chruschtschow mit der Rolle Stalins in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges zwischen 1941 und 1945. Er stellte zunächst fest, dass Stalin alle Hinweise auf einen bevorstehenden Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion ignoriert hatte, dass er sämtliche Maßnahmen zur Abwehr des unmittelbar drohenden Krieges verboten hatte und dass er sich in den ersten Wochen des Krieges faktisch aus der politischen und militärischen Führung zurückgezogen hatte: »Somit war also die bedrohliche Lage, in der sich unsere Heimat in der ersten Periode des Krieges befand, in hohem Grade das Ergebnis der falschen Methoden der Führung des Landes und der Partei durch Stalin selbst.« Und weiter: »Es geht aber nicht nur um den Augenblick des Kriegsbeginns, der unsere Armee ernsthaft desorganisierte und uns schwere Verluste brachte. Nach Beginn des Krieges fügten die Nervosität und Hysterie, die Stalin zeigte, als er sich in den Verlauf der Militäroperationen einmischte, unserer Armee ernste Schäden zu. Stalin war von einem Verständnis für die reale Situation an den Fronten weit entfernt.« Trotzdem habe Stalin nach dem Sieg über Hitlerdeutschland das Bild durchsetzen wollen, »alle vom sowjetischen Volk im Großen Vaterländischen Krieg errungenen Siege seien das Ergebnis des Mutes, der Kühnheit und Genialität von Stalin und von niemand anderem.«

Mit nur wenigen, aber sehr deutlichen Worten schilderte Chrustschow die von Stalin befohlene Zwangsumsiedlung ganzer Völker und die Liquidierung ihrer Autonomen Republiken, um dann festzustellen: »Für jeden vernünftig denkenden Menschen ist es unverständlich, wie man die Verantwortung einzelner Personen oder Gruppen für feindliche Handlungen auf ganze Völker übertragen konnte, Frauen und Kinder, Alte, Kommunisten und Komsomolzen nicht ausgenommen, wie man ihnen gegenüber Massenrepressalien anwenden und sie Entbehrungen und Leiden aussetzen konnte.«

Schließlich sprach Chrustschow über die »Leningrader Affäre« der Jahre 1948 und 1949, die sich vor allem gegen ranghohe Parteifunktionäre richtete, und über die frei erfundene »Ärzteverschwörung« aus den Wochen und Monaten vor dem Tod Stalins am 5. März 1953, die einen klar antisemitischen Charakter hatte.

Im letzten Teil seiner Rede befasste sich Chrustschow mit dem äußeren Bild des Personenkultes um Stalin: Städte und Fabriken seien nach Stalin benannt worden, die offizielle Parteigeschichte sei grundsätzlich verfälscht worden, um die angeblich alles überragende persönliche Rolle Stalins zu feiern, selbst der Text der sowjetischen Nationalhymne sei eine Lobpreisung Stalins gewesen: »Der Personenkult nahm hauptsächlich deshalb so ungeheuerliche Ausmaße an, weil Stalin selbst mit allen Mitteln die Glorifizierung seiner Person betrieb und unterstützte.«

Die Rede war für Chrustschow in mehrfacher Hinsicht eine politische Gratwanderung. Zwar war das Manuskript in den Tagen und Wochen vor dem 20. Parteitag in der engeren Parteiführung beraten und diskutiert worden. Doch gab es dort keineswegs nur Zustimmung, im Gegenteil. Denn obwohl Chrustschow einzig und allein Stalin für alle Verbrechen der Vergangenheit verantwortlich machte, fürchteten zahlreiche Politbüromitglieder, die, wie Chruschtschow selbst, schon zu Lebzeiten Stalins zur unmittelbaren politischen Führung gehört hatten, dass nun auch Fragen nach ihrer eigenen Rolle in den Jahren der Stalinzeit gestellt werden könnten.

Nicht geringer war ihre Sorge, dass die Enthüllungen Chruschtschows, der allerdings mit keinem Wort das bestehende politische System der Sowjetunion infrage gestellt hatte, zu einer ernsthaften Destabilisierung der Lage im Lande und im gesamten sowjetischen Machtbereich führen könnten, wo es bereits seit dem Tod Stalins wiederholt zu Unruhen gekommen war.

Den Teilnehmern der geschlossenen Sitzung des 20. Parteitages war es verboten gewesen, die Rede mitzuschreiben oder sich auch nur Notizen zu machen. Doch sehr schnell kursierten überall in der Sowjetunion zahllose Gerüchte über die Ausführungen Chrustschows. Deshalb entschied die sowjetische Parteiführung am 5. März 1956, trotz aller Bedenken, große Teile der Rede in geschlossenen Parteiversammlungen verlesen zu lassen. Ungeachtet des hier ebenso geltenden Verbots, Aufzeichnungen zu machen, entstanden dabei unabhängig voneinander mehrere stenografische Mitschriften, die in der Folge mit einfachsten Mitteln vervielfältigt und verbreitet wurden. Eine offizielle Veröffentlichung der Rede erfolgte in der Sowjetunion erst im Jahre 1988.

Auch im Ausland verbreitete sich der Wortlaut der Rede sehr schnell. Noch in Moskau war den Vertretern der »Bruderparteien« aus den sozialistischen Ländern, die als Gäste am 20. Parteitag teilgenommen hatten, der Inhalt der Rede mündlich bekanntgegeben worden. Ihnen war ausdrücklich erlaubt worden, für »interne Zwecke« Notizen anzufertigen. Karl Schirdewan, der der von Walter Ulbricht geleiteten Delegation der SED angehörte, gelang es sogar, die gesamte Rede wortwörtlich mitzuschreiben. Doch die Führung der SED, anders als die Führung der KPdSU, beabsichtigte keineswegs, den Inhalt der Rede den einfachen Parteimitgliedern zur Kenntnis zu geben.

Durch einen polnischen Journalisten, der private Kontakte in die Führungsspitze der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei hatte, gelangte eine – unvollständige – Kopie über die israelische Botschaft in Warschau bereits im Frühsommer 1956 in den Westen. Dort sah man die große Chance, den antisowjetischen und antikommunistischen Kräften in den sozialistischen Staaten weitere gewichtige Argumente in die Hand zu geben. Folgerichtig wurde die Rede Chrustschows in verschiedene Sprachen übersetzt und über die einschlägigen westlichen Rundfunkstationen, so das berüchtigte »Radio Free Europe« und den Westberliner »Sender Freies Berlin«, verbreitet. In der DDR kursierten zudem gedruckte Fassungen, die über die damals noch offene Grenze aus Westberlin eingeschleust worden waren.

Tatsächlich kam es im Herbst 1956 in Ungarn und in Polen zu teilweise gewaltsamen Unruhen, die – in »bewährter« stalinistischer Manier – nur durch den Einsatz von militärischer Gewalt beendet werden konnten. Auch in der DDR gab es angesichts des »Tauwetters« in der Sowjetunion Bestrebungen, der Partei- und Staatsführung politische Zugeständnisse bis hin zu – vorsichtigen – Reformen abzutrotzen. Hier genügten allerdings Amtsenthebungen und Haftstrafen gegen die maßgeblichen Protagonisten, um alle Öffnungsversuche radikal zu beenden.

Es gehört zur großen geschichtlichen Tragik der späten 50er und frühen 60er Jahre, dass der gesellschaftliche Veränderungswille in der Sowjetunion und im sowjetischen Machtbereich, der mit der Rede Chrustschows auf dem 20. Parteitag einen so großen und wichtigen Impuls erhielt, genaue jene politische Konstellation hervorbrachte, die es den – vorsichtig formuliert – reformunwilligen Kräften in den jeweiligen Führungskreisen erlaubte, eine wirkliche Entstalinisierung zu verhindern. Die Tatsache, dass Stalins Leichnam nach dem 22. Parteitag im Oktober 1961 aus dem Mausoleum am Moskauer Roten Platz entfernt wurde und dass Städte und Straßen, die vormals nach Stalin benannt waren, ihre angestammten Namen zurückerhielten, blieb eine bloße Geste. Der Geist Stalins überdauerte noch viele Jahrzehnte.